Für Schavan war das Plagiat die übliche Denkform

Erübrigte sich eigentlich jede Verwunderung über eine aktuelle Meldung wie „Neuer Plagiatsvorwurf gegen Schavan“ (tagesspiegel.de, 11. März 2013, von Amory Burchard und Tilmann Warnecke), so konnte man doch darüber staunen, dass „Robert Schmidt“ auf Schavanplag nun in dieselbe Kerbe schlug wie Martin Heidingsfelder im „epigonal benannten ‚Schavanplag Wiki‘, das für den Fall Schavan allenfalls marginale Bedeutung hatte“ („Robert Schmidt“).

Regelmäßige Plagiate in Schriften und Reden

Heidingsfelder behauptet dort bereits seit geraumer Zeit, Schavan habe außer in ihrer Doktorarbeit auch in einem Aufsatz (von 1980) und zwei Büchern (von 1998 und 2002) plagiiert. Indem „Robert Schmidt“ nun einen Aufsatz von 2008 an diese Liste anhängt, will er sich offenbar dafür einsetzen, dass die Freie Universität Berlin Schavan die Honorarprofessur entzieht, die ihr 2008 zugesprochen wurde.

Mitte Februar erklärte das FU-Präsidium noch, bis zum Abschluss der gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen Schavan und der Universität Düsseldorf keine Entscheidung in dieser Sache treffen zu wollen.[1] „Robert Schmidt“ möchte einen Entzug der Honorarprofessur offenbar beschleunigen, indem er der FU mit dem neuen Plagiatsfund ein Mittel an die Hand gibt, das vom Urteil über Schavans Dissertation unabhängig ist.[2] Im Februar wurden bereits Stimmen an der FU für eine schnelle Aberkennung der Honorarprofessur laut.[1]

Schavan hatte den Aufsatz mit dem von „Robert Schmidt“ entdeckten Plagiat nach dessen Angaben auch 2007 und 2009 mit leichten Änderungen als Rede gehalten und das Manuskript veröffentlicht. 2009 soll der Aufsatz auch im Rheinischen Merkur erschienen sein. „Robert Schmidt“ schreibt in diesem Zusammenhang, die FU Berlin sei „einer routinierten Täuscherin und Blenderin aufgesessen“,[3] womit er diejenige Formel aufgreift, mit der Oliver Lepsius die Universität Bayreuth Ende Februar 2011 markant von Guttenberg distanzierte: „Wir fühlen uns getäuscht. Wir sind einem Betrüger aufgesessen“.[4] Ob die FU Berlin das so nachvollzieht?

Wie geht’s weiter? Und wie kam das alles?

Zumindest eine Regelung für das bevorstehende Sommersemester wird demnächst dringend benötigt: „Mit welcher Autorität kann sie Vorlesungen halten? Die Studenten werden nur über sie lachen. Das muss man verhindern, sogar ihr zuliebe“, sagte Informatik-Professor Raul Rojas.[1] Schavan, die im Wintersemester 2012/2013 eine Veranstaltung mit dem Titel „Religionsfreiheit. Eine neue Sicht des Konzils und die Rezeption in religiös pluralen Gesellschaften“ angeboten hatte, die allerdings vor ihrem Doktor-Entzug endete,[5] hat bislang kein Veranstaltungsangebot für das Sommersemester ausgeschrieben (Suchabfrage), während die Veranstaltungsankündigungen der anderen Professoren bereits vorliegen.

An Schavans Eignung für eine Honorarprofessur hatten bereits bei der Ernennung Zweifel bestanden. Sie wurde als politische Aktion zum Gewinn einer einflussreichen Unterstützerin der Universität angesehen.[1] Ein Schavan-Porträt, das nach dem Rücktritt im Neuen Deutschland vom 11. Februar 2013 erschien, schildert prägnant den Zusammenhang zwischen Disserationsplagiat und Überforderung in Politik wie Hochschullehre:

„Annette Schavan ließ sich leiten von dem, was sie aufnahm und machte es zu ihrem Eigenen, obwohl es das nicht war. Irgendwann ließ sie vielleicht etliche der allzu häufigen Anführungsstriche weg und hielt die Belege für nicht so wichtig, weil sie doch ebenso dachte wie deren Autor. Es mangelte ihr an Fantasie und schöpferischem Impetus. Vielleicht erklärt dies eine Promotionsschrift, in der nach heutiger Bewertung der Universität Düsseldorf ‚in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind‘. Und möglicherweise erklärt es auch die Wahrnehmung, dass Annette Schavan als Politikerin kaum eigenes Profil entwickelte, sondern eher als eine Mitläuferin, die Exekutorin fremder Gedanken in Erscheinung trat.
Schavan hatte eine politische Karriere eigentlich nicht im Sinn. Als Tochter eines Verkäufers und einer Hausfrau entschied sie sich nach eigener Aussage fürs Gymnasium, weil es von ihrer Wohnung zu Fuß zu erreichen war und sie nicht den Bus benutzen musste.“[6]

Einen tabellarischen Überblick über Schavans Karriere bietet ebenso wie einen Überblick über die Causa Schavan das gleichnamige Blog.

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12 Antworten zu “Für Schavan war das Plagiat die übliche Denkform

  1. Plaqueiator

    Liebes Erbloggtes, diesmal bin ich nicht wie sonst einverstanden mit dem und überzeugt vom Erlesenen.🙂
    Offensichtlich hat dich die Meldung, entgegen Deinem Eingangsstatement, doch überrascht.
    Ich glaube nicht, dass es angemessen ist, „Robert Schmidt“ nun sozusagen als Trittbrettfahrer von „Goalgetter“ zu bezeichnen, wenn er nun den offensichtlich relevanten Aufsatz Schavans in bezug auf die FU-Honorarprofessur unter die Lupe nimmt. Vielleicht bist Du hier etwas vorschnell dem entsprechenden Tweet von Heidingsfelder aufgesessen, der das natürlich nahelegt. Es ist aber wieder genau andersrum.

    Ich will hier Heidingsfelder nicht etwa ungeprüft die Gründerschaft für die Feststellung streitig machen, Schavan habe auch anderswo plagiiert. Mit Mühe lassen sich in seinem Schavanplag-Wiki in zwei Grafiken dafür Anzeichen finden. Dieses Wiki sieht aus wie ein heruntergefallener Zettelkasten, es fehlt dort, neben allen möglichen Spuren Heidingsfelderscher Betätigung und Meinung, eigentlich nur noch die Veröffentlichung seine Einkaufsliste für den 6.3.13, zwei Liter Milch und Scheibenkäse vom nächsten Edeka.
    Was ich damit sagen will: es macht tatsächlich Mühe, dort auch nur irgendwas Strukturiertes herauszuklauben. Es ist wirklich sehr schwierig, Trittbrettfahrer von Heidingsfelder zu sein.

    Während sich Heidingsfelder also willkürlich und wild in Themen springend, zwischendurch – scoopbedingt adrenalingesteuert oder einfach nur mangelhaft strukturiert? – die nächste ihm greifbare schriftliche Äußerung Schavans untersucht, wählt Robert Schmidt geduldig, bewußt, und zielgerichtet aus und stellt seine Sache strukturiert dar.

    Nach der Dissertation untersucht er jetzt doch so etwas wie ein Bewerbungsschreiben zur Hon.prof. der FU. Also wohl eine Art Qualifikationsschrift, die als solche jedenfalls der Pflicht zur Anwendung wissenschaftlicher Sorgfalt unterliegt. Seine Argumentation ist stringent.
    Mich erstaunt es nicht, dass sich Schmidt genau dieser Schrift gewidmet hat, denn er trifft die Sache auf den Punkt. Auch mit dieser Schrift wollte sich Schavan einen gesellschaftlichen Vorteil in Form eines akademischen Titels herbeirechtfertigen.

    Schmidt möchte hier nichts „beschleunigen“, sondern das Bild komplettieren. (Ob er das auf schavanplag in angemessenem Ton macht, ist eine andere Frage).

    Auch muss ich kritisieren, dass bei Dir die Möglichkeit, die im zitierten Artikel des N.D. ausgedrückt wird, zur Gewissheit wird, wenn Du schreibst: „schildert prägnant den Zusammenhang zwischen Disserationsplagiat und Überforderung in Politik wie Hochschullehre“.
    Es kann Überforderung gewesen sein. Es kann aber auch unbedingtes Karrierestreben von Schavan gewesen sein, der sie dazu verleitet hat, über Sekundärliteratur „abzukürzen“. Hierauf deutet möglicherweise das Vorliegen des Stellenangebots des Cusanuswerks schon während der Promotion. Wenn dem so war, wäre die Motivation zur akademischen „Abkürzung“ sehr viel aktiver gewesen, als die Annahme der Überforderung nahelegt, und nach Schmidts neuem Fund scheint mir die erste Möglichkeit wahrscheinlicher.

  2. In dem obigen Zitat aus dem „Neuen Deutschland“ ist der Name „Schavan“ austauschbar, z. B. mit „Merkel“ und noch vielen anderen aus der Reihe heute einflußreicher Politiker. Das ist eben das Ergebnis unserer hochgelobten Demokratie, deren Fehlentwicklungen im Grundgesetz niemals korrigiert wurden. Es blieb immer bei der „Kaffeesatzleserei“ durch wechselnde zeitgeistige Verfassungsgerichte. Um es mal provokativ auszudrücken: Man muß sich immer wieder vor Augen führen, daß der Automatismus einer Demokratie auch einen „legalen“ Hitler nicht verhindern konnte, es braucht nur die nötige „Gehirnwäsche“ (siehe voriges Thema).

  3. Also die Trittbrettfahrerthese ist nicht meine. „dieselbe Kerbe“ ist etwas anderes als das Trittbrett. Aber wenn man ohnehin ständig in der Kategorie des Trittbrettfahrers denkt, kann man meine Äußerung natürlich so verstehen, zumal ich ja „dieselbe Kerbe“ mit „Robert Schmidts“ Gebrauch des Wortes „epigonal“ kontrastiere, das für ihn offenbar so etwas wie „trittbrettfahrerhaft“ bedeutet.

    Allerdings bin ich nicht überrascht vom berichteten Sachverhalt über Schavan, sondern vielmehr von dessen Aufdeckung zu diesem Zeitpunkt und mit diesem Anlass. Die Parallele zu Guttenberg ist ja die Aufdeckung der Plagiate in seinem Aufsatz von 2004, die GuttenPlag in Reaktion auf dessen Veröffentlichung „Vorerst gescheitert“ vornahm. Ich sehe aber in diesem Fall keinen Anlass zu einer Reaktion (es gibt keine vorausgehende Aktion Schavans). Daher schätze ich Schavanplags Veröffentlichung selbst als Aktion ein und frage mich: Warum diese Aktion? Damit setzt „Robert Schmidt“ doch die FU Berlin bloß unter einen Zugzwang, der dort bereits besteht und empfunden wird (s.o). Hätte er der FU lediglich Material zur Begründung eines Entzugs der Honorarprofessur liefern wollen, wäre er damit besser nicht an die Presse herangetreten, sondern an den Akademischen Senat, namentlich den erwähnten Prof. Rojas.

    Meine Herstellung eines „Zusammenhang[s] zwischen Dissertationsplagiat und Überforderung in Politik wie Hochschullehre“ entschuldigt doch in keiner Weise das Dissertationsplagiat als überforderungsbedingt. Die miese Politik Schavans, die rührt daher, dass sie’s einfach nicht drauf hat. Das ist in der Hochschullehre vermutlich ebenso. Aber die Karriere bis dahin, die ist einfach skrupellos zusammengeklaut und -betrogen. Der Zusammenhang zur Überforderung besteht da vielleicht noch darin, dass sie sich berechtigt fühlt, ihre Überforderung durch Betrug zu kompensieren, weil sie sich für auserwählt hält.

    @alleszuspaet: Ich würde den „Automatismus einer Demokratie“ nicht in diesem Ton kritisieren, da dies nach dem „mechanischen Parlamentarismus“ klingt, mit dem in Deutschland schon einmal gegen die Demokratie gehetzt wurde („westliche Zivilisation“ gegen „deutsche Kultur“).

  4. Von Schavan zu Hitler in 2 Kommentaren, das muss ein neuer Rekord sein!

  5. „Don’t mention the Hitler“ gilt hier nicht, und es sollte auch niemals gelten. Man kann auch niemandem mit Godwin-Punkten kommen, der gar nicht jemanden mit Hitler gleichsetzt.
    In diesem Fall war alleszuspaets These ja, dass die Demokratie nichtmal Hitler verhindern konnte, daher könne sie freundliche Schwachmaten schon gar nicht verhindern.

  6. Plaqueiator

    @Erbloggtes: nach diesen Klarstellungen bin ich wieder voll bei Dir!
    Ich würde „Schmidt“ nicht unbedingt ein taktisches Manöver unterstellen wollen, was den Zeitpunkt und den (fehlenden) Anlass der Veröffentlichung angeht. Einerseits beansprucht die Plagiatsuche tatsächlich viel Zeit, und es ist gut vorstellbar, dass er sich im Lauf der Debatte, nach dem Ergebnis aus Düsseldorf, die o.a. Arbeit vorgenommen hat und jetzt erst fündig wurde. (Wie er die nicht angegebene(n) Quelle(n) gefunden hat, weiß ich nicht, reife Leistung!).
    Andererseits liegt ein Anlass klar auf der Hand, wenn Schavan mit Unterstützern öffentlich versucht, die Mär vom unschuldigen Mädel vom rheinischen Lande zu kultivieren, und sich am Ende genau darauf zurück zu ziehen wird: *ein* Fehler, der Jugend geschuldet.

    Ich finde, die Öffentlichkeit hat durchaus einen Anspruch, dies zu erfahren, da all diese Spiegelfechtereien von Schavan-Unterstützer-Seite auch in der Öffentlichkeit stattfinden. Ich halte dies nicht für eine Sache nur der FU.

    Was Schmidt da gebracht hat, sehe ich als ein weiteres Mosaiksteinchen aus dem Sittengemälde aus Unfähigkeit, arroganter Verblendung und übermäßigem Machtstreben, das gewisse Teile unserer Entscheider-Eliten demaskiert.
    Einzig sein Ton hat mich ein wenig irritiert – der in der Tat etwas danach klingt, die FU zum Jagen tragen zu wollen -, mit dem er neben der Faktenpräsentation auch seine Absicht verknüpft.

    Und, @alleszuspaet: Demokratie ist alles, was wir dagegen haben!

  7. Richtig, die öffentliche Delegitimierung der Frommes-gewissenhaftes-Mädchen-mit-einmaliger-Verwirrung-Legende ist ein hehres Ziel, das dem Gemeinwohl dient, an dem aber außer dem Tagesspiegel offenbar nur ein paar Internetaktivisten Interesse haben.

  8. Plaqueiator

    … und die FU. Immerhin!😉

  9. @Erbloggtes
    Ich „hetze“😉 gegen die erstarrte Demokratie. Demokratie muß leben und täglich auf Schwachstellen abgeklopft und an Stellschrauben feinjustiert werden, dann lassen sich auch die heutigen Fehlentwicklungen mitsamt „Gehirnwäsche“ und deren katastrophale Folgen verhindern. Kohls „Weiter so, Deutschland“ ist sicher der falsche Weg.
    @Plaqueiator
    Zitat: „Demokratie ist alles, was wir dagegen haben!“
    Das ist mir zu schnoddrig!

  10. Ach, würde sich doch ein Thomas Mann doch noch dieses menschlich so fulminante Dramas der Schanette Van annehmen und damit ein eindringliches Sittengemälde in den noch feuchten merkelischen Sand ritzen können. Ein epochales Werk der ungeistig-demoralischen Wende, vielleicht mit dem Titel „Der Zusammenklauberberg“, „Annette und ihre Bücher“ oder „Doktorin Klaustdus“, zuletzt vielleicht noch die „Bekenntnisse der Wortstaplerin Schanette Wahn“ … welche Bereicherung hätte der deutschen Literatur hier entstehen können! Allein, Annettchen hat die Gnade der gar zu spät geborenen und so müssen wir leider auf die sonst möglich gewesenen weiteren Meisterwerke eines Thomas Mann verzichten. Tragisch.

  11. Pingback: Mit der Theologie (k)ein Staat zu machen | Erbloggtes

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