Die unsichtbare Universität

Erhellt es das Funktionieren des Internets, wenn man merkt, dass dort Wichtiges vor lauter Unwichtigem unsichtbar werden kann? Googlet man etwa „Allwissende Müllhalde“, erfährt man rasch, dass so einerseits eine Figur der Puppen-Serie Die Fraggles genannt wird, andererseits Google. Googlet man jedoch „unsichtbare Universität“, so präsentiert die allwissende Müllhalde dutzende Treffer, die allesamt in Terry Pratchetts Scheibenwelt und auf die deutsche Übersetzung der dortigen „Unseen University“ verweisen. So kommt es wohl, dass auch die Wikipedia den Sucher der unsichtbaren Universität in die Scheibenwelt weiterleitet.

Was die allwissende Müllhalde dabei verschluckt – weshalb es hier ans Tageslicht gehoben wird – ist die eigentliche unsichtbare Universität, die wahrscheinlich auch die Vorlage von Pratchetts satirischer Namensgebung war. (Wenn kein Pratchett-Leser seine Anspielungen versteht, warum sind seine Werke dann so erfolgreich?)

Die unsichtbare Universität auf der Kugelwelt namens Erde ist ein altes geistesgeschichtliches Konzept, das den Gedanken verdeutlicht, dass Wissenschaft universell ist, auf echt empfundenem Erkenntnisstreben basiert und nur durch Argumente überzeugen will. In einer Universitätsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts berichtet etwa Christophe Charle, die Zeit von 1800 bis zum Zweiten Weltkrieg werde wissenschaftsgeschichtlich mitgeprägt durch

„die Entstehung einer die nationalen Grenzen virtuell transzendierenden ‚unsichtbaren Universität‘. Sie beruhte auf der Mobilität der Professoren und Studierenden, welche die politischen und institutionellen Hindernisse der nationalstaatlichen Universitätspolitik zu überwinden begannen. […] Die Erforschung der europäischen Brückenfunktion solcher Institutionen [des Austauschs] hat erst begonnen und erarbeitete zunächst ein Inventar der ‚unsichtbaren Universität‘.“

Besonders interessant ist sein Hinweis, dass nicht nur die Universität im eigentlichen Wortsinn (von universitas magistrorum et scholarium, ‚Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden‘) unsichtbar ist, sondern auch das Humboldtsche Universitätsideal die sichtbare Institution als defizitär begreift:

„Diese [unsichtbare Universität] entspricht insofern noch mehr als die konkreten Universitäten dem Humboldtschen Ideal, als sie auf der ‚ungezwungenen‘, alle geographischen und institutionellen Hindernisse übersteigenden Zusammenarbeit der an wissenschaftlicher Erkenntnis interessierten Menschen und auf der durch keine Curricula eingeschränkten Lehrfreiheit beruht.“

  • Christophe Charle: Grundlagen. In: Walter Rüegg (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa [in 4 Bänden]. Band 3: Vom 19. Jahrhundert zum Zweiten Weltkrieg (1800-1945), München 2004, S. 43-82, hier S. 77.

Dass die Referenz Pratchetts auf dieses Konzept im Referenzwust des Internets so untergeht, ist bedauerlich. Denn eine Popkultur, die nicht mehr auf die ihr zugrundeliegenden Lebens- und Gedankenwelten verweist, sondern sich davon durch bloßes Spiel mit Selbstreferenzialitäten befreit, verliert ihr kritisches Potential zur Hinterfragung des Gegebenen. Wie sollen Studierende heute ihr universitäres Tun reflektieren und seine Defizite gegenüber den wissenschaftlichen Idealbildern identifizieren können, wenn sie nur Verweise auf Fantasyliteratur erhalten, sobald sie sich fragen, was die Lehrenden denn mit dieser ominösen „unsichtbaren Universität“ meinen könnten?

Aber wahrscheinlich spielen Wissenschaftsideale, ihre Begründung und Kritik, in den sichtbaren Universitäten heute ohnehin kaum noch eine Rolle. Warum auch, wenn die Frage „Warum mach ich das hier eigentlich?“ im Studium nur noch damit beantwortet werden kann, dass es die Prüfungsordnung so vorschreibt, dass es auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist oder dass der Typ, der die Noten verteilt, es so haben will.

Update, 19.03.2013, 13:12 Uhr:

Mit Mike Godwin entspann sich soeben folgendes Twitter-Gespräch:

Die Wikipedia-Angabe könnte von dieser Seite stammen, deren Autor Colin Smythe von dieser Seite, die Wikipedia als offizielle Website bezeichnet, „Terry’s agent“ genannt wird. Welches Geburtsdatum auch das richtige sein mag, die Probleme der Verbreitung der „richtigen“ Information im Internet illustriert dies sehr treffend. Also: Happy Birthday, Mr. Pratchett, whenever you were born.

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31 Antworten zu “Die unsichtbare Universität

  1. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Danke, wieder ein sehr interessanter Beitrag.
    Ich möchte den Akzent etwas verschieben.
    Zitat:

    „…wenn die Frage “Warum mach ich das hier eigentlich?” im Studium nur noch damit beantwortet werden kann, dass es die Prüfungsordnung so vorschreibt, dass es auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist oder dass der Typ, der die Noten verteilt, es so haben will.“

    Eine der Hauptursachen für diese beklagte Entwicklung ist sicher die linke Vergötzung der Erwerbsarbeit, angelegt schon im christlichen „Ora et labora!“ Stichworte z. B. Berufstätigkeit der Frauen, „Scheinvollbeschäftigung“ in kommunistischen Ländern, Forderung linker Politiker „Wir müssen die Menschen in Beschäftigung bringen“ und „Arbeitslosigkeit ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde“ und nicht zuletzt und unvermeidlich 😉 … RAD bei den N-Sozialisten.
    Das war in den 50ern noch völlig anders. Ein großer Teil der Menschen war, nachdem erst mal satt gegessen, ausgehungert nach Bildung. Leider änderte sich das schnell mit wachsendem Materialismus, sodaß Wolfgang Neuss schon 1958 sang:

    »Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
    Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
    Jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder
    Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
    Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
    Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder
    Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik…..«

    Diese materialistische Einstellung schlug dann auch voll an den Schulen durch. Ich erinnere mich noch mit Schrecken an den Elternabend 1982, als es darum ging, welche Leistungskurse unsere Tochter in der Oberstufe belegen sollte. Der „locker-flockige“ Klassenlehrer riet zu Fächern, die man im späteren Beruf verwenden könne … ich war entsetzt.
    Alles in Allem also eine kontinuierliche Entwicklung hin zur heutigen „Bildungskatastrophe“.

  2. Plaqueiator

    Wir befinden uns nicht im Zeitalter der Information, sondern in dem der Desinformation. Die Kirsche gilt erst als verwertbar, wenn sie entkernt ist.

  3. Das sind interessante Überlegungen, alleszuspaet. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler scheint ja dagegen der Ansicht zu sein, dass der erwähnte Bildungshunger aus der Leistungs- und Aufstiegsbereitschaft der Nachkriegszeit erwuchs und zugleich mit dieser absank.
    Den Gebrauch des Wortes „links“ würde ich nochmal überdenken, wenn man damit Christliches, Kommunistisches, Steinbrückianisches und Nationalsozialistisches zusammenfasst.

  4. alleszuspaet

    Wehler ist in seiner Gesellschaftsgeschichte sicher ein sehr guter „Schreiber“, ob er aber in seinen Deutungen immer richtig liegt, wage ich zu bezweifeln, die Fülle des Stoffes ist einfach zu groß. Er war ja noch im Löscheinsatz nach Bombenangriffen in Köln und knallharter Handballer bei Gummersbach und sehr erfolgs- und leistungsorientiert. Meine Auseinandersetzung mit seiner Gesellschaftsgeschichte liegt schon etwas zurück, daher kann ich das jetzt nicht im Detail belegen, aber ich erinnere mich, daß mein Fazit sehr gemischt war.
    Auch in meinem persönlichen Umfeld habe ich damals gesehen, daß der Bildungshunger eher von denen kam, die froh waren, daß sie die Schrecken des Krieges lebend überstanden hatten. Mit ihrer Bildungsbegeisterung haben sie uns junge angesteckt. „Aufstiegsbereitschaft“ spielte da keine Rolle.
    Zitat:
    „…“links” würde ich nochmal überdenken, wenn man damit Christliches, Kommunistisches, Steinbrückianisches und Nationalsozialistisches zusammenfasst.“
    Ich subsumiere dieses natürlich nicht unter „links“, behaupte aber, daß linkes Gedankengut überall in unterschiedlicher Ausprägung sehr stark vertreten ist und teilweise eine dominierende Rolle spielt.

  5. Ich teile Wehlers Deutung ganz und gar nicht. Sie schien mir nur einschlägig wegen der entgegengesetzten Kausalbeziehung.

    Dass linkes Gedankengut eine Rolle spielt, würde ich nicht sagen. Eher, dass alle möglichen Gedankengüter bei „Linken“ eine Rolle spielen. Daher würde ich auch nicht „linkes Gedankengut“ für irgendwas verantwortlich machen.

  6. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Zitat:
    „Ich teile Wehlers Deutung ganz und gar nicht.“
    Das ist schon mal gut. Seine naß-forsche Art hat ihn sicher zu manchen Schnellschüssen verleitet, er ist unter Historikern ja auch umstritten.
    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2008-38/artikel-2008-38-ich-hab-knueppel.html
    Den zweiten Absatz verstehe ich nicht. Ich werde es mal etwas umformulieren und statt „links“ sozialistisch schreiben:
    Sozialistisches Gedankengut in allen Parteien, in den Kirchen und Verbänden, das dort in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden ist, sehe ich als Ursache für die Vergötzung der Erwerbsarbeit.

  7. Ich würde Wehler lieber streitbar als umstritten nennen. 😉 Ja, genau die Überschrift in der Weltwoche ist bezeichnend für seine Position da.

    Ich würde statt sozialistisch einfach mal kapitalistisch vorschlagen. *g* Aber der Sozialismus basiert ja auf dem Kapitalismus, und so sind die nominellen Sozialisten realexistierende Kapitalisten, und die vergotten die Erwerbsarbeit. Zu Recht übrigens, denn im Kapitalismus definiert sie den Menschen.

  8. Plaqueiator

    Auch ich erinnere mich an manche (Hochschul-)Lehrer, die nach dem Nachkriegs-Notabitur in hervorragender Manier ihren Doktor gemacht haben, die gerade dadurch oder trotzdem in der Lage waren, dieses Feuer für die Wissenschaft weiter zu geben.
    Allerdings, alleszuspaet, finde ich, ihr Etikett „linkes Gedankengut“ klebt allzu oberflächlich an der Bildungsmisere.
    (Aus-)Bildung in den Nachkriegsjahren war eine Vermögensfrage. Mein Vater war trotz seines Intellektes einfacher Arbeiter – keine Förderung für „Arbeiterkinder“, kein Geld fürs Studium, nicht mal fürs Abitur hat es gereicht, Bildungshunger hin oder her. Bei uns ist der Bildungshunger keinesfalls dem „wachsenden Materialismus“ gewichen, mangels Materialismus.
    Ich selber habe in den Nach-68ern von der Öffnung des Zugangs zu Bildung profitiert – „linkes“ Gedankengut!, habe als einer der Ersten von einer „linken“ Gymnasialreform profitiert, die meine Neigungen und Begabungen unterstützt und gefördert hat. Sonst wäre es mir nicht anders ergangen als meinen Eltern.

    Natürlich findet Schule und Studium immer im politischen Kontext statt, das ist seit jeher so, das zu verkennen wäre kurzsichtig. Natürlich wurde man damals geprägt von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Nach-68er. Zugang zur Bildung für alle war doch als linke Idee gar nicht so verkehrt!
    In meinem Erleben war nicht das „linke Gedankengut“, sondern, Achtung: Etikett!, die konservative, reaktionär-restriktive Bildungspolitik seit Kohl die Wurzel des Übels, von BAFöG-Reform bis Bologna, von Austrocknung der Universitäten bis zur Eliteförderung.
    Wurden in den Nach-68ern die Neigungen und Begabungen von Schülern und Studenten gefördert, sind es heute doch nur noch die Neigungen und Interessen von Kommerz und Industrie, die gefördert werden.
    Bildungsideal? Lachhaft.

  9. alleszuspaet

    @Plaqueiator
    „(Aus-)Bildung in den Nachkriegsjahren war eine Vermögensfrage.“
    Falsch, im konsevativen Bayern überhaupt nicht. Wir waren auch arm wie die Kirchenmäuse, mein Vater viele Jahre arbeitslos. (mein Abi 1959).
    Aber ich merke schon, jetzt wirds ideologisch, da steig ich lieber aus.

  10. Ideologie? Darüber haben wir neulich hier und hier diskutiert.

  11. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Danke für die Links, interessanter und zeitgemäßer Lesestoff, während Plaqueiator mindestens 100 Jahre zu spät dran ist.

  12. Plaqueiator

    alleszuspaet, meine Aussage (Sie sollten neben fehlendem Vermögen noch die fehlende Förderung zitieren) wird nicht deshalb falsch, weil Sie es anders erlebt haben. Sie dürfen sich zurecht glücklich schätzen.

    Mein Vater wurde nach dem Krieg im elterlichen Betrieb als Arbeitskraft gebraucht, keine Unterstützung in welcher Form auch immer von der Schule.
    Meine Mutter, geschätzt in Ihrem Alter, wurde als Kind vor der Reifeprüfung zur Aufnahme in die höhere Schule durch die Lehrer derart entmutigt und verunsichert, dass sie die Prüfung trotz bester Noten vermasselte. Gleiches mussten die Notarskinder nicht erleben. Zudem hatte mein Großvater väterlicherseits als kleiner Krämer nur für die größere Tochter, meine Tante, das Geld, die „höhere Handelsschule“ zu finanzieren.

    Ich selber habe bis Ende der 60er die Prügelstrafe in meinem schwäbischen Grundschul-Klassenzimmer live erleben dürfen (verprügelt wurden damals Kinder von Alleinerziehenden und Trinkern, der prügelnde und in allen Gemeindegremien omnipräsente Lehrer wurde später zum Rektor befördert) – deren Abschaffung: linkes Gedankengut, direkte Folge der 68er.

    All das wird in der konservativen Verklärung der Bildungskrise unter den Tisch gekehrt, und ja, eine solche Attributierung wie die Ihre führt in larmoyante Ideologie. Wenn Sie dem „linken Gedankengut“ die Verantwortung für die Bildungskrise in die Schuhe schieben, müssen Sie das schon argumentativ unterfüttern, damit wir eben nicht in Ideologie abgleiten.

  13. Plaqueiator

    @alleszuspaet, 7:11: hihi, bin halt ein Ewiggestriger! 😉
    hab ich tatsächlich „Ideologie“ geschrieben??

    @Erbloggtes: für mich sind eure Ideologie-Diskussionen irgendwie nicht greifbar, vielleicht weil ich derzeit on-the-fly schreibe, vielleicht weil mir der Versuch einer Definition des Begriffs fehlt, einer Näherung zB aus der Etymologie. Eine typologische Einordnung des Begriffs „Idee“ mit all diesen Endungsvarianten wie -ismus, -kratie, -logie, -nomie, -pathie etc. hätte sicher weiter geholfen.

  14. alleszuspaet

    @Plaqueiator
    Bin tief beeindruckt, das bietet ja Stoff für einen erneuten ZDF-Dreiteiler, oder zumindest dafür:
    „Der ehemalige VroniPlag-Administrator Plaqueiator hat daher seine Erinnerungen zu einem unterhaltsamen Dramolett verarbeitet, das einer Uraufführung noch harrt,…“
    https://erbloggtes.wordpress.com/2013/02/25/pressearbeit-eine-realsatire-aus-der-plagiatsucherszene-akt-i/
    Zitat:
    „Ich selber habe bis Ende der 60er die Prügelstrafe in meinem schwäbischen Grundschul-Klassenzimmer live erleben dürfen (verprügelt wurden damals Kinder von Alleinerziehenden und Trinkern, der prügelnde und in allen Gemeindegremien omnipräsente Lehrer wurde später zum Rektor befördert) – deren Abschaffung: linkes Gedankengut, direkte Folge der 68er.“
    Jetzt weiß ich auch endlich, woher der Begriff „Schwabenkinder“ kommt. 🙂
    Und was die fehlende „Förderung“ anbelangt, „Honnef“ gabs seit 57.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Honnefer_Modell
    Und weiter frage ich mich, warum ich keine prügelnden Lehrer erlebt habe und mir dergleichen auch damals nicht zu Ohren gekommen ist. Wahrscheinlich lags am pechschwarzen Kultusminister Dr. Hundhammer, der aus einer Bauernfamilie mit 10 Kindern stammte und übrigens Anfang der 50er das 9. Schuljahr eingeführt hat. Wahrscheinlich war Hundhammer ein verkappter 68er.
    Den „Herz-Jesu-Arbeitsvergötzern“ oblag es nun, das G9 wieder abzuschaffen.
    Zitat:
    „Zudem hatte mein Großvater väterlicherseits als kleiner Krämer nur für die größere Tochter, meine Tante, das Geld, die “höhere Handelsschule” zu finanzieren.“
    Da frage ich mich doch, wieso mein häufig arbeitsloser Vater (meine Mutter war Hausfrau ohne Einkommen) seine beiden Kinder aufs Gymnasium schicken konnte. Ich vermute, daß es an den Präferenzen liegt, die man im Leben setzt, womit wir wieder beim Stellenwert der Bildung wären. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch sehr gut, daß es in unserem Dorf damals für Lehrer und Pfarrer bei vielen Eltern ein hartes Stück Arbeit war, sie davon zu überzeugen, ihre Kinder auf die Höhere Schule zu schicken.

  15. Bitte die persönlichen Animositäten etwas zurückzuhalten. Persönliche Erfahrungen anderer zu bestreiten ist kein produktives Diskussionsverhalten.

  16. Plaqueiator

    @Erbloggtes: das geht schon in Ordnung. Ich bin ja ein Freund der kernigen Auseinandersetzung. Ich bringe alleszuspaet jeden Respekt für seine Person entgegen und denke, er tut das auch.

    Ich bin jetzt weder ideologischer Sozialist noch sonst ein Sozialist, alleszuspaet. Da ist genug schief gelaufen nach 68, was nicht die „Konservativen“ zu verantworten hatten.

    Ich meinte es im Ernst, dass Sie sich glücklich schätzen können, individuell diesen Werdegang gehabt zu haben. Wir kommen aber objektiv nicht an dieser Tatsache vorbei: http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperstrafe#Z.C3.BCchtigungsrecht_an_Schulen.
    Ein bisschen pieksen muss sein: Abschaffung der Prügelstrafe in der DDR: 1949, in Bayern: 1983.

    Es mag sein, dass Bayern die Insel der Glückseligen darstellt, aber auch dann ist die Realität nicht eindimensional, wenn man was nicht erlebt hat, heisst das noch lange nicht, dass es das nicht doch gibt, und ein Etikett „linkes Gedankengut“ an den Ursachen der Bildungsmisere ist viel zu bequem.

    Ein Sujet für ein Theaterstück gäbe das Nachkriegskapitel deutscher Bildungsgeschichte bestimmt her. Allerdings sollte sich das ZDF besser nicht dran versuchen. Am Ende recherchieren die nur in Bayern… 😉

  17. alleszuspaet

    Ich bestreite nicht, ich bezweifle, und hier vor allem die Ursachen der persönlichen Erfahrungen. Darüberhinaus zeigt die „Allgemeine Lebenserfahrung“, daß bei künstlerisch veranlagten Menschen die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit manchmal verschwimmen, vor allem in der Erinnerung. 😉
    Ansonsten: „Cum grano salis!“…..“Ein bisschen Spaß muß sein…“

  18. Schön, wenn man Zugriff auf die allgemeine Lebenserfahrung hat, während andere nur zweifelhafte persönliche Lebenserfahrungen haben.

  19. Plaqueiator

    alleszuspaet, nochmal ein letztes klärendes Wort zu meiner persönlichen Lebenserfahrung: ich war es nicht, der verprügelt wurde. Ich durfte nur als 8-jähriger Bub ab der dritten Klasse dabei zuschauen bzw zuhören, wie immer dieselben 2,3 Klassenkameraden regelmäßig verprügelt wurden. Der Prügler hat auch pünktlich zum Verbotserlass mit dieser Praxis aufgehört.

    Vielleicht hätte ich ohne diese Erlebnisse auch ein so romantisierendes Bild meiner Schulzeit gehabt und hätte so was nicht glauben mögen. Das war auch nicht singulär, meine Eltern haben damals schon von ähnlichen Praktiken während ihrer Schulzeit erzählt.

    Die damalige Zeit und die Stellung von Bildung entsprachen nicht dem bayerischen Heidi-Klischee, das Sie hier zeichnen, ich behaupte, das tat es auch nicht in Bayern.
    Wenn es keine Gymnasial-Empfehlung vom Lehrer gab, aus welchen Gründen auch immer, gabs halt keine. Man hat es hingenommen, man musste es hinnehmen.

  20. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Den Zugriff gibt es eines Tages umsonst, wenn man sein Leben nicht in der „Erwerbsarbeit“ verplempert, sich aber trotzdem im „Realen Leben“ aufhält.
    http://www.format.at/articles/1133/692/304534/am-ende-die-lebenserfahrung-recht

  21. Hehe, allgemeine Lebenserfahrung und Österreich. *g*

  22. Plaqueiator

    Um alleszuspaets Bildungstheorie etwas weiter zu erden, ein beliebiger Griff in die Google-Kiste: http://www.zeit.de/1964/35/bayerische-pruegel
    Zugegeben, vor ’68.

  23. Plaqueiator

    Schauschau, der Alt-68er Hundhammer: http://www.zeit.de/1970/28/bayern-ohne-watschn.

    „Die jetzige Entscheidung ist ein später Sieg des sozialdemokratischen Kultusministers Franz Fendt, der im Juni 1946 Tatzenstock und Watschn aus den bayerischen Klassenzimmern evakuierte. Doch das pädagogische Geschick der Lehrer brauchte sich damals nicht lange zu bewähren. Genau ein Jahr später wurde unter dem sittenstrengen CSU-Kultusminister Alois Hundhammer der altväterliche Zustand wiederhergestellt. Hurra, es durfte wieder geprügelt werden.“

  24. Wobei diese Betrachtung die „großen Männer“ die Prügel-Geschichte machen lässt. Tatsächlich sind es aber kleine Männer, die prügelten oder auch nicht, aus ganz verschiedenen Motiven. Was einmal (strafbewehrt) verboten ist, daran muss man sich halten. Wenn es dann wieder erlaubt wird, heißt das nicht, dass es damit angeordnet wird.

  25. Plaqueiator

    Wenn ich das richtig lese, dann hatte die Wiedererlaubnis der Prügelstrafe wohl einen triftigen ökonomischen Grund. Prügeln war billiger:
    „Und dem Kultusministerium wird man vorhalten, wie denn wohl in einer ländlichen Klasse mit 60 Schülern die Disziplin ohne die ortsübliche „Watsch’n“ gewahrt werden solle?“ und
    „So schrieb jüngst einer von ihnen seiner Zeitung, daß jede „Watsch’n“ und jeder Schlag auf das Hinterteil mit dem Rohrstock eigentlich dem Staat gelte, der sich gefälligst darum kümmern sollte, vernünftige Voraussetzungen für eine „prügellose“ Erziehung seiner Jugend zu schaffen. Auf eine einfache Formel gebracht: mehr Klassen, weniger Haue.“ (Bayerische Prügel, s.o.)

    Auch derart war der Nährboden damals für das Wissenschaftsideal. Für vergessene Fußnoten gabs was hinter die Ohren. Kaum war die Prügelstrafe abgeschafft, geht Schavan her und … 😉

  26. In der Tat eine faszinierende Geschichte. Merke auch: „es durfte nur in den Volksschulen, nicht jedoch in den Realschulen und Gymnasien geschlagen werden.“ Da weiß man, warum die bayerischen Gymnasien als so gut gelten 😉

  27. Plaqueiator

    Na, Erbloggtes, ein Lehrer wird doch kein Anwaltskind am Gymnasium schlagen, und die Wahrscheinlichkeit, dort ein solches zu erwischen, war einfach größer als an der Volksschule, siehe die statistische Permeabilität für die niederen Schichten zur höheren Bildung damals. Schläge waren blanke Stigmatisierung. Da war kein demokratisches Element dabei.

  28. Plaqueiator

    … und noch „schlagender“: die Permeabilität für höhere Schichten zur niedrigeren Bildung. Es ist doch heute noch so: ein Arztsohn muss schon rebellieren, um Automechaniker werden zu dürfen. Jaja, das Bildungsideal.

  29. Plaqueiator

    Noch einer, weil es so schön ist: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40351630.html
    Ich geb auch gleich Ruh! 😀

  30. Ist das hier Taktik, um Plaqueiator vom Schreiben des zweiten Akts abzuhalten?

  31. Zum Thema:
    Jörg Beuthner: Keine Schläge mehr. In: NDR Info ZeitZeichen, 06. Mai 2013 (Sendetermin 20:15 Uhr, hier schon vor 17 Uhr 😉 ).
    Ab dem 6. Mai 1848 durften preuß. Zivil- und Militärgerichte keine Prügelstrafen mehr aussprechen – in der Arbeitswelt und in der Familie blieben Prügel noch lange Alltag…

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