Unsere Mütter, unsere Väter, unsere FAZ und ihre Freunde

Erschüttertes Weltbild: Die Presse muss den öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch kritisieren! Schließlich sind sie natürliche Konkurrenten. Das gilt jedoch offenbar nur im Online-Nachrichtenbereich, nicht in der Produktion (un)historischen Bewusstseins: „Unsere Mütter, unsere Väter“ heißt ein vielgerühmter dreiteiliger Fernsehfilm des ZDF. Vielgerühmt von der „Fernsehkritik“ der staatstragenden Presse – von der taz bis zur FAZ.[1] Leute, die selbst denken, statt die PR-Vorlagen nachzudichten, sehen das deutlich anders.[2][3] Sehr lesenswert, zum Haareraufen, ist die konzeptuelle Apologie der ZDF-Verantwortlichen:

Ausführlich verdeutlicht Hempel, Hauptabteilung Fernsehfilm/Serie II, was die Filmemacher sich gedacht – oder nicht gedacht – haben, als sie „Unsere Mütter, unsere Väter“ – und die entsprechenden Vorgängerstreifen – produzierten. Es erklärt und entlarvt durch die Floskelhaftigkeit, die sich gewiss auch in jedem ihrer Mehrteiler wiederspiegelt, „der die Zuschauer nicht belehrt, aber auch nicht unterschätzt“. Dies sei „eine Aufgabe, die so nur die großen öffentlich-rechtlichen Sender bewältigen können, weil nur sie in den heutigen Zeiten auch das Risiko tragen können.“[4] 15 Millionen Euro[1] für die Verbreitung von Schulbuchinhalten.[3] Aber in der Pose, große amerikanische Produktionen nachzuahmen,[2] nur besser, also deutscher.

Wie man „Ergebnisse profunder Recherche mit einem populären Genre […], dem romantischen Melodram“ zusammenmixt,[4] das ist das Steckenpferd des ZDF. Doch romantische Melodramen produziert auch Sat1 am laufenden Band. Dafür braucht man keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch was wird da eigentlich so profunde recherchiert?

Wenn Hempel es zum Ziel ausruft, „die Perspektive dieser Zeitgenossen zu rekonstruieren“, dann ist das genau die Perspektive, mit der die „Zeitgenossen“ seit 1945 das Geschichtsbild der Öffentlichkeit verfälschen. „Ohne jede moralische Ambivalenz“ sei dies umsetzbar, behauptet Hempel, und hält dies wahrscheinlich für ein Lob. Ach, wahrscheinlich versteht sie gar nicht, was sie da schreibt, sonst würde sie doch nicht von den unschuldigen Protagonisten faseln, man strebe an, „jene Deutschen zu zeigen, die den Krieg nicht begonnen haben“. Kein Hitler heute, also auch keine Schuld, nichtmal „moralische Ambivalenz“. Stattdessen habe der böse Hitler mit seinem bösen Krieg „ihnen mit ihrer Jugend auch die Möglichkeit geraubt […], später unbefangen darüber zu reden.“[4]

Und das Feuilleton jubelt dazu. Wie lässt sich das erklären? Man könnte natürlich auf die Funktion des Feuilleton in der bürgerlichen Presse abheben. Oder einfach so:

Hempel-Freund Nils Minkmar ist der Feuilleton-Chef der FAZ. Damit seine Zeitung dies nicht so versteht, dass Minkmar Freund und/oder Lebensgefährte Hempels sei, mithin eine illegitime sexuelle Beziehung mit ihr führe[5] und daher ihr größter Fan sei, weshalb er das Feuilleton der Zeitung zur größten Fanpost der Welt erhebe,[6] kann das natürlich nicht so stehen bleiben. Sonst schickt der FAZ-Justiziar noch eine Abmahnung wegen ehrenrühriger falscher Tatsachenbehauptung. Also zur Klarstellung:

Nils Minkmar ist keineswegs Freund und/oder Lebensgefährte von Heike Hempel. Er ist ihr Ehemann.[1] Und ihr größter Fan.[7] Die Jubelarien der Presse über „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist trotzdem keine Verschwörung von verbandelten Medienleuten. Die Geschichtsfälschung in der Pose der Authentizität, das ist vielmehr genau das, was diese Medienleute sich – unabhängig voneinander – wünschen. Aber warum nur?

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7 Antworten zu “Unsere Mütter, unsere Väter, unsere FAZ und ihre Freunde

  1. alleszuspaet

    „Wenn Hempel es zum Ziel ausruft, “die Perspektive dieser Zeitgenossen zu rekonstruieren”, dann…..“
    gibt es auch diese Perspektive:
    Simplicissimus vom 05. März 1933
    Der März ist gekommen, die Knüppel schlagen aus,
    Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus,
    Und die Bürger, die g’schlafen hab’n die lange Winterszeit,
    Die werden wieder munter und wählen voll Freud‘.

  2. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Hast du registriert, daß Wehlers „Knüppel“ beim „Simpl“ wieder auftauchen?

  3. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    So ganz verstehe ich nicht, was „alleszuspaet“ mit diesen voller Freude ausschlagenden Knüppeln meint. Zunächst sind Ordnung und Sauberkeit und Gehorsam hervorragende Bürgerpflichten, ohne die ein Staatswesen in Anarchie versinken würde. Günter Wallraff hat uns das sehr gut erklärt, wenn auch zum Behufe der Auflockerung mit einem ironischen Unterton.

  4. Um „unsere Mütter, unsere Väter“ geht es ja nun in der Diskussion nebenan substanziell hinsichtlich der deutschen Bildungsgeschichte. Ja, auch darum, wie man den Leuten Bürgerpflichten einimpft.
    Die direkte Verbindung zum Simplicissimus habe ich bei Wehlers Knüppeln nicht gesehen, aber meine Assoziation war da schon sehr ähnlich, da ich das Verb „knüppeln“ niemals für „hart arbeiten“ benutzen würde.

  5. alleszuspaet

    @Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach
    Ich wiederum verstehe nicht, wo das Verständnisproblem liegt. Aber vielleicht hilft das weiter:
    Erbloggtes kritisiert: „“jene Deutschen zu zeigen, die den Krieg nicht begonnen haben”. Kein Hitler heute, also auch keine Schuld, nichtmal “moralische Ambivalenz”. Stattdessen habe der böse Hitler mit seinem bösen Krieg “ihnen mit ihrer Jugend auch die Möglichkeit geraubt […], später unbefangen darüber zu reden.”[4]“
    Der „Simpel“ zeigt aber auf seiner Wahlnummer vom März 33, wo die Verantwortung der Deutschen liegt (den Link auslösen).
    Im Hintergrund sieht man SA-Horden, die den politischen Gegner niederknüppeln.

  6. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Teures „alleszuspaet“,
    indem ich schrieb „mit diesen voller Freude ausschlagenden Knüppeln“, gedachte ich anzuzeigen, dass ich Sie verstanden habe, obwohl ich das Gegenteil behauptete. Ich habe mich unglücklich ausgedrückt.

  7. Pingback: Umleitung: Wir kriegen die Krise – vom Wasser bis zur WAZ. | zoom

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