Mit der Theologie (k)ein Staat zu machen

Erträgliches kann man es ja wohl nicht mehr nennen, was im Nachklapp der Schavan-Affäre so verbreitet wird. Von Abmahnungen über religiöse Vermächtnisse bis hin zu Auszeichnungen, und heute geht es um letztere. Denn Annette Schavan hat am 19. März 2013 den Abraham-Geiger-Preis des Abraham-Geiger-Kollegs Potsdam in Empfang genommen.

Schon kurz nach Schavans Rücktritt als Bildungsministerin ließ sich hier konstatieren:

„Nicht nur Ehrendoktoren und Honorarprofessuren werden heute gegen Leistung in barer Münze vergeben statt gegen wissenschaftliche Leistung, auch der Abraham-Geiger-Preis soll in diesem Jahr als Dank für schlappe 6,9 Millionen Euro verliehen werden – an Annette Schavan.[21]“

Der Bericht der Jüdischen Allgemeinen[1] bestätigt diesen Eindruck – natürlich nur implizit, denn wer von den Honoratioren würde so etwas zu sagen wagen und damit die ganze Veranstaltung als Farce entlarven? Bisher jedenfalls wurde keinerlei Kritik an diesem fragwürdigen Lohn für großzügige Zahlungen aus dem Bundeshaushalt laut.

Gründe für einen teuren Preis

Glöckner nennt Schavan immerhin „streitbar“, bevor er sie als „Christdemokratin, Erziehungswissenschaftlerin und katholische Theologin“[1] vorstellt. Ihre Parteimitgliedschaft könnte ihr natürlich nur die CDU entziehen, aber man kann es durchaus ein weites Aus-dem-Fenster-Lehnen nennen, eine Abiturientin ohne weitere Qualifikation, die regelmäßig Plagiiertes veröffentlichte, als „Erziehungswissenschaftlerin und katholische Theologin“ zu bezeichnen. Das ist etwa auf der Ebene, auf der man Handaufleger Mediziner nennt.

Wenn die Jüdische Allgemeine (böse Zungen nennen sie auch JAZ) Schavans „Impulse“ darstellt, klingt das zuerst stets wie „Verdienste um das Judentum in seiner Vielfalt“,[2] für die der Abraham-Geiger-Preis verliehen werden soll. Bei näherer Betrachtung kann jedoch leicht der Eindruck entstehen, dass es sich eigentlich um Impulse zur Theologisierung der Hochschulen handelt: Schavan habe „die Etablierung einer jüdischen Theologie in der Hochschullandschaft der Bundesrepublik“[1] betrieben. Schön und gut – als ob an den staatlichen Hochschulen nicht schon zuviel evangelische und katholische Theologie etabliert wäre:

In Zeiten, in denen Schavan die flächendeckende Hochschulfinanzierung ausbluten ließ, um anschließend Leuchttürme in der Dunkelheit zu errichten, förderte sie ihre Staatskirchen und gesellte diesen weitere hinzu: „Ich bin davon überzeugt, dass die Theologien der drei großen Weltreligionen – des Judentums, des Islams und des Christentums – im Haus der Wissenschaft wichtig sind“,[1] sagte Schavan in ihrer Dankesrede zum Geiger-Preis. Die „drei großen Weltreligionen“ – wirklich? Naja, jedenfall in einem „Haus der Wissenschaft“, aus dem man Schavan gerade hinausgejagt hat, weil sie sich nichtmal an die einfachste Hausregel halten wollte, die Finger vom Tafelsilber zu lassen.

Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg

Aber wer wird schon anzweifeln, dass die Ausbildung von religiösen Predigern (gleich welches Glaubens) in staatliche Hand gehört? Derartige Zweifel könnten ja aufkommen, weil das Grundgesetz religiöse Diskriminierung verbietet, man aber bestimmte religiöse Zugehörigkeiten vorweisen muss, um sich zum religiösen Prediger ausbilden zu lassen. Das ist durchaus ein Alleinstellungsmerkmal der Theologie an den Universitäten – und gilt weder für Religionswissenschaften noch für Jüdische Studien. Die Leute vom Abraham-Geiger-Kolleg zweifeln jedenfalls nicht, sie glauben lieber. Schließlich sind sie voll mit dabei, wenn einer von Schavans Leuchttürmen auf ihren Grundmauern errichtet wird. Ende Mai 2012 hieß es:

„In Anwesenheit der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, wurde in Berlin feierlich das neue Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS) eröffnet. [Schavans Rede] Das ZJS ist ein Kooperationsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Abraham Geiger Kollegs und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien. Es wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den kommenden fünf Jahren mit 7,8 Millionen Euro für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Forschung auf allen Gebieten der Jüdischen Studien unterstützt.“[3]

Der Clou ist: Vier Universitäten und zwei An-Institute bekommen über fünf Jahre 7 Millionen Euro. Dafür bündeln sie die zahlreichen bisherigen Schwerpunkte im neuen ZJS, nämlich folgende: Die „kulturwissenschaftlichen, judaistischen und theologischen Schwerpunkte“ von HU und FU Berlin, das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, die Potsdamer Ausbildung von Rabbinern und Kantoren und den dortigen Studiengang Jüdische Studien,[4] sowie das Moses-Mendelssohn-Zentrum, das selbst bereits „historische, philosophische, religions-, literatur- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung“[5] zu betreiben beansprucht.

Diese Vielfalt an Themen, Institutionen und Finanzierungsstrukturen wird also vom ZJS überbaut, so dass in fünf Jahren im Optimalfall ein gemeinsamer Leuchtturm steht, der dann entweder abgerissen oder neu finanziert werden muss. Nicht zufällig ist von berlin-brandenburgischer Fusion die Rede, deren Gegenstück die Synergien sind, die Einsparungen versprechen. Die nächsten Einsparungsrunden im Bildungssystem – vor allem klammer Länder wie Brandenburg und Berlin – kann man sich schon gut ausmalen: Hier und da lässt sich sicher etwas kürzen – schließlich gibt es ja das ZJS, das die Jüdischen Studien in Berlin-Brandenburg erhält. Sogar so ließe sich argumentieren: Wir müssen sparen, aber in der protestantischen oder katholischen Theologie können wir nichts wegstreichen, auch wenn es kaum Interessenten gibt – schließlich gibt es ja das ZJS, das die Jüdischen Studien in Berlin-Brandenburg erhält.

Was für Jüdische Studien?

Doch wird da binnen fünf Jahren überhaupt ein gemeinsamer Leuchtturm zusammenwachsen? Warum soll denn ein Zentrum für Antisemitismusforschung die besondere Nähe der Jüdischen Studien suchen? Soziologie, Kulturwissenschaft und Geschichte sind doch viel näher dran. Oder was will das Institut für Judaistik an der FU Berlin mit der Ausbildung von Rabbinern und Kantoren anfangen? Es entstand durch das Engagement Adolf F. Leschnitzers, eines deutsch-amerikanischen Emigranten, der von 1952 bis 1972 in jedem Jahr zeitweilig als Gastprofessor (ab 1955 als Honorarprofessor) in Berlin lehrte, und zwar zur Geschichte der deutschen Juden.

Auch die heutigen Judaistik-Professoren dort haben mit theologischen Fragen wenig zu tun – außer man glaubt, dass die Beherrschung des Hebräischen einen automatisch zum Tora-Lehrer (Rabbi) macht. In Schavans Kreisen, wo das Hebraicum Teil des Theologiestudiums ist, glaubt man das vielleicht wirklich, denn inwiefern es sich bei Antisemitismusforschung und deutsch-jüdischer Geschichte um Fächer handelt, die zur „Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften“ gehören, erschließt sich ansonsten nicht.

Von den ZJS-Kooperationspartnern waren nur die Potsdamer Jüdischen Studien und ihre dortigen Ableger, das Moses-Mendelssohn-Zentrum und das Abraham-Geiger-Kolleg zuvor wirklich miteinander verbunden. Aber das Herzstück des ZJS dürfte das „Kollegium Jüdische Studien“ der HU Berlin sein, das nun im ZJS aufgegangen ist und eigentlich alle Themen des ZJS bereits in seinen ausufernden „Forschungsschwerpunkten“ aufzählte: Das kulturwissenschaftliche „Kollegium“ erforschte nach eigenen Angaben die „geistige, politische und wissenschaftliche Kultur in Deutschland, die“ etwa  „in den Werken von […] Albert Einstein […] und […] Rosa Luxemburg […] ihren Ausdruck fand.“ Wollten die damit sagen, Einstein habe eine irgendwie „jüdische“ Physik betrieben, oder Luxemburg einen „jüdischen“ Sozialismus propagiert?

Vielleicht ist es ganz gut, dass es dieses schwammige „Kollegium“ nicht mehr gibt. Warum nun aber ausgerechnet seine Leiterin, die im besten Pensionierungsalter befindliche „Kulturwissenschaftlerin, Gender-Theoretikerin, Hochschullehrerin, Autorin und Filmemacherin“ aus „einer alten schlesischen Adelsfamilie“, Christina von Braun, die Leitung des ZJS übernehmen sollte, wissen wohl nur Insider. Darüber hinaus scheint die wechselseitige wissenschaftliche Wertschätzung der so verschiedenen am ZJS zu beteiligenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch nicht zu einem messbaren Ausdruck gelangt zu sein. Aber der Vorfreude auf die millionenschwer initiierte Kooperation muss das ja keinen Abbruch tun.

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

Doch zurück zum Abraham-Geiger-Preis: Den erhält Schavan auch für „den Aufbau des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerkes (ELES) zur Förderung begabter jüdischer Studenten“.[1] Toll! Neben dem Evangelischen Studienwerk Villigst und dem katholischen Cusanuswerk, aus dem Schavan offenbar einen Großteil ihres Netzwerkes mitgebracht hat, können dann auch jüdische Studierende Stipendien erhalten, wenn sie vom ELES ausgewählt werden. Stipendien für jüdische Studierende? Was ist denn mit Stipendien für buddhistische Studierende? Schon wieder religiöse Diskriminierung? Das verbietet wie erwähnt das Grundgesetz, und so erklärt ELES: „Bewerbungen von nichtjüdischen Stuierenden[sic] sind möglich.“[6] Das gilt formal auch für die anderen Studienförderungswerke, deren Stipendien das BMBF bezahlt (2011 über 168 Millionen Euro).[7]

In der Praxis sieht das jedoch anders aus: „Gesellschaftliches Engagement“ verlangen die Studienwerke formal. Das bedeutet dann regelmäßig – nach Insiderangaben in den vergangenen Jahren stark zunehmend – konkret: sozialdemokratisches Engangement (SPD-Parteibuch) bei der FES, liberales Engagement (FDP-Parteibuch) bei der FNS, christdemokratisches Engagement (CDU-Parteibuch) bei der KAS, kirchliches Engagement (Gemeindehelfer u.ä., natürlich bei der „richtigen“ Gemeinde) bei den konfessionellen Studienwerken usw.

Das BMBF zahlt also 12 sogenannten Vorfeldorganisationen Geld zur Indoktrinierung Studierender in ihrem Sinne – und hat das Ausmaß dieses Engagements in der Ära Schavan mehr als verdoppelt. Das entspricht Schavans Vorstellung von Elite: Es geht weniger um „Leistung“ (was auch immer das sei), sondern vielmehr darum, fest in die ideologische Schulung und persönliche Netzwerkbildung einbezogen zu werden, die ein enges Band zwischen den späteren Funktionären verschiedener gesellschaftlicher Subsysteme webt und auf diesem Weg Herrschaftskritik effektiv verhindert.

Nun also auch ein staatlich finanziertes jüdisches Elitenetzwerk. Das kann man gut finden, der religiösen Gerechtigkeit wegen. Oder schlecht, denn die größte religiöse Gruppe in Deutschland hat ja kein eigenes Studienförderwerk: Die Konfessionslosen. Ebenso fehlt es der größten politischen Partei an einer entsprechenden Vorfeldorganisation: Den Politikverdrossenen.

Die jüdisch-theologische Fakultät

Leiter des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerkes ist übrigens der Rabbiner und Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs Walter Homolka, dessen Wikipediaartikel als Sinnbild für Ämterhäufung stehen kann. Und damit geht es wieder zurück zum Abraham-Geiger-Preis für Annette Schavan: Den erhält sie schließlich auch dafür, dass sie „Pläne“ unterstützte, die auf dem ZJS aufbauen, aber noch nicht in trockenen Tüchern waren (und sind), etwa den Plan für eine „Potsdam School of Jewish Theology“, mit der „erstmals eine jüdische theologische Einrichtung in Deutschland universitär verankert sein und ‚auf Augenhöhe‘ mit katholischen und evangelischen Fakultäten agieren können“[1] soll.

Oh, also eine jüdisch-theologische Fakultät auf Augenhöhe mit den christlich-theologischen Fakultäten? Das ist einigermaßen überraschend. Denn in Potsdam gibt es gar keine theologische Fakultät. Wofür auch? Mehr als drei Viertel der Brandenburger sind in keiner Religionsgemeinschaft Mitglied, der Anteil der größten religiösen Gruppe, der Protestanten, ist nur halb so groß wie im Bundesdurchschnitt.[7] Wie es um die religiösen Fächer an der Uni Potsdam steht, schildert Wikipedia so:

„Die Philosophische Fakultät besteht aus den Instituten für Religionswissenschaft, Jüdische Studien, Philosophie, Geschichte, Klassische Philologie, Germanistik, Anglistik und Amerikanistik, Romanistik, Slavistik sowie Künste und Medien.“[8]

Zwei Uni-Institute unter vielen, Ausrichtung wissenschaftlich, nicht religiös, keine Priesterweihe vorgesehen, auch keine konfessionsgebundenen Religionslehrer, sondern Ausbildung für das Schulfach „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“. Aber auch ohne göttliche Erleuchtung lassen sich Prophezeiungen machen: Etwa die, dass eine eigene jüdisch-theologische Fakultät dazu führen dürfte, dass auch christlich-theologische Fakultäten geschaffen werden. Deren Zweck könnte man in Brandenburg freilich nur mit „zur Heidenmission“ bezeichnen. Nicht ganz zufällig nannte man die Überlegungen zur Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät auch ein „Gerangel“.[9]

Ein historischer Moment

Denn die Einrichtung bekenntnisgebundener Professuren war im Land Brandenburg bislang rechtlich nicht möglich. Damit fehlte aber eine unabdingbare Voraussetzung für die Einrichtung theologischer Fakultäten, die es in ganz Brandenburg nicht gibt. Eine Initiative für eine entsprechende Gesetzesänderung hätte im so kirchenfernen (böse Zungen sagen: gottlosen) Brandenburg, regiert von SPD und Linkspartei, jedoch kaum eine Chance gehabt. Außer, ja, außer wenn es um jüdische Theologie geht. Denn wer kann schon etwas gegen jüdische Theologie haben? Oder besser gesagt: Wer will schon öffentlich gegen jüdische Theologie votieren?

Und so kam es am Tag nach der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises an Annette Schavan, am 20. März 2013, im brandenburgischen Landtag zu einem „Historischen Moment“ (so die Märkische Allgemeine), einer „historischen Weichenstellung“ (so die Wissenschaftsministerin), einer „historische[n] Entscheidung“ (so die religionspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion). (Dagegen war nur die CDU, der das ganze nicht christlich genug war. „Zugleich bekannte sich die CDU zur Institutionalisierung der jüdischen Theologie.“ Ist klar.)

Keiner von ihnen sagte aber, dass das Historische am „Zweiten Gesetz zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes“ ist, dass damit die „Bedingungen für eine theologische Ausbildung an staatlichen Hochschulen“ geschaffen werden, indem die jeweilige „kooperierende Kirche oder Religionsgemeinschaft“ weitgehende Rechte zur Ausrichtung der (grundgesetzlich als frei garantierten) Hochschullehre erhält. Insbesondere kann die jeweilige Religionsgemeinschaft bestimmen, wer Professor wird – oder bei häretischen Ansichten wieder rausfliegt:

So heißt es in der Rechtsfolgenabschätzung des Gesetzentwurfs, er diene der „Rechtfertigung von Grundrechtseingriffen“, da er den im Grundgesetz (Artikel 33 Absatz 2) garantierten „gleichen Zugang zu jedem öffentlichen Amte“, der sich nur nach „Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung“ richte, durch die Bindung an den Willen der Religionsgemeinschaft ebenso einschränke wie „die Lehrfreiheit von Lehrstuhlinhabern (Artikel 5 Absatz 3 Satz 1 GG) durch die Bekenntnisbindung des Lehrstuhls“. Der Weg für die jüdisch-theologische Fakultät ist damit frei, die Hälfte der Professuren soll aus dem Bundeshaushalt finanziert werden.

Und dann können auch die christlichen Theologien kommen. Denn im neuen Paragraph 7a des Brandenburgischen Hochschulgesetzes „Theologische Ausbildung an staatlichen Hochschulen“ kommt das Wort „jüdisch“ natürlich nicht vor. Ob die neue Bundesbildungsministerin, die 2000-2009 ja in Brandenburg das Bildungsressort leitete, da nicht zum religiösen Ausgleich beitragen mag, indem sie auch ein paar Professuren für evangelische Theologen beisteuert? Der Zug für die 3,1% brandenburgischen Katholiken ist aber wohl mit der katholischen Bildungsministerin abgefahren.

Der Streit der Fakultäten

Die vernetzten Funktionäre aus den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen sähen so gerne rasche Ergebnisse in der Einrichtung theologischer Fakultäten. Dafür veranstalten sie sogar extra Tagungen mitten in Berlin. Zum Beispiel im April 2012, rund eine Woche vor Beginn der Plagiatsaffäre Schavan: „Wozu Theologie? Eine wissenschaftliche Konferenz über Ort und Aufgabe der Theologie an der Universität. Kann die Theologie als Wissenschaft verstanden werden? Was ist ihre Aufgabe und wo gehört sie hin?“[10]

Die einzige theologische Fakultät in ganz Berlin und Brandenburg lädt ein, ihre eigene Wichtigkeit zu diskutieren. Und als Stargast: „Im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung wird Bundesministerin Prof. Dr. Annette Schavan zum Thema der Konferenz Stellung nehmen.“[10] Wie ihre Stellungnahme aussah, kann man sich lebhaft vorstellen, nämlich mindestens so fromm wie bei der Gründung des ZJS einen Monat später:

„Für mich ist damit die Überzeugung [Credo] verbunden, dass einer modernen Gesellschaft mehr als materialistische und technokratische Konzepte [Kommunismus] zugrunde liegen. Gerade eine Gesellschaft, die sich durch eine wachsende religiöse Pluralität [Ungläubige] auszeichnet, muss auch fragen nach ihrem Selbstverständnis [Staatsreligion], den Grundlagen von Freiheit und Verantwortung [christliches Abendland] sowie nach Transzendenz [Gott]. Sie muss Raum schaffen für Antworten nach der Frage nach der Hoffnung [Jesus] und für die Bedürfnisse für die Weiterentwicklung religiöser Traditionen [Missionierung].“[11]

Die Tagung war der Abschluss eines dreijährigen Projektes der „Otto Warburg Senior Research Professur“ mit vier Konferenzen und mehreren Publikationen. Inhaber der „Otto Warburg Senior Research Professur“, federführend im Projekt, bei den Konferenzen und Publikationen, ist ein alter Bekannter: Ludger Honnefelder. Ein katholischer Priester verantwortete das Projekt „Bildung durch Wissenschaft oder die Idee der Universität“ und gab 2012 in diesem Rahmen das Buch „Kants ‚Streit der Fakultäten‘ oder der Ort der Bildung zwischen Lebenswelt und Wissenschaften“ heraus.

Die mit dem „Streit der Fakultäten“ gestellte Frage lautet: Welche Fakultät ist eigentlich die oberste an der Universität? Die Leitlinie des Buchs wird auf den Seiten 9-44 von drei Grußworten und einer Einführung vorgegeben. Die Autoren sind: Jan-Hendrik Olbertz (Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, vorher Leninismus), Annette Schavan (kath. Theologie), Christoph Markschies (ev. Theologie) und Ludger Honnefelder (kath. Theologie). – Bald darauf traten sie alle bekanntlich in der Plagiatsaffäre Schavan durch besondere Glaubensfestigkeit hervor.

Geschichte wiederholt sich – oder nicht?

Ist das nur die historische Einbildungskraft, oder dreht sich im Berlin-Brandenburg Annette Schavans wirklich der Staat, die Wissenschaft, die Schulbildung, einfach alles um die Religion – genau wie es Mitte des 19. Jahrhunderts aussah, als das Preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten noch von Johann Albrecht Friedrich von Eichhorn geleitet wurde, Sohn eines Hofkammerrats, Schwiegersohn des königlichen Hofpredigers und Oberkonsistorialrats, Freund Friedrich Schleiermachers?

Damals erhoffte man sich von Eichhorn Reformen. Doch dieser band die Volksschulen an die Kirchen, warf die Reformer raus und berief stattdessen religiöse Reaktionäre wie Friedrich Julius Stahl und F.W.J. Schelling (dessen Tochter er mit seinem Sohn verheiratete). Doch Eichhorn hatte auch ein Herz für Andersgläubige und richtetete erstmals eine Katholiken-Abteilung im Ministerium ein, natürlich nur, um auch die katholischen Untertanen unter die Knute des landesherrlichen Kirchenregiments zu zwingen, das eigentlich den Protestanten vorbehalten war.[12] Schavan hatte am Ende noch Glück: Eichhorn verlor sein Ministeramt 1848 wegen der Märzrevolution.

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12 Antworten zu “Mit der Theologie (k)ein Staat zu machen

  1. Reblogged this on Causa Schavan und kommentierte:
    Annette Schavan hat in Potsdam den Abraham-Geiger-Preis bekommen, und Erbloggtes liest uns vor, was auf dem Preisschild steht. Gegen eine millionenschwere Förderung jüdischer Theologie kann doch niemand etwas haben. Auch der brandenburgische Landtag nicht. Und dass dadurch im Lande Brandenburg ganz nebenher auch der Weg für eine christliche Theologie an der Universität frei gemacht wird – ooops! das haben die „Theologin“ Schavan und ihre Freunderln sicher erst hinterher gemerkt. Na, dann kann Weihnachten ja kommen.

  2. alleszuspaet

    „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;….“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Macht_hoch_die_T%C3%BCr
    und laßt „die Neueste Zeit“ herein, die uns unsere Geschichtslehrer ja schon in den 50ern versprochen haben. Aber leider werden unsere Nachfahren einmal sagen: „21. Jahrhundert? Finsteres Mittelalter mit Götzendienst allüberall“.
    Danke für das Öffnen dieser „Schatzkammer“ im „Sesam“, Stoff zum Lesen und Nachdenken für die nächsten Tage.

  3. Naja, so ist das eben: Die „Elite“ erfindet für sich selbst die verschiedensten Preise und Auszeichnungen, die sie sich gegenseitig verleiht – und wenn sie gnädig ist, lässt sie das Volk dabei als Zaungast zu, damit es angemessen applaudiert. Besonders schön unter diesen Ehrungen: Der Grünkohlkönig 2010 an Karl Theodor zu Guttenberg. Man könnte fast neidisch werden… NOT!

  4. Plaqueiator

    Liebes Erbloggtes,
    etwas mehr Demut ist angesagt!
    Universität ist nicht zweckfrei. Hättest du die angesprochene Abhandlung Kants gegenwärtig, wüsstest Du, dass die Ausbildung jeglichen akademischen Personals der Verwaltung des Staates dient, mit Betonung auf „Dienst“.
    Dabei ist auch heute noch beachtlich, dass die Philosophische Fakultät als artistische (zusammen mit den Naturwissenschaften) den vornehmsten (in Reihenfolge!) Wissenschaften Theologie, Jura und Medizin als Magd zu dienen hat.
    Dabei ist die Philosophie, als einzige der Wahrheit und nicht der Nützlichkeit verpflichtet, die niedrigste, und es ist mit Kant nur zu fragen, ob sie den anderen „die Schleppe hinterher oder die Fackel voran trägt“. An ihrem Stand ändert das wenig.
    Mithin hat es als vornehmste Pflicht der Obrigkeit zu gelten, diese Stützen der Gesellschaft zu fördern.
    Ein Rütteln an dieser Ordnung der Wissenschaften ist ein Rütteln an der Ordnung der Gesellschaft.

  5. alleszuspaet

    @Erbloggtes
    Zitat:
    „Aber wer wird schon anzweifeln, dass die Ausbildung von religiösen Predigern (gleich welches Glaubens) in staatliche Hand gehört?“
    Im konkreten Fall zweifle ich nicht. Da kann dann gleich das nötige medizinische Wissen für die erlaubte Kinderverstümmelung vermittelt werden. Zitat:
    „In den ersten sechs Lebensmonaten des Säuglings dürfen religiöse Beschneider den Eingriff vornehmen, solange sie ausgebildet sind.“
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-12/beschneidung-urteil-bundestag
    Zitat:
    „Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte, das Gesetz bedeute eine Rückkehr zur Normalität. …..Die Bundesregierung brachte daraufhin im Eiltempo einen Gesetzentwurf auf den Weg, um Rechtssicherheit zu schaffen. Dieser bekam nun eine deutliche Mehrheit im Parlament: 434 Parlamentarier votierten dafür, 100 dagegen, 46 enthielten sich. Auch Abgeordnete der Opposition trugen den Regierungsvorschlag mit.“
    Und was sagen nun die Kinderärzte dazu?
    http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/beschneidungsgesetz-kinderaerzteverband-aap
    Ach ja, was waren das noch für goldene Heidi-Zeiten, als Hundhammer die Körperstrafen unter Einschränkungen an den bayerischen Volksschulen 1947 wieder erlaubte, nachdem der heute links-grüne BLLV und viele Eltern dies forderten, und das sogar gegen den Willen der amerikanischen Militärregierung.😉 Anscheinend haben das damals auch viele Schüler begrüßt.
    Zitat:
    „Aber körperliche Züchtigungen werden leicht hingenommen. Als schwerste Strafen gelten, in der Sicht der Schüler, die Strafarbeit und das Nachsitzen. Nachsitzen verabscheuten besonders 25 Prozent der Buben und 24 Prozent der Mädchen; Straf arbeiten 34 Prozent Buben und 15 Prozent Mädchen: „Beim Nachsitzen und bei den Strafarbeiten geht uns Freizeit verloren, und das ist am allerschlimmsten.““
    http://www.zeit.de/1964/29/dann-doch-lieber-watschen
    Aber ich höre jetzt auf, um „Plaqueiator“ nicht wieder zum „Klassenkampf“ zu provozieren.🙂

  6. Pingback: Links von 19.03.2013 bis 24.03.2013 | Mythopoeia 2.0

  7. alleszuspaet

    Eigenzitat von oben:
    „…und laßt “die Neueste Zeit” herein, die uns unsere Geschichtslehrer ja schon in den 50ern versprochen haben. Aber leider werden unsere Nachfahren einmal sagen: “21. Jahrhundert? Finsteres Mittelalter mit Götzendienst allüberall”.
    Heute gefunden:
    http://tagesschauder.blogger.de/stories/2229271/

  8. Ich hänge ja seit langem Habermas‘ These von der Refeudalisierung der Öffentlichkeit an. Und in der Tat: Wenn die weltliche Herrschaft wieder zum Schauspiel vor den Augen der Untertanen wird, dann muss die geistliche Herrschaft ebenfalls wiedererstarken. Wie sollte man sonst den Theaterdonner als Naturgewalt verstehen lernen?

  9. alleszuspaet

    Wobei ich den Unterschied zwischen weltlicher und geistlicher Herrschaft nicht mehr erkennen kann.

  10. Letzte Woche auf dem Planeten der Affen:
    „… Dr. Zaius, Wissenschaftsminister und Hauptverteidiger des Glaubens.“

    Erinnerte stark an die ehemalige Wissenschaftsministerin hier.
    Allerdings wollte Zaius eigentlich nur die Affen vor den kriegerischen und egoistischen Menschen beschützen.

  11. Pingback: Dr. Annette Schavan: Kandidatin für Ministerposten | Erbloggtes

  12. Pingback: Jüdische Weltverschwörung, Abteilung für Plagiatsverfahren | Erbloggtes

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