Stoersender.tv gestartet

Erheitertes Publikum trotz der Schlechtigkeit der Welt kann man erwarten, wenn Dieter Hildebrandt als Anchorman einer neuen Satiresendung auftritt. Die Boarische Wikipedia weiß über ihn:

„Bekannt is a ois oana vo de Grinda vo da Münchner Lach- und Schießgesellschaft und mit da Fernsehsendung Scheibenwischer worn. Bis heit is a ois Kabarettist, Schauspuia und Autor aktiv. Ea wead ois oana vo de wichtigstn Kabarettistn in da deitschen Gschicht eingschätzt.“[1]

Heute wurde Episode 1 seines neuen Projektes Stoersender.tv veröffentlicht. Wie zu erwarten handelt es sich um bissige Politsatire, diesmal ist sie jedoch noch etwas bissiger als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen üblich möglich.[2] Denn die Sendung ist durch Crowdfunding finanziert, das heißt, über 3000 Unterstützer haben bis jetzt insgesamt 153.114 Euro zusammengeworfen und damit die geplanten Produktionskosten von 125.000 Euro noch deutlich übertroffen. Dafür bekommen sie 20 Folgen zu je 30 Minuten Störfunk – das heißt, eigentlich bekommt die ganze Öffentlichkeit den Störfunk, die Finanziers nur drei Tage früher und mit teils lustigen Extras.[3]

Doch nun zur 1. Ausgabe des Formats, deren Thema „Finanzkasinokapitalismus“ ist:

Inhalte

Mit dem subversiven Gehalt ihres Titels spielt die Satiresendung, wenn sie in der Eröffnungssequenz etwa ein Goldmann-Sachs-Transparent im Bundestag entrollt oder in Piratensendermanier das Fernsehprogramm manipuliert. Weitere Programmpunkte (mit Link zur jeweiligen Stelle):

  • Einen klassischen Kabarett-Monolog steuert Dieter Hildebrandt bei (3:05).
  • Kabarettist HG. Butzko erzählt ein sehr hörenswertes Märchen über den Schattenmann Staatssekretär Jörg Asmussen (6:45).
  • Der Rechtsanwalt Hans Scharpf erläutert seinen Verdacht, dass Banken ungesetzlich Geld verleihen, das sie gar nicht haben – einfach indem sie es die Kreditsumme als Buchgeld in den Computer eintragen (13:00) – was Hildebrandt nochmal kommentiert (20:55).
  • Der Erfurter Professor für Finanzwissenschaft und Finanzsoziologie Helge Peukert erklärt das Konzept einer postautistischen Ökonomiebewegung (24:29).
  • Skizze des Dekolletés von Angela Merkel, ohne Brustwackeln

    Szenenfoto aus Weckers Ode an Merkel

    Liedermacher Konstantin Wecker fragt sich in einem musikalischen Comic-Videoclip, warum er die Bundeskanzlerin liebt (26:27). Ihr Lächeln allein könne es nicht sein, findet er, und etabliert mit wenigen Strichen und geschicktem Schattenwurf ein ikonisches Porträt (rechts im Bild). Erklärungen für die Liebe zur Kanzlerin erbittet Wecker auch vom Publikum (einzusenden an merkel@stoersender.tv), und will mit einer Reihe satirischer Liebeserklärungen eine Flugblattaktion machen. Für das Comic-Format seines Musikvideos böte es sich geradezu an, die Kanzlerin nicht zuletzt deshalb zu lieben, weil sie die erste deutsche Regentin ist, deren die Untertanen vollständig unbekleidet ansichtig werden konnten: Seit neuestem kursiert ein Jugendfoto vom (in der DDR obligatorischen) FKK-Baden im Netz.

  • Ein recht einfach zu produzierendes Format von Stoersender.tv ist Merkels neues nordkoreanisches Presseteam, mit deutschen Untertiteln unterlegte nordkoreanische Propagandasendungen (30:47).
  • Aufwändiger ist da schon die amüsante Comic-Ansprache der Bundeskanzlerin: „Wie müssen wir abstimmen, damit die Finanzmärkte nicht erschrecken?“ (32:20)
  • Ins Blut geht eine moderne Adaption von Bert Brechts Moritat von Mackie Messer („Harry Hedgefonds), die der Kabarettist Ecco Meineke mit der Münchner Jazz Big Band Association eindrucksvoll in Szene setzt (33:10).
  • Mit dabei ist auch der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied mit einer provozierenden Nummer, in der er einen Osterhasen erschießt (37:38), was man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wahrscheinlich nicht zeigen würde.
  • Durchs Programm führt neben Hildebrandt Stefan Hanitzsch, der die Redaktionsleitung inne hat und als Startnext-Verantwortlicher wohl auch sowas wie der Produzent von Stoersender.tv ist. Hanitzsch ist für den 85jährigen Hildebrandt offenbar der Junge aus der Nachbarschaft, da sein Vater, der Karikaturist Dieter Hanitzsch (der ebenfalls mitwirkt), in München ganz in seiner Nähe wohnt.[2]

Fazit

Stoersender.tv hat durchaus das Potential, subversives politisches Kabarett bis an die Schmerzgrenze einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Befassung mit einem Oberthema – hier Finanzkasinokapitalismus – verbindet den traditionellen gesellschaftskritischen Unterhaltungsaspekt des politischen Kabaretts mit einem Bildungsanspruch.

Das Ansehen der Sendung lenkt den Blick nicht zuletzt auf die Frage, welche Beschränkungen der Kunst-/Presse-/Meinungsfreiheit eigentlich durch die sonst fernsehanstaltvermittelte Produktion von Kabarettsendungen errichtet wurden: Der Eindruck, dass die Macher von Stoersender.tv die öffentlich-rechtlichen Scheren in ihren Köpfen abschalten konnten, und bloß die gesetzlichen Scheren in den Köpfen übrig blieben, ist nicht von der Hand zu weisen. Man darf gespannt sein, ob dies 20 Folgen lang durchzuhalten ist.

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7 Antworten zu “Stoersender.tv gestartet

  1. Pingback: Umleitung: keine Aprilscherze, sondern wie stets Medien, Politik und Kultur … beinahe humorlos. | zoom

  2. Eigentlich empfinde ich ja alle Fernseh- und Radiosender als Störsender, insofern stört mich ein weiterer im Netz nicht sonderlich, warum man aber Scheintote der 50er wieder ausgräbt, erschließt sich mir nicht. Ansonsten bin ich sowieso der Meinung, daß heutzutage die Originalaussagen eines Großteils von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und sonstigen Menschen, die sich für wichtig halten, derart satirisch-kabarettistisch-komisch sind, daß man getrost auf gelernte Kabarettisten verzichten kann.
    Außerdem meine ich, wenn schon links, dann richtig.
    http://www.das-zob.de/tag/stefan-hanitzsch/

  3. Ich denke, man muss mit Störsender.tv zeigen, unter welchen Produktionsverhältnissen massenhafte Bewusstseinsproduktion realisierbar ist. Geht es nur
    – staatlich kontrolliert im ÖRR oder
    – werbewirtschaftlich kontrolliert auf den Privaten?
    Es ist zu hoffen, dass hier eine dritte Möglichkeit etabliert werden kann. Daher bin ich geneigt, die Vorwürfe auf das-zob.de wegzuwischen, bis auf zwei:
    1. „wahlhilfe fuer die spd mit usergeldern, die sich auf engagierten journalismus und knallhartes kabarett freuten?!?“ – Natürlich, die Gefahr besteht beim Ex-PR-Mann der SPD und dem Ex-Hauskabarettisten der SPD. Das wäre das Peerblog, nur von unten finanziert. Wobei man fragen kann, ob Beiträge wie 4x 2.222,00 € und 1x 9.999,00 € noch von unten kommen, oder dann doch eher steinbrücksche Dimensionen annehmen. Für die SPD werben kann man als politischer Kabarettist (als dessen Geschäft ich die politische Kritik mit comic relief ansehe) jedoch nicht mehr guten Gewissens. Und sollte sich das in künftigen Folgen irgendwie andeuten, dann wird man wohl annehmen müssen, dass das Projekt nur zeigen konnte, dass unter den Produktionsverhältnissen von Volkspartei-Wahlwerbung auch Internetfernsehen möglich ist. (Ich halte das noch nicht für ausgemacht.)
    2. Die unter „Update“ vermerkte Kürzung der Sendung um ca. 10 Minuten (ich kann bestätigen, dass es in Ankündigungen hieß, die Pilotfolge sei 50 Minuten lang) ist empörend, was auch immer die Hintergründe sein mögen. Da kann man auch gleich Programm in der ARD machen, und der BR klinkt sich dann eben aus, wenn die Inhalte ihm nicht passen.
    Danke jedenfalls für den Hinweis auf die zob-Kritik!

  4. Pingback: Links von 24.03.2013 bis 05.04.2013 | Mythopoeia 2.0

  5. Zufallsleser: da steht bis dato „3 Antworten zu Stoersender.tv gestartet“ – sichtbar sind aber nur zwei, was stand denn in der Ersten, auf die alleszuspaet offensichtlich Bezug nimmt?

  6. @Zufallsleser [und ich dachte, man läse mit Absicht ;-)]
    Das „Pingback“ von zoom wird als erste Antwort gezählt. (Der neue Pingback von Mythopoeia 2.0 dann als vierte Antwort.)

  7. Zufallsleser: Danke sehr. Wieder was gelernt.

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