Von Modellen und Reduktionen

Erklärt es sich nicht von selbst, was in Blogartikeln so zu lesen ist, so stellt das Nachfragen eine Möglichkeit dar, das Medium Blog abweichend von unidirektionalen Medien zu nutzen. Wenn in Kommentaren gegebene Erläuterungen länger und länger werden, muss man sie zuweilen als eigenen Artikel behandeln. Gestern ging es hier um Freundschaft, um die populärwissenschaftliche Darstellung sozialpsychologischer Forschungsergebnisse – und um die Freundschaft des Androiden Data zu anderen Offizieren des Raumschiffs Enterprise.

Der geschätzte Blogger Almasala fragte kritisch nach, wie es um den Erkenntniswert von Modellen und Maschinen bestellt sei, und schlug für den Bereich der Atomphysik vor:

„Keines der Modelle hat den Anspruch sämtliche Eigenschaften der Materie vollständig zu erfassen und keines der Modelle kann das. Man beobachtet die Natur, baut ein Modell und dann schaut man, ob sich die Natur auch so verhält, wie das Modell beschreibt.“[1]

Seine Frage, ob in der Erforschung von Freundschaft Modelle so eingesetzt würden wie in der Physik, ob sie also Freundschaft vereinfacht abbilden und so bestimmte Eigenschaften zu beschreiben ermöglichen, erfordert längeres Ausholen:

Modelle in der Physik beanspruchen, die wesentlichen Eigenschaften des Modellierten zu erfassen. Das sind insbesondere solche Eigenschaften, die sichtbar sind, sich messen lassen, und denen Kausalitätsverhältnisse mit anderen Phänomenen zugeschrieben werden. Die Kausalität ist auch der wichtigste Aspekt beim Nachbau von Modellen als Maschine: Wenn die Maschine funktioniert, gilt die Richtigkeit der im Modell angenommenen Kausalbeziehung als erwiesen.

Von der Physik zur sozialen Physik

Daraufhin kann man Modell und Nachbau noch verbessern oder weiter verfeinern, so dass sie mehr Eigenschaften des Modellierten berücksichtigen. Dieses Wissenschaftsideal (im Artikel auf Francis Bacon zurückgeführt) enthält die Aspekte des Gehorsams (Orientierung an der Natur, Diener) und des Befehls (Beherrschung der Natur, Herr). Etwas erfolgreich tun zu können ist Erkenntnisziel und Erkenntniskriterium zugleich. Kritik an diesem Wissenschaftsideal lässt sich beispielsweise unter dem Stichwort Machbarkeitswahn formulieren: Nicht alles, was mit den Erkenntnissen der Physik machbar ist, sollte auch gemacht werden. Aber damit es als Erkenntnis in dem beschriebenen Sinne gilt, müsste es zunächst gemacht werden, sonst ist ja unsicher, ob es funktioniert.

Diese Art von Kritik betrifft natürlich auch andere Wissensbereiche, ob nun Biologie oder Sozialwissenschaft. Voraussetzung für solche Kritik dürften die Existenz von Experimenten und einem starken Anwendungsbezug im entsprechenden Feld sein. Hinsichtlich eines sozialwissenschaftlichen Themas wie Freundschaft ist aber noch ein weiterer Aspekt zu berücksichtigen, der in der Physik wohl nicht so zutrifft: Die wesentlichen Eigenschaften von sozialen Phänomenen sind nicht solche Eigenschaften, die sichtbar sind, sich messen lassen, und denen in gleicher Weise Kausalitätsverhältnisse mit anderen Phänomenen zugeschrieben werden.

Sozialwissenschaft als soziale Physik (physique sociale) anzusehen war bei Auguste Comte mal groß in Mode. Dessen Positivismus enthielt bereits ausgefeilte Vorstellungen von Sozialtechnologie, also des Einsatzes sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse und Experimente zur Schaffung einer perfekten Gesellschaft (ein interessanter Artikel über Social Engineering kommt leider völlig ohne Verweis auf das große Vorbild aus, dabei begründete Comte sogar eigens eine atheistische Religion, den Comteismus, um „Ordnung und Fortschritt“ zu garantieren). Solche Tendenzen sind heute keineswegs tot. Doch die Schäden, die sozialer Machbarkeitswahn bis in die 1960er Jahre angerichtet hat, haben ihn nachhaltig desavouiert, so dass derartiges nicht mehr offen diskutiert wird.

Vom Positivismus zum Reduktionismus

Wenn man heute Sozialwissenschaft nach dem Vorbild der Physik betreibt, reduziert man den Gegenstandsbereich sozialwissenschaftlicher Forschung auf ein Zerrbild der Wirklichkeit. Dass menschliche Körper aus Atomen bestehen, bedeutet nicht, dass sie sich auch verhalten wie Atome, oder (sinnvoll) untersuchen lassen wie Atome.

Oppenheim-Putnam-Schema, Grafik von David Ludwig, CC-BY-SA

In der Wissenschaftstheorie nennt man diese Vorstellung, soziale Phänomene ließen sich auf biologische Phänomene reduzieren, die sich auf chemische Phänomene reduzieren ließen, die sich letztlich auf die Physik von Elementarteilchen reduzieren ließen, Reduktionismus. Es handelt sich um eine recht beliebte wissenschaftstheoretische Position. Die Kritik der Frankfurter Schule an einer verabsolutierten Mechanisierung und Verfügbarmachung der Welt durch ein unreflektiertes Reduktionismusprogramm ist jedoch triftig. Die moderne Wissenschaftsauffassung in der Tradition von Francis Bacon, den Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung zu Beginn des Aufsatzes über den „Begriff der Aufklärung“ seitenlang zitieren, führte eben über den auf Comte gestützten Positivismus bis hin zum Reduktionismus, klassisch formuliert 1958 von Paul Oppenheim und Hilary Putnam.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass neben solchen gesellschaftskritischen Einwänden gegen (starken) Reduktionismus auch die Einwände des antirealistischen Pluralismus schwerwiegend sind: Es gibt verschiedene Beschreibungen der Welt. Doch das Seiende an sich wird davon nur beschrieben, nicht reproduziert – es bleibt unverfügbar. Schwächerer Reduktionismus in Konsensformeln wie der, Reduktionismus sei bloß ein anzustrebendes Idealbild, das von menschlicher Forschung aber nie erreicht werden könne, erscheint hingegen akzeptabel.

Zurück zur Freundschaft

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar! … Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche.

In vielen Sozialwissenschaften gibt es heute starke naturwissenschaftlich orientierte Strömungen. Man könnte sie auch an Positivismus und Reduktionismus orientiert nennen. Von Ferne betrachtet scheint es so, dass diese Strömungen ihre Praxis seit dem Positivismusstreit nicht mehr grundsätzlich kritisieren lassen. Experimente und Messungen, wie sie in den skizzierten Freundschaftsforschungen vorgestellt wurden, sind so selbstverständlich, dass ihr Sinn gar nicht mehr reflektiert erscheint. Über Freundschaft ist das jedoch – so lautete ja in etwa die Ausgangsthese – bestenfalls nichtssagend, schlimmstenfalls entstellend.

Glücklicherweise gibt es auch in den modernen Sozialwissenschaften Tendenzen, solche starken Strömungen nicht sich selbst zu überlassen, sondern wieder mit qualitativer Forschung zu verknüpfen und so in den Bereich des kooperativen Erkenntnisstrebens zurückzuholen. Diese Art der Neuerrichtung von freundschaftlichen Beziehungen zwischen auseinandergedrifteten Wissenschaftsbereichen nennt man Triangulation. So einfach modellierbar wie die Triangulation in der Landvermessung ist sozialwissenschaftliche Triangulation jedoch nicht.

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Eine Antwort zu “Von Modellen und Reduktionen

  1. Wenn ich eine bestimmte Eigenschaft von Freundschaft nachbauen möchte, kann ich auch nicht-reduktionistisch vorgehen, wobei mit reduktionistisch hier die Reduktion auf Elementarteilchen gemeint ist.

    Zunächst einmal lege ich fest, was diese Eigenschaft genau leistet. Dann versuche ich das algorithmisch zu beschreiben. Ich frage mich, was ist der Input, was soll der Output sein und wie kann ich den Input so transformieren, dass ich den gewünschten Output erhalte. Dann wäre das meine maschinelle Rekonstruktion eines bestimmten Aspekts der Freundschaft, ohne dabei einen reduktionistischen Ansatz zu verwenden.

    Als nächstes prüfe ich, ob die Maschine dann auch das leistet was sie leisten soll. Natürlich habe ich dabei der Maschine vorher Informationen gegeben, die sie am Ende auch wieder ausgeben soll. Der Knackpunkt ist, wie die Transformation von In- und Output aussieht. Ist diese trivial oder ist sie sehr komplex, so dass dann doch nicht immer das herauskommt, was man vorgegeben hatte.

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