Kristina Schröder und das Gott der Germanen

Erhellte Sprachkritik die Schwärze, als Kristina Schröder in der Vorweihnachtszeit 2012 erklärte, man könne statt „der Gott“ genauso gut auch „das Gott“ sagen, und das bringe sie auch ihren Kindern bei? Zunächst brach vielmehr ein Entrüstungssturm über sie herein. Die offenbar für die Kindererziehung zuständigen Unionspolitikerinnen Christine Haderthauer und Katherina Reiche, sowie Großväterchen Norbert Geis beharrten auf überlieferten Gottesbildern und machten gar linke Political Correctness für Schröders sprachpolitischen Veränderungswillen verantwortlich (mehr dazu im Sprachlog).

Genau hieß es im Interview, so wie das BMFSFJ es online vorhält:

Frage: Wie erklärt man einem kleinen Mädchen, das [Anmerkung: Es ist nicht das Ministerium für Rechtschreibung. Erbloggtes] alle zu DEM lieben Gott beten, nicht zu DER Gott?
Dr. Kristina Schröder: Ganz einfach: Für eins musste man sich entscheiden. Aber der Artikel hat nichts zu bedeuten. Man könnte auch sagen: Das liebe Gott.[1]

Erbloggtes schlussfolgerte damals messerscharf:

„Sie liest, statt des […] Feuilleton, lieber in diesem Internet, wo die Leute alle durcheinander reden. […] Und da muss sie dann mal auf Erläuterungen zu diskriminierender Sprache gestoßen sein. Glückwunsch, Sprachlog, zum Erfolg Deiner unermüdlichen Bildungsarbeit! Du hast damit offenbar auch Schichten erreicht, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte.“[2]

Doch neue Funde sind geeignet, Zweifel an dieser vorschnellen Deutung zu wecken. Denn „Das Gott“ ist ursprünglich der Titel eines Werkes von Friedrich Murawski:

  • Friedrich Murawski: Das Gott. Umriß einer Weltanschauung aus germanischer Wurzel. Fritsch, Berlin 1940 (79 S.).[1]

Das Büchlein erfuhr mindestens fünf Auflagen während des Zweiten Weltkrieges, und mindestens zwei Neonazi-Ausgaben in den 1980ern und 1990ern. Der Osnabrücker Bischof entband den fanatischen Nazi Murawski 1934 von seinen geistlichen Ämtern, dieser machte daraufhin als Mitglied von NSDAP, SA, SS, SD und RSHA Karriere. Im erwähnten Buch, 1946 auf der Liste der auszusondernden Nazi-Literatur in der SBZ, stellte er „Der Gott“ als jüdisch und „Das Gott“ als germanisch einander gegenüber:

„‚Der Gott‘ ist es, der von den Kirchen in ihrer Religion in den Mittelpunkt gestellt wird: das Bild dieses persönlichen Gottes wird ausschließlich aus einer Sammlung jüdischer Bücher entnommen“. Man solle seine „Weltanschauung nicht auf bloße orientalische Behauptungen bauen, die im Charakter in manchem mit den Märchen aus 1001 Nacht übereinstimmen. […] Folglich ist auch ‚der Gott‘, der aus den jüdischen Büchern abgeleitet wird, ein Gedankengebilde der jüdischen Seelenhaltung. ‚Jahweh‘ (so heißt der Gott der Juden) […] ist die jüdische Weltanschauung! Und deshalb ist auch ‚der Gott‘ des Christianismus nichts anderes als ‚jüdische Weltanschauung'“.

Murawski wollte also weg vom Judengott und Christengott. Und wo fand ein SS-Hauptsturmführer seine „Weltanschauung“? Natürlich bei den Germanen:

„‚Das Gott‘ heißt es im alten germanischen Sprachgebrauch, und die männliche, persönliche Bezeichnung ‚der Gott‘ ist erst durch den Christianismus infolge seiner ganz andersartigen Grundanschauung eingeführt worden. Das Gott (altnordisch ‚god‘, althochdeutsch ‚cot‘, mittelhochdeutsch ‚got‘) wird auch mit anderen Worten bezeichnet, die gleichfalls sächlich sind, etwa: ‚regin‘ […] als das ‚Ordnende‘, ‚rad‘ als das ‚Weise‘, ‚metud‘ als das ‚Bestimmende‘, ‚bönd‘ als das ‚Bindende‘ und andere. Das Gott ist also unpersönlich, es ist ‚etwas‘ und nicht ‚jemand‘. Die Tatsache, daß unsere Vorfahren [Hier ist natürlich der Einschub unerlässlich, dass die tatsächlichen Vorfahren Murawskis nicht die alten Germanen waren. Erbloggtes] das Gott unpersönlich dachten, ist von gewaltiger Tragweite und grenzt ihre Haltung von jeder andersrassigen scharf ab. Die Auffassung ist allgemein nordisch, wie den auch das römische Wort ’numen‘ und das indische ‚brahman‘ das Gott bezeichnet. Um dieser Grundtatsache Rechnung zu tragen und jede Verwechslung mit dem [jüdischen] Dogmen-Gott zu vermeiden, soll in der weiteren Darstellung immer nur ‚das Gott‘ gesagt werden – und es wäre zu wünschen, daß solche sprachliche Richtigstellung sich überall durchsetze, wo von deutschem Gottglauben gesprochen wird.“

Jaja, der deutsche Gottesglaube sei also Glaube an „das Gott“. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm hatte 1953 eine etwas andere Erklärung für den sprachlichen Übergang vom germanischen Neutrum *guða- (das maskuline und feminine Gottheiten zusammenfasste) zum maskulinen Eigennamen „Gott“:

„um das heidnische germ. *guða- in den einzelnen dialekten den christlichen missionszwecken gefügig zu machen, war der gebrauch des wortes als eines maskulinen singulars unerläszlich: nur so vermochte es den einen christlichen gott (in der art eines eigennamens, vgl. den ahd. acc. sg. gotan entsprechend der flexion der eigennamen) zu bezeichnen, und nur so grenzte es ihn von den zunächst weiterhin neutral und vorwiegend pluralisch gebrauchten formen des wortes zur bezeichnung der alten gottheiten eindeutig ab.“[3]

Welche Konsequenzen lassen sich daraus gewinnen? Zunächst ist zu erfahren, dass Unionspolitiker*innen die Herkunft von Unnormalem immer links vermuten: „Das Gott? – Das haben sich doch Kommunisten ausgedacht, die unsere guða alten deutschen Bräuche zerstören wollen!“ Sodann erweist es sich, dass die Bräuche hierzulande doch nicht „immer schon“ so waren, wie Unionspolitiker*innen sich das vorstellen. Vorformen des Wortes Gott waren nämlich grammatisch neutral.

Die Nazis in Person Friedrich Murawskis bogen sich jedoch bloß zurecht, das Gottesbild sei ebenso geschlechtslos gewesen – tatsächlich gab es eben, wie auch in „andersrassigen“ Polytheismen üblich, männliche und weibliche Gottheiten. Auch waren jüdische Gottesbilder ebenso wie die biblische Sprachpraxis keineswegs „immer schon“ auf ein männliches Geschlecht festgelegt, vgl. dazu die Bibel in gerechter Sprache, die unter anderem „Der Lebendige, die Lebendige, ErSie, der Ewige, die Ewige, Schechina, Gott, Ich-bin-da“ als Übersetzungen des hebräischen Eigennamens JHWH anbietet.

Weiter sollte man vorsichtig sein, wenn man mit Neuheiden zu tun bekommt, die auf „das Gott“ bestehen, was sich in ein Pantheon von männlichen und weiblichen Göttern gar nicht einpassen lässt. „Das Gott“ lässt dann einen Synkretismus aus christlichem Monotheismus und pseudogermanischer Abgrenzung à la Murawski („das germanische Gott als Urtatsache des Lebens“) vermuten. Nun aber zu den Fragen, ob Kristina Schröder eine verkappte neopagane Nazibraut ist, und ob überhaupt alle, die von Gott nicht als von einem Maskulinum sprechen mögen, verkappte Nazibräut*igame sind? („Sprachnazis“ bekommt da nochmal eine andere Bedeutung, nicht wahr?)

Nein. Sollen doch alle glauben, was sie wollen. Der eigentliche – theologische, sprachliche und politische – Fehler Schröders wie ihrer innerparteilichen Opposition liegt doch darin, den geschlechtsfreien Eigennamen „Gott“ in eine geschlechternormative Rolle zu zwängen. Eigennamen brauchen gar kein Geschlecht, kein biologisches, kein soziales, nichtmal ein grammatisches. „Kim“ hat ja auch kein grammatisches Geschlecht, warum sollte „Gott“ dann eins haben? Damit sich Pronomen bequem anwenden lassen? Das ist im Fall Gottes völlig verzichtbar. Im Alten Testament (Tanach) kommt ohnehin über  6820 mal das hebräische JHWH vor, da kommt es auf ein paarmal mehr auch nicht an.

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13 Antworten zu “Kristina Schröder und das Gott der Germanen

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  2. @Erbloggtes
    Wenn man deinen Beitrag als Satire nimmt, ist er sehr gut und unterhaltsam. Er zeigt auch mal wieder sehr schön die Ursache der Probleme der heutigen „pseudokonservativen“ politik, nämlich die defensive selbstbewußtseinslose Haltung gegenüber modischen Strömungen, die nur nach „Veränderung“ fragen, aber nicht nach „erwiesenem Fortschritt“. Gespeist wird das Alles von der Gier nach Wählerstimmen. Die dabei entstehenden „geistigen Verrenkungenen“ münden „ruck-zuck“ im Lächerlichen.
    Da halte ich es doch lieber mit dem guten alten bayerischen Spruch:
    Des hamma scho oiwei a so gemacht!
     Wo kam ma denn do hi?
     Do kunnt ja a jeder kemma?

  3. Ja, eine Doktorin ohne Wissenschaftsbetrug, familiär aus dem Kern des CDU-Milieus (CDU-Politiker), die „jung und erfolgreich“ ist, ihren „eigenen Kopf“ hat und „Familie und Karriere“ unter einen Hut bringt – das ist ganz klar ein Polit-PRler-Wunschtraum. Hat aber gewirkt, jedenfalls bei manchen jungen Frauen, die sich mehr mit dieser Chimäre identifizieren wollten („Die ist ja so, wie ich gern wäre!“) als genauer hinzuschauen.
    Beim zweiten oder dritten Hinsehen muss man wohl einräumen, dass alles nicht stimmt. Die wissenschaftliche Leistung war ausnehmend schlecht (wenn auch ohne bekannten Betrug). Politiker sind kein eigenes Wählermilieu, höchtens eine Kaste. Der Erfolg (= Ministeramt) entsteht nur durch das Wollen der Polit-Strategen. Der eigene Kopf ist mal nicht vorhanden, und mal plapptert sie drauf los und muss sich dann wie ein Schulmädchen in die Ecke stellen lassen. Und die Karriere mit der Familie unter einem Hut… naja, geht doch, wenn man nur will – und die Worte „Karriere“ und „Familie“ etwas seltsam benutzt.
    Wer wird denn der nächste Abziehbild-Politiker, den man sich einkauft, um irgendwelche Wählergruppen anzusprechen?

  4. In unserer Demokratie werden seit 50 Jahren für Politiker die falschen Anreize gesetzt und der „Souverän“ kann nur das wählen, was sich bewirbt. So bleiben im letzten „Sieb“ eben diese „Abziehbild-Politiker“ übrig. In zwei Kommentaren habe ich dies bereits hier angesprochen:
    https://erbloggtes.wordpress.com/2013/03/12/fur-schavan-war-das-plagiat-die-ubliche-denkform/
    In unserem Gesundheitswesen, das immer verkommener wird, gibt es ein ähnliches Proplem. Die Anreize zum Medizinstudium und das Auswahlverfahren sind seit den 70ern völlig kontraproduktiv und haben zu dem erwartbaren Desaster geführt.

  5. In Bezug aufalleszuspät: dann wäre wohl sinngemäß auch das Studium der Jurisprudenz anzusprechen. Auch hier müssten eigentlich zumindest ähnlich falsch gelagerte Anreize zu finden sein, wie beispielsweise die „ultrakurzen“ Promotionsdauern?

  6. Falsche Anreize sind *immer* extrinsische. Nur intrinsische Motivation bedeutet die Vorherrschaft des Interesses an der Sache. Aber wo in einer entfremdeten Arbeitswelt sollte sich sowas finden lassen?

  7. Zitat Erbloggtes:
    „Aber wo in einer entfremdeten Arbeitswelt sollte sich sowas finden lassen?“
    Wer gar nicht erst sucht, wird nie etwas finden, und schon gar nicht in einer „entfremdeten Arbeitswelt“, die es ja gar nicht gibt, sondern die ein theoretisches Konstrukt darstellt. Im Grunde stellt das beklagte fehlende Interesse ein Erziehungsdefizit durch Eltern, Gesellschaft und besonders durch Medien dar. Da aber, wo dieses Interesse an der Sache vorhanden ist, und das ist es Gott sei Dank noch reichlich, darf es nicht durch staatliche Fehlsteuerung und überbordende Bürokratie ausgebremst werden.
    @Anette:
    Jura war schon immer ein Verlegenheitsstudium.

  8. Weiterführendes zum Thema, auch zum Beitrag „Über Freundschaft“:
    http://www.polar-zeitschrift.de/polar_05.php?id=237
    http://www.sueddeutsche.de/karriere/beruf-des-politikers-idealisten-sind-sehr-schnell-frustriert-1.1659795
    Schönen Sonntag!
    Nebenbei: Meine Eltern haben mir früher immer erzählt, sie hätten die NSDAP aus Idealismus gewählt. Seitdem sehe ich den sog. „Idealismus“ äußerst skeptisch.

  9. Danke, sehr interessant, natürlich auch zu den Polit-Netzwerk-Themen! Der Soziologe V. Leuschner irrt, wenn er schreibt, die „normative Bewertung“ müsse die Vorteile von politischen Freundschaften für die Politiker berücksichtigen (oder er meint mit normativ etwas anderes als ich). Diese Vorteile können höchstens die Ignoranz von Politikern gegenüber den genannten Nachteilen verständlich machen:

    „Geschützte Kommunikationsräume bedeuten dann vor allem Intransparenz; grenzüberschreitende Beziehungen tragen die Gefahr in sich, politische Organisationen systematisch zu korrumpieren; Komplexitätsreduktion kann zu schwerwiegenden Vereinfachungen und Simplifizierungen gesellschaftlicher Prozesse und damit zu fehlerhaften Entscheidungen führen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern“.

    „Idealismus“ – ein schillernder Begriff. Damals einfach als Gegenteil von Materialismus=Kommunismus benutzt. Ja, die NSDAP-Wähler, die aus Antikommunismus so votierten, können nicht wenige gewesen sein.

  10. @Erbloggtes
    Deine Idealismusdefinition trifft hier mit Sicherheit nicht zu.
    „Im alltäglichen Sprachgebrauch kann „Idealismus“ eine altruistische Haltung beschreiben bzw. eine Orientierung an Wertvorstellungen, gerade auch dann, wenn die Realität diesen nicht entspricht.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Idealismus

  11. Hinsichtlich des Sprachgebrauchs Deiner Eltern kann ich Dir natürlich kaum widersprechen, wenn Du darauf beharrst, wie Deine Eltern wann das Wort „Idealismus“ gemeint haben.
    Bei der historischen Wortbedeutung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie im 19. Jahrhundert beharre ich jedoch auf der Gegenüberstellung von Idealismus und Materialismus, häufig auch in der Verbindung „hehrer Idealismus“ und „schnöder Materialismus“, der nach Belieben alles „Undeutsche“ bezeichnete, ob es nun amerikanischer Kapitalismus oder sowjetischer Kommunismus war.

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