Kritischer Wissenschaftsjournalismus

Erforschtes muss nicht nur den Fachkollegen, sondern auch Wissenschaftlern anderer Disziplinen, ebenso einer breiteren Öffentlichkeit, vermittelt werden, um Wissenschaft als kostspielige gesellschaftliche Unternehmung zu legitimieren. Wissenschaftsjournalismus übernimmt einen Teil dieser Aufgabe. Doch wenn Wissenschaftsjournalisten den Elfenbeinturm besteigen und von ganz hoch oben die dort angeblich aufgefundenen ewigen Wahrheiten verkünden, wie gut ist der Wissenschaft und der Öffentlichkeit damit gedient?

Ivan Oransky, Redakteur der Fach-Nachrichtenagentur Reuters Health und Betreiber des einflussreichen Blogs Retraction Watch, hat dazu ein paar skeptizistische Überlegungen formuliert. Er verlangt also mehr Skeptizismus als wissenschaftsjournalistische Grundhaltung:

„I do think that it’s a shame that in many cases science journalists don’t look at their role as being sceptical. It’s not that they avoid scepticism, they just don’t do it with any enthusiasm. It’s not what they feel that their role is.“[1]

In einem Produktionszusammenhang, in dem Wissenschaftsjournalismus mit Wissenschafts-PR verschwimmt, ist ein solches Rollenverständnis nicht überraschend. Aber nicht genug für Oransky, der im Interview mit Kerstin Hoppenhaus fortfährt:

„I think the core of journalism is scepticism and keeping people honest and challenging authority when appropriate. And when you are only writing about how wonderful things are, how wonderful science is – you know, science definitely is wonderful and has made lots of strides – but it’s a human endeavor. And to me the most interesting stories are the ones that demonstrate just how human it is.“[1]

Das gilt für jeden echten Journalismus. Und doch sind überall Journalisten als Erbauer oder Mitwirkende an der Errichtung von Podesten beteiligt, auf denen Säulenheilige platziert werden können. Manchmal sind sie auch darin involviert, die Säulenheiligen vom Sockel zu stoßen. In beiden Fällen jedoch sind es Geschichten zum Hinaufschauen oder Hinabschauen, nur ganz selten gelingt die Reflexion auf die ganz normalen Menschen auf Augenhöhe, die jeweils die Akteure der Geschichten stellen.

In wessen Interesse wird dieser Journalismus produziert, und was soll mit der Produktion erreicht werden? Journalisten jedenfalls verdienen in der Regel Geld damit, was sie in ein Spannungsfeld von Interessen an der Story befördert. Oransky betreibt das Blog Retraction Watch – wie in vielen anderen Beispielen kritischer Wissenschaftsbeobachtung – nichtkommerziell, das heißt ohne direkte wirtschaftliche Interessen, oder, wie man abfällig sagen könnte, als Amateur, aus Liebhaberei. Das scheint sich aber positiv auf die Inhalte auszuwirken:

„some commenters sometimes say: ‚It’s obvious that you are not having a financial agenda, and we appreciate that…'“[1]

Mit einer Bemerkung macht Oransky jedoch auch auf eine Problematik fehlender Hintergrundressourcen beim nichtkommerziellen Wissenschaftsbloggen aufmerksam:

„Do you know ‚Abnormal Science‘ in Germany by Jörg Zwirner?“

Wie bei Retraction Watch handelt es sich beim Abnormal Science Blog um ein Blog auf WordPress.com. Doch inzwischen ist das Blog mit dem Motto „a German blog on bad behaviour in science“ seit einigen Monaten nicht mehr online.

Abnormal Science Blog Header, 2011

Headergrafik des Abnormal Science Blog, 2011

Hier befindet sich die jüngste Archivversion aus dem November 2012. Ganz im Sinne von Aktenzeichen XY daher der Aufruf: Wer hat dieses Blog gesehen und kann etwas zu seinem Verbleib sagen?

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3 Antworten zu “Kritischer Wissenschaftsjournalismus

  1. Zum Verbleib des Blogs kann ich auch nichts beitragen, aber dein Thema finde ich auch interessant: Wie wird denn hierzulande über Wissenschaft berichtet?

    Manchmal schon auch kritisch – Beispiel Fracking. Aber ganz platt vereinfacht sag ich mal:

    Da gibt es die Erfolgsmeldungen, die irgendetwas mit Gesundheit zu tun haben – In der Boulevard-Version gerne so:

    „Kaffee verursacht Krebs!“ Nein , doch nicht: „Kaffee heilt Krebs“!

    Dann alles was mit süßen, ekligen oder bizarren Tierchen zu tun hat.

    Und schliesslich gibt es noch die Themen über sündteure Großprojekte, die unheimlich viel Geld verschlingen und allein deshalb schon Nachrichtenwert haben. Journalisten werden dementsprechend mit professionellen Pressemeldungen versorgt, die den Sinn dieser Prestigeprojekte manchmal aber etwas einseitig-positv darstellen, um es vorsichtig zu sagen.

    Higgs-Boson, das Humangenom-Projekt, „Brain Map“, riesige neue Sternwarten , alles was mit Raumfahrt zu tun hat – auch wenn das sicher oft sinnvolle Projekte sind, da muss es doch auch kritische Aspekte geben, die man mal genauer beleuchten könnte.

    Ich zumindest würde mir gerade in diesem Bereich mehr kritische, investigative Journalistenarbeit wünschen – nicht immer nämlich halten diese Projekte, was sie versprechen.

    @erbloggtes, wir haben uns ja drüben im Kneipenlog schon drüber ausgetauscht, ich habe das Thema „Unsinn bei Big Science“ mittlerweile auch im Laborjournal etwas vertieft –

    wenn du mir den link gestattest:
    http://laborjournal.de/editorials/729.lasso

  2. Danke für den Link! Da kann ich nur zustimmen. Leute in Machtstrukturen müssen sich zuerst an diesen Machtstrukturen orientieren und fragen, welche Handlungsoptionen die Strukturen freistellen. Erst danach können sie sich an den Erfordernissen der Wahrheitssuche (Wissenschaft) orientieren. Das gilt sowohl für die an Big Science beteiligten Forscher, als auch für Wissenschaftsjournalisten, die laut den Vorgaben ihrer Machtstruktur eben am besten sowas wie „Kaffee heilt Krebs“ vermelden sollen, und nicht „Debatte um das Signifikanzniveau von Krebszellenmodifikationen durch Kaffee“.
    A propos Big Science. Das neue BIG spart sich die Science: Für 300 Mio Euro, davon 270 Mio vom Bund (Schavan), bestehe „Konsens, dass das BIG keine Aufgaben der universitären Forschung und Lehre oder der Krankenversorgung wahrnimmt“.[1]

  3. ich bin kein Wissenschaftler, aber die Scienceblogs bieten eine Menge interessanter Links, oft zu den privaten Websites der Autoren, die wiederum weiter führen. Vermutlich aber ziemlich wenig Geisteswissenschaften …

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