Umverteilung durch Kidnapping und Erpressung

Erlebtes muss nicht mit der Statistik übereinstimmen, das weiß jeder. Als ein bekanntes Druckerzeugnis Mitte April damit aufmachte, dass Deutschland arm, südeuropäische Krisenländer wie Spanien oder Griechenland jedoch reich seien, schüttete es Wasser auf die Mühlen der Eurogegner. Es wollte eine zwischenstaatliche Neiddebatte in Europa entfachen, indem es suggestiv fragte: „Wie gerecht ist die Euro-Rettung, wenn die Menschen in den Nehmerländern reicher sind als die Bürger der Geberländer?“

Der Ansatz dazu lag in einer Statistik, die entgegen dem alltäglichen Eindruck (den man in Deutschland ohnehin kaum bekommt) den Anschein hatte, die Südeuropäer lebten in Saus und Braus. Gleichzeitig erlebten nämlich in Deutschland breite Bevölkerungsschichten am eigenen Leib, dass der gesamtwirtschaftliche Profit des Krisennutznießers in ihren Geldbeuteln nicht ankommt. Kleinsparer beispielsweise haben von niedrigen Zinsen nichts, nur den Wertverlust ihres Ersparten bei einer Verzinsung unter der Inflationsrate.

Polarisierungsblogger Don Alphonso stellt fest, dabei komme nicht zur Sprache, dass diese Erfahrungs-Statistik-Differenz „eigentlich mit der Vermögensverteilung im eigenen Land erklärbar ist. Etwa mit extremen Konzentrationsprozessen, und verarmten Schichten.“[1] Sogar er findet, dagegen müsse man etwas unternehmen:

„Es müsste irgendein marktwirtschaftliches Instrument geben, das das Vermögen dort holt, wo es in Deutschland in grossen Mengen ist – also bei den Vermögenden des Landes – und dorthin bringt, wo es über all die Jahre abgezogen wurde. Das Instrument müsste in der Lage sein, die staatlich erlaubte Umverteilung umzudrehen, und es sollte sich dabei nicht um Kidnapping oder räuberische Erpressung handeln.“[1]

Merke: Was zu unternehmen ist, müsste „marktwirtschaftlich“ sein und mächtiger als „die staatlich erlaubte Umverteilung“ von unten nach oben. Mit diesem Instrument würde die Marktwirtschaft dann den Staat dominieren. Wer denn dieses „Instrument“ einführen sollte, an das zudem „die Menschen ausserdem nach all den Reinfällen wieder glauben“[1] müssen, sagt Don Alphonso nicht. Aber wenn es kein Musiker ist, der mit der Instrumentenmetapher eng verbunden ist, dann dürfte es sich wohl um ein Instrument des Finanzmarktes handeln, von dem so oft die Rede ist. Na dann viel Spaß!

Umverteilung und Gewalt

Wenn man schon bei phantastischen Gedankenspielen angekommen ist, warum dann nicht gleich den Staat als heilbringenden Akteur annehmen, der seine eigene Umverteilung umkehrt? Nun ja, die Stützen der Gesellschaft haben ja noch einen Anspruch formuliert, dass es sich „nicht um Kidnapping oder räuberische Erpressung handeln“ dürfe. Dieser Anforderung könnte der Staat spielend nachkommen. Denn Kidnapping und räuberische Erpressung sind ja Straftaten, und wenn der Staat beschließt, dass sein Vorgehen keine Straftat ist, kann es sich auch nicht um eins der Genannten handeln.

Kidnapping etwa würden die Vermögenden es zweifellos nennen, wenn der Staat Privatschulen abschaffte und die Schulpflicht an öffentlichen Schulen durchsetzte (und sie dafür auch noch einkommensgemäß zur Kasse bäte). Da müssen im Zweifelsfall dann die zu Beschulenden morgens von Uniformierten aus der Villa gebracht werden. Kidnapping – aber doch nicht, da legal.

Und räuberische Erpressung? So könnte man es wohl ansehen, wenn der Staat mit Gewalt „dem Vermögen des Genötigten oder eines anderen Nachteil zufügt, um sich oder einen Dritten zu Unrecht zu bereichern“ (StGB), indem er etwa Steuern auf das Vermögen des Genötigten erhebt und durchsetzt. Nur dass es eben nicht „zu Unrecht“ wäre, wenn der Staat gesetzlich so vorginge. – Oder eben genauso zu Unrecht wie bisher die Umverteilung von Vermögen von unten nach oben.

Das ist der Unterschied zwischen privaten Gewalttaten und staatlichen. Polizeigewalt ist legal, wird antrainiert und befohlen. Über die Blockupy-Demo Frankfurt (gute Fotoserie) schreibt das lustige Sonntagsblatt dann:

„Sie forderte Solidarität statt Kaptitalismus. Dabei hat der Kapitalismus pur in den vergangenen 13 Jahren den schnellsten Rückgang der Armut in der Geschichte gebracht.“[2]

Delegitimierung von Massendemonstrationen dient – ebenso wie die Darstellung von Demonstranten als Straftäter, sogar als Gewalttäter mit „passiver Bewaffnung“ – der Legitimierung von Polizeigewalt. Die Illegitimität von Gewalt gegen Straftäter ist in Deutschland ohnehin kaum vermittelbar.[3] Und für den Ausbau staatlicher Machtmittel werden beliebige finanzielle Mittel verfügbar gemacht. Es kann ja niemand wollen, dass es mitten in Europa nochmal zu einem „Völkerfrühling“ kommt.

tl;dr: Hilflos und ahnungslos ist das Unbehagen der Stützen der Gesellschaft über die klaffende Vermögensschere. Der Staat wird sie gewaltsam verteidigen.

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24 Antworten zu “Umverteilung durch Kidnapping und Erpressung

  1. Das ist die Abteilung Wirtschaft, die schreibt das von dem sie glaubt dass es stimmt, und das hat sie ja schoin in der New Economy und bei der Finanzkrise gezeigt – jetzt, nachdem „der Kapitalismus“ von allen gerettet wurde, kriechen sie wieder frech aus ihren Löchern. Ich bin nicht die Abteilung gequirkte Ferenigifäkalien und gebe nur meinem Eindruck Ausdruck. dass es „die Märkte“ ganz sucher nicht regeln werden.

  2. Komisch, ich lese da immer noch „marktwirtschaftliches Instrument“ 😉

  3. Man muss nichtmal eine Umverteilung von oben nach unten fordern. Die macht in meinen Augen auch keinen Sinn. Fair-Verteilung wäre vielleicht die geeignetere Variante.
    Allerdings müsste der Staat einfach mal den Bestimmungen des Grundrechte-Kataloges in unserer Verfassung nachkommen. Dort heißt es, soweit ich mich erinnere, zum Einen, dass Eigentum verpflichtet und zum Zweiten, dass der Staat sogar enteignen kann. Von beidem sind wir meilenweit entfernt!

  4. Zitat Erbloggtes:
    „Delegitimierung von Massendemonstrationen dient – ebenso wie die Darstellung von Demonstranten als Straftäter, sogar als Gewalttäter mit “passiver Bewaffnung” – der Legitimierung von Polizeigewalt. Die Illegitimität von Gewalt gegen Straftäter ist in Deutschland ohnehin kaum vermittelbar.[3] Und für den Ausbau staatlicher Machtmittel werden beliebige finanzielle Mittel verfügbar gemacht. Es kann ja niemand wollen, dass es mitten in Europa nochmal zu einem “Völkerfrühling” kommt.“

    Äääääh…..wie bitte?
    [Zitat gelöscht. Für illegal verwendete Valentin-Zitate wurden schon Leute verklagt. Erbloggtes]
    Liesl Karlstadt und Karl Valentin, In der Apotheke

    Zitat Radnitzky:
    [Zitat über „sozialdemokratische“ Eigentums-/Gerechtigkeitsvorstellungen gelöscht, siehe Quelle. Erbloggtes]
    http://www.gkpn.de/radnitzky_gerecht.htm

    Zitat Erbloggtes:
    „Es kann ja niemand wollen, dass es mitten in Europa nochmal zu einem “Völkerfrühling” kommt.“
    Und so sieht der „Völkerfrühling“ dann aus.
    http://www.taz.de/!108683/
    So ist das eben mit der „Piratenmentalität“.

  5. Ich verstehe schon: Was ich schreibe ist unverständlich. Und es widerspricht (oder entspricht?) den Ideen von Sozialdemokraten, Muslimbrüdern und Piraten.

    Dass der Völkerfrühling aussieht wie in Ägypten, das kann man mit Bestimmtheit bestreiten. Aber Turbonationalismus und Führerglaube könnten in Europa die Zutaten sein. Die Antibrüsselressentiments sind ja enorm. Die Revolution kommt oft von der Peripherie: In der Türkei ist gerade zu beobachten, wie Leute sich auf Atatürk berufen, den „größten Führer aller Zeiten“ (in Türkisch klingt das natürlich etwas anders), der sein Volk vom Joch Erdogans befreit, indem er ihm einen Nachfolger sendet, damit das großartigste Volk der Welt… usw., wir kennen das. „Völkerfrühling“ eben.

  6. „Ich verstehe schon: Was ich schreibe ist unverständlich.“
    Nein, aber mißverständlich. „Frühling“ gilt z. Z. als „Arabischer Frühling“, deine jetzige nachträgliche Ergänzung macht es klarer. Der Keim für einen „Völkerfrühling“ in Europa, wie du ihn definierst, liegt aber in der historischen Dummheit Helmut Kohls (wieder einmal aus „Idealismus“). In der Türkei wird sich nicht viel tun, Erdogan „sitzt fest im Sattel“, aber das sind natürlich meine Mutmaßungen.
    Unverständlich sind allerdings die Löschungen meiner Zitate, aber du wirst schon wissen, warum, und ich würde es auch gerne wissen.

  7. Ich würde ja sagen, dass der Keim in der falschen Struktur der Gegenwart liegt. Aber für die kann man sicher auch Kohl verantwortlich machen (der taugt ob seiner Größe ganz gut zum Generalschuldigen).

    Die Zitate fand ich nicht dem Zitatrecht entsprechend, da es kein eigenständiges Sprachwerk drumherum und keine Erläuterung des Inhalts gab. Bei Valentin gab es da wirklich schon Klagen, so Wikipedia: „Karl-Valentin-Zitate finden sich häufig im Internet. Allerdings werden auch Betreiber kleiner Websites bei Valentin-Zitaten wegen Urheberrechtsverletzung abgemahnt, wenn die Veröffentlichung nicht von der Valentin-Enkelin Anneliese Kühn lizenziert wurde.“

    Was du mit dem anderen langen Zitat von Radnitzky sagen wolltest, ist mir nicht klar geworden. Der Inhalt ist aber durch den Link zugreifbar.

    Bei den Erbloggtes-Zitaten kann man immerhin ein eigenständiges Sprachwerk („Und so sieht der “Völkerfrühling” dann aus.“) bzw. Ansätze zu einer Erläuterung des Inhalts („Äääääh…..wie bitte?“) erkennen. 😉
    Ernsthaft: Fremde Worte sagen nie, was man selbst sagen will.

  8. Aha, „die falsche Struktur der Gegenwart“, jetzt klingelts bei mir, und welche Vergangenheiten waren deiner Meinung nach richtig strukturiert? Oder gibt es richtige Strukturen nur in der utopistischen Zukunft virtueller Welten? Ich meine, in 200 000 Jahren Menschheitsgeschichte müßte es doch richtige Strukturen schon einmal gegeben haben.
    Zitat:
    „Ernsthaft: Fremde Worte sagen nie, was man selbst sagen will.“
    Aber selbstverständlich tun sie das, meist sogar besser, außer, man ist so ein begnadeter Formulierer wie du.
    Zitat:
    „Was du mit dem anderen langen Zitat von Radnitzky sagen wolltest, ist mir nicht klar geworden.“
    Es ist völlig klar, daß Radnitzky, genauso wie du, sich mit dem Eigentumsbegriff und seinen Interpretationen auseinandersetzt. Er zeigt, daß die Interpretation der Uppsala-Schule erstaunliche Parallelen zum Nationalsozialismus aufweist. Deine Interpretation des Eigentumsbegriffes und die anderer Kommentatoren hier sind ja wohl auch klar.
    Ein wenig Zeit und Mühe mußt du schon für eine Antwort aufwenden, deine „Twitter-Gewohnheiten“ reichen da nicht.
    Die Löschung des Valentinzitates kann ich nachvollziehen. Es stammt von hier, Beitrag 3:
    http://dict.leo.org/forum/viewUnsolvedquery.php?idThread=861748&lp=esde&lang=de

  9. Ich verleihe dir hiermit einen Godwin-Punkt. (Antwort geht auch in nur 44 Zeichen.)

  10. Für diese gedankliche Leistung hätten auch weniger Zeichen reichen können.
    Wenn ich das richtig verstanden habe, „forscht“ du doch als Wissenschaftlerin über Nazibegriffe in der Alltagssprache. Da müßtest du doch schon Hunderte Punkte gesammelt haben und ich mit meinem einzigen schäbigen Punkt hätte keine Chance.

  11. Deine geistige „Unschärfe“ ist schon erstaunlich, aber sie erklärt auch vieles. Es geht hier nicht um Hitler, sondern um die linke Ideologie des Nationalsozialismus.

  12. Informier Dich mal über Godwin’s law, und dann überlege, wie sinnvoll es ist, meiner „Interpretation des Eigentumsbegriffes und die anderer Kommentatoren hier“ Nationalsozialismus unterzuschieben.

    Ich sag’s mal so: Den nächsten Versuch einer „Beleidigung“ gebe ich einfach nicht frei.

  13. Ist das jetzt Böswilligkeit von dir? Natürlich unterschiebe ich niemandem Nationalsozialismus, sondern höchstens „sozialistisches Gedankengut“, das geht auch eindeutig aus meinen Stellungnahmen hervor. Wie man da von „Beleidigung“ schreiben kann, ist mir rätselhaft. Der Sozialismus ist nur einer der vielen Teilaspekte des Nationalsozialismus mit seinem Nationalismus, Rassismus, Kollektivismus, Sozialdarwinismus u. s. w.. Radnitzky unterstellt der Uppsala-Schule ja auch keinen Nationalsozialismus.

  14. Radnitzky suggeriert, die Uppsala-Schule verwende nationalsozialistisches Gedankengut, und zwar u.a. durch diese Klammereinschübe: „(Das würde übrigens sehr gut zur Weltsicht der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei passen.)“ und „(In der Ideologie der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei – heute oft als ‚Faschisten‘ verharmlost – findet man den gleichen Ansatz.)“
    Deutlich auch hier, die Gleichsetzung schwedischer Sozialdemokratie mit der NSDAP:

    „Schweden wurde zum Musterbeispiel der Sozialdemokratie, des „Welfare Monster Sweden“, wie es in amerikanischen Publikationen manchmal genannt wird. Die Freiheit des Individuums schrumpfte schrittweise. (Im gleichen Jahr begann die NSDAP, ihre Sozialisierung durchzuführen. Sie ist ein interessantes Beispiel, denn sie zeigt, daß zur Sozialisierung einer ganzen Gesellschaft eine Verstaatlichung der Produktionsmittel gar nicht erforderlich ist.)“

    Diese Verweise auf den Nationalsozialismus dienen zu nichts anderem als zur Diskreditierung der angegriffenen Position als … nationalsozialistisch. Du hingegen:

    „Er zeigt, daß die Interpretation der Uppsala-Schule erstaunliche Parallelen zum Nationalsozialismus aufweist. Deine Interpretation des Eigentumsbegriffes und die anderer Kommentatoren hier sind ja wohl auch klar.“

    Dabei ist die Andeutung „sind ja wohl auch klar“ zwingend zu interpretieren als „weisen erstaunliche Parallelen zum Nationalsozialismus auf.“

    Über „Sozialismus“ als angeblichen Teilaspekt von Nationalsozialismus diskutiere ich nicht. Wie wär’s stattdessen mit dem Thema „Freiheit“ als Teilaspekt von Stalinismus?

  15. Nachtrag:
    1. Das größte Morden aller Zeiten hat die Welt den Nazis zu verdanken (66 Mio. Tote). Deshalb interessiert mich dieser kindische Godwin-Quatsch überhaupt nicht.
    2. Der „Sozialistische Boden“ ist gut gedüngt für totalitäre Ideologieen jeder Art. Daher reagiere ich allergisch auf sozialistisches Gedankengut. Prinzipiis obsta!

  16. Schön, daß du auch mal wirklich argumentierst.
    Mit dem letzten Absatz allerdings:
    „Über “Sozialismus” als angeblichen Teilaspekt von Nationalsozialismus diskutiere ich nicht. Wie wär’s stattdessen mit dem Thema “Freiheit” als Teilaspekt von Stalinismus?“
    läßt du „die Katze aus dem Sack“, damit erübrigt sich alles Weitere.

  17. Pingback: Völkerrechtswidrige Polizeigewalt: Demo-Sanitäter berichtet von Blockupy Frankfurt | Erbloggtes

  18. @Erbloggtes
    Zusatz:
    1. “Über “Sozialismus” als angeblichen Teilaspekt von Nationalsozialismus diskutiere ich nicht.“
    Dann diskutierst du wohl auch nicht mit Götz Aly.
    2. Hier noch zwei Links zum Thema. (Unterschiedliche Sicht).
    http://www.sehepunkte.de/2002/10/2862.html
    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/NS-2002-002

  19. Vielen Dank für die interessanten Rezensionen!

    Norbert Götz vergleicht demnach die gedankliche Konstruktion (Ideologie) von Volksgemeinschaft und Volksheim. Er kommt laut beiden Rezensionen zu dem Schluss, dass sie wesensverschieden sind. Das tertium comparationis ist demnach eine Gemeinschaftsvorstellung, doch wie diese aussieht, ist in Schweden und in Nazideutschland radikal verschieden:

    „Schon in den 1930ern stand das ‚Volksheim‘ synonym für die schwedische Variante und Utopie des Wohlfahrtsstaates mit den zentralen Prinzipien einer solidarischen Lohn- und aktiven Arbeitsmarktpolitik, dessen Gestalt grundsätzlich verhandelbar und am Wohle des Einzelnen orientiert sei“ (Kollmeier)

    „Er bezeichnet diese am Wohle der einzelnen orientierte Realpolitik [Schwedens] als den ‚Versuch nachhaltiger gesellschaftlicher Modernisierung'“ (Etzemüller)

    Kollmeier und Etzemüller verdeutlichen den Gegensatz zur NS-Volksgemeinschaftsideologie gleichermaßen durch Betonung der Orientierung am „Wohle des Einzelnen“ (bei Etzemüller interessanterweise mit klein geschriebenem Einzelnen) im Gegensatz zum unausgesprochenen NS-Motto: „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“

    Durch diese Gegenüberstellung erscheinen Schweden und Nazideutschland als Pole, nicht als Parallelen. Das suggeriert, andere Gesellschaften müssten sich irgendwo auf der Gerade zwischen diesen Polen befinden. Doch laut Kollmeier eröffnet Götz einen dritten Pol mit der „angloamerikanischen Variante der Verwestlichung“. Den untersucht er offenbar nicht. Das wäre aber erforderlich, um „die nordeuropäische politische Kultur als Gegenmodell“ dazu zu begreifen.
    Das Gegenmodell einer inklusiven Gemeinschaftsvorstellung wie der Schwedens ist vielleicht die Tea-Party-Ideologie. Aber nicht die Konzepte des New Deal – die man sinnvollerweise zum Vergleich mit den zeitgenössischen Modellen in Schweden und Deutschland heranziehen müsste.

    Außerdem weisen beide Rezensionen auf Foucaults „Normalisierungsgesellschaft“ hin und beklagen, dass dieser Aspekt besonders am schwedischen Fall nicht hinreichend untersucht worden sei. Die richtige vergleichende Fragestellung wäre aber, wie gesellschaftliche Normalisierung in New-Deal-USA, NS-Deutschland und Schweden umgesetzt wurde.

  20. Danke, daß du dein Versprechen wahrgemacht hast und mich „Troll“ „gut behandelst“, nicht daß ich wie Gustl Mollath ende. 😉
    Daß du mehr der Dr. Kathrin Kollmeier zuneigst, dachte ich mir schon. Wenn man sich näher mit ihr befaßt, und das Netz ist voll davon, erscheint sie wie deine „Schwester im Geiste“.
    Mich interessiert aber weniger Norbert Götz, sondern mehr Etzemüllers deutlich Kritik, die in deiner Antwort etwas zu kurz kommt. Das ist ja auch Etzemüllers Forschungsschwerpunkt.

    http://docupedia.de/zg/Docupedia:Thomas_Etzem%C3%BCller

    „Dabei ist es nach wie vor die Kontrolle und Korrektur schwedischer Bürger, die diesem utilitaristischen Denken entspringt, und das gibt auch dem schwedischen Modell einen Hauch von Totalitarismus — nicht auf der ideologischen Ebene, sondern auf der der Lebensführung. Die „Lebenswelt“ wird nicht durch das „System“ kolonialisiert, sondern beide dressierten sich in einem langen Prozeß gemeinsam selbst“ [ausuferndes Zitat aus http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/NS-2002-002 auf die Konklusion gekürzt. Erbloggtes]

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/thomas-etzemueller-die-romantik-der-rationalitaet-ordentlich-sei-das-leben-denn-vernuenftig-ist-der-plan-11071358.html

    Zitat:
    „Bevölkerungspolitik, Eugenik, kollektivistische Gesellschaftsplanung – das wird oft mit totalitären Systemen verbunden. Irrtümlicherweise nicht mit Schweden.“

  21. „Ich behandle treue Leser gut“, war mein Vorsatz. Wie Du meinem Posting entnimmst, dass ich Kollmeier zuneige, ist mir schleierhaft. Aber womöglich entnimmst Du das dem Posting gar nicht, sondern findest sie mehr so allgemein meine „Schwester im Geiste“. Naja.

    Wiederum konnte ich lange kopierte Ausführungen nicht so stehen lassen. Ich hoffe, ich habe die Kernaussage, auf die Du deuten willst, gefunden. Ich kann mir jetzt aus den Fingern saugen, was Du mit Zitaten sagen willst. Och nö.

    Beantworte doch zwei Fragen:
    1. Herrschte laut Etzemüller in Schweden „Totalitarismus“?
    2. Gehört laut Kaube (FAZ) Schweden zu den „totalitären Systemen“?

    Hilfestellung: Lies sorgfältig dies: http://docupedia.de/zg/Social_engineering

    Zusatzaufgabe: Ist es totalitär, wenn ich hier versuche, Deine Kommentarkultur zum Wohle der Gemeinschaft zu formen, indem ich sie der Normalisierung unterziehe?

  22. Du bist ja ein richtig sympathischer „Scherzkeks“.
    „Ich kann mir jetzt aus den Fingern saugen, was Du mit Zitaten sagen willst. Och nö.“
    Denken tut doch nicht weh! Ich will das sagen, was in den Zitaten drinsteht.
    „Beantworte doch zwei Fragen:
    1. Herrschte laut Etzemüller in Schweden “Totalitarismus”?
    2. Gehört laut Kaube (FAZ) Schweden zu den “totalitären Systemen”?“
    Mein Tip: Lies die Texte dreimal, dann kannst du die zwei Fragen selbst beantworten.
    „Zusatzaufgabe: Ist es totalitär, wenn ich hier versuche, Deine Kommentarkultur ….“
    Mitnichten, es dient der „Disziplinierung“ von „Dreckspatzen“. Die Betreiber öffentlicher Gebäude sind eben zum „Putzen“ verdammt. Meinen Kulturbeutel habe ich auch noch meist vergessen. 🙂

  23. Zitat:
    „Hilfestellung: Lies sorgfältig dies:
    http://docupedia.de/zg/Social_engineering
    Habe ich getan, ausgedruckt und meinem eigenen Tip folgend dreimal gelesen.
    Resümee : Volltreffer, es deckt sich mit meiner Weltsicht und füllt darin etliche Lücken.
    Es ist eine erstaunlich klare und in sich logische Zustandsbeschreibung und deckt sich mit meiner eigenen Familiengeschichte, beginnend 1903. Die Wertung überläßt Etzemüller dankenswerterweise dem Leser.
    Ein Kernsatz:
    „Das social engineering war also tendenziell total, was seinen erfassenden und steuernden Anspruch betraf, nicht aber notwendig totalitär.“

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