Bundesagentur für Arbeit diffamiert Inge Hannemann

Erschreckte sich der unbefangene Leser bei der Lektüre dieser scharfen Pressemitteilung gegen eine unbotmäßige Jobcenter-Mitarbeiterin, so erstaunte die detaillierte Widerlegung der einzelnen hanebüchenen Aussagen um so mehr: Die Bundesagentur für Arbeit ist schließlich eine Bundesoberbehörde mit über 100.000 Mitarbeitern und einem Etat von fast 40 Milliarden Euro. Wie kann sie solche Aussagen machen, denen auch unabhängige Experten deutlich widersprechen (und solche wahnwitzigen Formulierungen gebrauchen)? Dazu liegt eine Erklärung nahe: Alle Mitarbeiter, die auch anderswo Arbeit finden konnten (z.B. weil sie in der Lage waren, seriöse Pressemitteilungen zu formulieren), haben die Bundesagentur verlassen, weil sie einige Funktionen dieser Einrichtung nach dem Hartz-Konzept „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Wikipedia schreibt von einem „Konflikt zwischen professionellem Selbstverständnis der Vermittler und bürokratischen Vorgaben der Organisation“.[1]

Tatsächlich haben die Jobcenter ja in den vergangenen 10 Jahren massenhaft Arbeitslose angeworben und zur Verwaltung der übrigen Arbeitslosen eingesetzt. Der Clou daran war, dass sie allen, die auch nur halbwegs geeignet für eine Anstellung im Jobcenter erschienen, ein Angebot machen konnten und bei Ablehnung mit Sanktionen drohen. Voraussetzung für eine Einstellung als Arbeitsvermittler war keineswegs mehr eine sozialpädagogische oder ähnliche Qualifikation, wie das zuvor üblich war. Es wurden vielmehr „Quereinsteiger“ aus allen möglichen Berufen eingestellt, und zwar häufig in prekäre Arbeitsverhältnisse. Auch die Kündigung von Jobcenter-Mitarbeitern konnte wohl sanktioniert werden. Hannemann kündigte, anders als viele andere, nicht, sondern setzte sich neben ihrer Tätigkeit für Veränderungen ein. Ihr Jobcenter stellte sie daher am 22. April 2013 frei, wogegen sie vor dem Arbeitsgericht Hamburg klagt.

Besonders interessant im Hinblick auf den hier öfter thematisierten Umgang mit Whistleblowern ist, dass die Bundesagentur Hannemann den Whistleblowerstatus explizit abspricht. (Wikipedia führt sie in einer Liste bekanntgewordener Whistleblower[2] und wird zweifellos über kurz oder lang einen eigenen Artikel zu Hannemann anlegen.)

altonabloggt

Die Bundesagentur für Arbeit hat am heutigen Tag, 14. Juni 2013, eine Pressemitteilung betreffend meiner Person herausgegeben:

Inge Hannemann gefährdet tausende Mitarbeiter der Jobcenter

Presse Info 035 vom 14.06.2013

Angesichts der anhaltenden öffentlichen Attacken der (inzwischen freigestellten) Mitarbeiterin des Hamburger Jobcenters Inge Hannemann sieht sich die Bundesagentur für Arbeit gezwungen, Stellung zu nehmen – allein schon zum Schutz der vielen tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die durch die Äußerungen von Frau Hannemann beleidigt, herabgewürdigt und in Gefahr gebracht werden.

Die Behauptungen von Frau Hannemann sind falsch und führen die Öffentlichkeit in die Irre. Weder widerspricht die Grundsicherung („Hartz IV“) dem Grundgesetz, noch verletzen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter durch ihre tägliche engagierte Arbeit die Würde der Kunden. Weder gibt es eine Anweisung oder eine Zielvorgabe, über Sanktionen Geld einzusparen, noch gibt es „tausende von Selbstmorden“ unter Kunden der Grundsicherung. Und in den Jobcentern arbeiten auch keine seelenlosen Maschinen, die nur…

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4 Antworten zu “Bundesagentur für Arbeit diffamiert Inge Hannemann

  1. „Während des abgelaufenen Jahres wurden die Geschäfte der BA durch Herrn Frank-J. Weise (Vorstandsvorsitzender), Herrn Heinrich Alt (Vorstandsmitglied) und Herrn Raimund Becker (Vorstandsmitglied) geführt. Die an die Mitglieder des Vorstands ausgezahlten Bezüge beliefen sich im Jahr 2011 insgesamt auf rund 730.000 Euro.“
    (Geschäftsbericht 2011, S. 63)
    [Das heißt durchschnittlich 243.333 Euro im Jahr pro Vorstandsmitglied der BA, also 20.278 Euro im Monat.]

    „Nahezu unverändert gegenüber dem Vorjahr blieb die Höhe der für ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) eingesetzte Betrag. Mit 730.000,- Euro konnten 2011 durchschnittlich 329 Jugendliche gefördert werden.“
    (Eingliederungsbilanz 2011, S. 7)
    [Das heißt durchschnittlich 2219 Euro im Jahr pro Auszubildendem, also 185 Euro im Monat.]

  2. Seltsam zu lesen, dass sich ach so unschuldige Jobcenter Mitarbeiter durch Frau Hannemann bedroht fuehlen, oder noch besser „herabgewuerdigt“!?
    Wieso seltsam?
    Weil ich selber erfahren mueste und muss – beides – das beleidigen, anschreien, bloss stellen vor anderen Kunden + Mitarbeiten an der Tagesordnug bei den Jobcenter Mitarbeitern sei. Auch wenn mann im Recht ist, hoeflich versucht die Situation zu klaeren. Nutzt nichts.
    Mir kommt es so vor als wuerden sie sich sehr wohl in der Selbstherlichkeit und einer nicht … Menschen wuerdiger Art und Weise mit uns umzugehen als hoehere Spezie selber empfinden.

  3. Bernhard Baum

    Arbeitsamt-Agenten bei Wikipedia?
    Bis vor einer Woche gab es eine Wikipedia-Seite „Inge Hannemann“ mit Angaben zu Ihrer Person, ihrer Rolle im Kampf für die Arbeitslosen und Links zu ihrer Webseite usw.
    Es lief aber auch eine umfangreiche Löschdiskussion, in der viele Menschen sich gegen eine Löschung des Artikels aussprachen, während zwei Teilnehmer als besonders aktiv bei der Befürwortung einer Löschung aussprachen. Über einen der beiden läßt sich nichts in Erfahrung bringen (MrBrook), während der andere (GonzoTheRonzo) eine eigene Seite auf Wikipedia hat, auf der er sich vorstellt: Eine Flagge der USA und drei andere US-spezifische Abbildungen krönen die Selbstdarstellung. Er nennt sich Diplom-Sozialpädagoge, Biertrinker, ist „gegen jede Form des Antiamerikanismus“, „ist dafür, dass gegen Terrorismus mit aller Härte vorgegangen wird“, „ist Atomkraftbefürworter“ und schreibt über sich „Dieser Benutzer unterstützt starke und sichere Vereinigte Staaten und würdigt seine Tugenden“. Diese beiden stritten mit einer Verbissenheit gegen den Verbleib des Artikels „Inge Hannemann“, die auffiel.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:L%C3%B6schkandidaten/18._Juni_2013#Inge_Hannemann_.28gel.C3.B6scht.29
    Hier kann man sich die Löschdiskussion selber ansehen. Es ist bekannt, daß US-Freunde in vielen Foren den Sozialstaat als Hängematte diffamieren. Solche Äußerungen haben die beiden wohlweislich vermieden, aber ihre Stoßrichtung spricht für sich.
    Kann es zugelassen werden, daß ein Projekt wie Wikipedia von Gegnern des Sozialstaats gekapert wird? Ich denke, daß Wikipedia auch Menschen und Gruppierungen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, aufführen muß, und sei es der Vollständigkeit der Enzyklopädie halber.

  4. Die erste Zeile ist ja eine platte Verschwörungstheorie. Sie verkennen dabei, dass Wikipedia bestimmte Grundsätze hat, um intersubjektiv entscheiden zu können, über welches Thema ein Artikel bestehen soll und über welches nicht.
    Ich stimme zu, dass „Linke“ in der Wikipedia mit einigen Problemen zu kämpfen haben. Aber „gekapert“ werden kann die Enzyklopädie nur, wenn ziemlich durchgehend keine „Linken“ mehr mitmachen, sondern nur noch „Rechte“.
    Nach der Löschdiskussion (und Löschung) gelangte der Artikel in die „Löschprüfung“. Dort diskutieren jetzt weniger wilde Accounts, was zweifellos Sachlichkeitsgewinne bringt. Zwei interessante Links habe ich in dem Zusammenhang noch gefunden:
    http://books.google.de/books?id=–ANJ7M2lnQC
    http://wissen.dradio.de/hartz-iv-kritik-die-empoerung-einer-sachbearbeiterin.126.de.html?dram:article_id=246173

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