Geheimwissenschaftliches: Whistleblower gesucht!

Erwägt es, zu Whistleblowern zu werden! Das ist heute allen Wissenschaftlern zuzurufen, die über Zugang zu einer der folgenden „geheimen“ Informationen verfügen:

  • Entwurf der DFG-Empfehlung Nummer 17 zur guten wissenschaftlichen Praxis,
  • alle Informationen zu einer Geheimtagung des Wissenschaftsrats, die am 23. Juli 2013 zu einem Thema wie „Wissenschaft und Verantwortung“ stattfinden soll.

Geheimentwurf DFG-Empfehlung Nr. 17

Zur DFG-Empfehlung und ihrer Geheimhaltung siehe die unbedingt lesenswerte Erörterung „Warum die neue DFG-Empfehlung Nr. 17 der Wissenschaft schadet“ von Raphael Wimmer, die freilich daran krankt, dass der Entwurf der Empfehlung geheimgehalten wird, bis die DFG ihn auf ihrer Jahrestagung vom 1.-3. Juli 2013 in einen Beschluss umgesetzt haben wird. Zentrale Auszüge zur Bewertung der Empfehlung Nr. 17 lauten:

„Die neue Empfehlung Nr. 17 ist ein Gummiparagraph, der den wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland lähmt und die Aufklärung von wissenschaftlichem Fehlverhalten verhindert. […] Die neue Empfehlung Nr. 17 der DFG leistet keinen Beitrag zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Zu Unrecht Beschuldigte werden nicht besser geschützt. Tatsächliches wissenschaftliches Fehlverhalten wird nicht stärker verfolgt. Aber eine kritische wissenschaftliche Öffentlichkeit wird unter Androhung von Sanktionen zum Schweigen über Fehlverhalten verpflichtet. Empfehlung Nr. 17 kriminalisiert offenen wissenschaftlichen Diskurs, schreckt Whistleblower ab, und verhindert damit die zeitnahe Aufdeckung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Indem Whistleblowing auf die gleiche Ebene gestellt wird wie Wissenschaftsbetrug, schwächt Empfehlung Nr. 17  außerdem die anderen, sinnvollen Empfehlungen der DFG. Wissenschaft braucht Transparenz und offenen Diskurs. Gerade die Aufklärung von Fehlverhalten davon auszunehmen ist absurd.“[1]

Geheimtagung des Wissenschaftsrats

Zur Geheimtagung des Wissenschaftsrats, der immerhin als wichtigstes Gremium der Wissenschaftspolitik gilt,[2] ist noch weitaus weniger bekannt. Auf der Homepage der Institution findet sich kein Wort dazu, in der Presse gibt es wenige allgemeine Bemerkungen über die großen Aufgaben, vor denen der Wissenschaftsrat stehe. Die Zeit schreibt:

„Der Wissenschaftsrat berät derzeit über die ‚Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems‘. Anfang Juli will das wichtigste akademische Beratergremium seine Empfehlungen vorlegen“.[3]

Die „fetten Jahre“ der Wissenschaftsfinanzierung seien vorbei, meint der Artikel, und das System stehe „vor einem großen Umbruch“, in dem die Universitäten „Sparrunden“ fürchteten. Die Universitäten haben jedoch gar nichts mehr zum Sparen, sie sind vielmehr zunehmend von Drittmitteln und den „Zweitmittel“ genannten zentral (von DFG und Co.) verteilten staatlichen Forschungsgeldern abhängig, da die Erstmittel (die Sockelfinanzierung durch die Bundesländer) hinten und vorne nicht mehr reichen. Wie der Wissenschaftsrat das Problem lösen will? Die taz weiß womöglich mehr:

„Kürzlich sickerte ein Papier des Wissenschaftsrates durch, dem wichtigsten Beratungsgremium der Politik in dieser Frage. Darin wird ein Dreiklassensystem vorgeschlagen mit einer Handvoll Spitzen-Unis und einer zweiten Reihe aus bis zu 25 ‚forschungsstarken‘ Unis. Endgültige Empfehlungen will der Wissenschaftsrat im Juli verabschieden.“[4]

Zumindest für die „Spitzen-Unis“, die sich selbst zum besseren Lobbying schonmal als „German U15“ definiert haben, sollen Bundesmittel fließen, was das Grundgesetz verbietet. Zu den systematischen Gründen dieses Verbots gehört, dass eine Zentralsteuerung der Wissenschaft als der Wissenschaftsautonomie widerstreitend angesehen wird.

Wie die „forschungsstarken“ und „Spitzen-Unis“ von den übrigen über 100 deutschen Universitäten unterschieden werden? Durch Geld natürlich. Ihre Versorgung mit Drittmitteln ist enorm; nach eigenen Angaben entfallen 37 Prozent aller Drittmittel in Deutschland auf diese 13 Prozent aller Universitäten – insbesondere, weil diese Unis viel drittmittelintensive Medizinforschung betreiben. Diesen Großunis Bundesmittel zukommen zu lassen, entspricht dem Matthäus-Effekt, den unter anderem der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton untersuchte. Kurz: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“

Geheimhaltung gegen Öffentlichkeit

Auf Mertons Wissenschaftsprinzipien beruft sich auch Peter Weingart:

„Die Öffentlichkeit des Wissens, die Publizitätspflicht, die Demonstrierbarkeit von Tatsachenbehauptungen, richten sich ebenso gegen die Magie wie gegen die ungeprüfte Übernahme von Dogmen oder die Behauptung, über Geheimwissen zu verfügen.“ (Peter Weingart: Ist das Wissenschafts-Ethos noch zu retten? In: Gegenworte 2, 1998, S. 14)

Warum ist es so irritierend, die Wissenschaft auf dem Wege der Geheimhaltung zu organisieren? In der Wissenschaft dient Öffentlichkeit der Wahrheitsfindung und -rechtfertigung. Das ist ein Credo der Aufklärung. Denn Kontrolle durch Öffentlichkeit soll nicht nur die „Hinterlist einer lichtscheuen Politik“ bekämpfen, sondern auch das Individuum bei der Wahrheitssuche auf das ausrichten, was die Öffentlichkeit überprüfen kann (im Unterschied zur Eingebung von oben, die vor der Aufklärung als höhere Wahrheit angesehen wurde).

Indem das deutsche Wissenschaftsmanagement – und die hier erwähnte Koalition kann man durchaus so bezeichnen – sich von der Öffentlichkeit abwendet, wendet es sich auch vom Wahrheitsstreben ab. Peter Weingart machte im oben genannten Aufsatz auch auf den Zusammenhang von Instrumentalismus, Geheimhaltung und Zynismus in der postaufklärerischen Wissenschaft aufmerksam. Die heute noch wirklich wissenschaftlich Tätigen können nach Wahrheit jedoch nur noch als Privatvergnügen suchen, wenn die Verteilung gesellschaftlich aufgebrachter Mittel im Widerspruch zum Ziel der Wahrheitssuche – instrumentell, geheim, zynisch – erfolgt.

Wahrheit gegen Ehre

Die Institutionen, die über die Verteilung öffentlicher Gelder weitgehend bestimmen, orientieren sich offenbar nicht an Wahrheit. Daher verwerfen sie die Öffentlichkeit des wissenschaftlichen Prozesses als für ihre Zwecke unbrauchbar. Ihnen geht es vor allem um Ehre. Auch unter anderen Begriffen – etwa Reputation, Ruf, Ansehen oder Spitzenleistung – führen Organisationen wie die HRK oder die DFG Ehrendiskurse, die man bestenfalls als naiv bezeichnen kann.

Das hat zur Folge, dass ein illusionärer Ehrbegriff Verwendung findet, der durch unwahre Fehlverhaltensvorwürfe ebenso angegriffen ist wie durch wahre Fehlverhaltensvorwürfe. Im Gegenzug bleibt dieser Ehrbegriff durch geheimgehaltenes Fehlverhalten unberührt. HRK und DFG tauschen so Ehrenschutz gegen Wahrheitssuche. Die Wissenschaft sollte HRK und DFG gegen Organisationen eintauschen, die zumindest ein marginales Interesse an wissenschaftlicher Wahrheit haben.

Für sachdienliche Hinweise zu den gegenwärtigen Geheimnissen des Wissenschaftsmanagements steht unter erbloggtes ät sags-per-mail.de auch eine mit OpenPGP verschlüsselte E-Mail-Verbindung zur Verfügung. Wissenschaftliche Whistleblower gefährden zwar ihre Wissenschaftlerehre – das aber zugunsten der Wahrheitssuche. Erschüttert es, das Geheimhaltungsprinzip in der postaufklärerischen Wissenschaft!

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5 Antworten zu “Geheimwissenschaftliches: Whistleblower gesucht!

  1. Pingback: Geheimwissenschaftliches: Whistleblower gesucht! (Rebloggt von Erbloggtes) | Der Nesselsetzer

  2. Pingback: Offener Brief an Präsidenten von DFG und HRK | Erbloggtes

  3. Wenn Debora Weber-Wulff auf ihrem Blog unter „Planned Talks“ für den 23. Juli einen Auftritt beim Wissenschaftsrat ankündigt, geht’s bei dieser Veranstaltung im Geheimen wohl eher um was anderes als das gewünschte Dreiklassensystem nach dem Ende der fetten Jahre. Mein Tipp dagegen: „Plagiate und Plagiatsverdacht“.

    Wenn man dann auch noch hört, dass angeblich Heike Schmoll diese Veranstaltung moderieren soll (kein Witz!), kann man sich den Rest fast schon denken. So richtig vorbei ist die Ära Schavan eben noch längst nicht.

  4. Pingback: Annette Schavan ist wieder da: Fallende Promotionspreise an der Universität Ulm | Erbloggtes

  5. Pingback: Pyrrhonismus in der Plagiatsdebatte | Erbloggtes

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