Gottesvolk auf Wandertag: Unterwegs mit Annette und Wolfgang

Erbaut es doch stets, wenn die Ex-Ministerin zu predigen anhebt: Da die Predigt die bevorzugte Sprachform der Annette Schavan ist, darf sich die Nation dann am gleichförmigen Fluss dieser wohlgesetzten, schimmernden Wort- und Satzperlen erquicken. Heute sind die Gelegenheiten seltener geworden, Bedeutsames und irgendwie Größeres aus berufenstem Munde zu vernehmen. Aber es gibt sie noch, vorzugsweise in Sakralbauten. Gerade gestern erst sprach Annette Schavan zu den Menschen in der Moritzkirche zu Augsburg.

Bei näherer Betrachtung erweist sich die aktuelle Predigt der früheren Wissenschaftsministerin als wissenschaftspolitische Botschaft und Handlungsanleitung in entscheidender Stunde. Denn der heutige 3. Juli 2013 steht unter einer Tageslosung und drei Parolen. Annette Schavan gab ihrer DFG am Vorabend der Mitgliederversammlung diese unbezweifelbaren Wahrheiten mit auf den Weg.

Die Tageslosung ist dem Lukas-Evangelium, Kapitel 12, Vers 56f. entnommen und lautet:

„Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen der Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12, 56f.)

1. „Das Bild des Konzils von der Kirche als Volk Gottes unterwegs ist ein schönes Bild.“

Der 3. Juli ist der Tag des Konzils, der Tag, an dem die Mitgliederversammlung der DFG zusammenkommt, um über wahr und falsch zu richten. Moderner orientierte Prediger würden wohl andere Worte wählen, etwa die von Elwood Blues: „Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!“ Mit so viel Sendungsbewusstsein startet es sich natürlich leichter in das Unterfangen, die Wissenschaftsgemeinde auf den Pfad des Lichts zurückzuführen. Wohin der Pfad führt? Seht selbst:

2. „Eine Kirche ohne Angst!“

Dieses Leitbild formulierte Wolfgang Frühwald bereits 1989, also drei Jahre bevor er zum DFG-Präsidenten berufen ward. Er hat sich stets daran orientiert und für „junge Menschen, bewusst oder unbewusst, [war] der Kern des Aufrufs zum ‚aggiornamento‘“, also zur Anpassung an heutige Verhältnisse, das Bekenntnis zu den „Vorschlägen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“. Wenn sich jeder dazu bekannte und an heutige Verhältnisse anpasste, war alles in bester Ordnung, denn schlechte wissenschaftliche Praxis war dann ausgeschlossen. Denn bekennende gute Wissenschaftler können keine schlechten Wissenschaftler sein, daher durfte die Wissenschaftsgemeinde fortan ohne Angst leben.

Nur Ketzer, die musste man weiter fürchten, wenn sie von außen in die wissenschaftliche Idylle eindrangen, um Chaos und Verwirrung unter den Gläubigen zu stiften. Aber dafür ist in diesen Tagen Abhilfe gefunden: Die Ketzer, die da verhöhnen das heilige Bekenntnis der Gläubigen zur guten wissenschaftlichen Praxis, sie werden ausgestoßen aus allen Tempeln und aus der Wissenschaftsgemeinde, der sie selbst durch eigenes Verschulden den Rücken gekehrt haben, indem sie schmählichen Verrat und Whistleblowing übten und das Antlitz der Kirche besudelten. Denn sehet: An ihrem Whistleblowing sollt Ihr sie erkennen!

3. „Die Tatsache des Scheiterns darf nicht verschwiegen, verdrängt oder zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen.“ [sic]

Die harten Maßnahmen für Einheit und Frieden der Gemeinde erfordern von allen Opfer, seien es grammatische Opfer oder logische Opfer, Opfer der Maßstäbe, jedenfalls aber Opfer der strengen Ahndung von Betrug, ähm, Scheitern. Das Scheitern muss ausgesprochen werden, denn es liegt keine Täuschungsabsicht darinnen, und sodann darf kein Ausschluss aus der Gemeinschaft der Doktoren mehr stattfinden. Denn nur Barmherzigkeit garantiert eine Kirche ohne Angst! „Eine Option für die Armen schließt den barmherzigen Umgang mit dem Scheitern ein.“ Denn Armut ist Scheitern. Betrug ist Lüge. Und der Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist Verrat.

Damit alle darüber meditieren können, sei die Tageslosung wiederholt:

„Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen der Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12, 56f.)

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3 Antworten zu “Gottesvolk auf Wandertag: Unterwegs mit Annette und Wolfgang

  1. Höchlichst zu verehrende, liebe Frau Professor Dr. Schavan,

    gestatten Sie mir zuvörderst, Ihnen abermals mein tief empfundenes Bedauern darüber auszusprechen, dass ich Ihrer gestrigen Weihehandlung in der St. Moritz-Kirche zu Augsburg nicht beiwohnen konnte. Auch Freund Frühwald bittet nochmals herzlich, sein Fernbleiben zu entschuldigen, da sich die Zusammenkunft der Forschungsgemeinschaft nun doch nicht mehr auf einen anderen Zeitpunkt verlegen ließ.

    Wenngleich es mir also nicht vergönnt war, selbst Ihren Worten zu lauschen, so bin ich doch auf denkbar seltsamstem Wege von ihrem wesentlichen Gehalt unterrichtet. Durch meine Aufgabe für unsere Sauberkeitsstandarten-Allianz (SAUSTALL) bin ich genötigt, auch dem übelsten Schmutz und Schund mich auszusetzen, um dem schamlosen Treiben dieser erbärmlichen Wichte wehren zu können. Es verlangt freilich eiserne Manneszucht, die schlimmsten Seiten im Internette täglich zu visitieren. Hier nun, bei einem der verruchtesten Wühler, stieß ich auf Bruchstücke Ihrer Augsburger Verkündigung – aus jeglichem Zusammenhange gerissen zwar, und boshaft entstellt, doch selbst in dieser Gestalt von jener zeitlosen Schönheit und Größe, an der wir uns in besserer Zeit so gerne und häufig gelabt.

    Ich darf Ihnen versichern, dass hier alles auf gutem Wege ist. Die scharfen Regeln zur Ahndung verleumderischer Pfeifenbläserei in der Wissenschaft, welche ich im Auftrage unserer Allianz ausarbeiten durfte, werden morgen zweifellos von der Versammlung approbiert werden. Auch ist dafür gesorgt, dass alles Wichtige in Freundeshand bleibt: Nachdem Freund Strohschneider jüngst vom Wissenschaftsrat zur Forschungsgemeinschaft wechselte, wird nun Freund Kleiner, dessen Platz er dort einnimmt, Präsident der Leibniz-Gemeinde. Die Freunde Winnacker und Mlynek haben unterdessen ein vertrauliches Papier zur Entwicklung eines Großforschungsprojektes „Zehn Jahre nach Dolly: Selbstrekrutierung und Autoregeneration der Wissenschaftsbetriebselite unter Verwendung ausdifferenzierter somatischer Funktionärszellen“ vorgelegt, das allgemein auf große Zustimmung stößt.

    Wir geben nicht auf.

    In treuer Verbundenheit verharre ich als Ihr
    Pufogel.

  2. Liebe scharfzüngige Weiblichkeit, liebe schamlose Exdoktorin Schavan, liebe übrige Verehrer von Pippi Langstrumpf,
    Dieses Zitat
    “Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen der Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?” (Lk 12, 56f.)“
    ist es wert, näher beleuchtet zu werden. Die erste Aussage darin ist nämlich ein krasser Irrtum, der erste Satz müßte heutzutage lauten : „ Das Aussehen der Erde und des Himmels KÖNNTET ihr deuten, wenn ihr nur wolltet, aber das auch erst seit knapp 100 Jahren.“
    Daraus ergibt sich von selbst, daß das rechte Urteil sich nicht von selbst findet.

    Nun zum Begriff „schamlose Exdoktorin“, wobei ich auf diesen Beitrag verweise:

    https://erbloggtes.wordpress.com/2013/06/27/geheimwissenschaftliches-whistleblower-gesucht/

    Hier wurde der schillernde Begriff „Ehre“ verwendet, wo ausschließlich „Reputation“ angebracht wäre, also „Wahrheit gegen Reputation“.

    http://www2.wiwi.hu-berlin.de/institute/im/publikdl/2004-2.pdf

    http://www.managerseminare.de/ms_Artikel/Reputationsmanagement-Arbeit-fuers-Ansehen,218845

    Schamlos ist, wer keine „Selbstachtung“ besitzt. (Selbstachtung und Reputation als innere und äußere Ehre).
    Nun noch ein „Schmankerl“ für die hier zahlreichen Kantfreunde:
    „Fußnote 145: Es besteht für Kant übrigens kein Zweifel, daß die Ehre und das selbstempfundene Ehrgefühl des Mannes durch die adäquate Beurteilung seiner selbst zustande kommt, während der Frau dies erst „im Urtheil anderer“ zuteil wird, wodurch er ihr und teilweise im Widerspruch zu bereits erwähnten Ausführungen unterstellt, lediglich der Ehrbegierde unterworfen zu sein. In zwei fast gleichlautenden Notizen ist die synonyme Verwendung von „Selbstschätzung“ und „Selbstbeurteilung“ ersichtlich: „Die Ehre des Mannes besteht in der Schätzung seiner selbst, des Weibes im Urtheil anderer.“ (AA XX (8); „Die Ehre des Mannes liegt in seinem Urtheil über sich selbst, der Frau aber im Urtheile anderer .“ (Ebd. 86) 😉

    http://books.google.de/books?id=aOWUXtDcKmQC&pg=PA106&lpg=PA106&dq=Ehre+Selbstachtung&source=bl&ots=wEEJQSuwnq&sig=3vB1yPWPWLOr_gU0dzdv8-8cW-U&hl=de&sa=X&ei=eS3NUeC9JoanO9XvgNAK&ved=0CGMQ6AEwCQ#v=onepage&q=Ehre%20Selbstachtung&f=false

  3. Pingback: Umleitung: von Daft Punk bis zur IBA in Hamburg. Wirr und verwegen. | zoom

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