Wissenschaftsorganisationen und wissenschaftliches Fehlverhalten

Ermutigt es, nach und nach ein genaueres Bild von den Entwicklungen und Konstellationen zu gewinnen, die hinter den verschlossenen Türen der Wissenschaftsgelderverwaltungseinrichtungsspitzenorganisationen ihren Einfluss geltend machen, so entmutigt es zugleich, dass weit und breit keine Abhilfe in Sicht ist, die die Wissenschaft vor diesem System retten könnte. Zweifellos gibt es im Wissenschaftsverwaltungssystem viele Wissenschaftler mit guten Absichten, und die Ex-Wissenschaftler tun ja auch nur ihren Job, doch die Effekte in der Bekämpfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens müssen wohl als kontraproduktiv beurteilt werden, wenn man genau hinhört, was einige Experten zu sagen haben.

Das Problem ist Kontrolle durch „die Wissenschaft selbst“

Hermann Horstkotte hat gestern unter dem Titel „Planloser Aktivismus gegen akademischen Schwindel“[1] eine eindrucksvolle Zusammenfassung der Lage geliefert und dazu mehrere bemerkenswerte O-Töne gesammelt. Ausgangspunkt bilden die bekannten Bestrebungen der DFG, die „Selbstkontrolle“ über die Wissenschaft in die eigenen Hände zu nehmen. Horstkotte konstatiert das Problem:

„Aber offensichtlich haben seit ein paar Jahren anonyme oder auch namhafte Ermittler auf privaten Internetplattformen wie Guttenplag und Vroniplag oder dem Laborjournal den Hochschulen das Heft aus der Hand genommen: In der Fehlersuche sind sie häufig schneller als die hochschulinternen Aufklärer.“[1]

Dass es sich bei „hochschulinternen“ Ombudsstellen qua Konstruktion nicht etwa um „Aufklärer“ handelt, sondern um Konfliktvermittler, die erstmal immer davon ausgehen, es liege ein persönlicher Streit zwischen zwei Parteien vor, wurde hier zuletzt anhand der Rolle, die „Whistleblowern“ in dieser Konstruktion zugewiesen wird, kritisch diskutiert. Dass die bekannten Internetpublikationen keine Schlichtungsverfahren an universitären Ombudsstellen anstreben, und in der Regel auch nicht als Whistleblower zu bezeichnen sind, ist bekannt, scheint aber bei einigen Wissenschaftsfunktionären noch nicht angekommen zu sein. Daher nochmal zur Erläuterung:

Whistleblower besitzen nicht nur Informationen, die der Öffentlichkeit nicht bekannt sind, ihre Informationen sind der Öffentlichkeit auch nicht ohne Weiteres zugänglich (weil sie verdeckt gehalten werden). Dagegen nennt man Menschen, die der Öffentlichkeit Informationen übergeben, die ihr zwar nicht bekannt, aber prinzipiell zugänglich sind, eigentlich: Wissenschaftler.

Für Whistleblower ist Anonymität in der Regel essentiell, weil das Whistleblowing als Geheimnisverrat (offiziell oder inoffiziell) sanktioniert wird. Die Anonymität von Wissenschaftlern ist in der Regel von diesen selbst unerwünscht, da wissenschaftliche Erkenntnis als ehrenhafte Errungenschaft angesehen wird. Doch dies gilt nicht unbedingt für die Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Warum das so ist, müsste man genau untersuchen; eine grobe Idee dazu könnte aber sein, dass so starke kollegiale Loyalitätsforderungen unter Wissenschaftlern bestehen, dass die Verdachtsäußerung wissenschaftlichen Fehlverhaltens selbst dann als Verstoß gegen einen impliziten Kodex (und die neuen Empfehlungen der HRK) eingeschätzt werden kann, wenn sich der Verdacht bestätigen lässt.

Dass eine öffentliche Äußerung des Verdachts wissenschaftlichen Fehlverhaltens, der sich auf Publikationen bezieht und einzig und allein unter Verweis auf Inhalte von Publikationen untermauert wird, aber anonym erfolgt, stellt für zuständige Stellen, die einen solchen Verdacht prüfen können, häufig auch müssen, und zu sanktionieren fähig sind, gar kein Problem dar. Denn Publikationen sind der Öffentlichkeit prinzipiell zugänglich, und so lassen sich die Belege für solche Verdachtsäußerungen völlig unabhängig von der Identität des Hinweisgebers (der hier keinesfalls als Whistleblower misszuverstehen ist) überprüfen.

Insofern ist Horstkottes Darstellung, Internetplattformen seien „häufig schneller als die hochschulinternen Aufklärer“, irreführend. Denn erstere sammeln ja zunächst Hinweise, bis sie einen Verdacht erhärten können, und geben diesen Verdacht samt der Belege dann an die universitären Stellen weiter, die dabei weniger als „Aufklärer“ agieren, sondern überwiegend Prüfaufgaben nachkommen. Da zahlreiche Beweise bereits zusammengetragen sind, bleibt den Hochschulen wenig mehr als die Überprüfung, ob diese Sammlungen korrekt sind, und wie sie zu bewerten sind. Dass die Überprüfung erst nach der Sammlung erfolgen kann, versteht sich dabei von selbst.

Wie Hasen verhindern, dass Igel sie überholen

Um so absurder sind die Äußerungen, die Horstkotte von Horst Hippler eingefangen und in indirekter Rede wiedergegeben hat:

„Nun komme es darauf an, sich von externen Entdeckern nicht mehr überholen zu lassen und nur noch zu reagieren, meint auch Horst Hippler als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Das sei man sich – und mahnenden Stimmen aus der Politik – einfach schuldig.“[1]

Gemäß dieser Darstellung suggeriert Hippler, die Hochschulen (oder irgendwelche mit „sich“ bezeichnete Stellen) seien den Übeltätern bereits auf der Spur, bevor sie „von externen Entdeckern“ überholt und so zum Reagieren gezwungen würden. Man kann es natürlich auch einen Überholvorgang nennen, wenn man gemütlich in seinem Büro sitzt und in der Post ein Schreiben findet, in dem sowohl das Ziel der Reise (der Verdacht), als auch die detaillierte Reiseroute (die Belege) beschrieben steht, von denen man zuvor nichts ahnte. Wenn Hippler bekundet, man wolle auf derartige Überholmanöver künftig nicht mehr bloß reagieren, kann das eigentlich nur bedeuten, dass man das Überholen auf dem Campus grundsätzlich verbietet und sich künftig auch weigert, Post mit Reisezielen und Reiserouten zur Kenntnis zu nehmen.

Dass genau das Hipplers Plan ist, dürfte inzwischen klar sein: Er will jede Verdachtsäußerung wissenschaftlichen Fehlverhaltens als wissenschaftliches Fehlverhalten verbieten – oder zumindest damit drohen, dass eine solche Bewertung sehr wahrscheinlich ist. Und wenn sich jemand davon noch nicht abschrecken lässt und trotzdem anonym Verdacht und Hinweise liefert, soll es den Hochschulen verboten werden, dem nachzugehen. Der entlarvendste Punkt ist aber natürlich, wem man das laut Hippler schuldig sei, nämlich „mahnenden Stimmen aus der Politik“.

Nett daran ist auch das benutzte Verb „jemanden etwas schuldig sein“, das bedeutet, man sei verpflichtet, demjenigen zu geben, was sein ist. In der geläufigsten Verwendung des Wortes ist ein Schuldner einem Gläubiger die Rückzahlung von Geld schuldig, weil der Gläubiger dem Schuldner einst Geld gegeben hat. Dass die HRK jährlich rund 4 Millionen Euro erhalten hat, vor allem von den Ländern und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, ist bekannt. Dass Hippler dies nach der ersten Mahnung durch die Opferung der Wissenschaftsfreiheit zurückzuzahlen gedenkt, vielleicht bislang weniger.

Im Vergleich mit Hipplers Plänen, das ist so langsam durchgesickert, sind die Jungs und Mädels von der DFG offenbar trotz der „mahnenden Stimmen aus der Politik“ nicht bereit, zu einer mehr als symbolischen Tilgung ihrer Schulden zu schreiten. Wie Horstkotte meint, sind die Änderungen der DFG-Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis sicherlich planlos, aufgeschreckt und realitätsfern – was einem eben so einfällt, wenn das Inkassobüro vor der Tür steht und droht, demnächst mit dem Fingerbrechen anzufangen. Der nächste Schritt des Inkassobüros war dann wohl eine ganzseitige Anzeige „Wanted. Dead or Alive“ in der Zeitschrift Nature.

Analytik des Angedeuteten

Horstkottes Artikel endet in einigen furiosen Andeutungen, die man sich wohl mehrfach auf der Zunge zergehen lassen muss, um die Tiefe ihres Geschmacks – und das Aroma des Abgangs – richtig ausloten zu können:

„Vor diesem Hintergrund sind die neuen Empfehlungen von HRK und DFG weder hilfreich noch weiterführend. Bemerkenswerter erscheint nicht nur dem Experten Gärditz der Proteststurm dagegen und die Petition – als ‚möglicher Seismograph eines Vertrauensverlustes vieler Wissenschaftler in die Neutralität und Unvoreingenommenheit‘ der Wissenschaftsorganisationen. Gärditz verweist auf deren kritische Wortmeldung zur Aberkennung des Doktortitels von Bundesministerin Annette Schavan. Er selber gutachtete in dem Fall für die Uni Düsseldorf. Sein vertiefter Einblick kann nachdenklich machen.“[1]

Würde man diesen edlen Tropfen in einen Gaschromatographen geben, ließen sich an Schlussfolgerungen, zu denen der sachkundige Horstkotte im Einklang mit dem erklärten Experten Gärditz kommt, statt der geschmacklichen Reichhaltigkeit vielleicht folgende einzeln scharf schmeckenden Zutaten herausarbeiten:

  • Die Beschlüsse von DFG und HRK nützen nichts, schaden wohl eher, gegen wissenschaftliches Fehlverhalten.
  • Die im Umfeld der Petition formulierten Proteste zeigen den Verlust des Vertrauens von Wissenschaftlern in Wissenschaftsorganisationen.
  • Wissenschaftsorganisationen gelten vielfach als parteiisch und voreingenommen. (Das geht so weit, dass wichtige Leute unternehmensfinanzierte Forschung als Schutz der Wissenschaftsfreiheit vor den Wissenschaftsorganisationen ansehen.[2])
  • Wissenschaftsorganisationen haben sich dies selbst zuzuschreiben, da einige von ihnen politische Einflussnahme zugunsten von Annette Schavan ausüben wollten. (Und das nur symbolisch für die dezenteren Manipulationen, die sie sonst betreiben.)
  • Wenn jemand mit so tiefem Akteneinblick wie Gärditz zu solch einem Ergebnis kommt, muss es noch viel schlimmer stehen als öffentlich bekannt. (Kein Wunder, dass Schavan die Veröffentlichung der Untersuchungsakten ablehnt.)

Was „The Annals of Pharmacotherapy“ jüngst für ihr Fach nur aufgrund von pharmaindustriegesponsorten Gast- und Scheinautorschaften düster prophezeiten, droht ganz allgemein aufgrund der Ausmaße, die wissenschaftliches Fehlverhalten in den verschiedensten Bereichen und Formen angenommen hat, und aufgrund der Unfähigkeit des vermachteten Wissenschaftssystems, wirksam dagegen vorzugehen: „there will be an erosion of public trust in academic research, science, and the peer-review system.“[3]

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