Eigenplagiator Marc Jan Eumann?

Erübrigte sich eine ausgiebige Erörterung des Plagiatsverdachtsfalles Marc Jan Eumann dankenswerterweise durch die ausführliche und multiperspektivische Analyse „Wider die Eigen-Plagiate-Hatz“ von Klaus Graf, so lassen sich hier nur einige Anmerkungen zu verschiedenen Aspekten ergänzen:

Grafs generelle Erwägungen sind deutlich angemessener als die vielfach konkret interessierten Erscheinungen von Eigenplagiatshysterie. In diesem Sinne wurden hier auch im Mai 2012 die Eigenplagiatsvorwürfe im Fall Schavan eher skeptisch kommentiert. Lediglich die Verschleierung der Wiederverwendung eigener Texte stelle in Verbindung mit dem entsprechenden Passus der Promotionsordnung ein Problem dar. Ähnlich sah das einige Monate später A. M. Schnierl, der allerdings das Vorgehen der Frankfurter Allgemeinen (FAZ/FAS) in der Frage von Schavans Eigenplagiat kritisierte: Heike Schmoll hatte die Vorwürfe dubios abgebügelt, ohne dafür belastbare Belege angeben zu können.

Wie interessierte Zeitungen berichten

Die Haltung der FAZ im Fall Eumann bildet dazu einen Gegenpol: Sie scheint hier von Anfang an eine treibende Rolle zu spielen. Für eine Zeitung ist natürlich die Erinnerung daran, wie man einst einen blendenden Hochstapler aus dem Amt jagte, schöner als die ernüchternde Erfahrung, wie man eine liebgewonnene Promotionsbetrügerin monatelang wider jede Vernunft gestützt hat. Eumann nun gilt der FAZ nicht nur als „einer der klügsten und gewieftesten Medienpolitiker der SPD“, sondern mit seinen medienpolitischen Vorstellungen von der Zukunft des Journalismus auch als so etwas wie ihr Hauptgegner. Am 23. Juni 2013 offenbarte Reiner Burger auf S. 6 der FAS unfreiwillig einen möglichen Wunsch, den FAZ-Kreise mit der ganzseitigen Skandalisierung des Falles Eumann verfolgen könnten:

„Nicht lassen will Eumann auch von der Idee einer aus Rundfunkgebühren finanzierten Journalismus-Stiftung.“[1]

Die Scheinheiligkeit der FAZ hat nicht nur Klaus Graf anhand eines journalistischen „Eigenplagiats“ von Reiner Burger wunderbar demonstriert. Der entscheidende Parallelfall zu Eumann dürfte vielmehr der Fall Frank Schirrmacher sein, den Der Spiegel 1996 beschrieb: Schirrmacher erhielt seinen Doktorgrad an der Gesamthochschule Siegen für eine Arbeit, die auf einem in Heidelberg als Magisterarbeit eingereichten Text basierte, der im Wesentlichen zwischen Magister und Promotion veröffentlicht worden war. Der Spiegel wetterte damals heftig gegen Eigenplagiate und schoss damit, wie Klaus Grafs Überlegungen zeigen, weit über das Ziel hinaus.

Es ist von außen schwer abzuschätzen, ob der energische Kampf der FAZ gegen Eigenplagiate ein verschleierter interner Delegitimationskampf gegen den Herausgeber des Feuilletons ist, oder ob der Fall Eumann vielmehr die geheime Rache des Frank Schirrmacher an seinen Kritikern werden soll. Die feine englische Art ist jedenfalls Burgers Vorgehen nicht, Eumann Vorhaltungen wegen seiner um 30 Seiten ausgebauten Magisterarbeit zu machen, und dabei zu verschweigen, dass in der eigenen Chefetage jemand mit einer um 32 Seiten ausgebauten Magisterarbeit als Promotionsleistung sitzt.

Doktorväter, Universitätsstrukturen, Noten

Zudem ist die Rolle des Doktorvaters im Fall Eumann irritierend. Horst Pöttker wurde im Januar 2013 in das erste Aufflammen des Falls Eumann hineingezogen, da der von Graf kritisch erwähnte Journalist David Schraven auf Korruption zielend berichtete, ein Forschungsprojekt Pöttkers sei von Eumanns Staatskanzlei kurz nach der Promotion im Rahmen seines von den Presseverlagen bekämpften Projektes einer NRW-Medienstiftung mit 210.000 Euro gefördert worden.[2] Den Verdacht der Gefälligkeitspromotion wird man natürlich am besten los, indem man die Promotion los wird. Aber ob das Pöttkers Hintergedanke bei der angeblichen Schockerfahrung der Rezensionslektüre („Der Beitrag schockierte ihn.“[1]) und sofortigen Beauftragung einer Prüfung durch die Dortmunder Fehlverhaltenskommission war, wer kann das sagen?

Die Strukturen der Technischen Universität Dortmund erscheinen bedenklich. Wenn das Rektorat nach Beratung durch eine von ihm eingesetzte Kommission ein „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“[3] bereits feststellt und die Fakultät anweist, ein Entziehungsverfahren einzuleiten, wo ist dann das Promotionsrecht der Fakultät geblieben? Die Pressemitteilung lässt auch keinen Zweifel daran, dass das Rektorat am liebsten „ein solches Verfahren selbst durchführen“[3] würde, wenn es nur dürfte. Wissenschaftliches Fehlverhalten jedoch zur Chefsache zu erklären und den zuständigen Stellen zu entziehen, dürfte weder eine gute Idee, noch mit der Wissenschaftsfreiheit vereinbar sein.

Schließlich war am 30. Juni festzustellen, dass die FAS eine Korrektur ihrer eigenen Berichterstattung dafür nutzte, weitere Fragen zum Fall Eumann aufzuwerfen:

„Im Promotionsfall Eumann sind weitere Merkwürdigkeiten bekannt geworden. Obwohl die Doktorarbeit […] von beiden Gutachtern mit der Note ‚magna cum laude‘ (sehr gut) bewertet wurde, erhielt Eumann von der TU Dortmund die bestmögliche Gesamtnote ’summa cum laude‘ (ausgezeichnet) und nicht wie in der F.A.S. vom 23. Juni berichtet eine ‚magna cum laude‘.“

Dieser Hinweis ist nicht online, sondern wurde in der Online-Version des Ursprungsartikels[1] absolut intransparent korrigiert. Aber wie dem auch sei, aus diesem Aspekt würde man dem Medienstaatssekretär Eumann nur dann einen Strick drehen können, wenn sich handfeste Korruption nachweisen ließe.

tl;dr: Der Fall Eumann liefert Material für Vergleiche mit verschiedenen anderen Plagiatsverdachtsfällen. Dabei zeigen sich immer wieder Anfälligkeiten für Doppelmoral.

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5 Antworten zu “Eigenplagiator Marc Jan Eumann?

  1. Hab ich irgendwas verpasst oder fehlt den Schreibern bei der F.A.S. eine ausreichende Kenntnis in Sachen Promotion? Es ist doch keine Ungereimtheit, sondern sogar teils gängige Hochschulpraxis, die schriftliche Arbeit höchstens bis zu m.c.l. zu bewerten. Erst mit einer exzellenten Verteidigung, also der mündlichen Prüfung, ist der Sprung zum m.c.l. dann möglich … was dann durchaus die Zustimmung von vier Prüfern benötigt, also keinesfalls von selbst geht. Könnte es sein, dass man bei der F.A.S. über keinerlei eigene Erfahrungen in Promotionsverfahren verfügt? Mir irritiert die Unkenntnis in diesem Hort des deutschen Kwallitätsschurrnalismus ein um das andere Mal mehr und mehr.

  2. Falls ich mich als Prüfer, Begutachter, …, vorstelle, würde mich vorallem interessieren:

    1. Ist das Gesamtwerk ausreichend gut (um die Vergabe von dem Doktortitel zu rechtfertigen)?

    2. Ist die Neuerung im Vergleich mit dem Original ausreichend groß?

    Wenn beide Fragen positiv beantwortet werden, würde ich mich nicht auf Details aufhängen.

    (Einmal davon abgesehen, dass ich mich in der praktischen Situation natürlich auch an die Prüfungsordnung, nicht nur meine persönliche Meinung, halten müsste.)

  3. Steffen Grimberg: Plagiatsverdacht und Wahlkampf. In: NDR.de, 02.08.2013 15:03 Uhr:
    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/doktoreumann101.html
    Zu rügen ist, dass Grimberg dasselbe Spiel spielt, das er der FAZ vorhält: Die FAZ suggeriere „Pätzold ist SPD-nah und deswegen pro Eumann“. Das ist natürlich erstmal unsachlich. Grimberg hingegen: „Löwer wurde 2006 vom damals in Düsseldorf regierenden CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers an den NRW-Verfassungsgerichtshof berufen.“ Unterstellt: Daher sei er contra Eumann. (Dass Löwers Position überhaupt nicht öffentlich überprüfbar ist, ignoriert Grimberg dabei.)

  4. Pingback: Eigenplagiate: Jakob Augstein, Marc Jan Eumann, Frank Schirrmacher | Erbloggtes

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