Totaler Krieg dem Totalitarismus

Erinnerte sich noch jemand an die Zeit, als solche Reden an der Tagesordnung waren, wie sie jüngst Focus-Online-Gastautor Michael Wolffsohn schwang? Wörtlich äußerte er unter dieser kunstvollen Illustration:

„Totale Fremdbestimmung … Kraken-Staat … Deutsche ‚hört die Signale: Auf zum letzten Gefecht‘ … Machtergreifung um jeden Preis … Wahl zwischen Freiheit und Sozialismus … Republik steht am 22. September auf des Messers Schneide … gigantisch, krakenhafte Anwachsen … Weite Teile der (vermeintlichen) Kulturelite werden, dem einstigen Waffen-SS-Mann Günter Grass nachlaufend, über Rot-Rot-Grün jubilieren … Droht dann der totale Staat? … Totalitarismus (= staatlich-diktatorische Bevormundung aller Bürger von der Wiege bis zur Bahre) … Wollt ihr den totalen Staat?“[1]

Abgesehen von der über Gebühr beanspruchten Kraken-Metapher (vgl. z.B. Der Stürmer 1938) und der Verachtung gegenüber einer „(vermeintlichen) Kulturelite“ ist es dem Autor sogar gelungen, antisemitische Anspielungen zu unterdrücken. Das Fachblatt für den propagandistischen Kampf gegen „ideologische … Journalisten“ erklärt abschließend:

„Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Historiker an der Bundeswehruniversität München. Er ist zudem Autor u.a. von ‚Wem gehört das Heilige Land?‘ und ‚Juden und Christen‘.“[1]

Puh, na dann ist ja alles gut. Hätten sie das nicht dazu geschrieben, hätte man sich noch andere Berufsbezeichnungen ausmalen können. Es ist – das muss man wohl konstatieren – keineswegs ein einmaliger Ausrutscher, in welchen Assoziationsräumen sich die Kolumne des 2012 emeritierten Professors so bewegt. Tags zuvor schrieb er:

„Jetzt fordern sie den ‚Veggie Day‘. Wie lange wird es noch dauern, bis sie uns (mindestens) einmal pro Woche Geschlechtsverkehr vorschreiben?“[2]

Vegetarismus und staatliche Sexoffensive zur Volksvermehrung? Wolffsohns persönliches Schwärmen von den Vorzügen vegetarischer Ernährung müssen in diesem Zusammenhang vielleicht nicht weiter diskutiert werden. Daher gleich zum großen Finale:

„Jener Veggie-Vorschlag löst die Dynamik der Unfreiheit, der totalen staatlichen Bevormundung, also letztlich die Dynamik des Totalitären aus. Sie umfasst und erfasst nämlich jeden Einzelmenschen in seiner Gesamtheit (‚Totalität‘). Wollen wir das? Nein Danke! Daher: Wehret den Anfängen!“[2]

Eigentlich endet dieser Beitrag hier. Aber weil er bisher so wenig lehrreich war und die Erbloggtes-Leserinnen und -Leser nicht so dumm sterben müssen sollen, als ob sie Focusleser wären, sei ihnen empfohlen, die Wikipedia an der Stelle über Totalitarismus-Modelle aufzuschlagen, sie sich zu Gemüte zu führen und dabei das Augenmerk darauf zu richten, dass Wolffsohns Vorstellung vom Totalitären mit keinem dort vorgestellten Modell in Einklang zu bringen ist. Auswendiglernen und jedem Totalitarismusfasler vorhalten lässt sich Hannah Arendt:

„Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“ (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1986, S. 958, zit. nach Wikipedia)

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6 Antworten zu “Totaler Krieg dem Totalitarismus

  1. Rüstige Rentner sind eben doch die besten Kalten Krieger.

  2. Muss nicht alles schlecht sein: eventuell erklärt sich der immer schriller werdende Ton der „Qualitätspresse“ dadurch, dass es sich bereits um den letzten Schrei im Todesk(r)ampf handelt. 😉

    Ich werd den Focus jedenfalls nicht vermissen, auch wenn er mir die Wartezeiten bei meinem HNO immer satirisch verschönt hat. Nur eine Frage bleibt letztlich offen: wo dieses Deutschland mit den ganzen „Linksrucken“ liegt, über das im Focus immer so eifrig getextet wird …

  3. Die Totalitarismusangst eines Folterbefürworters (laut Wikipedia) – ganz große Klasse…

  4. Normalerweise äußert sich @erbloggtes zurückhaltend und etwas sibyllinisch. Aufschlußreich wird es immer dann, wenn sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht und die Contenance verliert.
    Zitat Twitter:
    „1. K. Gor ‏@Revolvermann 15 Aug
    „Weite Teile der (vermeintlichen) Kulturelite werden, dem einstigen Waffen-SS-Mann Günter Grass nachlaufend, über Rot-Rot-Grün jubilieren“
    2. Erbloggtes ‏@Erbloggtes 15 Aug
    @Revolvermann Quelle? @pulegon
    3. pulegon ‏@pulegon 15 Aug
    @Erbloggtes @Revolvermann focus.de/politik/gastkolumnen/wolffsohn/totale-fremdbestimmung-wie-die-spd-schon-jetzt-alles-fuer-den-rot-rot-gruenen-kraken-staat-vorbereitet_aid_1071817.html
    4. Erbloggtes ‏@Erbloggtes 15 Aug
    @pulegon Danke! Ist ja famos. Das muss ich im Blog für die nächsten 1000 Jahre festhalten. @Revolvermann
    6:41 AM – 15 Aug 13 · Details
    5. K. Gor ‏@Revolvermann 15 Aug
    @Erbloggtes mein WTF Level ist mit diesem „Gastbeitrag“ für diese Woche erschöpft…
    6. Erbloggtes ‏@Erbloggtes 15 Aug
    @Revolvermann Ich bin beeindruckt, dass Wolfssohn bis auf die Krakenmetapher ohne Anspielungen auf eine jüdische Weltverschwörung auskam.
    6:54 AM – 15 Aug 13 · Details “

    Wer in Deutschland zwischen den Stühlen sitzt, muß mit dem Schlimmsten rechnen.
    wolffsohn.de/cms/images/Snippets_pdf/WEL-16.05.2013-8-Sitzen_Sie_gut_zwischen.pdf

  5. Sibyllinisch äußert sich stets alleszuspaet. Das ist ja auch das prophetische Programm des Pseudonyms. Der Gestus des Aufdeckens ist damit jedoch unvereinbar. Im Raunen des Orakels kann man nur erahnen, was die Götter flüstern, nur wem flüstern sie es, wem?

  6. Wem?….jedem, „der Ohren hat, zu hören“. Aber, wer solche Petitessen in seinem Blog 1000 Jahre festhalten will, hat auch ein gewaltiges Problem mit seiner Brille, oder sollte das eine schräge Anspielung auf`s 1000-jährige Reich sein?
    „Zu spät“ ist übrigens meist die Weitsicht, Vorsicht, Hellsicht, Umsicht, Einsicht, Rücksicht…., was ja zu der bekannten Ausrede führt: „Hinterher bin ich auch schlauer“.
    Selbst Faust ist daran gescheitert.
    http://www.sterneck.net/literatur/goethe-faust/index.php
    Im Grunde ist das „Zu spät“ die große Menschheitstragödie.
    „Der Gestus des Aufdeckens“ ist mir fremd, daher würde ich mich auch nicht zum Plagiatsucher eignen. Ich suche nur Erkenntnisgewinn, um die obigen Defizite zu verringern.

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