Pyrrhonismus in der Plagiatsdebatte

Ergänzte sich der Vortrag, den Philipp Theisohn auf der Tagung des Wissenschaftsrats am 23. Juli 2013 in Berlin gehalten hatte, günstig durch die anschließende Diskussion? Theisohns Vortrag „Fremde Worte, eigenes Denken. Wissenschaftliche Normen im historischen Wandel“ kann inzwischen ja jeder nachlesen und dabei die These prüfen, dass Theisohn den Plagiatsskeptizismus zum Plagiatspyrrhonismus radikalisiert hat. Simone G. hat Theisohns Vortrag genau gelesen und auseinandergenommen.

Elemente des Pyrrhonismus

Um die Referenzen der Das-sind-doch-alles-keine-Plagiate-Fraktion an die Lehren des Pyrrhon von Elis (ca. 365-270 v. Chr.) zu verdeutlichen, muss man weit zurückgehen und sich die Grundsätze der antiken Philosophenschule der pyrrhonischen Skepsis vor Augen führen. Diogenes Laërtius[*] schreibt in seinen Vitae philosophorum:

„Von daher, scheint es, praktizierte er [Pyrrhon] die Philosophie auf eine äußerst vortreffliche Weise und führte diejenige Form von ihr ein, welche in Nicht-Erkenntnis und in Urteilsenthaltung besteht“. (9.61f.)

So scheint sich in Theisohn eine Antwort auf Senecas pessimistische Frage aus den Naturalium quaestiones libri VIII herauszubilden:

„So viele Philosophenschulen verschwinden also ohne einen Nachfolger. […] Wen gibt es, der die Lehren Pyrrhons weiterreichen würde?“ (7.32.2)

Alles erscheint ja irgendwie, zum Beispiel Schavans Dissertation als Plagiat, doch seine innere Natur vermögen wir nicht mit Gewissheit zu bestimmen, lehrte Pyrrhon. Sextus Empiricus berichtet in seinen Pyrrhoniae Hypotyposeis von 10 Modi, wie man sich jedes Urteils enthalten könne, ist aber nicht sicher, ob es vielleicht auch 8, 9 oder 11 sind, oder ob es statt Modi nicht eher Argumente oder Muster sind. Sie beruhen auf Verschiedenheit

  1. der Arten
  2. der Individuen
  3. der Sinnesorgane
  4. der Umstände
  5. der Orte
  6. der Beimischungen
  7. der Gegenstände
    und auf der allgemeinen
  8. Relativität
  9. Häufigkeit oder Seltenheit
  10. und Verschiedenheit der Sitten, Gebräuche, Gesetze, Mythen und Dogmen. (1.31-39)

Man kann nichts sicher wissen, weil sich stets verschiedene Positionen in einem Widerstreit befinden. Dieser Widerstreit lässt sich nicht lösen, denn dazu müsste man über dem Streit stehen. Aber wenn man sich für eine Seite entschiede, um den Streit aufzulösen, stünde man ja nicht mehr über dem Streit. Daher lässt sich keine Aussage sicher treffen, kein Urteil fällen.

Derlei Ungewissheit und Gewissenlosigkeit müsse die moderne Wissenschaft natürlich vollständig überwunden haben, könnte man meinen, da sie ja ausgefeilte Gewissenstheorien und noch ausgefeiltere Methoden entwickelt habe, um den Unwägbarkeiten des Erkenntnis- und Urteilsprozesses beizukommen. Denn Wissenschaft benötigt ja gesellschaftliches Vertrauen, sonst würde die Gesellschaft ihr Geld besser in Pferdewetten investieren. Und so hat der Wissenschaftsrat Folgendes als Präambel vor sein Tagungsprogramm zum 23. Juli gestellt:

„Die in den vergangenen Jahren öffentlich gewordenen Fehlverhaltensfälle haben das gesellschaftliche Vertrauen in die wissenschaftlichen Einrichtungen und ihr Personal erschüttert. Die Wissenschaft muss daher signalisieren, dass sie ihre Verantwortung ernst- und wahrnimmt, indem sie die Beachtung der Leitlinien und die Einübung wissenschaftlicher Integrität sicherstellt.“[1]

Eine Tagung gegen die Skepsis also. Für den Glauben an die Wissenschaft. Da kommt Skepsis gegen Existenz oder Erkennbarkeit von Plagiaten natürlich gerade recht. Denn wenn es keine Plagiate gibt, dann ist die wissenschaftliche Textproduktion ja sauber und vertrauenswürdig. Aber Pyrrhonismus? Den radikalen Skeptiker muss man doch auch fragen: Wie kann man etwa einen Doktorgrad verleihen, wenn man sich über die wahre Natur der zugrundeliegenden Dissertation gar nicht sicher sein kann? Und wofür ein Doktor, wenn das Geschriebene ebensogut Phantasie wie Erkenntnis sein kann? Das ist freilich nicht die Art von Frage, die man einem Philipp Theisohn auf einer Wissenschaftsratstagung stellt:

Diskussion zu Theisohns Vortrag

Nach dem früheren Eindruck, es handele sich um eine Geheimtagung, dokumentiert der Wissenschaftsrat nun seine Veranstaltung detailliert, auch als Audiomitschnitt von Vortrag und Diskussion (ab min 31:00) im Internet. Ganz im Sinne der Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Zitat und Paraphrase“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, deren Ausfluss Tagung und Positionierung sind, und auf die auch mehrfach in der Diskussion Bezug genommen wird, erfolgt die Darstellung hier als Zitat und Paraphrase:

Achim Doerfer (zuletzt durch diesen Aufsatz hervorgetreten): Sie sprachen von Einverständnis zwischen Leser und Schreiber, von der Voraussetzung, dass die bekannten Zitate bekannt sind. Das sagt ja auch etwas über Selbstwahrnehmung des Autors als Gelehrter, der in seinem Turm sitzt und nichts nachlesen muss, verstehe ich das richtig?

Philipp Theisohn: Ganz richtig, wiederum gekoppelt daran, wie der Autor vom Leser wahrgenommen werden möchte. Bei den Philosophen der 30er kann man das wunderbar sehen. Was bei mir nur aus der Sekundärliteratur zitiert wird – und ich sage dann „Bei Ahner steht das“ – das reicht, wer will, kann es da nachlesen. Wer heute so promoviert, hat wahrscheinlich ein Problem. Aber es ist tatsächlich zeitlich bedingt durchaus nicht unakzeptabel. Es gibt auch diese Grauzonen.

Heinz-Elmar Tenorth: (zuletzt mit zwei SchavanGutachten hervorgetreten): Ja, ich fand das ja einen sehr schönen Vortrag, besonders weil mein Fach [Erziehungswissenschaft] vorkam. Zwei Bemerkungen: Erstens erinnere ich mich an einen alten philosophischen Lehrer, der immer mahnte: „Denkt nur nicht, Ihr denkt selbst. Es denkt durch Euch hindurch! Wenn Ihr ein vernünftiges Argument habt, habt Ihr es von anderen. Solange Ihr das nicht wisst, habt Ihr von Philosophie nichts verstanden.“ Originalität war verpönt. Zweitens muss ich meine Disziplin verteidigen: Ich hätte tausende mehr Belege gehabt, Ihrer Art; habe in meine eigene Dissertation geguckt, von 1975, und fand, dass ich englisch oder amerikanisch zitiere, das war ein Ausweis von Modernität, von Modernität! Dass man nicht mehr sich sklavisch [unverständlich]. Nun habe ich historisch gearbeitet, und das einzige, was ich zitiere, sind die Quellen, mit denen ich gearbeitet habe. Also worauf ich aufmerksam machen wollte nur ist: Sie erwischen nur ein Teilsegment der pädagogischen Promotionsproduktion, etwa nicht die Historiker wie mich, die natürlich ordentlich zitieren, und nicht die Schulpraktiker, die ihre Lehrer erzählen lassen. Für die philosophisch-theoretischen Arbeiten aber traf dann zu, was ich von meinem Philosophen erzähle: „Ihr denkt nicht, sondern es denkt in Euch.“ Und das wussten die.

Philipp Theisohn: Auch da bin mit beiden Kritiken sehr d’accord. Finde ich wunderbar. Was das Segment der Pädagogik betrifft, haben Sie natürlich recht. Wenn ich sage: Ich habe 25 [Dissertationen] angeschaut, kann ich natürlich nicht sagen, ich habe in allen das gefunden. Weil ich blind bin in dem Bereich, habe ich genommen, was da war. Ich habe auch sehr textkritische Arbeiten gefunden, auch aus der historischen Lernforschung, und auch Kindergartenuntersuchungen. Aber wenn es darum ging, eine Theorie zu entwickeln, da war es immer so, wie ich es jetzt gezeigt habe. Noch eine Anmerkung: Mein Vater hat auch 1975 promoviert und noch untertänig Fußnoten gesetzt, weil er nicht so mutig war, in dem englisch-amerikanischen Stil zu zitieren. Das habe ich nicht verstanden, jetzt verstehe ich es besser.

Debora Weber-Wulff (zuletzt hier Äußerungen zu dieser Tagung): Ich wollte gerne die aufgebrachte Fragestellung der „Intention“ ansprechen. Für mich ist es nach wie vor ein Plagiat, unabhängig davon, ob man es vorhatte oder nicht. Denn wenn ein Text – gerade ein Text, der wortident ist – vielleicht auf breiten Strecken die Gedanken von anderen übernimmt, für mich ist das dann ein Plagiat. Bei einem kleinen Schnipsel können wir vielleicht darüber diskutieren, aber wenn es viele solche Stellen gibt nicht. In der Definition aus den USA gibt es keinen Begriff der Intention. Ich habe das nur gefunden in Deutschland in den 30er Jahren: Paul Englisch hat „Absicht“ mit hineingebracht in seine Definition. Ihm war selbst Plagiat vorgeworfen worden, und in seinem Buch „Meister des Plagiats“ [siehe hier] hat er auch plagiiert. Warum soll ein Text anders beurteilt werden in Abhängigkeit von der Frage nach der Intention, oder ob man sie beweisen kann?

Philipp Theisohn: Also vielleicht erstmal eine Differenzierung – also ich weiß, was du meinst, aber ich rede [stockt] … Zunächst mal: Da wo ich Intentionalität gebraucht habe, „die bestimmte Intention“, da ging es gar nicht um das Plagiieren, sondern da ging es darum, dass jeder wissenschaftliche Text jemanden adressiert und in der Art wie er geschrieben ist, und wie er mit Quellen umgeht, eine bestimmte Intention hat. Das muss nicht um das Zitieren gehen, es kann ja auch sein: Bestimmte Autoren zitiere ich gar nicht, nehme ich überhaupt gar nicht auf oder nehme ich nicht zur Kenntnis. Das ist ja auch eine Intention. Oder bestimmte Sachen nehme ich rein oder erwähne ich, obwohl sie unnötig sind. Das ist ja auch eine Intention. – Was das betrifft, dass in der amerikanischen Diskussion der Begriff der Intention nicht geläufig ist, ich meine, wir sehen das hier auch: Ich glaube, hier kommen wir an einen grundsätzlichen Punkt. Tatsächlicht ist es so, dass es von juristischer Seite einen gewissen Normativitätsbedarf gibt, man kann nicht alles den Fachwissenschaftlern überlassen, sonst wird es schwierig. „Täuschungsabsicht“ kommt genau daher, dass irgendwann jemand gesagt hat, es gibt bestimmte Regeln, wie oft jemand Text übernommen haben muss, um auf Absicht zu schließen. „Absicht“ können wir nicht an einem Text „nachweisen“, sondern wir finden Indizien. Wir unterstellen die Absicht, aber wir finden sie nicht im Text. Der Text selbst ist nicht eigentlich intentional belegt, sondern wir tun das in diesen Plagiatsverfahren.

Martin Schulze Wessel (nicht in Plagiatsdingen hervorgetreten): Was Sie chronologisch entwickelt haben, könnte man auch interkulturell entwickeln. [Zwischenruf Theisohn: Fraglos.] Bei russischen und ukrainischen Studenten ist Originalitätsanspruch ein anderer und die Bereitschaft zur Übernahme von Texten erstmal relativ hoch, bei einzelnen, nicht bei allen, um keine Klischees zu [bricht ab].

Philipp Theisohn: Das ist in der Tat richtig. Wenn wir über Komplettplagiate reden oder über seitenweise [Übernahmen], ist das eigentlich recht unspannend. Spannend sind die Fragen: Paraphrasen. Ab wo ist eigentlich etwas eigenständig und wo nicht. Darf eine Paraphrase wörtliche Zitate enthalten oder nicht? Wenn ja, wie viele Wörter dürfen es sein: Zwei oder drei? Das ist recht schwer zu begreifen. Und gerade interkulturell ist diese Überlegung: Ich darf Sachen zusammenfassen, also ich paraphrasiere einfach einen Text, ergänze zwei Zitate, aber da mache ich eigentlich einen Block, wo ich aber nur wiedergebe, was schon geschrieben ist, das findet man recht häufig.

Peter Gaehtgens (Mitglied der IAG „Zitat und Paraphrase“): Würden Sie sagen, dass die gleiche zeitliche Entwicklung in der Art des Umgangs mit oder des Verständnisses von Zitat und Paraphrase in allen Fächern ähnlich ist? [Zwischenruf Theisohn: Nein.] Also Sie haben ja nur diese eine Disziplin angeschaut, und in der Diskussion in der Arbeitsgruppe hatten wir ja schon gesagt, dass in den Naturwissenschaften das Problem sich ganz anders stellt, weil „Fakten“ zitiert werden, hat einer der Mitglieder gesagt – darüber kann man ja auch geteilter Meinung sein, ob immer nur Fakten [mitgeteilt werden]. Aber: Gibt es ähnliche Untersuchungen auch in anderen Disziplinen?

Philipp Theisohn: Ähm, also ich bin noch weit davon entfernt, das „meine Untersuchung“ zu nennen. Also in der Literatur gibt es natürlich Untersuchungen. Aber ich bin mir sicher, also Fachkulturen unterscheiden sich sowohl intern als auch im Vergleich zu anderen Fachkulturen. Beispielsweise Theologie (weil ich eine Theologin [Heike Schmoll] neben mir habe): Also ein Fach, das im Grunde jahrhundertelang philologische Knechtarbeit leisten musste, hat ganz andere Techniken entwickelt und ganz andere Überprüfungsverfahren und Legitimationsverfahren im Umgang mit Fremdtexten, als ein Fach, das überhaupt noch gar nicht richtig weiß: Wie kann ich eigentlich etwas referenzieren, ohne quasi nachher die Seite mit zehn Fußnoten voll zu haben? Das ist eine ganz, ganz schwierige Geschichte. Und Naturwissenschaften tatsächlich haben einen ganz anderen Pragmatismus, weil da auch die Durchlässigkeit und die Geschwindigkeit, in der Wissen übertragen wird von Text zu Text, viel höher ist, als das in den Geisteswissenschaften ist. Also ich muss den Text des Mediziners oder des Physikers muss ich im Grunde gleich reproduzieren können, muss es anwenden können. Wenn ich an einer Forschung dran bin, muss ich das Ergebnis importieren können, und da wird man natürlich auch pragmatischer – dass man da nicht sagt, es geht nicht darum, dass du das jetzt wunderschön formulierst, sondern: Was steht da drin, was hast du gefunden?

Heike Schmoll (wohlbekannt): Vielen Dank! Vielen Dank, Herr Theisohn, für die spannenden Einblicke in die Arbeitsgruppe und in Ihre eigenen Untersuchungen. Und Herr Marquardt hat jetzt das Schlusswort.

Pyrrhonismus im Subtext der Diskussion

Um welchen konkreten Fall es bei der ganzen Chose eigentlich geht, dürfte hinreichend deutlich geworden sein. Die schavanistischen Begründungsversuche des Herbstes 2012 wurden, elaboriert und verallgemeinert, dem andächtig lauschenden Publikum der geladenen Granden vorgetragen. Und immer, immer wieder geht es um die Relativität jedes konkreten Falles: Dass die Universität Düsseldorf im Fall Schavan ein Plagiat festgestellt habe, die Schavanisten aber gegenteiliger Ansicht sind, wird so auf pyrrhonische Verschiedenheiten zurückgeführt. In der Diskussion erscheinen Verweise auf folgende Modi von Verschiedenheit (die sich von den antiken Modi unterscheiden, da diese ja nicht ewig, sondern nur vorläufig formuliert waren):

  • Verschiedenheit der Kommunikationsgemeinschaft („Einverständnis zwischen Leser und Schreiber“)
  • Verschiedenheit der Selbstbilder („des Autors als Gelehrter“)
  • Verschiedenheit der Selbstdarstellung („wie der Autor vom Leser wahrgenommen werden möchte“)
  • Verschiedenheit der historischen Situation („zeitlich bedingt“ – „chronologisch entwickelt„)
  • Verschiedenheit der Normen („Grauzonen“ – „gewissen Normativitätsbedarf“ – „Regeln“)
  • Verschiedenheit der Vorstellungen vom Denk- und Schreibprozess („Denkt nur nicht, Ihr denkt selbst“)
  • Verschiedenheit der Wertorientierungen („Originalität war verpönt“ – „wunderschön formulierst“)
  • Verschiedenheit der Disziplinen („ein Fach […] hat ganz andere“ – „Fachkulturen unterscheiden sich […] im Vergleich zu anderen Fachkulturen“)
  • Verschiedenheit der Ziele („Naturwissenschaften tatsächlich haben einen ganz anderen Pragmatismus“ – „Originalitätsanspruch ein anderer“ – „philologische Knechtarbeit“)
  • Verschiedenheit der Subdisziplinen („nur ein Teilsegment der pädagogischen Promotionsproduktion“ – „Fachkulturen unterscheiden sich sowohl intern“)
  • Verschiedenheit der Fortschrittlichkeit („Ausweis von Modernität“ – „noch untertänig Fußnoten gesetzt“)
  • Verschiedenheit der Definitionen („In der Definition“)
  • Verschiedenheit der Nation („aus den USA … in Deutschland in den 30er Jahren„)
  • Verschiedenheit der Interessen („mit ‚Absicht'“)
  • Verschiedenheit des Publikums („jeder wissenschaftliche Text jemanden adressiert“)
  • Verschiedenheit der Intention („Das muss nicht um das Zitieren gehen“)
  • Verschiedenheit der Akteure („Der Text selbst ist nicht eigentlich intentional belegt, sondern wir tun das in diesen Plagiatsverfahren“)
  • Verschiedenheit der Kultur („interkulturell … Bei russischen und ukrainischen Studenten „)
  • Verschiedenheit der Meinungen („darüber kann man ja auch geteilter Meinung sein„)

Theisohn erweist sich als echter Sophist, indem er nach der genauen, aber abstrakten Grenze zwischen zwei Zuständen fragt:

„Paraphrasen. Ab wo ist eigentlich etwas eigenständig und wo nicht. Darf eine Paraphrase wörtliche Zitate enthalten oder nicht? Wenn ja, wie viele Wörter dürfen es sein: Zwei oder drei?“

Ja, zwei oder drei Wörter? Die Rhetorik ist darauf ausgelegt, dem fiktiven Opponenten Dezisionismus vorzuwerfen, sollte er es wagen, eine Zahl anzugeben. Denn wenn man nicht entscheiden kann, ob zwei oder drei Wörter zuviel sind, wie kann man dann vier, fünf oder sechs identische Wörter als illegitim ungekennzeichnete Übernahme bezeichnen? Wie 100, 1000 oder 100.000? Wenn man die abstrakte Grenze nicht mit Gewissheit bestimmen kann, dann gibt es offenbar gar keine zwei Zustände Plagiat und Nichtplagiat, oder?

Und wenn die Verschiedenheiten zwischen jeder Dissertation so groß sind, Orte, Zeiten, Personen sich völlig voneinander unterscheiden, wie ist da Gewissheit möglich? Wie kann sich dann ein Fakultätsrat erdreisten, einer untadeligen Person eine „Intention“ zu unterstellen und ihren Doktorgrad wegen Plagiat abzuerkennen?

Praxisprobleme des Pyrrhonismus

Die pyrrhonische Strategie der Plagiatsleugnung baut auf uralte Fundamente. Aber durchdacht ist sie nicht. Theisohn, der weit davon entfernt ist, das „meine Untersuchung“ zu nennen, weiß ebenso wie der alte Bekannte Tenorth, dass da etwas durch ihn hindurch denkt und spricht. Sein Argument ist gebunden an seine Position in diesem Widerstreit. Es erscheint ihm so zu sein, dass Schavans Dissertation kein Plagiat ist, aufgrund der Verschiedenheit seines Ortes, seiner Zeit, seiner Person von denen, die anderer Meinung sind. Er kann keine Metaposition einnehmen, aus der er den Streit auflösen könnte. So lehrt es der Pyrrhonismus.

Doch nicht nur das. Eine pyrrhonische Position ist nach Diogenes Laërtius eine Haltung, die Nicht-Erkenntnis und Urteilsenthaltung lehrt. Wie kann also Theisohn mit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Zitat und Paraphrase“ durch den Nachweis der Relativität aller Plagiatsbeurteilungen zum Erfolg gelangen? Dieser „Nachweis“ hält sich ja selbst nicht an die Grundsätze Nicht-Erkenntnis und Urteilsenthaltung. Die IAG versucht zu erkennen und zu urteilen. Doch alles ist ihr relativ, daher ist ihr Bemühen zwecklos.

Doch nicht nur das. Eine pyrrhonische Position kann nicht zu einer sicheren Erkenntnis oder zu einem sicheren Urteil gelangen. Wie sollte der Pyrrhonismus dann in der Lage sein, dem Beschluss des Düsseldorfer Fakultätsrates, Schavans Doktor abzuerkennen, irgendetwas entgegenzusetzen? Die Fakultät hat ein festgelegtes Verfahren geführt und darin durch eine Abstimmung eine Entscheidung getroffen. Nun klagt Schavan und bestreitet die Rechtmäßigkeit des Verfahrens. Aber die Fakultät hat schon ein ausführliches Rechtsgutachten zur Rechtmäßigkeit des Verfahrens erstellen lassen. Durch die Betonung der Relativität von Erkenntnissen, Normen und auf deren Grundlage getroffenen Entscheidungen lässt sich keine dieser Entscheidungen untergraben oder gar revidieren.

Pyrrhonismus ist eine Haltung, mit der man die Welt nicht verändern kann, wie aus dem Bericht des Diogenes Laërtius hervorgeht:

„Diesen Ansichten folgte er [Pyrrhon] auch in seiner Lebensführung, indem er vor nichts auswich und keine Vorsichtsmaßregeln traf und alles so auf sich zukommen ließ, wie es sich gerade traf, Wagen, Abhänge und Hunde […]. Beschützt wurde er freilich […] von seinen Schülern, die ihn begleiteten. […] Er wurde etwa neunzig Jahre alt.“ (9.61f.)

Aber der Pyrrhonismus hilft, die Welt zu ertragen:

„Als er eine Verletzung hatte und die Wunde mit Desinfektionsmitteln, Schneiden und Brennen behandelt wurde, da habe er, so wird berichtet, noch nicht einmal die Stirne gerunzelt.“ (9.66f.)

Vielleicht ist der so prominent hervorgetretene Plagiatspyrrhonismus lediglich diejenige Trostreligion, die die Schavanisten heute benötigen, um über ihren herben Verlust hinweg zu kommen. Die IAG „Zitat und Paraphrase“ mit ihren schöngeistigen Selbstbestärkungsveranstaltungen ist dann sozusagen die Abfindung für treue Weggefährten und -gefährtinnen. Sie muss praktisch wirkungslos bleiben.

Denn würden pyrrhonische Prinzipien in die Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens weiter Eingang finden, dann würde dies auch auf die Wissenschaft insgesamt durchschlagen: Wenn man nicht wissen kann, ob ein Forscher betrogen hat oder nicht, warum sollte man dann glauben, dass das, was er herausgefunden zu haben behauptet, stimmt? Und warum sollte man in diesem Fall nicht lieber der Astrologie oder Homöopathie statt der Wissenschaft Glauben schenken, die zu weitaus geringeren Preisen verfügbar sind?

[*] Alle Ausführungen über den Pyrrhonismus nach A. A. Long/D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Stuttgart/Weimar 2000.

tl;dr: Pyrrhonismus ist geeignet, um Gewissheiten zu erschüttern. Auf ihn lassen sich aber keine anderen Gewissheiten aufbauen. Der Plagiatspyrrhonismus kann Schavan daher nicht helfen. Er kann nur langfristig apologetische Auswirkungen zugunsten von Wissenschaftsbetrug haben, und damit zuungunsten der Wissenschaft und ihres Ansehens in der Gesellschaft.

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17 Antworten zu “Pyrrhonismus in der Plagiatsdebatte

  1. “Denkt nur nicht, Ihr denkt selbst. Es denkt durch Euch hindurch! Wenn Ihr ein vernünftiges Argument habt, habt Ihr es von anderen. Solange Ihr das nicht wisst, habt Ihr von Philosophie nichts verstanden.”

    Ich versuche gerade, durch mich hindurch denken zu lassen, wie schön es doch wäre, einfach den Kopf abschalten zu können. Was dann so durch mich hindurch dächte, wäre vermutlich keine Wissenschaft, aber sicherlich sehr grotesk. Nach einer durch(er)dachten Auslese (nach irgendwelchen durch mich hindurch gedachten Vorgaben), wäre das, was übrig bleibt, vielleicht ein Plagiat. Es hätte sich einfach so durch mich hindurch plagiiert. Es sei denn, es erdächte sich nicht, dass sich das Durcherdachte vorher schon einmal durch einen anderen Autor hindurch gedacht hat. Nicht, dass ich das jetzt denken würde. Ist mir nur mal so durch den Kopf gegangen.

  2. Zeit für eine kleine Gästeliste. Bei der Tagung des Wissenschaftsrats waren in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften insgesamt etwa 70 auserwählte Persönlichkeiten zu Gast. Darunter:

    Heike Schmoll, FAZ (als Moderatorin)

    Sabine Behrenbeck (Wissenschaftsrat)
    Ulrike Beisiegel (Vizepräsidentin HRK)
    Antje Boetius (Uni Bremen)
    Remigius Bunia (FU Berlin)
    Achim Doerfer (Rechtsanwalt)
    Volker Epping (Uni Hannover)
    Peter Gaethgens (ehem. Präsident FU, ehem. Vors. HRK) (IAG „Zitat und Paraphrase“)
    Hildegund Holzheid (Wissenschaftsrat)
    Kirsten Hüttemann (DFG)
    Wolfgang Löwer (Ombudsmann DFG)
    Wolfgang Marquardt (Vorsitzender, Wissenschaftsrat)
    Hans Müller-Steinhagen (Rektor TU Dresden)
    Josef Pfeilschifter (Vizepräsident DHV)
    Stephan Rixen (Uni Bayreuth)
    Tassilo Schmitt (Vors. Philosophischer Fakultätentag)
    Georg Schütte (Staatssekretär Schavan/Wanka, BMBF)
    Martin Schulze Wessel (LMU München)
    Simone Schwanitz (Ministerialdirektorin, Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Baden-Württemberg)
    Heinz-Elmar Tenorth (was eigentlich? Schavan-Paladin?)
    Manuel René Theisen (LMU München)
    Philipp Theisohn (ETH Zürich) (IAG „Zitat und Paraphrase“)
    Dorothea Wagner (Vizepräsidentin DFG)
    Christiane Wüllner (Ruhr-Uni Bochum)
    Debora Weber-Wulff (HTW Berlin)
    Reinhard Zimmermann (Präsident, Studienstiftung des Deutschen Volkes)

    jemand vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung

    Die IAG „Zitat und Paraphrase“ dürfte spätestens nach dieser Tagung als reine Schavan-Parteiveranstaltung zu gelten haben.

  3. Pingback: Düsseldorfer Plagiatsverfahren: Keine Angst vor Transparenz | Erbloggtes

  4. Danke für die Gästeliste!

    Hier als Nachtrag noch eine Analyse des Pyrrhonismus in Theisohns Zeit-Interview zeit.de/2013/32/plagiat-zitierweise-literaturwissenschaft/komplettansicht

    „Fachkultur“, „Zeit“ und „standortabhängig“ sind die Begriffe für die Hauptrelativierungsaspekte, wobei „standortabhängig“ eine Metapher für die beiden vorigen sind, die Theisohn als „fachhistorischen Kontext“ zusammenfasst. Durch die Formulierung „Entscheidungen, die wissenschaftliche Normen betreffen“ werden die ohnehin in ihrer Geltung und Erstreckung zerstörten Normen zudem als beliebig dargestellt, indem ein normativer Dezisionismus vorausgesetzt wird. Im Lichte der Normativitätstheorie „wie der Prof schreibt und zitiert oder die Fachkollegen. Das ist der eigentliche Maßstab“ erscheint es künftig die beste Verteidigung vor Gericht zu sein, zu kreischen ‚der hat aber auch, der hat aber zuerst‘. Kindergarten.

    Dass Theisohns Pyrrhonismus gar keine Haltung, sondern nur ein rhetorischer Kniff ist, um die Überzeugungen anderer Leute zu bekämpfen, erkennt man, wenn Theisohn mal etwas sagt, was er wirklich glaubt. Da ist er dann weg, dieser ganze historische Relativismus, da lebt sie, die überhistorische, ewige Norm: „Die Regel, dass man fremdes geistiges Eigentum nicht als das eigene ausgeben darf, galt immer.“

    Oder wie die Wikipedia sagt: „Jedoch war der Gedanke des Schutzes des geistigen Eigentums bis ins 14. Jahrhundert unbekannt“.

  5. Viele bekannte Namen auf der Liste. Na schön. Anlässlich der nächsten Tagung werde ich aus einem Protokoll vortragen, das ein Gespräch zweier Journalisten mit mir dokumentiert*. Mein Vortrag wird für die Klärung der letzten offenen Fragen sorgen: Unter anderem referiere ich die für mich einst maßgebliche Promotionsordnung und komme dabei auf existentielle Schwierigkeiten zu sprechen, damit zusammenhängend werde ich unwiderleglich beweisen, dass die hauptsächlichen Vorwürfe gegen mich aus der Luft gegriffen und die Schuldigen noch längst nicht zur Verantwortung gezogen worden sind.

    *Gegen den Widerstand meiner Frau habe ich mich während unseres Sommerurlaubs an der südwestfranzösischen Atlantikküste interviewen lassen.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  6. Ebloggtes schreibt: „Um welchen konkreten Fall es bei der ganzen Chose eigentlich geht, dürfte hinreichend deutlich geworden sein. […] Dass die Universität Düsseldorf im Fall Schavan ein Plagiat festgestellt habe, die Schavanisten aber gegenteiliger Ansicht sind, wird so auf pyrrhonische Verschiedenheiten zurückgeführt.“ Zwar bezieht sich z.B. Heinz-Elmar Tenorth sich auf „mein Fach“ und „philosophisch-theoretische Arbeiten“, und mir fehlen auch die Einblicke in Schavan-Verstrickungen (habe ich nie so sehr verfolgt). Trotzdem würde ich das alles nicht so sehr durch die Schavanisten-Brille sehen. Nachdem Schavan abgesägt ist, gäbe es doch nicht mehr viel Grund, ihre Arbeitsweise nur ihretwegen weiterhin zu verteidigen. So manche Wissenschaftsfunktionäre wollen ihre Beweggründe vielleicht nicht offenlegen, weil sie sich angreifbar machten. Die „pyrrhonische Strategie“ hilft dabei, diese Unehrlichkeit zu kaschieren. Es sind aber auch nicht nur Politiker und Wissenschaftsfunktionäre, die mit den dargestellten Argumenten daherkommen.

    Was bewegt die Damen und Herren nun wirklich (politische Verflechtungen einmal außen vor)? Scheinbar geht es doch darum, eine Art Bestandsicherung für in der Vergangenheit vergebene Doktorgrade durchzusetzen. Plagiatsfälle sind unerfreulich, kosten Geld, Zeit und Nerven, zerstören Vertrauen. Die Sanktionierung wissenschaftlichen Fehlverhaltens lässt bei Dissertationen dummerweise kaum Gestaltungsfreiheit: Da geht es um Alles oder Nichts. Jeden könnte es treffen (über Häufigkeit und Gravität fehlen Erkenntnisse) und mögliche Exempel werden ggf. als ungerecht aufgefasst. Man muss nicht nur an Plagiate denken. Ein bisschen tolerierte Plagiatsschummelei relativiert auch alle anderen Schummeleien, z.B. Mauscheleien bei Forschungsgeldern usw.. Wissenschaftsfunktionäre, die kleinere Abschreibvergehen nicht duldeten, müssten sich auch anderweitig selbst an ähnlich hohen Maßstäben messen lassen. Unsicherheit? Angst? Ernsthaft schaden können Plagiatsvorwürfe nur dann, wenn etwas dran ist.

    Ehrlicher wäre es dann, die o.g. Dinge offen auszusprechen und Lösungen zu suchen, statt Plagiate zu leugnen und zu legitimieren. Eine große Häufigkeit von Fällen mit vergleichbarer Gravität wie im Fall Schavan (wie diese auch immer zu messen ist) ist nicht belegt. Dieser Beleg müsste erst einmal erbracht werden, bevor die Damen und Herren das mutmaßen können. Sollte es zutreffen, dann wäre eine Verständigung über einheitliche Sanktionierungsmaßnahmen angebracht. Der aktuelle Zustand ist jedenfalls, dass Plagiatsverfahren sehr unterschiedlich ausgehen. Gerecht ist das nicht. Eine Rüge oder die Auflage der Neufassung einer Dissertation mit korrekter Zitation (Goldschmidt lässt grüßen) helfen nicht zur Prävention. Eine Nichtaberkennung des Doktorgrades macht auch nur Sinn, wenn die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten noch als nachgewiesen angesehen werden kann. Wie ein Meisterbrief oder die Approbation eines Arztes, so muss schließlich auch der Doktorgrad Fähigkeiten nachweisen, denn sonst wäre er sinnlos. Deshalb ist auch die Verjährung falsch. Andererseits: Beim Vergleich mit manch schwacher Dissertation erweist sich dieser Anspruch zuweilen auch ohne Plagiate schon als Makulatur. Eine Neufassung mit nachträglich korrekter Zitation verleiht dem Werk auch nicht nachträglich wissenschaftlichen Wert, macht es aber zumindest unschädlich. Was also tun mit den (eventuell sehr häufigen) Altfällen? Konsequente Aberkennung? Inoffizielle Einführung des „Dr.-plag.“ durch Vermerk des früheren Plagiatsbefund in einer Neufassung und in der Doktorurkunde? Die Einführung als Strafstandbestand [https://twitter.com/GWarynski/status/370779811003658240] wäre auf die Altfälle jedenfalls nicht anwendbar.

  7. Pingback: Plagiats-Apologetik: Schavanismus oder Pyrrhonismus? | Erbloggtes

  8. Vorstehender Link ist als etwas ausgeuferte Antwort gedacht. 😉

  9. Pingback: Dr. Annette Schavan: Kandidatin für Ministerposten | Erbloggtes

  10. Pingback: Fall Schavan: Akteneinsicht und Terminsuche | Erbloggtes

  11. Bitte die von Grzegorz Waryński gelieferte Gästeliste um den ehrenwerten Horst Hippler (HRK) ergänzen. Er könnte sonst den Eindruck bekommen, dass man ihn übersehen haben könnte.

  12. Pingback: VroniPlag – eine Innenansicht | Erbloggtes

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