Wenn die Belege kopiert sind, was ist mit dem Text?

Erhaschte Schavanplag bereits einigen Ruhm, als sich die Überzeugungskraft seiner minutiösen Dokumentation gegen Gutachten und Stellungnahmen, Verwünschungen und Apologien durchsetzte, die das Schavanistennetzwerk in die Öffentlichkeit strömen ließ, so steht man nun vor der Frage, ob sich diese Überzeugungskraft auch im Fall Norbert Lammert entfalten kann, der bislang viele Beobachter skeptisch zurücklässt. Lammertplag hat mit dem Problem zu kämpfen, dass das Ausmaß der wörtlichen Übernahmen in Lammerts Dissertation geringer erscheint als bei Schavan.

Dazu trägt die geringe Übersichtlichkeit der Lammertplag-Synopsen ebenso bei wie die Komplexität der darin dokumentierten Übernahmen. Philipp Theisohn hat den Begriff „der sogenannte Konfrontationsabschnitt“ für die VroniPlag-Synopsen erfunden und sie als „Ikone“ mit „Quasi-Beweiskraft“ bezeichnet.[1] Zu dumm, dass von einem „Konfrontationsabschnitt“ in Plagiatsdingen noch niemand gehört hat, ebenfalls blöd, dass bei Theisohns eigentlichem Thema, dem Fall Schavan, solche Ikonen – auch in der Form von Barcodes – kaum vorkamen, da Schavanplag (wie nun auch Lammertplag) in tristem Schwarzweiß gehalten ist und keine grafische Unterstützung der Analyse bietet. Hier einige Versuche, außerhalb von Schavanplag den Fall zu visualisieren:

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Nach der Vorstellung der Methode, mit der „Robert Schmidt“ vielfach Plagiate aufspürt, scheint es nun erforderlich, zu überprüfen, ob sich über der Ebene identischer Fußnoten auch eine Schicht von Textübernahmen nachweisen lässt. Im vorhergehenden Artikel hat Plaqueiator am Beispiel von Lammerts Seite 16 die Aneinanderreihung identischer Literaturreferenzen wie im Aufsatz Mühleisen 1973b vorgeführt. Dies soll hier – wiederum in enger Zusammenarbeit mit Plaqueiator – fortgesetzt und zur besseren Verständlichkeit auch grafisch aufbereitet werden. Denn die Übereinstimmungen zwischen Lammerts Dissertation und Mühleisens Aufsatz sind keineswegs auf diese eine Seite beschränkt. Die Quelle mit ihren Belegen wird weiter auf den Seiten 18 und 19 intensiv genutzt, während Lammertplag auf den umgebenden Seiten 15 und 17 Übernahnen aus dem Buch Naschold 1971 ausweist.

Übernahmen auf Belegebene

Plaqueiator hat wie im früheren Artikel zuerst überprüft, ob die von Lammert und Mühleisen verwendeten Referenztexte zu einem Set von Klassikern gehören, die jeder Parteienforscher zitieren muss, oder ob es sich um einmalige Kombinationen handelt – abgesehen von der Kopie der einmaligen Kombination durch den späteren der beiden Texte, Lammerts 1974 eingereichter Dissertation. Identifizierende Such-Token für Lammerts Seite 18 und die von Mühleisens Seite 89 übernommenen Endnoten sind:

Bereits die Kombination „Burke“ „Hamblin“ „Koslin“ führt zum selben Ergebnis. Identifizierende Such-Token für Lammerts Seite 19 und die von Mühleisens Seite 86 übernommenen Endnoten sind:

Der Quell-Diskurs Mühleisens wird für Lammerts Seiten 16, 18 und 19 über 22 Fußnoten hinweg übernommen, im Großen und Ganzen werden die Belege auch in der gleichen Reihenfolge angeführt wie bei Mühleisen. Das bestätigt die Erfahrung der belegbasierten Plagiatserkennung (CbPD), dass Plagiatoren zur Verschleierung ihrer Übernahmen Texte bis zur Unkenntlichkeit paraphrasieren können, „aber sie ersetzen die aus dem Quelldokument kopierten Belege üblicherweise nicht, und ordnen sie auch nicht neu an.“[2]

Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß, dass der Aussageteil, also die Einordnung und wissenschaftliche Verwendung von 22 konsekutiv übernommenen Quellverweisen, sachlich so weit von Mühleisen abweicht, dass sich eine eigenständige Interpretation der Quellen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer Sinnhaftigkeit der Aussagen ergibt. Doch diese Wahrscheinlichkeitsaussage muss sich auch empirisch überprüfen lassen. Mit der VroniPlag-Methode identischer Zeichenketten funktioniert das nicht sehr gut:

automatisch eingefärbter Vergleich Lammert, S. 18f., mit Mühleisen 1973b

Automatisch eingefärbter Vergleich: Lammert, S. 18f., und Mühleisen 1973b

Auf die in Lammertplag präsentierten Fundstellen der Seiten 18 und 19 springt das VroniPlag-Textvergleichs-Werkzeug selbst dann kaum an, wenn man automatisiert alle identischen Wortketten bereits ab drei Wörtern Länge farbig markieren lässt. Angesichts der Formulierungsabweichungen kann man annehmen, dass Lammerts Übernahmen von Mühleisen urheberrechtlich unbedenklich waren. Für das Wissenschaftsplagiat kommt es aber nicht nur auf Urheberrecht und identische Formulierungen an, sondern auch auf inhaltliche Übernahmen:

Übernahmen auf Textebene

Dass es sich in der Tat um eine stark umformulierte Paraphrase von Mühleisens Diskurs handelt, der dieselben Aussagen enthält, lässt sich so verdeutlichen: Um den Gehalt der Aussagen zu erschließen, betrachte man den Text, zu dem jeweils Fußnoten auf dieselben Quellen gesetzt werden. Im Folgenden sind die inhaltlichen Parallelstellen zu einer Fußnote oder Fußnotengruppe stark untergliedert und einander gegenübergestellt, um den Quelle-Übernahme-Vergleich leichter nachvollziehbar zu machen. Die Darstellung folgt den Lammertplag-Seiten zu Lammerts Seite 18 und Seite 19, siehe dort für weitere (hier der Übersicht halber weggefallene) Details.

Zur Quellenbelege-Gruppe BAVELAS 1960, S. 492, MOOS/KOSLIN 1952, S. 77-93, BURKE 1965 schreibt
Lammert (S. 18): Mühleisen 1973b:
So konnte durch eine Reihe von Untersuchungen gezeigt werden, daß Führungspersönlichkeiten sich in der Tat deutlich von anderen Organisationsmitgliedern unterscheiden, Dennoch hätte eine Reihe von Untersuchungen ergeben, daß „Führer“ sich signifikant von „Nichtführern“ unterschieden,
allerdings weniger durch persönliche Eigenschaften […] wie rhetorische Begabung, Engagement und Intelligenz, allerdings nicht durch persönliche Eigenschaften wie Rechtschaffenheit, Mut oder Intelligenz,
[…], d. h. vor allem durch die Häufigkeit, mit der sie Informationen beziehen und vermitteln. dagegen z. B. hinsichtlich der Häufigkeit des Aussendens oder Empfangens von Informationen.
Zum Quellenbeleg HAMBLIN 1958, S. 322 schreibt
Lammert (S. 18f): Mühleisen 1973b:
Führer scheinen in Krisenzeiten generell einen größeren Einfluß […] ausüben zu können als in Nichtkrisenzeiten. 1. In Krisenzeiten haben Führer mehr Einfluß als in Nichtkrisenzeiten
Wenn sich die starke Stellung von Parteiführern aber wesentlich durch die […] erfolgreich durchgeführten Wahlen erklärt, dann wäre umgekehrt zu untersuchen, unter welchen Bedingungen es ihnen gelingt, trotz verlorener Wahl im Amt zu verbleiben. Andererseits wäre es, von der zweiten Hypothese Hamblins ausgehend, sicher interessant festzustellen, unter welchen Aspekten und mit welchen Methoden Parteiführer trotz einer verlorenen Wahl, d. h. ohne daß sie eine Lösung für die „Krise“ gefunden haben, ihr Amt behalten.
(FN 22:) dies ist die zweite von Hamblin empirisch getestete Hypothese, daß Mitglieder dazu neigen, ihre Führer durch neue zu ersetzen, wenn diese für die Krise keine Lösung gefunden haben, auch dann, wenn es gar keine Lösung gibt. 2. Wenn Führer für Krisen keine Lösungen finden, tendieren die Mitglieder dazu, ihre alten Führer durch neue zu ersetzen, selbst wenn es gar keine Lösungen gibt.
Zum Quellenbeleg HAUNGS 1965, S. 51 schreibt
Lammert (S. 19): Mühleisen 1973b:
die wiederum in der Sicht der Parteien als „Legitimierungs- und Interessenkoordinierungsorgane“ (23) für unverzichtbar gehalten wurde. daß Parteien als lockere Aktionsgemeinschaften mit kleiner Mitgliedschaft ihre Aufgabe als “Legitimierungs- und Interessenkoordinierungsorgane” weniger erfüllen könnten(82)
Zu den Quellenbelegen ROSE 1962, S. 370, LUHMANN 1964, S. 104 schreibt
Lammert (S. 19): Mühleisen 1973b:
Die Ursachen […] stellen sich unter Berücksichtigung organisationstheoretischer Überlegungen differenzierter dar, als von der Parteienforschung meist angenommen wurde(24). Insbesondere die Beobachtung unterschiedlicher Beitritts- und Leistungsmotivationen(25) Der wichtigste Beitrag der Organisationstheorie zu dieser Frage der Parteimitgliedschaft dürfte die klare Unterscheidung zwischen Beitritts- (Teilnahme-) und Leistungsmotivation sein,(98)
hat deutlich gemacht, daß der Entschluß zum Beitritt in eine politische Partei durchaus nicht notwendigerweise die Motivation zur engagierten Teilnahme an innerparteilichen Vorgängen miteinschließen muß. Die Frage nach einem Indikator für „Teilnahme am Leben der Partei“ ist schwierig, da der wohl einzig mögliche Indikator „Teilnahme an Parteiveranstaltungen“ […] sicher ein falsches Bild ergäbe.
Zur Quellenbelege-Gruppe VERBA 1962, S. 31 f, MARCH/SIMON 1958, S. 66 schreibt
Lammert (S. 19): Mühleisen 1973b:
In diesem Zusammenhang erweist sich der Eindruck, persönliche Ziele durch Teilnahme in einer Organisation fördern zu können, als wesentliche Voraussetzung der Leistungsmotivation. Die Leistungsmotivation als Problem der Parteien wird sich nur in begrenztem Umfang durch größere Attraktion für persönliche Ziele steigern lassen.(105) Als nützlicher dagegen kann sich das Konzept der „identification“ erweisen. March/Simon bieten das folgende Schema:

Mit der Umformulierung Mühleisens (genauer der Seiten 70-72, 77-78 und der Endnoten auf den Seiten 85-89) bestreitet Lammert jeweils knapp die Hälfte des Textes der Seiten 18 und 19, wie aus dieser Darstellung hervorgeht, in der die oben mit Mühleisen konfrontierten Stellen gelb markiert wurden:

Die Seiten 18 und 19 aus Lammerts Dissertation mit Markierung der Übernahmen aus Mühleisen 1973b

Lammerts Dissertation, S. 18 und 19, markiert: Übernahmen aus Mühleisen 1973b

Grüne Unterstreichungen auf S. 18 zeigen hingegen die Stellen, die Lammert maximal mit korrekten Verweisen auf Mühleisen 1973b abdecken kann (in der Gegenüberstellung natürlich nicht enthalten).

Schlussfolgerungen

An einzelnen Mikrofragmenten für sich genommen lässt sich eine illegitime Übernahme nicht sicher festmachen, sehr wohl jedoch, wenn, wie hier, die Gesamtheit der Übernahmen aus einer Quelle betrachtet wird (Quellensicht). Die Auswahl der Belege, ihre Anordnung und ihre Stellung in der Argumentation sind zusammen mit ihrer Interpretation eine eigene, bezeichnende und unterscheidende wissenschaftliche Leistung Mühleisens.

Bei der Anführung mehrerer gleichlautender Belege aus einer Sekundärquelle ist anderer Aussagekontext oder eine vollkommen anders gelagerte, sinnfällige Interpretation, als sie die Quelle vorgenommen hat, kaum denkbar. Allerdings gibt Lammert Mühleisens Aufsatz stark zusammenfassend wieder: Was bei Mühleisen auf fünf Textseiten und fünf Seiten Endnoten verteilt ist, komprimiert Lammert auf zwei Seiten. Auch diese Arbeitsweise beugt großflächigen Wortidentitäten vor. Im Übrigen formuliert Lammert Mühleisen stellenweise so um, dass sich Lammerts Aussagen mit den von Mühleisen übernommenen Belegen nicht mehr decken lassen.

Insoweit erweisen sich bereits die Auswahl, der Bezug und die Nähe solcher Referenzen zueinander als bedeutungstragend und stellen damit einen Teil der wissenschaftlichen Leistung dar. Werden zahlreiche Belege aus einer Sekundärquelle übernommen und besprochen, so misst man damit der wissenschaftlichen Leistung der Sekundärquelle eine so hohe Bedeutung bei, dass sie selber referenziert werden muss, denn es ist dann klar, dass man sich mit der Argumentation der Sekundärquelle auseinandersetzt, entweder zustimmend oder ablehnend.

Tut man dies so wie vorliegend, „stillschweigend“, ohne die Quelle zu nennen, so handelt es sich – landläufig ausgedrückt – um ein Plagiat.

In den bei Google-Books bisher untersuchten Arbeiten hat sich deshalb auch gezeigt, dass kaum einmal mehr als drei aufeinander folgende Referenzen in verschiedenen Werken gleich sind. Es sind regelmäßig eher weniger gleichlautende Belege im Zusammenhang in unterschiedlichen Werken zu finden. Die Verwendung von weit mehr als drei gleichen Belegen im Argumentationszusammenhang ist ein alarmierendes Indiz für eine illegitime Übernahme. Und was das für den mit den identischen Referenzen versehenen Text bedeuten kann, wurde oben exemplarisch sichtbar gemacht.

tl;dr: Nicht nur die Fußnoten der Seiten 16, 18 und 19 hat Lammert aus einem Aufsatz von Hans-Otto Mühleisen übernommen, sondern auch Inhalte von Mühleisens Text. Das für jeden nachvollziehbar darzustellen ist jedoch eine Herausforderung.

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9 Antworten zu “Wenn die Belege kopiert sind, was ist mit dem Text?

  1. Für jeden nachvollziehbar ist meiner Meinung nach ein unerreichbarer und auch nicht notwendigerweise erforderlicher Anspruch. In den bisherigen Beiträgen wurde zudem ja bereits gut nachvollziehbar dargelegt, dass es neben dem reinen Textplagiat (als dessen Meister wohl KaTeh vuz Guttenberg gelten darf) auch ein Inhaltsplagiat gibt. Auch die methodische Aufdeckung ist gut verständlich dargestellt. Es geht nun bei Nebelwerfern wie der SAUSTALL-Allianz darum, diese methodisch fundierte Arbeit zu diskreditieren. Theis Sohn greift hier auf die bewährte Taktik des das kann man so oder so sehen zurück, garniert mit einem das haben wir schon immer so gemacht, um das Ganze dann unnachahmlich in einen gigantisch Wortschwall mit diversen Wortneuschöpfungen zu verpacken. Ich plädiere deshalb dazu, die hier und andernorts bereits beschriebene Methodik der inhaltlichen Plagiatsanalyse getreu dem Düsseldorfer Motto Augen auf und durch ruhig auch einfach für sich selbst sprechen zu lassen. Theis Sohn (hat der eigentlich auch einen eigenen Namen?) hat bislang der inhaltlichen Plagiatsanalyse ja nichts konkretes entgegenzusetzen gehabt, er hat lediglich ein lautes Geschwurbel verbreitet: das mag ja Schavanisten erfreuen, sollte aber erfolgreich den Großteil der Bevölkerung abschrecken. Insofern ist Theis Sohn möglicherweise die beste Waffe im Kampf gegen Inhaltsplagiate.

  2. Die Hoffnung kann man haben. Aber Entscheidungen trifft doch nicht die Bevölkerung, sondern die Politik (inklusive Wissenschaftsfunktionären). Und die sind sehr angetan von den neuen Möglichkeiten.

  3. Vielen Dank! Das erste, was bei Betrachtung der neuen – schön bunten – Einfärbung ins Auge fällt, ist, wie wenig parallel die meisten Textstellen sind, d.h. wie groß die Arbeit ist, die man (ohne Farbmarkierung) aufwenden muss, um die Lammertplag-Dokumentation nachvollziehen zu können. Stefan Weber hatte bereits darauf hingewiesen, dass das nicht „einfach so“ ginge, sondern nur „mit Ausdruck und Textmarkern bewaffnet“. Die PDF-Dokumentation (und auch die Farbunterlegung auf den einzelnen Seiten) ist daher nun ein großer Gewinn an Übersichtlichkeit – und war sicher nochmal ein ordentliches Stück Arbeit für Robert Schmidt.

  4. Damit – und sofern er davon überhaupt auch erfährt – sollte der Meinungsbildungsprozess für den armen Ombudsmann in der Tat leichter werden, damit es bald nicht mehr nur wie etwa heute heißt:

    „Der zuständige Ombudsmann hat seine Vorprüfung noch nicht abgeschlossen – eine Hängepartie“

    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/plagiatsaffaere-um-lammert-vorpruefung-an-uni-bochum-dauert-an-a-919074.html

  5. Plaqueiator

    Auch von meiner Seite ein Dank für den Hinweis von M.Itleser.
    Aus der hervorragend neu aufbereiteten Darstellung auf Lammertplag geht nun unabweisbar hervor, dass Lammert die (von Schmidt genannten) Quellen – ungenannt oder unzureichend benannt – paraphrasiert hat.
    Bleibt die Frage: ist Lammerts derartige Verwertung von Sekundärquellen gute wissenschaftliche Praxis? Sehen Sie nach wie vor keine Probleme, Herr Rieble?

  6. Das PDF wird übrigens gelegentlich (wenn auch eher geringfügig) modifiziert zum Download angeboten.

    Inzwischen hat sich auch der Betroffene mal wieder, ähm, nicht wirklich geäußert, woraus sich freilich ebenfalls Schlüsse ziehen lassen dürften:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/im-gespraech-norbert-lammert-bundestagspraesident-die-lobbyisten-sind-glaenzend-organisiert-12563806.html

    Man hätte ja (und das nicht nur naiverweise) annehmen können, dass der Interviewte auf die so klare Frage „Wie beurteilen Sie Ihre akademische Leistung von damals?“ trotz aller eingeübter kommunikativer Techniken, der sich erfahrene Politiker gern bedienen, um möglichst lange im Ungefähren zu bleiben und sich möglichst viele Handlungsoptionen zu erhalten, hier mal eine konkretere bzw. jedenfalls mehr als die dann tatsächlich gegebene Nicht-Antwort für angemessen erachtet hätte …

  7. Ein längerer Kommentar über Absurd und andere Abstrusitäten

    Vielen Dank, das ist ja ein sehr interessantes Interview! Das kann man ja mal mit einem genau drei Wochen älteren Interview vergleichen (um zu merken, dass es einstudierte Aussagefragmente sind): http://www.suedkurier.de/;art1015367,6218653

    faz.net, 7.9.2013 suedkurier.de, 17.8.2013
    Wie beurteilen Sie Ihre akademische Leistung von damals?

    Ich stelle mit einem wachsenden Vergnügen fest, dass diese Arbeit jetzt die Aufmerksamkeit bekommt, die ich ihr vor vierzig Jahren gewünscht hätte.

    Wie ist der Stand der Dinge?

    Die von mir unverzüglich erbetene Prüfung der Hochschule folgt einem dort vereinbarten Verfahren. Dem sehe ich mit Ruhe und Gelassenheit entgegen. Zumal alle von Medien angefragten Fachwissenschaftler, die sich in den vergangenen Wochen geäußert haben, die erhobenen Vorwürfe als unbegründet und zum Teil als absurd zurückgewiesen haben.

    Überrascht Sie der Zeitpunkt?

    Jeder mag sich selbst seinen Reim über den Zeitpunkt machen. Ich finde anonyme Vorwürfe in jeder Hinsicht schwer erträglich und in der Form unwürdig. In der Wirkung sind sie ehrenrührig. In der Sache haben Fachwissenschaftler, die ich den anonymen Behauptungen zufolge fehlerhaft zitiert haben soll, die Vorwürfe als unbegründet und zum Teil als absurd zurückgewiesen.

    Wie gehen Sie damit um?

    Da es nicht auf meine Beurteilung ankommt, habe ich sofort die Universität gebeten, sich der Sache anzunehmen. Im Übrigen freue ich mich über das breite Interesse an meiner Arbeit, das ich mir vor 40 Jahren gewünscht hätte.

    Wörtlich identisch ist Lammerts Freude über die seiner Arbeit nun widerfahrende gebührende Würdigung in der Formulierung: „vor vierzig Jahren gewünscht hätte.“ Das ist, so kann man annehmen, die ausgearbeitete schnippische Verteidigungsposition: Schön, dass mal jemand meine Arbeit liest.

    Ebenso identisch ist die Formulierung, nach der „Fachwissenschaftler“ die „Vorwürfe als unbegründet und zum Teil als absurd zurückgewiesen“ hätten. Es handelt sich hier um den Verweis auf Beistand durch ein angeblich kompetentes (deutungsmächtiges) Gefolge – ein Hauptelement der Schavan-Strategie, allerdings mit im Vergleich lächerlichem Personal. Robert Schmidt demontiert auf Lammertplag die Äußerungen von Jäger und Mühleisen.

    Aber noch mehr ist an der Formulierung interessant. Aus den plagiierten Fachwissenschaftlern sind binnen drei Wochen „alle von Medien angefragten Fachwissenschaftler“ geworden. Und: das Wort „absurd“ hat keiner von ihnen benutzt. Es wurde überhaupt nur von Lammert, Lammert referierenden Medien und einigen Online-Foren-Kommentaristen benutzt, so weit ich mit Googles Hilfe sehen kann. Lammert findet die Vorwürfe offenbar absurd und schiebt das seinen Unterstützern unter. Womöglich hat ihm seine Erinnerung da einen Streich gespielt. Das einschlägige Zitat in dieser Weise lautet:

    „Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat“.

    Direkt davor steht:

    „Auch Guttenbergs Doktorvater, Professor Peter Häberle, nahm seinen früheren Studenten in Schutz.“

    Natürlich bezieht sich das nicht auf Lammert, der kommt nur am Rande vor. Der Artikel ist ein Klassiker und heißt:

    „Guttenberg weist Plagiatsvorwurf als „abstrus“ zurück“

    Darin sagt der Delinquent:

    „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“

    Doch auch im Fall Lammert hat jemand das Wort „abstrus“ in die Debatte eingeführt:

    „Sie wurden nun angeblich auch Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Verhängnis, der sich wiederum mit einem Zitat bei Ihnen bedient haben soll. Wie finden Sie das?
    Abstrus.“

    Niemand geringeres als Annette Schavan in ihrem Wut-Interview ließ sich so zitieren.

  8. Wenn Vorwürfe abstrus sind, dann sind sie eben abstrus. Man muss natürlich, ähnlich einem Zarathustra, den Mut zur Wahrheit haben, um das klar zu sagen.

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