Bessere Schule – eine Beleidigung für Lehrer

Erbloggtes von Der Bildungsbasar:

In der „Zeit“, dem Sprachrohr der eliteaffinen Mittelschicht, ist man von Hause aus schon nicht sehr revolu­tionsfreundlich gestimmt. Und gerade wenn es um Bildung geht, die man als Autor und Leser der „Zeit“ ja eh mehr als genug genossen hat und dank derer man in der Regel auch erfolgreich geworden ist, behält man im Angesicht tiefgreifend systemkritischer Ideen nur mühsam die Fassung. So ließe sich jedenfalls erklären, warum bereits auf so handzahme Kritiker wie Richard David Precht oder Gerald Hüther eine so vehemente Reaktion erfolgt.

In der Ausgabe vom 29.8. stürmt nun Martin Spiewak heldenhaft die Barrikaden der „Bildungsrevoluzzer“. Auf denen sitzen Hüther und Kumpanen und rufen ihre Kampfparolen, wie z. B. daß die Schule „irreparabel krank“ ist und eine „Dressureinrichtung“ für „gehorsame Pflichterfüller“. Spiewak schwillt da so sehr der Kamm, daß er sich gleich zum Sprecher aller Lehrer aufschwingt und in heiliger Empörung ruft: „Da müssten eigentlich alle Lehrer beleidigt aufschreien.“ Schließlich gebe es doch „unzählige Lehrer, die sich anstren­gen, den Schulalltag zu verbessern“.

Weiterlesen… noch 870 Wörter.

Erkranktes Schulsystem, das nur noch die Ziele der Zurichtung und Selektion wirksam verfolgt, statt Kindern Bildung anzubieten – oder das großartigste Bildungswesen der Welt, weil Schule und Bildung ohnehin nichts miteinander zu tun haben können? Peter Monnerjahn zerlegt den Zeit-Artikel und führt nebenbei vor, welche Anforderungen eine künftige Schule erfüllen sollte. Praktisch, knapp und nachvollziehbar macht er am Beispiel englischer Partizipialkonstruktionen vor, was der Unterschied zwischem miesem Schulunterricht aus dem 19. Jahrhundert und der Phantasie von Zeit-Autoren und modernem schülerorientiertem Unterricht sein kann. Gelöst ist die Bildungsmisere damit nicht. Aber behaupten, es gebe keine fundierten Lösungsvorschläge, das kann man auch nicht.

Wenn die öffentliche Debatte über Bildung in den bedeutendsten Pressepublikationen so geführt wird, wie Spiewak es vormacht und Monnerjahn es vorführt, dann muss man sich nicht wundern, wenn Verbesserungen politisch nicht durchsetzbar sind. Genausowenig muss man sich jedoch über die Zeitungskrise wundern, wenn sich die Zeitungen in dieser Weise selbst die Zukunft abgraben, während sie die Ressentiments ihrer überalterten Leserschaft zu bedienen bestrebt sind.

Texte auf Der Bildungsbasar stehen übrigens unter der Lizenz CC-NC-ND-3.0.

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5 Antworten zu “Bessere Schule – eine Beleidigung für Lehrer

  1. alleszuspaet

    „Genausowenig muss man sich jedoch über die Zeitungskrise wundern, wenn sich die Zeitungen in dieser Weise selbst die Zukunft abgraben, während sie die Ressentiments ihrer überalterten Leserschaft zu bedienen bestrebt sind.“
    Aha, da bin wohl ich mit gemeint, obwohl mich die „Zeit“ nicht interessiert, sondern nur einzelne Artikel und einzelne Autoren in allen Zeitungen.
    Aber vielleicht könntest du, liebe erbloggtes, mal näher auf den Begriff „überaltert“ eingehen, du setzt dich ja sonst so gegen Frauendiskriminierung ein. Würdest du deinen Vater auch als überaltert bezeichnen? Da es dein Fachgebiet ist, weißt du ja, daß die maßgeblichen Nazis alle um die 30 und jünger waren.
    Zum Thema selber: In euerer links-utopistischen-Piraten- Twitter-Kommune solltet ihr aufpassen, daß die Schule nicht ganz wegrevolutioniert wird.
    Aber Spaß beiseite, vielleicht liegt die Bildungsmisere doch eher an den vielen revolutionären Reformen der letzten 40 Jahre. Ich staune immer wieder, daß so viele hochintelligente junge Menschen total auf dem Holzweg sind, da muß in der Prägungsphase etwas schief gelaufen sein. Sie folgen, wie die Graugänse dem Konrad Lorenz, irgendwelchen Ideologieen und irrrealen Menschenbildern.

  2. Danke für die Publicity! 🙂

    Besser noch als „schülerorientierter Unterricht“ ist m.E. allerdings der Begriff „problemorientierter Unterricht“ – nicht nur, weil er letztlich die Schülerorientierung schon enthält, da es um Probleme gehen muß, die alle nachvollziehen können. Und das gilt nicht nur für die Schule, die nur ein Spezialfall ist, sondern fürs Lernen generell.

  3. @alleszuspaet: „vielleicht liegt die Bildungsmisere doch eher an den vielen revolutionären Reformen der letzten 40 Jahre“

    Nur daß in diesen tollen Reformen – genauso wie heute – fast ausschließlich über Schulformen und die Organisation von Schulen gestritten wurde. Um ernsthafte Überlegungen zum Lernen und der pädagogischen Basis von Bildung sowie deren Ziele ging es doch leider fast nie.

  4. Pingback: Umleitung: Sprachpanscher, Schulpanscher, Politpanscher, Medienpanscher, Energiepanscher und Drogenpanscher. | zoom

  5. alleszuspaet

    @Peter Monnerjahn:
    Zitat: „Um ernsthafte Überlegungen zum Lernen und der pädagogischen Basis von Bildung sowie deren Ziele ging es doch leider fast nie.“
    Darum geht es schon seit mehreren 1000 Jahren, aber jede Generation meint, sie müsse das Rad neu erfinden.
    Nebenbei: Wenn jemand in meinem ersten Beitrag Argumente vermißt, das ist beabsichtigt. Argumente haben gegen Prägung keine Chance, die Einsicht kommt, wenn überhaupt, erst, wenn „alleszuspaet“ ist (siehe 68er).

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