Philosophie erleichtert: Schuldlose Verantwortung oder Sein-können wie Gott?

Erstrebte sich ein zweiter Doktorgrad leichter als der erste? „Dr.“ sind viele, „Dr. Dr.“ hingegen nur wenige – auch weil man nicht zweimal im selben Fach promoviert werden kann. Michel Friedman ist ein deutscher Politiker (CDU) und Publizist. Er ist weithin bekannt und diskussionsfreudig. Wikipedia weiß:

„1994 wurde er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit einer Dissertation zum Thema Das Initiativrecht des Betriebsrats zum Dr. iur. promoviert. 2010 wurde Michel Friedman bei Klaus-Jürgen Grün in Philosophie zum Thema Willensfreiheit promoviert.“[1]

  • Michel Friedman: Schuldlose Verantwortung. Vorgaben der Hirnforschung für Ethik und Strafrecht. Frankfurt am Main 2010 (zugleich Dissertation, Universität Frankfurt 2010).

Seit der Veröffentlichung dieser Schrift ist Dr. iur. Dr. phil. Michel Friedman einer der wenigen Doppeldoktoren. Friedman provoziert. Das tut auch Martin Heidingsfelder, Kaufmann, „Goalgetter“ und Aktivist aller Art. Gestern twitterte er:

Klaus-Jürgen Grün ist außerplanmäßiger Professor in Frankfurt am Main und „gilt als Kritiker der akademischen Philosophie“.[2] Er ist zwar ein Jahr jünger als Friedman, aber dennoch dessen Doktorvater. Zur Bedeutung von Friedmans Dissertation schreibt der Doktorvater im Vorwort, S. 10:

„Wer verschuldet eigentlich eine Straftat, die der Täter unter dem Einfluss eines Stimulationsgerätes [zur deep brain stimulation, DBS] beging? Nach der Vorstellung der herrschenden Ethiken wäre eine derart stimulierte Straftat keine Straftat im Sinne des Strafgesetzbuches.“

Eine Straftat, die keine Straftat ist? Gibt es das überhaupt? In Friedmans Dissertation geht um Willensfreiheit und Ethik – da muss man natürlich erstmal Immanuel Kant überwinden. Wie könnte man das besser versuchen als mit Friedrich Nietzsche?

Friedman schreibt daher seitenlang über das Monumentalische aus Nietzsches Historienschrift, und über „Effekte an sich“, also solche Wirkungen, die scheinbar ohne Ursache sind. Als Beleg steht in den Fußnoten immer Nietzsches Historienschrift (Fn. 291 auf S. 184, Fn. 292 auf S. 185, Fn. 293 auf S. 186). Zweieinhalb Seiten sind schon geschafft, dann kommt Kants Kritik der reinen Vernunft (Fn. 294 auf S. 186). Doch halt! Da war doch etwas mit Klaus-Jürgen Grün. Ob der wohl auch mal etwas über Kant, Nietzsche und Willensfreiheit geschrieben hat? Womöglich bezog sich Heidingsfelders Hinweis auf einen gelöschten Blogartikel Grüns zu diesem Thema? Vielleicht diesen in einem Blog über Ethik in Unternehmen und Politik:

Grün 2008 im IF-Blog: Effekte an sich - Sein-können wie Gott

Screenshot des gelöschten Artikels

Glücklicherweise ist der vor Kurzem aus dem Blog verschwundene Artikel derzeit noch im Google-Cache verfügbar. So lässt sich in einem „Abbild der Seite, wie diese am 21. Aug. 2013 03:45:07 GMT angezeigt wurde“, nachlesen, was Grün 2008 gebloggt hat. Es lässt sich auch gut mit den Seiten 186-188 von Friedmans Dissertation vergleichen. Dafür braucht man nicht einmal bunte Farben, aber etwas Toleranz für Satzbau-, Bezugs- und Grammatik-Schwächen:

Eine Synopse
Friedman 2010 Grün 2008
Freiheit bestimmte Immanuel Kant als die Fähigkeit, einen Vorgang von selbst anfangen zu können. [S. 186, letzter Absatz. Es folgt bis Absatzende ein 15 Zeilen langes, in Fn. 294 als solches ausgewiesenes Kant-Zitat.] Freiheit bestimmte Immanuel Kant als die Fähigkeit, einen Vorgang von selbst anfangen zu können.
[…] Aber was als Folge dieser Wirkung von Freiheit entsteht, sind Effekte an sich, wie sie Nietzsche charakterisierte. Sie verdanken sich keiner Ursache, sondern der Wirkung einer qualitas occulta, einer Kraft, deren Herkunft und Stärke sich nicht aus vorhandenen Kräften ableiten und bestimmen lasse. […] Die freie Willensentscheidung entzieht sich dem Licht der Ursachenforschung. Stets denkt sich der Mensch einen in Größe, Stärke und Richtung unbestimmbaren Aspekt der Freiheit zu seiner Handlung hinzu. [S. 187, erster Absatz] Was demnach als Folge dieser Wirkung von Freiheit entsteht, sind Effekte an sich. Sie verdanken sich keiner Ursache, sondern der Wirkung einer qualitas occulta, einer Kraft, deren Herkunft und Stärke sich nicht aus vorhandenen Kräften ableiten und bestimmen lasse. Daher entziehe sie sich dem Licht der Ursachenforschung. Stets kommt also in dieser Illusion ein in Größe, Stärke und Richtung unbestimmbarer Aspekt der Freiheit zu einer menschlichen Handlung hinzu.
Einem Menschen, dem eine philosophische oder eine naturwissenschaftliche Theorie zumutet, seine Handlungen nicht mehr als Effekte an sich verstehen zu dürfen, fügt dem Individuum eine unzumutbare Kränkung bei. Denn das Individuum soll sich damit abfinden, dass es nicht gottähnlich ist. […] [S. 187, zweiter Absatz] Einem Menschen, dem eine philosophische oder eine naturwissenschaftliche Theorie zumutet, seine Handlungen nicht mehr als Effekte an sich verstehen zu dürfen, fügt dem Individuum eine unzumutbare Kränkung zu. Denn das Individuum soll sich damit abfinden, dass es nicht gottähnlich sei. […]
Aristoteles hatte weise erkannt, dass ein treffender philosophischer Begriff für Gott der Unbewegte Beweger, oder die unverursachte Ursache sei. Allen Vorstellungen von Gott entspricht es, dass er solche Effekte an sich hervorzubringen imstande sei. Nichts weniger als das gesamte Universum ist aus der Sicht des frommen Christen oder Moslems ein solcher Effekt an sich. Denn aus freien Stücken, ohne Zwang oder an eine Naturnotwendigkeit gebunden gewesen zu sein, hatte Gott die Welt erschaffen. Zu seiner Macht und seiner Verfügungsgewalt über Freiheit gehörte es immer schon, die Schöpfung auch unterlassen haben zu können. […] [S. 187, dritter Absatz] Aristoteles hatte weise erkannt, dass ein treffender philosophischer Begriff für Gott der “Unbewegte Beweger”, oder die “unverursachte Ursache” sei. Allen Vorstellungen von Gott entspricht es noch heute, Effekte an sich hervorbringen zu können. Nichts weniger als das gesamt Universum ist aus der Sicht des frommen Christen oder Moslems ein solcher Effekt an sich. Denn aus freien Stücken, ohne Zwang oder an eine andere Naturnotwendigkeit gebunden gewesen zu sein, hatte Gott die Welt erschaffen. Zu seiner Macht und seiner Verfügungsgewalt über Freiheit gehörte es immer schon, die Schöpfung auch unterlassen haben zu können.
Die größte Kränkung des Narzissmus der Menschen war es stets, wenn er Angst haben musste, nicht gottähnlich sein zu dürfen. In der Vorstellung vom freien Willen erlebt der Mensch diese Gottähnlichkeit nach wie vor am stärksten. Denn er kann sich denken, dass eine Handlung nur dadurch zustande gekommen ist, dass sein freier Willensentschluss die Handlung in die Wirklichkeit gesetzt habe. Nirgendwo sonst darf der Mensch in der aufgeklärten Welt noch an seine Gottesähnlichkeit glauben, wenn nicht in der Vorstellung vom freien Willen. Nur unter der Bedingung, dass eine Handlung sich nicht vollständig in der Kette von determinierenden Bedingungen einfügt, ist diese Vorstellung der Gottesähnlichkeit des Menschen noch zu retten. David Friedrich Strauß nannte die Fantasmagorien der Unsterblichkeit und Gottesebenbildlichkeit den „ungeheuersten Machtanspruch“ des Menschen.(295) [S. 188, erster Absatz] Die größte Kränkung des Narzissmus der Menschen war es stets, wenn er Angst haben musste, nicht gottähnlich sein zu dürfen. In der Vorstellung vom freien Willen erlebt der Mensch diese Gottähnlichkeit am stärksten. Denn er kann sich denken, dass eine Handlung nur dadurch zustande gekommen ist, dass sein freier Willensentschluss die Handlung in die Wirklichkeit gesetzt habe. Aber die Vorstellungen von Gott lassen sich in der Gegenwart weniger und weniger verteidigen. Nirgendwo mehr darf der Mensch in der aufgeklärten Welt noch an seine Gottesähnlichkeit glauben, wenn nicht in der Vorstellung vom freien Willen. Nur unter der Bedingung, dass eine Handlung sich nicht vollständig in der Kette von determinierenden Bedingungen einfügt, ist diese Vorstellung der Gottesähnlichkeit des Menschen noch zu retten.
Von hier aus können wir verstehen, warum weder philosophische Theologen noch theologische Philosophen in unserer Gegenwart bereit sein können, die Vorstellung von einem freien menschlichen Willen zugunsten einer wissenschaftlich einwandfreien Beschreibung des Zustandekommens einer menschlichen Handlung aufzugeben. Erst wenn ein gleichwertiger Ersatz von Naturwissenschaftlern angeboten wird, ist ein Fortschritt der Erkenntnis zu erwarten. Auch Naturwissenschaftler dürfen den Menschen nur sagen, wie es wirklich um ihn bestellt ist, wenn sie ihm die Möglichkeit lassen, groß von sich zu denken. [S. 188, zweiter Absatz] Daher sollten wir verstehen, warum weder philosophische Theologen noch theologische Philosophen in unserer Gegenwart bereit sein können, die Vorstellung von einem freien menschlichen Willen zugunsten einer wissenschaftlich einwandfreien Beschreibung des Zustandekommens einer menschlichen Handlung aufzugeben. Erst wenn ein gleichwertiger Ersatz von Naturwissenschaftlern angeboten wird, ist ein Fortschritt der Erkenntnis zu erwarten. Auch Naturwissenschaftler dürfen den Menschen nur sagen, wie es wirklich um ihn bestellt ist, wenn sie ihm die Möglichkeit lassen, groß von sich zu denken.
Denn wie soll der Mensch den Mut und die Kraft aufbringen, Großes zu leisten, wenn er sich dabei nicht mehr selbst groß fühlen darf? Groß für den Menschen sind die Effekte an sich: unter gleichen Bedingungen wären sie niemals entstanden, wenn nicht das einzigartige, unverursachte und unerzwungene „Ich will es“ sie in die Welt gesetzt hätte. [S. 188, dritter Absatz] Denn wie soll der Mensch den Mut und die Kraft aufbringen, Großes zu leisten, wenn er sich dabei nicht mehr selbst groß fühlen darf? Groß für den Menschen aber sind seine Effekte an sich: unter gleichen Bedingungen wären sie niemals entstanden, wenn nicht das einzigartige, unverursachte und unerzwungene „Ich will es“ sie in die Welt gesetzt hätte. [Ende des Blogartikels]

Da bei Friedman auf S. 188 nur die Fußnote 295 auftaucht, könnte auch nur sie eine Quelle angeben. Doch leider verweist die Fußnote lediglich auf Nietzsches Zeitgenossen David Friedrich Strauß. Auch Grüns Blogartikel gibt keine Quellen an. Dafür gab er mit diesem sonderbaren Satz Anlass zu Verwunderung und zur Eingabe in Google:

„Einem Menschen, dem eine philosophische oder eine naturwissenschaftliche Theorie zumutet, seine Handlungen nicht mehr als Effekte an sich verstehen zu dürfen, fügt dem Individuum eine unzumutbare Kränkung zu.“ (Google-Suche)

Synopse mit Farbmarkierungen wörtlich übereinstimmender Textpassagen

Farblich markierte Synopse

Grüns falscher Satzbau weckte den Verdacht, dass der Satz aus mehreren Quellen schlecht zusammengesetzt sein könnte. Stattdessen eine zwei Jahre später erschienene Dissertation zu finden, in der derselbe Fehler auftaucht, ist überraschend. Die Goethe-Universität Frankfurt wird sich wohl mit dem Fall befassen müssen. Bisher ist ja nicht einmal eindeutig, wer von wem abgeschrieben hat. Nur dass schlecht abgeschrieben wurde, das ist klar.

Ironisch an diesem Fall erscheint, dass der fragliche Text wiederum inhaltlich die Verantwortung für Fehlverhalten betrifft. Das scheint eine Regel in Fällen von Plagiatsverdacht zu sein. Annette Schavan (Person und Gewissen. 1980, S. 65) schrieb etwa:

„Fehlhandlungen und -reaktionen [wiegen] schwerer, mit denen ‘ganze Rollenbereiche diskreditiert’ werden. […] Beispiele: ‘…wenn einem Gelehrten Plagiate nachgewiesen werden, ein Offizier Angst zeigt, ein Ehegatte untreu wird’“.

Ihr Doktorvater Gerhard Wehle zeigte sich ungläubig:

„Wie kann man eine Arbeit über das Gewissen schreiben und dabei täuschen?“[3]

Über solche Fragen sind Grün und Friedman weit hinaus. Aus ihrer geteilten Sicht gibt es für alles eine materielle Ursache. Schuld und Gewissen ist damit die klassische Grundlage entzogen. Stattdessen stellt sich im vorliegenden Fall eher die Frage, wessen Titel das treffendere Motto ergibt: „Schuldlose Verantwortung“ oder „Sein-können wie Gott“?

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12 Antworten zu “Philosophie erleichtert: Schuldlose Verantwortung oder Sein-können wie Gott?

  1. alleszuspaet

    Zitat erbloggtes:
    „Grüns falscher Satzbau weckte den Verdacht, dass der Satz aus mehreren Quellen schlecht zusammengesetzt sein könnte. Stattdessen eine zwei Jahre später erschienene Dissertation zu finden, in der derselbe Fehler auftaucht, ist überraschend. Die Goethe-Universität Frankfurt wird sich wohl mit dem Fall befassen müssen. Bisher ist ja nicht einmal eindeutig, wer von wem abgeschrieben hat. Nur dass schlecht abgeschrieben wurde, das ist klar.“
    Vielleicht hat ja Paolo Pinkel auch promoviert und Grün und Friedmann haben dort abgeschrieben, ein echtes „Trio infernale“. Da wartet viel Arbeit auf Heidingsfelder.
    Zitat NDR vom 25. 03. 07 15.48:
    “ Michel Friedmann ist ein Mann mit vielen Rollen. Nummer 1: der politische Journalist, Rolle Nummer 2: Paolo Pinkel, der Freund von Prostituierten und Kokain, Rolle Nummer 3: der weinerlich geläuterte Büßer und Familienmensch.
    Und nun kommt eine weitere hinzu: Rolle Nummer 4 – der seriöse Schriftsteller. Schon hat er seinen ersten Roman „Kaddisch vor Morgengrauen“ vorgelegt.“
    Kommt jetzt die Rolle Nummer 5: der Wissenschaftler? 🙂

  2. Pingback: Blog für wissenschaftliche Redlichkeit – Der Fall Friedman/Grün: Wer schrieb von wem ab, oder gab es eine gemeinsame Festplatte?

  3. Der hier gegenübergestellte Text ist übrigens auch erschienen in:

    • Klaus-Jürgen Grün: Die Ökonomie der ethischen Entscheidung und die untergeordnete Rolle der Vernunft bei ihrem Zustandekommen. In: Gerhard Roth, Klaus-Jürgen Grün, Michel Friedman (Hrsg.): Kopf oder Bauch? Zur Biologie der Entscheidung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 28-60 (S. 32 ff.).
  4. alleszuspaet

    @erbloggtes
    Unabhängig von der Plagiataffäre könntest du ja mal etwas bloggen aus deiner Sicht über Kant, Religion, Freier Wille, Moral, heutige Ersatzreligionen u. s. w., wäre interessant. Was Grün schreibt ist im Grunde ja nichts anderes, als das, was Lorenz (der ja heutzutage „pfui“ ist) schon in den 60ern („Das sogenannte Böse“) publiziert hat.

  5. Ah ja, Lorenz! Daran erinnerte mich das mit der biologischen Moralbegründung. Danke für den Hinweis!
    Ich glaub, ich blogge zum Komplex Kant, Religion, Willensfreiheit und Moral lieber nicht. Sonst promoviert mich noch jemand für die Blogartikel. Scheint ja vorzukommen. Nur soviel: Inhaltlich ist das hanebüchener Unsinn, was ich bei Friedman-Grün zu Kant gelesen habe. Da gibt es Argumente von dem Typ:
    – Heute stützt sich sogar der Papst auf Kants Menschenwürdebegriff.
    – Also ist Kant vom Monotheismus abhängig.

  6. alleszuspaet

    Schade, da ließe sich doch jede Menge Zeitgeistiges unterbringen, über das ich mich dann wiederum echauffieren könnte. 😉
    Wegen einer Promotion bräuchtest du dir auch keine Sorgen machen, deine Netzwerke funktionieren ganz anders.

  7. alleszuspaet

    @erbloggtes, mit frdl. Leseempfehlung:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46275566.html

  8. Das ist ja ein toller Artikel, vielen Dank! Statt zu einer Erläuterung der ontologischen Verortung der Kant’schen Willensfreiheit zwischen Naturkausalität und Vernunftmoral hat es aber nur zu einer Polemik über die zeithistorische Einbettung von „pfui“-Lorenz und seinen Freunden gereicht:

    Der Spiegel-Artikel präsentiert genau die soziokulturellen Zusammenhänge, in denen so eine Theorie durchschlagende Erfolge feiern konnte. Vermutlich wird nirgendwo anders so gedrängt deutlich, dass der moraltheoretische Biologismus 1. Sozialdarwinismus propagierte, 2. die kontingente Gegenwart zur ewigen Menschennatur stilisierte und 3. vor allem und am erschreckendsten: das Bedürfnis nach Absolution von Auschwitz erfüllte.

    Den „Mann, der einem Häftling, weil er das Wecken verschlafen hatte, den Brustkorb zertrat“, und „Wilhelm Boger, der ein Kind, weil es ihn lächelnd ansah, an den Beinen gepackt und mit dem Kopf gegen eine Mauer geschleudert hatte“, die erklärt der von den Nazis auf die Professur gehievte Rassenkundler Konrad Lorenz durch „das Wirkgefüge der Instinkte“. Es liegt in seiner Natur, insbesondere natürlich in des Teutonen überlegener Herrennatur. „Bleistiftstarke, überhohe Stöckelabsätze signalisieren Gebrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit der Frau.“ Na klar, das ist genetisch!
    Der Unterschied zu Freud ist nur, dass dessen „Triebe“ von Kultur und Erkenntnis beherrscht sein wollten, Lorenz‘ „Instinkte“ aber losgelassen, um dem mächtigen Raubtier seine natürliche Lebensweise zu geben. Denn:

    „Aber ein mächtiger instinktueller Urstrom wurde wieder sichtbar, als die Verhaltensforscher jenem Antrieb nachspürten, der die Geschichte der Menschheit von Anfang her begleitet und offenkundig das Zusammenleben von Menschen, Nachbarn und Völkern auf besonders nachhaltige Weise beeinflußt hat: dem Instinkt der Aggression.“

    Na klar, der „instinktuelle Urstrom“, der muss es gewesen sein. „Im freien menschlichen Willen und in der Vernunft fahndeten Philosophen und Historiker vergebens nach den Gründen für Völkermord und Krieg.“ Da kommt der Lorenz gerade recht: Zivilisationsbruch Auschwitz? Papperlapapp, dem Germanen wie „allen höheren Tieren eingeboren – Erbgut, aber nicht Erbübel.“ Der „Aggressionsinstinkt“ als „Motor der biologischen Auslese zum Fähigeren, Höheren.“ Jaja, die große Entdeckung, „daß dieser Ur-Antrieb alles andere als ein Prinzip des Bösen in der Natur darstellt“, die ist nur keine, weil niemand ernsthaft Naturkausalität mit moralischer Kategorie bezeichnet hätte.

    Und was ist die Lösung des menschheitsbedrohenden Aggressionsinstinkts? Wir kennen es schon aus Friedmanns Dissertation als „Einfluss eines Stimulationsgerätes [zur deep brain stimulation, DBS]“. Denn wie Der Spiegel weiß, „so haben amerikanische Verhaltensforscher durch elektrische Reizung der entsprechenden Stammhirnzonen instinktuelles Tun auf Befehl hervorgerufen oder unterdrückt – auch schon in Menschenversuchen“. Da gilt als Utopie, „ganze Populationen auf diese Weise fernzusteuern und ihren Aggressionstrieb zu dämpfen“, wenn nicht mit Elektroden, dann „vermittels stimulierender oder instinktdämpfender Medikamente“. Dass der Doktorvater aber auch nicht auf die Idee gekommen ist, im Vorwort auf die Fremdsteuerung von Angeklagten durch Drogen zu sprechen zu kommen?

    Besonders schön auch die Bildunterschriften: „Der Traum von der Gottähnlichkeit des Menschen … wich der Erkenntnis … von tierischen Instinkten“. Oder: „Wie ist es möglich … daß Menschen … sich so verhalten?: KZ-Bewacher Kaduk im Auschwitz-Prozeß, Zuschauerinnen am Boxring“. Diese bösen Zuschauerinnen, wie können die sich nur so gehen lassen, ihrer Natur freien Lauf lassen, und Millionen Menschen umbr … ach nee, doch nicht.

  9. alleszuspaet

    @erbloggtes
    Ich ahnte, daß du explodierst, bei diesem „Schlüsselreiz“. Die Prägung im christlichen Elternhaus schimmert dir durch alle „Knopflöcher“ 😉 .
    Hier noch mehr „Futter“: Lorenz setzte sich schon 1941 mit Kant auseinander.
    http://web.archive.org/web/20080228014030/http://www.stadtbibliothek.wolfsburg.de/literaturservice/lore%281%29.html
    Aber er erhielt immerhin 1973 den Nobelpreis, da wirst du noch ein wenig warten müssen.

  10. Pingback: Der Fall Friedman/Grün: Widersprüche und Perspektiven | Erbloggtes

  11. „Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben,
    ihr berühmten Weisen alle! – und nicht der Wahrheit!
    Und gerade darum zollte man euch Ehrfurcht.“

    Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra.

    Das ist noch immer das Problem so genannter Philosophen. Und selbst wenn man ihnen die reine Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit präsentiert,…

    http://www.swupload.com//data/3-Verwandlungen.pdf

    …zeigen sie nicht die geringste Neigung, mit dem selbständigen Denken anzufangen. Sie haben eine solche Angst davor, „über den Rand der Welt zu fallen“, dass sie sich exakt so verhalten, wie es bereits Gustave Le Bon in „Psychologie der Massen“ beschrieb:

    „Man darf nicht glauben, eine Idee könne durch den Beweis ihrer Richtigkeit selbst bei gebildeten Geistern Wirkungen erzielen. Man wird davon überzeugt, wenn man sieht, wie wenig Einfluß die klarste Beweisführung auf die Mehrzahl der Menschen hat. Der unumstößliche Beweis kann von einem geübten Zuhörer angenommen worden sein, aber das Unbewußte in ihm wird ihn schnell zu seinen ursprünglichen Anschauungen zurückführen. Sehen wir ihn nach einigen Tagen wieder, wird er aufs neue mit genau denselben Worten seine Einwände vorbringen. Er steht tatsächlich unter dem Einfluß früherer Anschauungen, die aus Gefühlen gewachsen sind; und nur sie wirken auf die Motive unserer Worte und Taten.“

    Selbstverständlich lasse ich mich auch gern vom Gegenteil überzeugen – Einsendeschluss ist der Jüngste Tag.

  12. Pingback: Politiker-Plagiate: Wasserstand Anfang Oktober 2013 | Erbloggtes

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