Rezension zur „Akte Schavan“

Erbloggtes veröffentlicht bekanntlich zuweilen Gastbeiträge. Heute ist eine Rezension der „Akte Schavan“ an der Reihe, die eine bemerkenswerte Außenansicht auf die Plagiatsdebatte rund um den Fall der Bundesbildungsministerin offenbart. Der Rezensent Bernd Dammann, geboren 1944, studierte 1964—1972 in Münster Soziologie und Germanistik und wurde 1973 in Bremen mit einer Arbeit zur Wissenschaftssoziologie der Geisteswissenschaften promoviert. Anschließend war er als Politikberater, Lehrer und Hochschullehrer tätig, daneben kommunalpolitisch engagiert, und ist inzwischen im Ruhestand. Hier seine Rezension zu:

  • Hupe Weißkräcker (Hrsg.): Die Akte Schavan. In: Causa Schavan, 3. September 2013 (PDF)

Mit Wut im Bauch

Mit einer von Anfang an gehörigen Portion Wut im Bauch hat das Team Causa Schavan auf dem gleichnamigen Blog seit Juli 2012 das fortlaufend geführte „Protokoll einer Wissenschaftsbetriebsstörung“ veröffentlicht, in dem die Vorgänge und Geschehensabläufe dokumentiert werden, die aus den Reaktionen der mit Plagiatsvorwürfen konfrontierten (Ex-) Bundesforschungsministerin und dem Umgang mit ihrer Dissertation (1980) durch die Philosophische Fakultät der HHU Düsseldorf resultierten. Im Fortgang der Ereignisse schaukelte sich dieser prominente und (partei)politisch höchst brisante Fall, wie man jetzt in Ruhe und im Zusammenhang „ausgedruckt und abgeheftet“, vor allem aber konzentriert nachlesen und analytisch nachvollziehen kann, zu einer veritablen Affäre im und über das real existierende Beziehungsgeflecht von Wissenschaft und Politik auf.Die AutorInnen nennen den ‚Fall Schavan‘ deswegen „den größten Skandal in der Wissenschaftsgeschichte der deutschen Nachkriegszeit“. Aber warum?

„Nicht nur wegen der Person der Ministerin, sondern mehr noch wegen der beispiellosen Mobilmachung ihrer Hilfstruppen in Politik und Wissenschaft erscheint die Causa Schavan als der größte Skandal in der deutschen Wissenschaftsgeschichte der Nachkriegszeit. Sie ist ein Lehrstück über Machtmissbrauch der politischen Elite, die Korrumpierbarkeit des Wissenschaftsbetriebs und das Versagen eines kritischen Journalismus.“ (zit. aus: Akte Schavan – Editorial)

Die öffentliche Auseinandersetzung polarisierte und eskalierte zusehends. Schließlich mündete sie im Januar/Februar 2013 in die Grabenkriege des Kulturkampfes der 1970er Jahre: unsere ‚Betschwester Nettchen‘, damals Aktivistin in der JU, wurde das wehrlose und unschuldige Opfer der 68er-Bewegung und/oder der sozialliberalen Bildungs- und Hochschulpolitik der 1970er Jahre – so auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, oder sollte man besser sagen der von den ‚Schavanisten‘ geführten Schlammschlacht, kurz vor der Entscheidung des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät der HHU Düsseldorf fast wörtlich nachzulesen in der Tageszeitung Die Welt.

Liest man nun dieses ‚Protokoll‘ der laufenden Ereignisse jener Wochen und Monate als ‚kriminalisierende‘ Ermittlungsakte mit derzeit offenem Ausgang noch einmal nach, so begegnen wir darin einem Sittengemälde von Gebräuchen und Gepflogenheiten, die sich im Zuge der marktradikalen Ökonomisierung von Forschung, Lehre und Studium bei den Spitzenfunktionären in den Führungsetagen des Beziehungsgeflechts von Wissenschaft und Politik durchgesetzt und breit gemacht haben (siehe auch diesen Kommentar).

So gesehen bliebe es einzig eine ebenso desillusionierende wie deprimierende Lektüre. Aber als postmoderne Version der ‚Moritat‘ kann diese ‚Akte‘ dem geneigten Leser doch zugleich auch mit Aussicht auf Informationsgewinn zur vergnüglichen Lektüre anempfohlen werden. In diesem literarischen Genre werden schaurige Missetaten mit den Stilmitteln von Ironie und Satire vornehmlich unter dem Gesichtspunkt von Schuld und Sühne in Szene gesetzt und einer gerechten Bestrafung zugeführt.

Die Rezension erschien zuerst als Kommentar auf Archivalia.

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Eine Antwort zu “Rezension zur „Akte Schavan“

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