Dickhuth – oder der wunderbare Plagiatsdiskurs

Erforschtes und praktiziertes Doping an den sportmedizinischen Einrichtungen deutscher Universitäten gehört zum Bühnenbild eines Plagiatsfalles, der nun seinen vorläufigen Abschluss gefunden hat und lehrt: Nicht nur Doktorgrade können aberkannt werden, sondern auch Habilitationen. Der 2012 emeritierte Sportmediziner Hans-Hermann Dickhuth verliert auf Beschluss des Habilitationsausschusses der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg mit seiner Habilitation wohl auch die Emeriti üblicherweise zugestandene Möglichkeit, an ihrer Universität weiter wissenschaftlich zu arbeiten.

Auf entsprechende Berichte der lokalen Presse weist Archivalia hin.[1] Der Fall Dickhuth ist aus zahlreichen weiteren Gründen bemerkenswert:

  1. Dickhuth war in langwierige Dopingermittlungen gegen die Freiburger sportmedizinischen Abteilung verwickelt, von denen er 2009 entlastet wurde.
  2. In diesem Zusammenhang waren jedoch „Fälschungsvorwürfe“ aufgekommen, mit denen Dickhuth bald nach der sensibilisierenden Guttenberg-Affäre öffentlich in Zusammenhang gebracht wurde.
  3. Damals gab es Leute, die die FAZ als geeignete Adresse für anonyme Hinweise auf Plagiate in lange zurückliegenden Arbeiten angesehener Wissenschaftler betrachteten.
  4. Heute behandeln einen großen Plagiatsfall wie den Dickhuths nur noch regionale Massenmedien und spezialisierte Publikationen. Google News weist derzeit lediglich Badische Zeitung, TV Südbaden, SWR und Stuttgarter Zeitung aus.
  5. Es gibt nicht immer einen bundesweiten Aufschrei, wenn Zwischenstände akademischer Prüfungsverfahren entgegen den verwaltungsrechtlichen Vorschriften an die Öffentlichkeit gelangen.
  6. Auch auf die Zeitgebundenheit der „Zitierweisen“ einer Habilitationsschrift von 1983 weist niemand öffentlich hin, ebensowenig auf den zweifelhaften Status der Sportmedizin als Wissenschaft.
  7. Keiner forderte Verjährung für Jahrzehnte zurückliegende Verfehlungen.
  8. Viele, viele Jahre haben die Ermittlungen bis zum Entzug der Habilitation gedauert. Zweieinhalb Jahre von Februar 2011 bis heute zu berücksichtigen, reicht wohl nicht aus, da die Untersuchungen im Umfeld von Dickhuth schon deutlich davor im Geheimen auf Merkwürdigkeiten gestoßen sein müssen.
  9. Habilitationsentziehungen wegen Plagiaten sind deutlich seltener als der Verlust von Doktorgraden. Den materiell aussichtsloses Klageweg beschreiten aber auch überführte Habilitationsplagiatoren gern, so auch Dickhuth.

Vielleicht könnte man für einen angesehenen Sportmediziner im besten Alter noch eine Anschlussverwendung im Hochschulrat der LMU organisieren? Es kann ja nicht sein, dass in langjähriger Praxis erworbene Kompetenzen nun ungenutzt bleiben sollen. Schon Udo Jürgens wusste schließlich, dass das Leben mit 66 Jahren erst so richtig anfängt. Und ein so „profilierter und weithin bekannter Vertreter […] der akademischen Sportmedizin Deutschlands“ kann doch bestenfalls in den „Unruhestand“ treten, wie die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (Uni Ulm) Dickhuth zur Pensionierung wünschte.[2]

In seinem Bewerbungsschreiben nach München sollte er darauf hinweisen, dass er lange Präsident der DGSP war (und weiter ihr Ehrenpräsident ist), außerdem Vorsitzender des Gutachterausschusses im Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) sowie international in diversen sportpolitischen und wissenschaftlichen Gremien (EOC, ECSS, FIMS) aktiv.[2] „Über Jahre bestimmte er durch seine leitenden Funktionen berufspolitische Entscheidungen und inhaltliche Planungen der Sportmedizin.“[2] Das muss ja nicht plötzlich zuende sein, nur weil man als Wissenschaftsbetrüger überführt ist.

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6 Antworten zu “Dickhuth – oder der wunderbare Plagiatsdiskurs

  1. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Diesen Beitrag lehne ich ab; die Gründe dafür haarklein darzustellen, erlaubt mir mein gegenwärtiger, von einer Migräne bestimmter Zustand nicht. Hat denn der Sportprofessor keine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass er zu manch später Stunde am Schreibtisch saß und meinte, diese eigentlich menschenunmögliche Leistung könne man nur gedopt erbringen?

  2. Aber Herr von Eichenbach! Man kann doch einfach noch ein paar weitere Plätze im LMU-Hochschulrat schaffen. Dann stehen Sie sicher auch ganz oben auf der Liste aufgrund Ihrer internationalen Erfahrungen und Verbindungen. Und weil Sie wissen, wie der Hase läuft.

  3. Dickhuth wird wohl durchaus materiell argumentieren, da er selbt die Fakultät stets als zuständiges Gremium benannt hat. Offenbar hat er sogar Sprachgutachten einholen lassen, um seine Urheberschaft der betreffenden Texte zu belegen. Sollte das Gericht ihm tatsächlich Glauben schenken, so müsste die Universität anschließend sieben Doktortitel entziehen. Noch entscheidender ist aber der Ausgang des Disziplinarverfahrens: Sollte der Minister dem Vorschlag zustimmen, so droht ein Entzug der Pensionsansprüche.

    Indes gibt es Neuigkeiten aus Gießen: Die Universität hat gerade einen Prozeß wegen Entziehung eines Doktorgrades verloren. Vielleicht auch deswegen meldet der Rektor etwas kleinlaut, die Vorprüfung der Causa Steinmeier werde nun doch etwas dauern. Die Ankündigung, in wenigen Wochen zu einem Ergebnis zu gelangen, war dann doch zu vollmundig.

  4. Zum Gießener Fall: http://archiv.twoday.net/stories/516216126/
    Und aus dem Januar 2013 der Bericht zum Beschluss des Promotionsausschusses (nicht des Fakultätsrats?):
    giessener-allgemeine.de/Home/Stadt/Uebersicht/Artikel,-Universitaet-entzieht-zwei-Aerzten-den-Doktortitel-_arid,394665_regid,1_puid,1_pageid,113.html
    Der zeitliche Ablauf (Januar Doktorentzug – Oktober VG-Urteil) macht Hoffnung für eine Entscheidung im Fall Schavan im November.

  5. Das Ende der Causa Dickhuth? Keineswegs: Jetzt geht’s erst richtig los!
    http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/wer-hat-noch-alles-abgeschrieben–93634867.html
    Ironie: Es waren vermutlich auch Leute unter den an der Habilitationsaberkennung Beteiligten, die nun selbst Gegenstand von Untersuchungen sind. Sie werden sich nicht nur heimlich schämen.

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