Schavans SchweLMUrks-Netzwerk

Erfrischte Schavans LMU-Affäre inzwischen die semesteranfangsgestressten Gemüter an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, zeigte sie doch an den Reaktionen auch, dass es zwar weiterhin eine Funktionärsperspektive gibt, aus der Schavan ein erstrebenswerter Knoten zur wissenschaftspolitischen Ergänzung des eigenen Netzwerks ist, weil sie durch die eigene Vernetzung das anknüpfende Netzwerk beträchtlich effektiver machen könne. Zugleich machte sie aber sichtbar, dass mit der Ergänzung des eigenen Netzwerks um den Knotenpunkt Schavan eine moralische Vergiftung des Netzes droht, die den Nutzen einer Anknüpfung an Schavan sogar in sein Gegenteil verkehren kann.

Entscheidungsgremien der LMU

Personalnetzwerke der LMU-Entscheidungsgremien

Die neulich schon einmal gezeigte und erläuterte Grafik der neuen Münchner Personalnetzwerke mag verdeutlichen, was das bedeuten könnte: Durch die Kooptation von Schavan werden bereits bestehende Verbindungen des LMU-Hochschulrats zum Bundesbildungsministerium (BMBF) und zu Wissenschaftsfinanzierungsmittelsmännern wie (exemplarisch) der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH-S) intensiviert. Sinn dieser Vernetzung ist die Verbesserung des Durchflusses eines Mediums, sei es nun Information, Unterstützung oder einfach Geld. Allgemein kann man in diesem Fall vielleicht vom Medium Kooperation sprechen, denn wer Schavan ins Boot holt, bekommt ja nicht einfach die Millionen hinterhergeworfen, sondern muss dafür auch etwas tun, und sei es nur die willige Ausrichtung an den politischen Zielen von ihr und ihrem Netzwerk.

Damit das LMU-Netzwerk groß und stark wird

Geld für die LMU gibt’s nur, wenn sie tut, was BMBF und AvH-S wollen, aber durch Schavan kann leichter dafür gesorgt werden, dass die LMU tut, was die Finanziers wollen. Und dass Geld fließt, das ist ja das Ziel der Aktion, wie einige LMU-Vertreter sagen. Uni-Präsident Bernd Huber hat nun in einem Interview die Ernennung Schavans verteidigt.[1] Als sein Hauptargument pro Schavan zitiert die Süddeutsche, „dass sie sich in der Vergangenheit große Verdienste erworben hat.“[2] In Netzwerksprache kann man das gut verstehen als hat ein großes Netzwerk, in dem auch noch viel Geld steckt. Von den Einwänden will er nichts wissen. Huber verweist auch auf Fürsprecher Schavans an der LMU: „der Soziologe Nassehi, der Theologe Levin und der Chemiker Carell„[1], und meint damit wohl, dass deren vorherige Vernetzung mit Schavan noch an Wert gewinnt, wenn sie gemeinsam mit Schavan „für die Anliegen der LMU eintreten„,[1] sofern das ihre eigenen Anliegen sind.

Auch die Studierendenvertreter im LMU-Senat, Theodor Fall und Michelle Klein (die 2011 als Paradebeispiel für unmündige Studierende als „Mit 17 reif für die Uni“ vorgeführt wurde), betonen ja „ihre hervorragenden bundespolitischen Kontakte“,[3] da muss man die Netzwerkmetapher gar nicht lange suchen. Wo ist nun das Problem, wenn das LMU-Netzwerk größer und stärker wird? Wird man so nicht zur Elite?

Das Problem ist die massive Kritik, die bisher eher leise vor sich hin schwelt, die Anknüpfung an Schavan aber zu einem Murks machen könnte, der die Uni langfristig einiges an Prestige und Geld kostet. Die LMU konnte zunächst Schulterzucken, als sich in der Süddeutschen viele Ehemalige öffentlich schämten.[4] Als dann einige Universitätsangehörige ihr Unverständnis kundtaten, war das vielleicht relevant und bedauerlich, aber naja: Ein paar Unzufriedene in einem größeren und stärkeren Netzwerk würde man mit der Zeit auch noch überzeugen. Dann distanzierten sich aber sanft, ganz sanft ein paar an der Entscheidung Beteiligte davon, dass sie diese Entscheidung nun verantworten müssten:

Der LMU-Senatsvorsitzende Professor Martin Hose zum Beispiel, der beklagte, dass ja die LMU inzwischen eine “präsidiale Leitung” habe, die “weitgehend alleine entscheidet”. Ihn könne man nicht für Schavans Berufung verantwortlich machen, denn der “Senat hat nur noch eine symbolische Funktion,” leider, leider.[5] Einen scheuen Senat nennt das François Bry, der Informatik-Professor, der mit seiner öffentlichen Kritik an der Personalie Schavan die inneruniversitäre Gegenbewegung erst in Schwung brachte. Ein wenig ein Scheuer ist aber auch Präsident Huber, der im Interview die Hauptverantwortung auf den Senat als „Gremium der repräsentativen Demokratie, wenn man so will“, schob.[1] Grob irreführend, wenn man so will, übrigens. Es sei denn, man möchte es schon für repräsentative Demokratie halten, wenn ein paar Leute in einem repräsentativen Sitzungssaal auf den Tisch klopfen, ohne vorher darüber diskutiert zu haben, wozu sie da ihre Zustimmung klopfen.

Sehr repräsentabel – sehr flüssig

In der repräsentativen Demokratie, die Bernd Huber regiert, hatten die Senatsmitglieder offenbar kein Bedürfnis nach Aussprache. Der Präsident weiß aber, wie das Senatsmitglied Nassehi in dieser Sache denkt, und das genügt ihm als Repräsentation des Senats vollauf. Zumal Armin Nassehi mit Annette Schavan wohl wirklich ganz gut bekannt ist, was sich vornehmlich der gemeinsamen Mitwirkung an katholischen Kirchentagen sowie an Veranstaltungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken verdanken dürfte.

Noch besser repräsentiert als Professor Nassehi dürfen sich Professor Levin und Professor Carell in der repräsentativen Demokratie des Präsidenten Huber fühlen. Denn sie sitzen gar nicht im Senat. Doch in der repräsentativen Demokratie geht auch die Stimme dieser einfachen Hochschulmitglieder nicht verloren: Sie werden durch den Präsidenten selbst repräsentiert, in der Süddeutschen Zeitung.

Auch Christoph Levin kennt Annette Schavan wirklich gut. So sitzt er gemeinsam mit ihr im Kuratorium der Stiftung „Bibel und Kultur“[6] – gerade in der vergangenen Woche haben sie wieder einmal getagt. Der Kuratoriumsvorsitz dort ist übrigens die einzige veröffentlichungspflichtige Angabe von MdB Schavan, die nicht mit ihrem Rücktritt endete.[7] Und vor wenigen Wochen erst hat Levin in München einen schönen internationalen Kongress von lauter Bibelforschern aus aller Welt abhalten können, weil Annette Schavan persönlich noch im Ministerium dafür gesorgt hat. Deshalb galt der „Frau Bundesministerin a. D. Dr. Annette Schavan“ auch ein „besonderer persönlicher Dank“ von Professor Levin.[8]

Thomas Carell wiederum hat eine exzellente Forschergruppe an der Universität einrichten können und ist begeistert von der Exzellenzinitiative, die den Wettbewerb an den Universitäten so fabelhaft vorangebracht hat. Die Carell Group hat wenig Anlass, sich über eine ärmliche Ausstattung mit Mitteln und Möglichkeiten zu beklagen. Professor Carell sitzt auch in der Volkswagenstiftung im Kuratorium. Dahin hat ihn Annette Schavan berufen. Auch er ist der besonderen persönlichen Meinung, dass sie jetzt in den Hochschulrat kommen soll. Alles fließt, sagt Heraklit, und im Netzwerk von Annette Schavan stimmt das auch.

Die Bedenken gegen die Hochschulrätin Schavan sind einfach „daneben“, findet deshalb Präsident Huber. Doch leider kennen nicht alle Kolleginnen und Kollegen an der Universität Annette Schavan so gut wie die Herren Nassehi, Levin und Carell. Den meisten fehlt leider „ein gewisses Differenzierungsvermögen“,[2] was die feinen Unterschiede angeht, die zwischen der breiten Masse und der differenzierungsvermögenden Elite bestehen.

Fachschaften: Schavan untragbar

Doch zurück zu den Kritikern der Schavan-Berufung: Denn nun fangen auch noch die Studierenden an zu rebellieren.[9] Also manche Studierenden, und mit einem Monat Verspätung (Schavan wurde am 23. September ernannt), nachdem sie die verantwortlichen Studierendenvertreter im Senat zunächst mal widerstandslos wiedergewählt haben.[3] Die Fachschaften Politikwissenschaft, Soziologie und Kommunikationswissenschaft haben eine gemeinsame Erklärung herausgegeben, in der sie die bekannten Argumente gegen Schavan als Hochschulrätin rekapitulieren: Bei Schavan sei der „Tatbestand einer ‚vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat'“ festgestellt worden, und unabhängig vom Rechtsweg sei „das Verfahren aus akademischer Sicht jedoch abgeschlossen“,[10] schließen sie sich dem DHV-Argument[11] an. Aus Sicht der wenig differenzierungsvermögenden Studierenden greifen sie die Scheinargumente pro Schavan an:

„Vor dem Hintergrund dieses überführten Plagiats stellt sich die Frage, inwieweit Frau Schavan nach den Worten des Hochschulpräsidenten Bernd Huber aus ‚fachwissenschaftlicher Perspektive eine wichtige Bereicherung‘ für die LMU sein kann. Als Studierende werden wir regelmäßig zu wissenschaftlich sauberer Arbeit angehalten, bei Verstößen gegen die strengen Regularien drohen Strafen bis hin zur Exmatrikulation. Die Berufung einer überführten Plagiatorin in das höchste Gremium unserer Universität stellt die Ernsthaftigkeit dieser wissenschaftlichen Werte massiv in Frage und ist ein Affront gegen all diejenigen, die an der LMU aufrichtig und ehrlich der Forschung nachgehen.“[10]

Darüber hinaus geißeln die Fachschaften der Exzellenzuniversität die schavansche Wissenschaftspolitik aus „Studiengebühren und Elitenwahn“ und ihre schlimmen Folgen selbst für die bevorzugten Unis:

„Die Förderung der vermeintlichen ‚Elite‘ wurde also auf dem Rücken der Mehrheit der Studierenden und Lehrenden ausgetragen. Darüber hinaus hat der gestiegene Konkurrenzdruck den Zusammenhalt an der Universität nachhaltig geschädigt. […] Wir sehen in keiner Weise, wie damit den Interessen der Studierenden und MitarbeiterInnen unserer Universität gedient sein soll – wohl aber sehen wir die Unvereinbarkeit der Entscheidung mit den Werten, die uns als Studierenden der LMU vermittelt werden.“[10]

Man kann davon ausgehen, dass das nicht die Position aller LMU-Studierenden ist, vielleicht nicht einmal der Mehrheit. Aber mit dem geschädigten Zusammenhalt an der Universität verweisen die Fachschaften auf das netzwerktheoretische Kernproblem der Vernetzung mit Schavan:

Kooperationsverweigerung im schönen neuen Netzwerk

Während der Anschluss an die vermeintlichen Geldtöpfe gestärkt wird, werden die kooperationsfördernden Verbindungen im Kernbereich der LMU nachhaltig geschwächt. In obiger Grafik wird das nicht gleich deutlich – Fachschaften sind da ja beispielsweise nicht drauf – aber wenn auf den unteren Entscheidungsebenen die Kooperationsbereitschaft abnimmt, und auch die täglich an der Uni arbeitenden Studierenden und Lehrenden sich verraten und verkauft fühlen, dann kann man ein paar Hypothesen über die Auswirkungen auf den Erfolg der LMU anstellen:

  • Wissenschaftsbetrug nimmt zu (die Regeln scheinen ja nicht so ernst genommen zu werden, und wenn sich nicht alle dran halten müssen, warum dann gerade man selbst?)
  • Entsolidarisierung in den Studiengängen (eine Uni, die die Einheit von Forschung und Lehre mit Füßen tritt, kann nicht intrinsisch motivieren)
  • Drittmittelerfolge für manche (insbesondere für besonders Kooperationsbereite mit Schavans Netzwerk, vermutlich z.B. Nassehi, Levin, Carell, Haunerland), nichts für andere
  • Entsolidarisierung zwischen den Studiengängen, Fakultäten (Orientierung der Wohlfinanzierten an Finanziersanforderungen statt wissenschaftsintrinsischen Zielen)

Das Auseinanderdriften des bisherigen LMU-Netzwerks könnte also zu einer Abwärtsspirale führen, in der manche erfolgreich die „Exzellenz“-Ansprüche vertreten und von dem um Schavan erweiterten Netzwerk profitieren, andere sich jedoch zunehmend ausklinken. Diese oben als „moralische Vergiftung“ bezeichnete Entwicklung muss man sich so vorstellen, dass die Verbindungslinien zwischen den Knotenpunkten dünner werden und vielleicht irgendwann durchschmoren, weil die Akteure weniger kooperationsbereit sind: Ein erster Schritt, der sich in Martin Hoses Klage über die Machtlosigkeit des Senats andeutet, könnte etwa die hochschulpolitische Bestrebung sein, den Hochschulrat und das präsidiale Regime der LMU zu schwächen, da seine Entscheidungen nicht als gemeinwohlfördernd angesehen werden. Damit würde die Wirksamkeit des gesamten obigen Netzwerks geringer, lediglich die Verbindungen des Senats würden gestärkt. (Hubers Lüge, der Senat sei Hauptverantwortlich für Schavans Berufung, antizipiert diese Vergiftung und versucht den Senat einzubeziehen.)

Ein nicht von der Hand zu weisendes Risiko ist auch die Existenz heimlich vor sich hin schwelender Kooperationsverweigerung innerhalb der oben dargestellten Gremien. Hose etwa drückt sich vor der Verantwortung: Gibt es in seinem direkten Umfeld – Senat und Hochschulrat – Akteure, die nur mit der Faust in der Tasche den Mund gehalten haben? Wie sehen die informellen Koalitionen in den Gremien aus, und werden sie durch die Schavan-Frage destabilisiert? Sind etwa manche gar nicht bereit, sich und ihre Ressourcen in einen Hochschulrat voll einzubringen, der so fragwürdig zusammengesetzt ist? Dann befinden sich womöglich Brandherde im Kooperationsnetzwerk, durch die hindurch keine  Kooperation mehr transportiert werden kann, bis sie wieder gelöscht sind.

Zu den zentralen Funktionen demokratischer Hochschulorganisation gehört es, die Hochschulangehörigen in die sie betreffenden Entscheidungen einzubeziehen, um ihre Zustimmung, zumindest aber Duldung, zu erhalten. Das ist nämlich eine Voraussetzung für Zusammenarbeit. Sollte die LMU in Folge dieser Schavan-Affäre Funktionsstörungen in der inneruniversitären Zusammenarbeit erleben, dann hat die Affäre zugleich eine Funktionsstörung der Hochschuldemokratie ans Licht gebracht. Das wäre dann zumindest eine Erkenntnis. Oder sind die LMU-Angehörigen, die sich im Nachhinein über die einmal durch alle Gremien gegangene Entscheidung zur Ernennung Schavans beklagen, bloß Defätisten, Umstürzler, isolierte Miesmacher? Dann dürfen sie sich nicht darüber wundern, wenn sie der repräsentative Präsident in seiner LMU-Demokratie nicht repräsentieren mag.

tl;dr: Mehr Vernetzung gilt auf den ersten Blick stets als positiv. Zusätzliche Verbindungen können aber auch die Funktionsfähigkeit eines Netzwerks reduzieren oder gar zu seinem Zerfall führen. An der LMU kommen gerade einige verdeckte Brandherde zum Vorschein, die durch die neue Hochschulrätin Schavan entzündet wurden.

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6 Antworten zu “Schavans SchweLMUrks-Netzwerk

  1. An der Ludwigstraße unserer schönen Münchner Stadt, da wo sie zur Leopoldstraße wird, liegt der Professor-Huber-Platz. So heißt er aber nur auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Diesseitig, wo der Professor-Huber-Platz die Kutschenvorfahrt für die besseren Herrschaften zur Ludwig-Maximilians-Universität ist, heißt er bloß „Geschwister-Scholl-Platz“.

    So ist er halt, der Huber Bernd: Bescheiden, fast g’schamig schon. Ihn kennt jetzt aber an der Universität eh ein jeder, was man von den Geschwistern Scholl nicht behaupten kann. Denn er ist der Präsident, und die Geschwister sind noch nicht mal im Senat, der aber eh nichts zu sagen und schon gar nichts zu entscheiden hat. Der Senat ist nur noch symbolisch. Nur ob Annette Schavan in den Hochschulrat kommt: Das entscheidet laut Gesetz der Senat, hat der Präsident Huber jetzt erklärt. Der Senat ist nämlich „ein Gremium der repräsentativen Demokratie, wenn man so will“, sagt der Präsident Huber.

    Und in diesem Fall will er das so. Es haben sich nämlich lauter Grantler gemeldet, die es nicht gut finden, dass Annette Schavan in den Hochschulrat kommt. Weil ihr wegen anonymem P****** der Doktortitel aberkannt worden ist. In so einem Fall ist repräsentative Demokratie sehr wichtig, dass nicht alles einfach am Präsidenten hängt..

    Der Präsident Huber hat jetzt auch erklärt, dass er mit allen redet, die in dieser Frage das Gespräch wünschen. Wirklich: Mit allen. Zeitlich dürfte das für ihn kein Problem sein, denn das Gespräch wird in dieser Frage eher wenig gewünscht. Im Senat zum Beispiel gab es keinen Gesprächswunsch in dieser Frage, nur einen Klopfwunsch.

    Wenn der Huber Bernd in dieser Frage mit jemandem reden will, dann muss er sich seine Gesprächspartner schon selbst suchen. Den Professor Nassehi zum Beispiel, der zwar im Senat ist, aber dort wurde das Gespräch in dieser Frage ja nicht gewünscht. Also hat er den Professor Nassehi auf dem Professor-Huber-Platz getroffen, und der hat ihm gesagt, Ja: Er kennt die Frau Schavan vom katholischen Kirchentag her, und sie ist eine gute Person und er ist unbedingt dafür, dass sie in den Hochschulrat kommt.

    Dann hat der Präsident Huber den Professor Levin getroffen. Der ist zwar nicht im Senat, aber er ist evangelischer Theologe und kennt sie auch und sieht sie oft. Er ist auch dafür, dass sie in den Hochschulrat kommt. Und schließlich hat der Präsident Huber noch den Professor Carell getroffen. Der ist zwar auch nicht im Senat, aber er kennt die Frau Schavan auch. Und er ist auch dafür, dass Annette Schavan in den Hochschulrat kommt.

    Was hat das denn auch für einen Sinn, solche Leute nach der Frau Schavan zu fragen, die die Frau Schavan gar nicht kennen? Die sind da doch gar nicht repräsentativ in der Frage.

    Nachdem der Professor Nassehi und der Professor Levin und der Professor Carell also dafür waren, hat der Senat natürlich ohne weiteres repräsentativ geklopft. Jetzt fürchten die Grantler, dass es der akademischen Glaubwürdigkeit der Universität schadet, wenn Annette Schavan in den Hochschulrat kommt. Wegen ihrem anonymen P******. Da muss sich der Präsident Huber aber wundern, denn:

    „Zum Selbstverständnis der LMU gehören integres und sauberes wissenschaftliches Arbeiten“, sagt er. Und das sagt er als der Präsident, dann ist es auch wahr. Und deshalb sind die Befürchtungen der Grantler einfach „daneben“, sagt er.

    Es ist allerdings gerade nicht ganz leicht, den Professor Huber zu verstehen. Denn es wird schon wieder gebaut am Professor-Huber-Platz, und es ist da etwas laut. Vom Professor-Huber-Platz aus bauen sie gerade einen Verbindungsweg direkt hinüber in die Universität, dahin wo der Hochschulrat tagt. Oder eigentlich hinunter. Denn diese Verbindung ist völlig unterirdisch. Heute noch muss sie fertig werden, die aus Restmitteln der Exzellenzinitiative gebaute Hochschulrätin-Schavan-Schleuse.

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  3. Dr. Bernd Dammann

    Dass Frau Annette Schavan als Mitglied des Hochschulrates der LMU aufgrund ihrer persönlichen Beziehungen und ihres politischen Einflusses künftig erfolgreich daran beteiligt sein könnte, zusätzliche Drittmittel für die Münchener Universität einzuwerben, gehört m.E. in den Bereich frommen Wunschdenkens. Dieser Begründung und (Selbst)Rechtfertigung ihrer von oben angeordneten „Berufung“ liegt offenbar die schlichte Vorstellung zugrunde, sie verfüge immer noch über die Zahlenkombinationen der Staatstresore, mit deren Hilfe man auf den Zuruf ‚Sesam öffne dich‘ einen Geldregen zusätzlicher Staatsknete auf die eigene Hochschule auslösen könne. Verstärkt wird eine solche Vorstellung dann auch noch zusätzlich durch eine Graphik, bei deren Betrachtung man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, Frau Schavan stehe dafür durch zielgerichtete Telefonstandleitungen mit den bedeutendsten und entscheidungsbestimmenden Persönlichkeiten dieser Republik in ständigem Kontakt. Das mag die politisch-administrative Realität in Entenhausen abbilden, nicht aber das System der Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse in der Gesellschaftsordnung der BRD. Der offiziell gegebenen Scheinbegründung für die Motive ihrer „Berufung“ sollte man deswegen in dieser Version nicht auf den Leim gehen. Der Verfasser gibt deswegen auch selbst zu erkennen, dass er an dieser Version begründete Zweifel hegt.
    Die Theologin Schavan gehört nach Herkunft, Bildungsgang und beruflicher Tätigkeit zu den exponiertesten Repräsentantinnen des ‚Politischen Katholizismus‘ in der neuen Bundesrepublik. Als Mitglied des ‚Zentralkomitees der Deutschen Katholiken‘ (ZdK) war sie seit 1994 in führenden Funktionen und Ämtern dieser religiösen Gruppierung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts ehrgeizige gesellschaftspolitische Ziele verfolgt, tätig. Zum Zeitpunkt ihres Rücktritts vom Amt der Bundesministerin für Bildung und Forschung im Februar 2013 war sie in der Hierarchie parteipolitischer Amtsträger die Akteurin und Agentin des ‚Politischen Katholizismus‘, die es zu jenem Zeitpunkt im politischen System der Bundesrepublik am weitesten nach oben gebracht hatte. Bei der Wahl des Bundespräsidenten im Jahr 2004 galt sie bis zur Nominierung von Horst Köhler als sehr aussichtsreiche Kandidatin der CDU/CSU. Danach wurde sie im Falle eines Falles immer wieder als mögliche Nachfolgerin von Frau Merkel im Amt der Bundeskanzlerin genannt. Seit September 2011 ist sie Vorsitzende des Kuratoriums der ökumenischen ‚Stiftung Bibel und Kultur‘, womit sie auch einen Teil aktiver Protestanten auf ihre Seite brachte.
    Der Sturz von Frau Schavan bedeutete folgerichtig einen besonders schweren Rückschlag für diese politischen Gruppen und Kreise, die unter dem Dach des ‚Politischen Katholizismus‘ ihre Interessen und Ziele in der CDU/CSU verfolgen. Sie verlangten bei nächster Gelegenheit deswegen einen angemessenen, politisch einflussreichen Ausgleich für diesen herben Verlust im personellen Ranggefüge politischer Amtsträger der CDU/CSU. Denn ihre Nachfolgerin im Amt der Bundesministerin Johanna Wanka war das nun gerade nicht, in der DDR groß geworden, Mathematikerin und ohne Angabe eines religiösen Bekenntnisses. Da nun aber der ‚Politische Katholizismus‘ spätestens seit der Wiedervereinigung nicht mehr im identitätsbildenden Mittelpunkt der CDU steht, bot sich in dieser Situation eine hervorragende Gelegenheit, das Ansinnen dieses in mancher Hinsicht ziemlich lästig gewordenen Flügels zu befriedigen und ihn dabei zugleich auch noch erheblich zu schwächen. Da die CSU als konfessionsübergreifende Volkspartei bei der Bildung der neuen Staatsregierung von Bayern auf keinen Fall Aktivisten des ‚Politischen Katholizismus‘ in der Regierung haben wollte, konnte man dem diesbezüglichen Druck auf andere Weise begegnen. Vermutlich auf einen Wink der bayerischen Staatskanzlei wurde Frau Schavan mit ihrer „Berufung“ in den Hochschulrat der LMU elegant aus dem Weg geräumt und aufs Abstellgleis geschoben. Das eignet sich allerdings keineswegs als offizielle Begründung für das Entscheidungshandeln der daran Beteiligten. Stattdessen wird es von der Hochschulleitung jetzt als ökonomisches Rentabilitätskalkül verkauft.
    Insgeheim entsprach man damit wohl eher dem Verlangen der Katholischen Theologischen Fakultät der Universität, des Bischofs von München und Freising und dem Vorsitzenden des ZdK Alois Glück (München) nach einer exponierten Repräsentanz des ‚Politischen Katholizismus‘ dann wenigstens in der neuen Amtsperiode der Staatsregierung in Bayern. Man konnte mit diesem Coup aber auch noch eine andere Fliege schlagen. Mit dem liebedienerischen Vollzug dieser „Anregung“ von ganz Oben durch die Universität stellte man die einzige potentielle Instanz bloß und kalt, die sich noch – ausgestattet mit einem gewissen Anspruch und Ausmaß an kritischer Distanz – mit wissenschaftlicher Rationalität dem übermächtigen Regierungshandeln der staatstragenden CSU hätte in den Weg stellen könnten. Freiwillig haben die zuständigen Gremien der Universität im Fall Schavan mit obrigkeitsstaatlichem Gehorsam ihr wissenschaftliches Ansehen gründlich diskreditiert und delegitimiert, indem sie in die ihnen gestellte Falle liefen.

  4. Lieber Herr Dammann, das ist eine hochinteressante Deutung. Um so mehr gefällt sie mir, da ich im Sonntagsartikel (also fast gleichzeitig mit Ihnen) die problematische Lage des politischen Katholizismus angesprochen habe. Sie unterscheiden zwischen Kräften des politischen Katholizismus, die Schavan in den LMU-Hochschulrat (lieber aber noch höher) befördern wollten, und überkonfessionell-volksparteilichen Kräften der CSU, die sie mit dem LMU-Hochschulrat (lieber aber noch niedriger) abspeisen wollten. Aus den konträren Bestrebungen, etwas für sie zu tun und etwas gegen sie tun, habe sich der Hochschulratssitz quasi als Kompromiss ergeben – mit dem angeblich erwünschten Nebeneffekt, die LMU lächerlich zu machen.
    Ich denke – bei allen Zweifeln an der Nützlichkeitsbilanz der Ernennung -, dass Schavan durchaus der einen oder anderen Bewerbung um Drittmittel größere Chancen verschaffen kann, etwa indem sie Informationen über offene Geldtöpfe und die Anforderungen nach München weiterleitet oder andersrum Kontakte herstellt, die dann zur womöglich aussichtsreichen Beantragung von Drittmitteln führen können. Ein Füllhorn wird sich daher jedoch wohl nicht über die LMU ergießen. Und der Einwand von Bry, wie denn Schavan da nützen solle, ohne sich unethisch zu verhalten, weist auf den zynischen Charakter des Kalküls hin, nach dem die Einheiratung von Schavan der LMU eine Mitgift verschaffe. Dass aber manche der Beteiligten das wirklich für ein gutes Argument zur Ernennung Schavans hielten und wahrhaftig zur Rechtfertigung ihrer Bestätigung anführen, erscheint mir auch unbestreitbar.
    Zuletzt zu der Vermutung, die CSU habe der LMU damit eine Falle gestellt: Das kann ich mir schwer vorstellen. Denn das Risiko, dass die bundesweite Stellung der LMU geschwächt wird, dürfte doch auch kein noch so machtgieriger und kurzsichtiger Ministerialbürokrat bewusst eingehen wollen: Da die Hochschulfinanzierung (und das Ansehen von Hochschulen) inzwischen zu einem guten (also schlechten) Teil auf Drittmitteleinwerbungen besteht, darf ein bayerischer Politfunktionär die LMU im Wettstreit um solche Drittmittel m.E. nicht zu schwächen beabsichtigen. (Vielleicht krankt meine Perspektive auch daran, dass ich nicht sehe, wie eine starke LMU den Herrschaftsansprüchen der CSU entgegenstehen könnte – zumal bei solch gehorsamer Untertänigkeit in der „Hochschulautonomie“.)

  5. Dr. Bernd Dammann

    Mir liegt es fern, unbedingt in eine Auseinandersetzung um die allein seligmachende Deutungshoheit einzusteigen, warum und wieso Frau Schavan in den Hochschulrat der LMU berufen worden ist. Hier sind wegen der vielschichtigen Gemengelage dieses Vorgangs zweifellos konkurrierende Einschätzungen vorstellbar, die hinsichtlich der jeweils für entscheidend gehaltenen Voraussetzungen durchaus plausibel und in sich schlüssig entwickelt werden können. Ich selbst suchte nach einem Erklärungsansatz, mit dessen Hilfe man zweierlei erhellen kann:
    (1) Wie begleicht die CSU die offene Rechnung mit der CDU-Parteifreundin Schavan wegen deren öffentlich zur Schau gestellten „Fremdschämens“ über den damaligen Kabinettskollegen von Gutenberg (CSU), das damals noch einem Tabubruch, d.h. einer Aufforderung zum Rücktritt gleich kam. Andersherum gesagt: Rächte man sich jetzt durch Hochloben, um ihr in Wirklichkeit damit mächtig zu schaden, indem man ihr aufzeigte, dass es mit Unterstützung der CSU zukünftig zu politischen Ämtern auf keinen Fall mehr kommen werde?
    (2) Warum scheiterte der Antrag auf Dauerfinanzierung des bikonfessionell ausgerichteten Mainzer Langzeit-Forschungsprojekts ‚Kirchenlied und Gesangbuch‘ im Sommer dieses Jahres, obwohl doch der unterstellte lange und einflussreiche Arm der ’Stiftung Bibel und Kultur‘- Kuratoriumsvorsitzenden Schavan gemäß der offiziell gegebenen Begründungslogik für deren „Berufung“ in den LMU-Hochschulrat den Mainzer Antragstellern eigentlich einen warmen Geldregen hätte bescheren müssen?
    Ich bilde mir ein, belastbare Hinweise zur Beantwortung solcher Fragen dadurch zu finden, dass man den erkenntnisleitenden Blick auf das ambivalente, zwiespältige und in sich keineswegs homogene Milieu (Episkopat, polit. Katholizismus, ZdK, CDU/CSU) lenkt, in dem Frau Schavan tief verwurzelt ist und ihre lebensweltliche Heimat hat. Mir scheint das auch deswegen nützlich und wichtig zu sein, um noch besser ermessen zu können, wie schwer der Rücktritt bzw. Sturz dieser Ministerin ein inzwischen fast vergessenes politisches Lager innerhalb der Union tatsächlich getroffen hat und warum die Reaktionen darauf nach wie vor so heftig sind. Ich finde es deswegen hilfreich und zielführend, dass Sie diesen Grundgedanken selbst auch aufgenommen und mit treffenden Hinweisen thematisiert haben. Insoweit kann ich ihre diesbezügliche Analyse gut nachvollziehen.
    Die Charakterisierungen von Francois Bry und der Fachschaft Sozialwissenschaften bleiben im Übrigen von der hier skizzierten Betrachtungsweise unberührt. Sie beschäftigen sich sehr präzise mit der inneren himmelschreienden Widersprüchlichkeit des genannten Vorgangs und weisen auf die verheerenden Folgen der dafür gegebenen offiziellen Begründung für das Selbstverständnis von Forschung und Lehre im Spannungsverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit hin. Das ist eine nicht nur legitime, sondern auch außerordentlich aufklärerische, aber eben andere Betrachtungsweise.

  6. Ja, die kollektive Selbsteinschätzung prononciert katholischer Kreise muss wohl in der Analyse stärkere Beachtung finden. Verwässert wird der Blick auf das, was Simone jüngst als Kulturkampf-Gefühl herausgearbeitet hat, allerdings durch die zentrale Mitwirkung prononciert evangelischer Kreise in der Schavan-Propaganda (exemplarisch Christoph Markschies und Heike Schmoll, auch im Fall LMU wird ja Christoph Levin statt eines katholischen Theologen als Fürsprecher genannt). Das kann Zweifel daran wecken, ob mit Schavan nun ein rein katholisches Projekt vorerst gescheitert ist und die Gläubigen aufwühlt. Oder es zeigt an, dass das besonders Katholische des Projekts „Schwester Annette“ nicht öffentlich herausgestellt werden soll, da man sich (bedroht von vielen äußeren Feinden) dann in einer noch ungünstigeren Lage sieht.
    Insofern geht es im Fall Schavan tatsächlich „nicht mehr um die Frage, wie gedemütigt ich mich fühle“, sondern um die Verdrängung des politischen Katholizismus aus der Bundespolitik, allgemeiner um die Bedrohung des Glaubens in der Politik. Kubicki soll sogar jüngst vorgeschlagen haben, die staatliche Kirchenfinanzierung einzustellen. Insofern ist es wohl ein wirklich schwerer Schlag, dass es keinen Prälaten mit ständigem Zugang zum Kanzleramt mehr gibt.
    Das Scheitern des Forschungsprojekts Kirchenlied und Gesangbuch hatte ich auch bemerkt, damals aber angenommen, dass die von Schavan noch mobilisierbaren Drittmittel einfach nicht unbegrenzt seien:

    Wie ironisch ist es, dass ein aussichtsreiches Großforschungsprojekt zur Hymnologie begründungslos gestrichen werden musste, während andernorts 25 Forscher über Jahre die Begriffe Zitat, Paraphrase und Plagiat in eine angenehme Beziehung zueinander setzen wollen?[1]

    Falls Schavan tatsächlich netzwerkerische Einflussmöglichkeiten zur Rettung des Kirchenliedguts gehabt und nicht genutzt haben sollte, da die IAG Zitat und Paraphrase in ihren Netzwerken höhere Priorität genoss, wäre das natürlich (mal wieder) eine bezeichnende Konzentration auf die höchstpersönlichen Ziele statt auf den ideellen Nutzen der Gläubigen.

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