Durchbruch: LMU hat „relativ breiten Dissens“ entdeckt

Erforschtes von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zeigt, dass es sprachlich nicht nur möglich ist, einen „breiten Konsens“ zu erzeugen, indem man fast alle Menschen für eine Meinung gewinnt, sondern dass man mit einiger Mühe auch das – bisher für paradox gehaltene – Gegenteil realisieren kann: Im Skandal um die Berufung Annette Schavans als LMU-Hochschulrätin ist es 43 Dozenten der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften in einer gemeinsamen Anstrengung erstmals gelungen, diesen bisher nur hypothetischen Zustand herzustellen.

Die LMU-Dozenten des zuständigen Departments für Germanistik, Komparatistik, Nordistik und Deutsch als Fremdsprache haben dazu in einer Erklärung die Hochschulleitung aufgefordert, „die Mitgliedschaft Annette Schavans im Hochschulrat zu suspendieren, bis die Vorwürfe gegen sie ausgeräumt sind“, weil ihre Berufung „die Glaubwürdigkeit der Universität und ihrer Forschungsethik“ beschädige.[1] Der Direktor des Departments, Christian Begemann, freute sich über die gelungene praktische Demonstration dieses Durchbruchs im Feld der nichtklassischen Logik, indem er sagte, „die Erklärung solle ‚einen relativ breiten Dissens‘ zur Hochschulleitung in dieser Frage zum Ausdruck bringen.“[1] Allerdings zeigte er sich betrübt, dass die Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit gelangt seien, weil man die Münchner Germanistik traditionell als Geheimwissenschaft betreibe und die Lösung des Konsens-Dissens-Paradoxons eigentlich „als interne Stellungnahme“ gedacht gewesen sei.[1]

Eine Überprüfung des Durchbruchs mit quantitativen Methoden bestätigt im Grundsatz, dass es sich um „relativ breiten Dissens“ auch innerhalb des Departments handelt: Von den 67 Professoren des Personalverzeichnisses[2] stimmten 25 dem Dissens zu, während 42 Professoren nicht zustimmten. Damit erreichte das Department fast genau das für einen typischen breiten Dissens theoretisch vorausgesagte Verhältnis von 60/40. Brisant ist, dass sich unter den Professoren des Departments auch einige hochrangige Wissenschaftsfunktionäre befinden, die die Möglichkeit eines Dissenses in einer Annette Schavan betreffenden Frage bisher kategorisch ausgeschlossen haben, besonders Prof. Peter Strohschneider (2006-2011 Vorsitzender des Wissenschaftsrats, ab 2013 DFG-Präsident) und Prof. Wolfgang Frühwald (1982-87 Mitglied im Wissenschaftsrat, 1992-97 DFG-Präsident, 1999-2007 Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung).

LMU-Präsident Bernd Huber hat angekündigt, der Fakultät auf einer Festveranstaltung am 11. Dezember um 14:15 Uhr im Raum F 107 des LMU-Hauptgebäudes für ihren unermüdlichen Einsatz zu danken. Das Motto des Festakts soll „So etwas ist im Hochschulgesetz nicht vorgesehen“ lauten.[1] Eingeladen sind neben den Studierenden auch Angehörige der Fakultät für Kulturwissenschaften, denen es offenbar gelungen ist, die Ergebnisse ihrer Kollegen zu reproduzieren. Dort klassifizierte man nach bisher unbestätigten Berichten aus den kulturwissenschaftlichen Geheimwissenschafen (secret cultural studies) die Dissensparteien als „Pragmatisten“ und „Moralisten“. Außerdem gelang es, die Existenz einer dritten Partei zu postulieren, deren Mitglieder sich einem Dissens verweigern.[3]

Auch konnten die Kulturwissenschaftler einen bedeutenden Bedrohungsfaktor für den aufwendig erzeugten Dissens identifizieren: Sie nennen ihn den „Kompromissvorschlag, dass wir vorläufig auf die Aussage des Verwaltungsgerichts Düsseldorf warten, bevor die Diskussion fortgesetzt wird.“[3] Schweigen und Aussitzen könnte den ganzen breiten Dissens zunichte machen, obwohl das Verwaltungsgericht Düsseldorf gar nicht mit akademischen Fachleuten besetzt sei. Bedenklich erscheint allerdings die Annahme, auch ein so zerstörter Dissens könne als Errungenschaft gewertet werden, solange der Ansatzpunkt für einen künftigen breiten Dissens fortexistiere.[3]

Als neuer Ansatzpunkt für einen relativ breiten Dissens hat sich gestern die Frage herauskristallisiert, ob und was Annette Schavan schon bei ihrer ersten Teilnahme an einer Sitzung des Hochschulrates Beeindruckendes geleistet hat.[4] Die Hochschulleitung scheint bereits als Dissenspartei ausgemacht:

„Sie [Schavan] hat, so konnte man in den letzten Tag immer wieder erfahren, die Frage gestellt, wie viel von der Einnahmen der LMU vom Land Bayern und wie viel vom Bund kommt. Beeindruckt von dieser Frage war, so hört man, die Universitätsleitung, weil sie nicht daran gedacht hatte, die Zahlen zu vergleichen.“[4]

Doch der sich abzeichnende Dissens könnte sich als instabil erweisen, wenn die Hochschulleitung von der Frage „der hohen Kompetenz Schavans in hochschulpolitischen Themen“ wieder umschwenkt zur Frage ihrer „Lebensleistung“ (ausgenommen die Phase 1974-1980 in Düsseldorf, über die man zu schweigen vorzieht).[1] Denn bei genauerer Betrachtung zielt doch die sensationelle Frage Schavans im Hochschulrat auf den Punkt, was sie schon vor ihrer ersten Teilnahme an einer Sitzung des Hochschulrates Beeindruckendes geleistet hat: Die vom Bund kommenden Einnahmen der LMU hat Annette Schavan schließlich persönlich organisiert, und damit erst die Grundlage dafür geliefert, dass sich an der LMU die Großforschung zum Thema relativ breiter Dissense überhaupt etablieren konnte.

Da könnte man ja auch mal ein bisschen dankbar sein. Vielleicht schlägt auch bald jemand an der LMU vor, Annette Schavan einen Ehrendoktor für ihre wissenschaftlichen Leistungen für die Erforschung relativ breiter Dissense zu verleihen.

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