Rassismusbedingung: Rassismusleugnung

Erforschtes in zwei neuerschienenen Sammelbänden* ist der Antisemitismus in der deutschen Presse vom Mittelalter bis heute: „Welche Bedeutung kommt periodisch erscheinenden Medien bei der Verbreitung und Etablierung antisemitischer Einstellungen und Stereotype zu?“[1], fragte 2010 eine Tagung des Instituts für Deutsche Presseforschung und bearbeitete damit ein in der Gegenwart sehr relevantes und in den vergangenen Jahren immer wieder anhand konkreter Einzelfälle öffentlich diskutiertes Thema:

Die Frage, ob es Antisemitismus in den Presseveröffentlichungen von Günter Grass oder Jakob Augstein gibt, war Anlass zweier aufmerksamkeitsheischender Debatten. Weniger personalisiert war etwa eine Kritik am „Antisemitismus im Briloner Anzeiger“, der sich am Stereotyp jüdischen Wuchers und seiner Verwendung im Zusammenhang mit der Finanzkrise festmachte. Ein weiteres hier diskutiertes Beispiel für Antisemitismus in der deutschen Presse war das verschleierte Ressentiment von Schavanisten gegen Stefan Rohrbacher, den jüdischen Gutachter im Plagiatsfall Schavan, das unter anderem in Frage stellte, ob ein Jude die Dissertation einer Katholikin untersuchen dürfe.[2]

In allen diesen Fällen zeigte sich, dass dezente Anspielungen auf antisemitische Stereotype in der Presse völlig ausreichten, um die Leserbriefschreiber online wie offline durchdrehen und mit ihren Vorurteilen und ihrem Hass um sich werfen zu lassen. Besonders erschreckend: Ein katholisches Forum, das detaillierte Phantasien einer „Jüdischen Weltverschwörung“ zum Schaden der katholischen Bildungsministerin ausarbeitete. Dieses Phänomen von Pressezurückhaltung und Kommentaristenhass stellt auch die Presseforschung für die jüngste Vergangenheit fest:

„Monika Schwarz-Friesels und Robert Beyers quantitativen und qualitativen Analysen der regionalen und überregionalen Presse der 2010er-Jahre belegen ebenfalls die Aufladung der Israelberichterstattung mit antisemitischen Stereotypen. Während Beyer allerdings konstatiert, ‚dass sich die deutsche Presse insbesondere im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ moderat israelkritisch äußert‘ (S. 1027), kann Schwarz-Friesel nachweisen, welchen direkten Einfluss diese Berichterstattung auf die Reaktionen in Leserbriefen und Onlinekommentaren hat – Orte, an denen oft endgültig die Grenze zwischen ‚Israelis‘ und ‚Juden‘ verschwindet. Auf die Bedeutung des Internets für die fortdauernde Existenz selbst so häufig widerlegter Verschwörungstheorien wie den ‚Protokollen der Weisen von Zion‘, verweist Paula Wojcik im letzten Beitrag des Bandes“.[1]

Wenn man von diesen Gegenwartsphänomenen aus zurückblickt und fragt, in welchen Traditionen sie stehen, dann ist eine Konstellation der Weimarer Zeit besonders markant, wie die Rezensentin Anna Ullrich ein zentrales Ergebnis des Gemeinschaftsunternehmens zusammenfasst:

„Die Verharmlosung und Gleichgültigkeit, mit der die Mehrheitspresse Antisemitismus zu begegnen pflegte. Zweifellos hatten antisemitische Blätter maßgeblichen Anteil an der Verbreitung und (Weiter-)Entwicklung jüdischer Weltverschwörungsmythen und nutzten die Skandalisierung Einzelner […], um das gesamte Judentum zu verleumden und zu demütigen. Allerdings wird in zahlreichen Beiträgen überzeugend dargelegt, dass die übrige deutsche Presselandschaft, der schwerlich eine antisemitische Programmatik unterstellt werden kann, auf den immer virulenter auftretenden Antisemitismus mit einer verheerenden Mischung aus Relativierung, Indifferenz und gelegentlicher Empfänglichkeit gegenüber antijüdischen Stereotypen reagierte. Symptomatisch liest sich hier Irmtraud Ubbens Analyse der Berichterstattung über die Angriffe auf Synagogenbesucher am jüdischen Neujahrstag 1931 auf dem Kurfürstendamm. Der antisemitische Charakter der Attacken wurde dabei sowohl in der liberalen Tagespresse, die sich um ‚peinlichste Neutralität in jüdischen Fragen‘ bemühte (S. 650), als auch in der Roten Fahne heruntergespielt oder komplett verschwiegen. Dass dies durchaus zur Programmatik der kommunistischen Tageszeitung passte, legt der Beitrag von Olaf Kistenmacher nahe, der der Roten Fahne einen mit antiimperialistischen sowie antisemitischen Merkmalen versehenen Antizionismus nachweist. Hieran konnte sich der vermeintlich neue Antisemitismus von links nach 1945 problemlos anschließen. Die Aufsätze von Martin Liepach und Daniel Fraenkel verdeutlichen ferner die eingeschränkten Möglichkeiten der jüdischen Seite, auf die teils indifferente, teils bejahende Einstellung der deutschen Mehrheitspresse und -gesellschaft gegenüber dem Antisemitismus zu reagieren.“[1]

Das Gefährliche am Verhalten der Mainstream-Medien waren also nicht etwa antisemitische Hetztiraden, sondern vielmehr ihre vornehme Zurückhaltung, die sich in Relativierung oder Leugnung von Antisemitismus ausdrückte, kombiniert mit der betonten Grundhaltung: „Wir sind ja keine Antisemiten, aber…“ Solcherart Phänomene sind auch in der Gegenwart nur allzu bekannt. Debatten ergeben sich regelmäßig dadurch (und in der dominanten Tendenz), dass Grass, Augstein, der Briloner Anzeiger oder die betreffenden Schavanisten von jeglichem Antisemitismusverdacht mit großer Geste freigesprochen werden.

Antisemiten dürfen das jeweils nicht sein, sonst wären ja alle anderen auch Antisemiten, die ebenso denken und sprechen. In diese „alle anderen“ reihen sich die Nicht-Antisemiten-Verteidigern mit den Nicht-Antisemiten ein und sind froh, dass alles in Ordnung ist. (Außer bei einigen notorischen Nörglern vielleicht.) Wunderbare Immunisierung, die sich auch ausdrückt in den „eingeschränkten Möglichkeiten der jüdischen Seite, auf die teils indifferente, teils bejahende Einstellung der deutschen Mehrheitspresse und -gesellschaft gegenüber dem Antisemitismus zu reagieren.“[1] (Die Möglichkeit zum Nörgeln evoziert sodann den sekundären Antisemitismus, „die Juden“ wollten „uns“ den Mund verbieten.) Durch das heftige Bestreiten des Vorliegens von Antisemitismus wird die gegebenenfalls doch existente antisemitische Praktik jedenfalls bestärkt und stabilisiert.

Welche Konsequenzen lassen sich daraus ziehen? Hinschauen und kritisch Hinterfragen, ob da vielleicht doch etwas dran ist, auch wenn man selbst den Gedanken zunächst abstrus bis abwegig findet, dürfte das Gebot für Journalisten lauten. Das ist schwierig, denn es erfordert Selbstkritik. Und über Antisemitismus hinaus dürfte die Problematik auf alle Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) übertragbar sein: Ressentimentbelastete Denk- und Handlungsweisen zu identifizieren und als solche zu benennen, mag die Betreffenden zwar stigmatisieren, doch das eigentliche Stigma tragen in solchen Fällen doch die, gegen die sich die Ressentiments richten: „das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig“, klagte Grass. Doch dabei handelt es sich letztlich um ein Meta-Stigma zum noch geläufigeren „Verdikt ‚die Juden'“.

Ein anderes aktuelles Beispiel, das nicht unangesprochen bleiben kann, ist der jüngst demonstrierte Blackface-Rassismus in der Samstagabendsendung Wetten, dass..? – In Analogie zum Obigen leugneten ihn Mainstream-Medien[4] und Online-Kommentaristen[6] gleichermaßen engagiert und selbstsicher: „Vorwürfe gegen ‚Wetten, dass…?‘ – Rassismus? Was für ein Quatsch!“[5] Bei genauerer und kritischer Betrachtung ist er natürlich vorhanden.[7][8][9][10][11] Aber Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit funktioniert ja nicht so gut, wenn man sie als solche identifiziert.

* = Michael Nagel, Moshe Zimmermann (Hrsg.): Judenfeindschaft und Antisemitismus in der deutschen Presse über fünf Jahrhunderte: Erscheinungsformen, Rezeption, Debatte und Gegenwehr. 2 Bände. Bremen 2013.

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3 Antworten zu “Rassismusbedingung: Rassismusleugnung

  1. Rassismus und Antisemitismus sind sehr schwere Vorwürfe. Da diese Worte bereits für die Beschreibung der größten Verbrechen gegen die Menschheit verwendet werden, sollte man sich mal langsam neue Worte ausdenken, um eher unbedachte Dinge wie Blackfacing angemessen und verhältnismäßig zu kritisieren. Mit dem Rassismus-Vorwurf und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zielt man häufig mit Kanonen auf Spatzen und wundert sich dann, dass man diesen Vorwurf entrüstet von sich weist.

    Es ist als ob ein Mann als perverser Sexist und Chauvinist bezeichnet wird, weil er eine Frau für einen Bruchteil einer Sekunde zu lange angeschaut hat. Welche Reaktion erwartet man bei einem solchen Vorwurf? Etwa das der Mann sagt, ja sicher ihr habt vollkommen Recht? Ist heftiges Bestreiten eine Bestätigung, dass der Typ ein perverser Sexist ist?

    Für mich zeugen die inflationären Rassismus-Vorwürfen von einem faschistoiden Ungeist, der kein einziges Problem löst und das gesellschaftliche Klima vergiftet. Das Zusammenleben verkrampft wegen Banalitäten. Viele Deutsche sind sich unsicher, wie sie mir gegenüber politisch korrekt verhalten sollen. Diese Überkorrektheit ist auch für mich schwer auszuhalten. Am Ende bleibt nur die Konsequenz: Rassismus ist wohl nicht so schlimm, wie ich dachte und auch nichts, worüber es sich lohnt weiter nachzudenken.

  2. Wenn ich dich richtig verstehe, sind drohende Rassismusvorwürfe für dich schlimmer als [unintendierter] Rassismus [vom Typ Blackfacing]. Grund ist demnach der Umstand, dass Leuten, die mit dir umgehen, bei der kleinsten Unbeholfenheit Rassismusvorwürfe drohen, was dich effektiv aus deren Gesellschaft ausschließt, da die Leute mit dir daher lieber nichts zu tun haben wollen.

    Das Problem sehe ich auch. Beim Antisemitismus geht das ja so weit, dass Antisemiten ihren Antisemitismus damit begründen und verteidigen, die Juden würden versuchen, sie mit Antisemitismusvorwürfen zu vernichten.

    Ich werde künftig klarer zu machen versuchen, dass es sich bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit um eine Struktur handelt, und (in den meisten Fällen) nicht um eine Intention. Daher ist die Identifikation von Rassismus (in meinem Blog) auch (in der Regel) nicht als Vorwurf an einen intentionalen Akteur zu verstehen, sondern als Strukturbeschreibung. Dass Markus Lanz beispielsweise ein Rassist sei, ist eine recht dumme Behauptung, die als Vorwurf aufgefasst und dann empört zurückgewiesen wird.

    Das Problem, auf das obiger Artikel hinweist, ist meines Erachtens nicht, dass jeder jeden Vorwurf, er sei ein Rassist, zurückweisen kann. Das Problem ist, dass die Existenz von strukturellem Rassismus auch strukturell geleugnet wird, insbesondere indem in jedem Einzelfall betont wird, die Akteure seien ja keine Rassisten, deshalb könne auch kein Rassismus vorliegen. Das stabilisiert strukturellen Rassismus ungemein. Und das wiederum ist dann die Grundlage, auf der auch rassistisch motivierte Gewalt gedeiht, wie man vielleicht mit dem auch dir bekannten Phänomen plausibel machen kann, „dass dezente Anspielungen auf antisemitische Stereotype in der Presse völlig ausreichten, um die Leserbriefschreiber online wie offline durchdrehen und mit ihren Vorurteilen und ihrem Hass um sich werfen zu lassen“.

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