Der Mensch im Krieg – die Widersprüche des Michail Kalaschnikow

Erleichtert es das Gewissen, wenn man sich mit 94 Jahren vom Kirchenoberhaupt bescheinigen lässt, dass Untaten, die zur Verteidigung des Vaterlandes begangen wurden, gerecht seien und den Rückhalt der Kirche genießen? So geschah es im Fall des vorigen Monat verstorbenen Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, des Konstrukteurs der AK-47, der summa summarum wohl tödlichsten Waffe der Welt: Eine grobe Schätzung von 20 Millionen Toten dürfte nicht zu hoch greifen. Zum Vergleich: Die ähnlich alte Waffengattung der Atombomben tötete insgesamt unter 250.000 Menschen.

Abendländische Tradition der Mordwerkzeuge

Quelle: http://web.archive.org/web/20090902181924/http://www.controlarms.org/en/documents%20and%20files/reports/english-reports/shattered-lives-report

Anzahl existierender Sturmgewehre

Wäre der Tod nicht ein Meister aus Deutschland, ließen sich am Beispiel Kalaschnikow, an seinem Werk und seiner Reue, von der vorgestern AP berichtete, Fragen von Schuld und Verantwortung, Technik und Moral diskutieren. Aber Kalaschnikow gelingt es ja vorzüglich, Russland waffenideologisch ins „christliche Abendland“ einzureihen, zu dem es ohnehin immer gehörte: Über Kleinwaffen redet man im „christlichen Abendland“ heute ungern, sieht sie eher als Problem der USA oder von instabilen Entwicklungsländern. In Deutschland redet man schon gar nicht über den Stammbaum der AK-47, in dem die Bedürfnisse der Wehrmacht im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eine zentrale Rolle spielen:

Um in russischen Städten, in befestigten Stellungen und in unübersichtlichem Gelände gleichermaßen wild um sich zu schießen, mussten die Waffentypen Gewehr, Maschinenpistole und Maschinengewehr verschmolzen werden. Das gelang erstmals in größerem Umfang dem „Sturmgewehr 44“, das die Zeitung „Die Welt“ 2013 als das „wahrscheinlich beste in Serie gebaute Gewehr des Zweiten Weltkriegs“ verherrlichte. Dieses StG 44 war ein wesentliches Vorbild für die Entwicklung des AK-47. Ob der Konstrukteur der deutschen an der Entwicklung der sowjetischen Waffe sogar beteiligt war, ist ungeklärt.

Frohe Botschaft: Abknallen gottgefällig

Wenn Kalaschnikow also kurz vor seinem Tod den Patriarchen Kyrill I. der russisch-orthodoxen Kirche in einem Brief fragte, ob er am Tod der mit der Kalaschnikow getöteten Menschen schuld sei, dann ist das letztlich nicht als Reue zu interpretieren, wie es AP in Anlehnung an die russische Tageszeitung Iswestija tut, und wie es auch alle(?) deutschen Medien wiedergeben. Vielmehr handelt es sich um eine Gelegenheit zur Rechtfertigung (ist nicht jede Reuebekundung genau das?) durch den Kirchenfürsten. Und die Argumente zur Rechtfertigung lieferte Kalaschnikow gleich mit, wenn auch verklausuliert:

„The pain in my soul is unbearable. I keep asking myself the same unsolvable question: If my assault rifle took people’s lives, it means that I, Mikhail Kalashnikov, […] son of a farmer and Orthodox Christian am responsible for people’s deaths […] The longer I live, the more often that question gets into my brain, the deeper I go in my thoughts and guesses about why the Almighty allowed humans to have devilish desires of envy, greed and aggression, […] Everything changes, only a man and his thinking remain unchanged: he’s just as greedy, evil, heartless and restless as before!“[1]

Grob rekonstruiert: Der Mensch ist böse. Schuld daran ist der Teufel. Daher sind Mordwerkzeuge gut. Diese religiöse Grundhaltung ist natürlich nicht immer eine angemessene Diskursebene, passt aber ausgesprochen gut in den Kontext der religiösen Selbstversicherung am Lebensabend. Früher pflegte Kalaschnikow die Schuldfrage eher so zu beantworten, wie AP weiter berichtet:

„‚I sleep well. It’s the politicians who are to blame for failing to come to an agreement and resorting to violence,‘ the designer told The Associated Press in 2007.
The church sought to comfort him with exactly same argument. Izvestia quoted Kirill’s spokesman Alexander Volkov as saying the Patriarch responded to Kalashnikov and praised him as a true patriot.
‚If the weapon is used to defend the Motherland, the Church supports both its creators and the servicemen using it,‘ the newspaper quoted Volkov as saying.“[1]

Der Dreh, den Kalaschnikow der Angelegenheit im besten Einvernehmen mit dem Patriarchen gab, sieht so aus: Der Mensch ist böse (2007: Politiker versagen moralisch, indem sie auf Gewalt setzen.), in einer Welt voller Feinde ist es also wahrhaft gut, die „Verteidigung“ des Vaterlandes zu befördern. Das in Deutschland vielzitierte „christliche Menschenbild“ bildet also die Grundlage dafür, ein beispiellos-gewaltsames Morden und die Mitwirkung daran zu rechtfertigen, wie es in seiner Massenhaftigkeit nur noch von Hunger, Pest und Spanischer Grippe übertroffen wurde. Wie in einem bösen Spiegel erkennt man an Kalaschnikows Beispiel, dass dem auch hierzulande hochgelobten und gern zum Fundament von Demokratie und Menschenrechten erklärten „christlichen Menschenbild“ die Tendenz zu Nationalismus und Brutalität inhärent sind:

Die unabwendbare Bosheit des Menschen berechtigt alle Menschen dazu, „Gegenmaßnahmen“ zu ihrem „Schutz“ vor eben jener „diabolischen“ Bosheit zu ergreifen. Zu diesen Gegenmaßnahmen gehören natürlich nicht nur Entwicklung und Einsatz von Waffen, sondern auch der Zusammenschluss zu Banden, Reichen und Nationen als Schutzbünde auf Gegenseitigkeit. Jeder, der nicht zum jeweiligen Bund gehört, ist ein Feind, da er ein Mensch und somit böse ist. Ihm darf alles angetan werden. Alles. Schließlich hat er „devilish desires of envy, greed and aggression“.

Biblische Begründung

Gewitzte Theologen können nun natürlich einwenden, das Christentum sei eine Religion der Liebe. Doch wenn man seinen Nächsten lieben soll, ist das offensichtlich ebenfalls ein Verweis auf derlei menschliche Zusammenschlüsse, die zugleich den Ausschluss aller nicht Zugehörigen bedeuten. So benennt Jesus das wichtigste Gebot (gleichauf mit dem Grundsatz des Monotheismus): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“[2] Jesus rezitiert dabei 3. Mose 19, Vers 18, der vollständig heißt:

„An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“[3]

Der gewitzte Theologe verweist sodann, wie die offizielle katholische Einheitsübersetzung in einer Anmerkung zu dem Vers, darauf:

„Unter dem «Nächsten» verstand Israel vor allem den Volks- und Glaubensgenossen; doch sind nach V. 34 auch alle Fremden, die Gastrecht genießen, in das Gebot der Nächstenliebe mit eingeschlossen. Jesus hat es nach Mt 5,43 und Lk 10,27-37 auf alle Menschen ausgedehnt.“[3]

Letztere Behauptung kann man aber getrost als Bibelklitterung bezeichnen. Denn das aufsehenerregende Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt[4] ist keineswegs so zentral wie das Gebot der Peergroupliebe. Da heißt es:

„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“[4]

Offensichtlich sollen jene, die Jesus nacheifern, durch diese innovative Feindesliebe als etwas Besonderes emporgehoben werden, eben „Söhne eures Vaters im Himmel“, wie die nachfolgenden Abgrenzungen von Zöllnern und Heiden vorführen. Dass es sich hier aber um keine unbedingt einzuhaltende Vorschrift handelte wie in 3. Mose 19, 18 und Markus 12, 31, sondern um ein letztlich unerreichbares Idealbild, zeigen die Abschlussworte des Kapitels Mt 5:

„Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“[4]

Dass Menschen per Definition nicht wie Gott sind, entlastet pauschal vom Gebot der Feindesliebe. Zurück bleibt nur das Gebot zum Streben nach Feindesliebe. Oder, wie die Waffenindustrie gern die Bergpredigt zitiert:

„Blessed are the peacemakers, for they shall be called sons of God.“[5]

Peacemaker sind allerdings im Gegensatz zur AK-47 keine Schnellfeuerwaffen. „Frieden schaffen ohne Waffen“ war wohl weder Kyrill I. noch Jesus eine geläufige Parole. Aber dass die Apologie des Waffenkonstrukteurs durch sein Kirchenoberhaupt nun mit diesem christlich-misanthropen Spin durch die Weltpresse geistert (und von deutschsprachigen Qualitätsmedien gleichermaßen unkritisch wiedergekäut wird), lässt sich nur so interpretieren, dass es sich dabei um die herrschende Meinung der Eliten in Russland, Deutschland und sonstwo handelt.

Wenn der Mensch an und für sich ja so ein böser Wicht ist, wie die Herrschenden das religiös untermalt global propagieren, dann muss man nicht nur Waffen gegen ihn erfinden und einsetzen, sondern auch seine Bosheit lückenlos überwachen und im großen Buch von Utah dokumentieren.

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