Der heilige Stuhl von Annette Schavan

Er nennt es einen Kreuzzug, wenn die mühselige und beladene Exministerin Annette Schavan nach Rom pilgert, um dort einen vollkommenen Sündenablass zu erhalten. (Wenigstens bleibt Jerusalem diesmal verschont.) Nach katholischer Lehre ist dafür allerdings noch einiges zu tun: Zwar werden Ablässe heute meist nicht mehr gegen klingende Münze gewährt, stattdessen sind aber innere Voraussetzungen erforderlich, über deren Vorliegen Schavan so unsicher ist, dass sie immer wieder die weisen Wissenschaftsfunktionäre fragt, ob ihre Doktorarbeit und der Umgang mit der Plagiatsaffäre nun eine Todsünde, eine lässliche Sünde oder gar gerechtfertigt war. Nur einer der Päpste kann ihr darauf eine unfehlbare Antwort geben. Die Süddeutsche Zeitung titelt heute auf S. 1:

„Ein Platz beim Heiligen Stuhl. Annette Schavan soll deutsche Botschafterin im Vatikan werden“[1]

Botschaft vom heiligen Geist

Wo hat Robert Rossmann bloß die brisante Information her, dass Schavan nun eine solche Wallfahrt unternehmen will, um den Instanzenzug in ihrer Klage gegen die Universität Düsseldorf abzukürzen? Hat er sich das aus ihrem Umsatteln auf Entwicklungsländer, insbesondere Südamerika, und der bevorstehenden Verrentung des bisherigen Papst-Botschafters Schweppe zusammengereimt? Die Quellenangabe im Artikel ist ja eher satirisch:

„Die ehemalige Bildungsministerin soll nach Informationen der Süddeutschen Zeitung neue Botschafterin beim Vatikan werden.“

Als Quelle ist natürlich die eigene Zeitung, die das zuvor nicht gedruckt hatte, bestens geeignet, Hauptsache, das ist deutlich ausgewiesen. Es gibt einige Formulierungen, die Anlass zu der Vermutung bieten, dass die gut informierten Schavan-Netzwerke – von oben angestiftet oder nicht – auch gern mal eine brisante Information in die geneigte Presse durchsickern lassen:

„Annette Schavan hat also allen Grund zur Freude. […] Und Schavan selbst will öffentlich gar nichts dazu sagen. Dass sich Bundesregierung und Ex-Ministerin so verschwiegen geben, liegt an dem komplizierten Prozedere, das einer Ernennung vorausgeht. Ein Botschafter ist der persönliche Vertreter des Bundespräsidenten beim Staatsoberhaupt im Gastland. So jemand wird nicht leichtfertig ausgewählt.“

Neinnein, das will wohlüberlegt sein. Daher erfährt es das Publikum auch vorab. Die Überlegung, dass es sich um Ulmer „Parteifreunde“ handeln dürfte, wird auch davon gestützt, dass die Süddeutsche andeutet, die Ulmer Unionsgrößen wüssten wohl bereits von ihrem Glück:

„Außerdem soll die CDU-Basis in Schavans Wahlkreis Ulm nicht aus der Zeitung von den Plänen erfahren. Schavan müsste ihr direkt errungenes Bundestagsmandat wegen der neuen Funktion ja niederlegen.“

Nach Erscheinen des Artikels wollte Schavan dann aber doch öffentlich schnell etwas dazu sagen, was den Verdacht unterstreicht, diese infame Durchstecherei könnte von ihr selbst oder von ihrem engsten Umfeld ausgegangen sein:

„Ja, Frau Dr. Schavan ist gefragt worden und hat der Bundesregierung zugesagt, die Aufgabe einer Botschafterin beim Heiligen Stuhl zu übernehmen.“[2]

Die Ulmer CDU bestätigt das.[3] Über sein Nachrücken freut sich Waldemar Westermayer aus Leutkirch im Allgäu,[3] der mindestens ebenso „katholische Theologin“[3] ist wie Schavan.

Scheinheiliges Protokollarisches

Die Vatikanische Vertretung der Bundesregierung gehört zwar nicht zu den großen Botschaften mit vielen Mitarbeitern und Aufgaben, dafür aber zu den angesehensten und bestbezahlten: Wie die Botschafter in Washington, London und Moskau wird der Papstbotschafter nach der Besoldungsgruppe B 9 bezahlt,[4] das ist so wie die Präsidenten von BKA, BND, BfV, ein Vizeadmiral, der Bundesdatenschutzbeauftragte[5] oder der Erzbischof von Bamberg.[6] Nominell ist das zwar schlechter als eine Bundesminister-Besoldung (die sich an B 11 orientiert), aber für fromme Katholikinnen zählt es ja mehr, wenn die Seele in den Himmel springt, als wie das Geld im Kasten klingt.

Dass Schavan sich nun mit ihren Promotionssorgen an eine höhere Stelle zu wenden wünscht als an Wissenschaftsrat, Kanzlerin und DFG, ist sehr zu begrüßen. Die konnten ihr ja bisher ebensowenig helfen wie das bis März damit befasste Verwaltungsgericht. Doch zurück zum komplizierten Verfahren, in dem eine Botschafterin beim Heiligen Stuhl ausgewählt wird: Das Vorschlagsrecht liegt beim Auswärtigen Amt (AA). Das heißt, dass Außenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier seiner Kollegin Amtshilfe leisten will. Steinmeier hat bekanntlich nicht nur ein Herz für Obdachlose, sondern auch für unverschuldet in Not geratene Ministerinnen.

Dass Steinmeier den Doktor behalten und damit den AA-Posten bekommen konnte, hat er schließlich zu großen Teilen der Öffentlichkeitsarbeit Schavans zu verdanken. Da ist es nur recht billig, dass er nun andere verdiente Plagiatorinnen und Plagiatoren für wichtige Posten vorschlägt. Karl-Theodor zu Guttenberg etwa würde sich doch als NATO-Botschafter gut machen. Die Zustimmung von Bundespräsident Gauck wäre da ebenso gewiss wie bei der Vatikanbotschafterin in spe. Der fehlt nun nur noch ein positives Votum des Papstes, dann könnte das Bundeskabinett einträchtig beschließen, dass durch Promotionsbetrug abgehalfterte Politiker sich vorzüglich zur Weiterverwendung als Würdenträger eignen.

Die weiteren Aussichten: Heiliger Stuhlsturm

Es gibt also wieder Hoffnung für die zahllosen Opfer der tugendterroristischen Plagiats-Jakobiner. Wer hätte gedacht, dass der Papst eine so wichtige Stellung in der Heiligen Allianz einnehmen würde, die dem gottlosen Republikanismus ein für alle Mal Einhalt gebieten wird. Eines ist doch inzwischen deutlich geworden: Die Dekadenz von Königen und ihren Hofschranzen kann nicht mehr als Argument für die Demokratie herhalten.

Bald nach der Seligsprechung von Schwester Annette dürfte Baron zu Guttenberg ein Treffen mit dem Papst auf Burg Canossa organisieren. Unklar ist allerdings noch, welche Rolle dabei der Hohenzollern-Thronfolger Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen spielt: Schließt er sich der Plagiatorenliga an, oder wurde er durch preußische Disziplin und Protestantismus geläutert, als er seine zweite (und erste selbstverfasste) Dissertation einreichte? Und welche Lehen werden an die akademisch guillotinierten FDP-Aristokraten verliehen?

Familienwappen von Eichenbach

Fragen über Fragen. Als neuer Staatsname empfiehlt sich wohl Heiliges Römisches Reich Plagiatorischer Nation. Da sind die Habsburger dann auch wieder mit von der Partie. Und als Wappen? Da kommt eigentlich nur das altehrwürdige Geweih des Hauses von Eichenbach in Frage.

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8 Antworten zu “Der heilige Stuhl von Annette Schavan

  1. Unser Entwurf für ein Wappen der Heilig Bestuhlten:

  2. Danke schön! Farbgebung in schwarz-rot, sehr passend. Obwohl, so als Stuhlfarben ist beides eher ungünstig.

  3. Pingback: Umleitung: vom heiligen Stuhl der Annette Schavan zu Alice und den Sündern. Dazwischen Krieg, Theologie und das Wort zum Sonntag. | zoom

  4. Ich würde statt der päpstlichen Mitra den Plagiatorendeckel in Schwarz im Wappen erwarten, darunter gekreuzt die Füllfederhalter des eiligen Franz von Sales. Dieser ist namlich der Patron nicht nur der Schriftsteller, sondern auch der Gehörlosen. Sehr passend, wie ich meine.

  5. Pingback: Das Jahr nach Schavans Rücktritt | Erbloggtes

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