Kampf um Titel und Untertitel

Erschwert es den Massenmedien die eigenständige Formulierung, wenn Presseagenturen mit Wortspielen kommen? Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. „Titelkampf“ nennt man einen sportlichen Wettstreit. Und dann kam die Plagiatsaffäre Schavan (Erbloggtes berichtete). Neue Überschriften werden da offenbar schon lange nicht mehr als wichtig angesehen. Lieber immer wieder dasselbe:

Doktorarbeit ein Plagiat? Schavan kämpft um Ruf, Titel und Ministeramt
N24, 14. Oktober 2012

Schavans Plagiatsaffäre: Forschungsministerin im Titelkampf
Spiegel Online, 14. Oktober 2012

Kampf um Titel und Ruf
Sächsische Zeitung, 15. März 2014

Plagiatsaffäre. Schavan kämpft um ihren Doktortitel
FAZ, 18. März 2014

Prozessauftakt nach Plagiats-Affäre. Schavan kämpft um Doktortitel und Ruf
T-Online, 19. März 2014

Annette Schavan kämpft um Titel und Ehre
RP online, 19. März 2014

Schavans Kampf um den Titel
Göttinger Tageblatt, 19. März 2014

Annette Schavans schwerer Kampf um Titel und Ehre
Nordkurier, 19. März 2014

Schavans Kampf um Titel und Ruf: Die Ex-Ministerin will ihren Doktor zurück
Deutschlandfunk, 19. März 2014

Letzteres Stück von Armin Himmelrath ist übrigens durchaus empfehlenswert. Beispielsweise geht es darin, anders als in den meisten anderen Verwurstungen, tatsächlich um Inhalte. Und einen exemplarischen Plagiatsvergleich im Radio vorzuführen, das ist schon eindrucksvoll.

Nichtsdestotrotz erscheint das Wortbild, das suggeriert, Schavan (Kampfname: Schwester Annette) stehe in einer sandigen Arena und ringe mit ihrer Kontrahentin, der Heinrich-Heine-Uschi, um die Siegesprämie und den Ruhm, gar um Leben und Tod, ziemlich fragwürdig, besonders in Bezug auf die mündliche Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht (die manchmal fälschlich „Prozessauftakt“ genannt wurde). Ist das Verwaltungsgericht der Kaiser, der am Ende den Daumen hebt oder senkt? Willkürlich? Und die Kontrahentin, ist das vielleicht eine vielköpfige Hydra? Und warum muss Gladiatorin Annette nicht selbst antreten, sondern „kämpft“, während sie ihrem geregelten Tagesablauf fern des Gerichts nachgeht – etwa mit Drohnen?

Vermutlich ist die unheimliche Präferenz für diese Metaphorik einfach Ausdruck der Situation, in der sich die Texter in Agenturen und Redaktionen selbst sehen: Sie ringen um Worte, um Neues, Auffälliges, Verständliches, Anschauliches. Toitoitoi, dass das morgen besser gelingt! Und viel Kampfesglück an die morituri der wissenschaftlichen Redlichkeit, die ungebeugte Heinrich-Heine-Uschi.

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Eine Antwort zu “Kampf um Titel und Untertitel

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