Der Junge, der „Plagiat“ schrie

Erfundenes kann einige Aspekte der Wirklichkeit oftmals deutlicher herausarbeiten als Beweisbares. In den Debatten, die um Plagiate und Plagiatsverdachtsfälle geführt werden, geht es (hier zum Beispiel) häufig um die Frage, wann und wie ein Plagiatsvorwurf geäußert werden darf, um legitim zu sein. Mit diesem Thema befasst sich auch das Exposé eines Drehbuchs für ein Prequel zu „Kevin allein zu Haus“, das leider abgelehnt wurde:

Kevin, ein freundlicher, friedlicher Junge, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde, ist allein zu Haus. Als er zwei Einbrecher bemerkt, reißt er das Fenster auf und ruft: „Diebe! Haltet sie!“ Die Einbrecher laufen weg, niemand verfolgt sie.

Nach einiger Zeit kehren sie zu Kevins Haus zurück. Kevin reißt wieder das Fenster auf und ruft: „Diebe! Haltet sie!“ Die Einbrecher schnappen sich Kevin, verprügeln ihn und nehmen sein Sparschwein mit.

Als die Einbrecher zum dritten Mal auftauchen, ruft Kevin: „Diebe! Mörder! Haltet sie!“ Die Einbrecher gehen bedrohlich auf Kevin zu, als der Schutzmann – etwas außer Puste – eintrifft und ruft: „Halt! Polizei! Wo sind die Mörder?“ Daraufhin zeigen die Einbrecher auf Kevin und sagen: „Der unverschämte Junge hat uns Mörder genannt, dabei haben wir gar nichts gemacht!“ Der Schutzmann verhaftet Kevin. Der Richter sagt: „Kevin, das sind unbescholtene Bürger, die darfst du nicht als Mörder bezeichnen. Außerdem ist doch gar keiner gestorben. Ich verurteile dich zu einem Monat Hausarrest.“

Nach drei Wochen sind die Einbrecher wieder da. Kevin schwankt zwischen Hilferuf und Flucht. Aber er hat ja Hausarrest. Als die Einbrecher ihn schon gepackt haben, ruft er: „Feuer! Feuer!“ Sofort gehen in der Nachbarschaft alle Lichter an, und viele Männer eilen in ihren Nachthemden herbei. Die Einbrecher nehmen die Beine in die Hand. Als die Nachbarn aber feststellen, dass es gar nicht brennt, rufen sie: „Lügner!“ Sie zerren Kevin zum Schutzmann. Als der Richter am nächsten Tag hört, dass Kevin es schon wieder getan hat, spricht er mit betrübter Miene: „Kevin, diese Gesellschaft beruht auf der Lauterkeit ihrer Mitglieder. Solche wie dich können wir hier nicht brauchen. Ich verurteile dich zur Abschiebung nach Amerika, wo du bei einer Familie in der Nähe von Chicago untergebracht wirst, die dich immer wieder allein zurücklassen soll.“

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8 Antworten zu “Der Junge, der „Plagiat“ schrie

  1. Lässt sich Kevin dann in Amerika umbenennen und heißt fortan Michael Kohlhaas?

  2. Das haben die Kleist-Erben untersagt. Sie meinten, wenn der Eindruck entstehe, dass ein Vigilant seiner gerechten Strafe, dem Schafott, entkomme, dann würde das die Gesellschaftsordnung untergraben und damit die künstlerische Intention Kleists verfälschen.

  3. Ich habe zu der Thematik mal einen klugen Satz gelesen: „Sofern Kunst, Werbung, Wissenschaft und was-auch-immer Wahrhaftigkeit und Authentizität als Rohstoffe nutzen, ist die Folge von Verstößen gegen ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, dass der Rohstoff verpufft.“

  4. Wir reden jetzt nicht über die Authentizität eines Plots zu „Kevin allein zu Haus“, sondern über Facebook-Plagiatsvorwürfe von Arne Janning, oder?

  5. Weiß nicht… Weise Worte besitzen manchmal universale Gültigkeit. Andererseits: Ist das mit dem Kevin eine Geschichte mit Wahrheitsanspruch? Was würde verpuffen, wenn man sie erzählt?

  6. Ich glaube eher, dass sich die Kevin-Geschichte auf Plausibilität stützt.
    Wie der Rohstoff bei der Facebook-Geschichte für manche verpuffte, kann ich schon nachvollziehen. Dennoch kann ich die Wahrhaftigkeit darin auch noch anerkennen, nachdem die Wahrheit in einigen Punkten unwahrscheinlich geworden ist. Ich würde also schon meinen, dass die ursprünglichen Vorwürfe aus Sicht des Rufers eine hohe Plausibilität besaßen.

  7. Nachdem ich die gestrige Pressemeldung gelesen habe, bin ich gerne bereit, mich dieser Meinung anzuschließen und mich bei Herrn Janning zu entschuldigen.

    Tatsächlich waren in der google-Vorschau in erster Linie Kapitel des Koautoren Karsten verfügbar, so die sich als wirklich unproblematisch herausgestellt haben (Lissa, Armada etc.). Daher meine verzweifelte Suche, jenseits von 4-Wort-Sequenzen etwas von Relevanz zu finden. Ich bin jedenfalls froh, dass der Verlag nun rasch und differenzierter hingesehen hat, denn für einen Juniorprofessor wäre ein schwebender Verdacht eine enorme Belastung. Ich bin anders als Klaus Graf nämlich nicht der Ansicht, dass „der potentielle Karriereknick für die Übeltäter (…) da ein Kollateralschaden [ist], der im digitalen Zeitalter kaum zu vermeiden ist.“ – jedenfalls dann nicht, wenn er auf unrichtigen Behauptungen beruht.

    Herr Janning ist ungeschickt vorgegangen. Insbesondere verstehe ich nicht, warum er seine Vorhaltungen nicht selbst präzisert und dem Verlag sein Material nicht geliefert hat. Juristisch hat er sich vermeidbare Blößen gegeben. Darüber hinaus gehe ich nun nicht mehr davon aus, dass er wider besseres Wissen gehandelt hat.
    Ich habe mir das Buch mit der letzten Auslieferung nach Hause bestellt und werde mich noch ein wenig mit der Nachrationalisierung befassen. Sozusagen als persönliche Buße.

  8. Das ist ja eine erfreuliche und überraschende Revision deiner vorigen Position. Respekt! Über einen Bericht zur Nachrationalisierung würde ich mich freuen. Denn eines sollte sich nicht einbürgern: Dass Plagiatsaffären sich durch Konsultation eines Plagiatssuchprogramms beenden lassen. Daraus spricht ein „pofallascher Wunsch nach Beendigung“, der auf Seiten des Verlags ja sehr verständlich ist.

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