#RaderGate: Verantwortlichkeiten und Synopsen

Erledigtes scheint inzwischen das #RaderGate oder #Seeschlachtplag zu sein, jedenfalls wünschte der Verlag C. H. Beck offensichtlich seine rasche Erledigung, indem er am Dienstag eine Erklärung herausgab und die Schuld an der Affäre darin wie folgt gewichtete:

„Die Plagiatsverdächtigungen gegen Arne Karsten erweisen sich als haltlos. Die Vorwürfe gegen Olaf Rader bestätigen sich zwar teilweise, aber“ [hört, hört!] … „Während man darüber streiten kann, wie originell Formulierungen zu technischen Details sind, über die man sich auch in anderen Artikeln und Büchern informieren kann, entspricht die nicht kenntlich gemachte auch darstellerische Orientierung eines Kapitels an dem Artikel eines anderen Autors zum gleichen Thema keinesfalls den Ansprüchen des Verlags an sein Programm.“[1]

Bei den Übernahmen aus der Wikipedia findet der Verlag es „unklar, ob sie urheberrechtlich relevant sind“. Den „den Ansprüchen des Verlags an sein Programm“ genügen sie offenbar – im Gegensatz zum Plagiieren aus einem Artikel von Thomas Siebe. Diese Fixierung des „renommierten“ Beck-Verlags auf das, was „urheberrechtlich relevant“ ist, sagt sehr viel über seine Ignoranz gegenüber dem aus, was wissenschaftlich relevant ist. Das Seeschlachten-Buch, so teilt der Verlag mit, entspreche nicht den eigenen Ansprüchen. Daher soll das Buch nicht mehr ausgeliefert werden.

Schlimmer findet man im Hause Beck offenbar die Verbrechen eines ganz anderen Akteurs, nämlich Arne Jannings, der den Skandal aufdeckte:

„Das Vorgehen, pauschalisierende Behauptungen in die Welt zu setzen, ohne diese hinreichend zu belegen, ist nicht akzeptabel. Die Autoren haben rechtliche Schritte gegen Arne Janning eingeleitet.“[1]

So eine scharfe Bewertung wie „nicht akzeptabel“ fand der Verlag in seiner Pressemitteilung für keine andere Partei. Zu den eigenen Anteilen daran, ein solches Buch zu veröffentlichen, enthält die Erklärung gleich gar keine Äußerung. Natürlich: Ein Plagiator täuscht den Leser, und im Zweifelsfall gehört zu den Lesern auch ein oberflächlicher Lektor. Dementsprechend kann man den Gehalt dieser NZZ-Aussage besser einordnen:

„Manche geisteswissenschaftliche Arbeit geht mittlerweile ohne Lektorat in den Druck. Die Reduzierung des Personals in den Verlagen einerseits, die Erweiterung der technischen Möglichkeiten andererseits führen dazu, dass von den Autoren erwartet wird, annähernd druckfertige Vorlagen zu liefern. C. H. Beck, der deutsche Verlag mit dem grössten Renommee für die Publikation von historiografischen Werken, gehört zu den löblichen Ausnahmen: Hier wird noch lektoriert.“[2]

Dass „Beck einem Plagiat aufsass“, wie die NZZ es in Anlehnung an die Guttenberg-Affäre formuliert („Wir sind einem Betrüger aufgesessen„, so Oliver Lepsius damals[3]), und dass dieses Plagiat gänzlich außerhalb der Verlags-Verantwortung lag, wäre allerdings zu einfach. Denn es ist schlicht undenkbar, dass der Verlag hinters Licht geführt wurde mit der Behauptung, ein Großteil der Bilder, die für das Buch Verwendung finden sollten, befände sich im „Archiv der Autoren“ (vgl. hier). Ja, wie kamen sie denn dahin, diese Bilder? Oder ist das „Archiv der Autoren“ so eine Art mittelalterliche Gemäldegalerie?

Hätte der Verlag nachgefragt, wo denn die Bilddateien herkamen, die bei Beck dann wahrscheinlich weiterverarbeitet werden mussten, dann wäre er rasch auf die Wikipedia gestoßen, und zwar auf die jeweils naheliegendsten Artikel. Und hätte man die gelesen, nur oberflächlich, weil man ja ein Buch lektoriert, dann hätte man bemerkt, dass das, was der Bildunterschriften-Texter (im Folgenden als Rader bezeichnet) da einreichte, ganz, ganz ähnlich bereits in der Wikipedia stand. Das lässt sich an zwei Beispielen vorführen, auf die die Beck-Pressemitteilung eigens hinweist:

„In den sechs von Arne Karsten verfassten Kapiteln (6. Lepanto; 7. Armada; 8. Vier-Tage-Schlacht; 10. Lissa; 11. Tsushima; 12. Skagerrak) findet sich – mit Ausnahme von zwei von Olaf Rader verfassten Bildtexten im Kapitel ‚Lepanto‘ – kein einziges nicht nachgewiesenes Zitat.“[1]

Zwei Bildtexte aus dem 6. Kapitel also bewertet der Verlag als „nicht nachgewiesenes Zitat“ – das klingt auch viel schöner als das unschöne Wort „Plagiat“. Die Identifikation der beiden Bildunterschriften macht die Internetseite Picapedia leicht, auf der sich vorliegende Texte mit den Inhalten der Wikipedia vergleichen lassen.

Arne Karsten, Olaf B. Rader: Große Seeschlachten. Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak. München: Beck, 2013 Wikipedia-Artikel Ali Pascha (Admiral), URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Ali_Pascha_(Admiral) (1. Mai 2014)
[S. 171] „Als Landsoldat war der osmanische Flottenkommandant Ali Pascha weniger ein versierter Taktiker als vielmehr ein draufgängerischer Kämpfer, und so suchte er bei Beginn der Schlacht sofort das direkte Duell. Sein Flaggschiff Sultana kämpfte Bordwand an Bordwand mit der Real Don Juans. Ali Pascha wurde durch Musketenfeuer zunächst schwer verwundet und dann trotz des Befehls, ihn lebend gefangen zu nehmen, von einem spanischen Soldaten enthauptet. Seinen Kopf stellte man auf einem Spieß zur Schau.“ „Noch sehr jung, wie auch sein Gegenspieler Don Juan, und zudem eigentlich kein See- sondern ein Landsoldat, war Ali Pascha weniger ein versierter Taktiker als ein draufgängerischer Kämpfer. Bei Beginn der Schlacht suchte er sofort das direkte Duell mit seinem Gegenpart. Sein Flaggschiff, die Sultana, kämpfte Deck-an-Deck mit Don Juan’s Real. Dabei wurde Ali durch Musketenfeuer schwer verwundet, fiel nieder, und wurde, trotz des Befehls, ihn lebend gefangen zu nehmen, von einem übereifrigen spanischen Soldaten geköpft. Sein Kopf wurde auf einem Spieß zur Schau gestellt.“
Anmerkung: Im „Bildnachweis“ ist dieses Bild wie eine Reihe anderer angegeben als aus dem „Archiv der Autoren“. Dem Gemälde fehlen im Druck die Rottöne, es ist also in schwarz-weiß und gelb gedruckt.

Angeblich nicht aus dem „Archiv der Autoren“ stammt hingegen das folgende Bild:

Arne Karsten, Olaf B. Rader: Große Seeschlachten. Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak. München: Beck, 2013 Wikipedia-Artikel Seeschlacht von Lepanto, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Seeschlacht_von_Lepanto (1. Mai 2014)
[S. 177] „Paolo Veronese schuf wohl bereits ein Jahr nach der Schlacht von Lepanto 1571 ein Altarbild, das einen klaren Hinweis darauf gibt, dass der Ausgang der Schlacht himmlischen Mächten zu verdanken war. Im unteren Teil zeigt es die in der Bucht miteinander kämpfenden Schiffe. Darüber flehen der heilige Petrus, der heilige Jakobus, die heilige Justina, an deren Gedenktag die Schlacht stattfand, und der an seinem Löwen erkennbare heilige Markus, der Stadtpatron Venedigs, die Jungfrau Maria an, der christlichen Flotte den Sieg zu schenken. Die Bitte wird prompt erhört, denn rechts beginnt bereits ein Engel, Feuerpfeile auf die osmanische Flotte zu schleudern.“ „Der venezianische Maler Paolo Veronese schuf wahrscheinlich bereits ein Jahr nach der Schlacht ein Ölgemälde, das heute in der Galleria dell’Accademia seiner Heimatstadt hängt. Es zeigt im unteren Teil die in der Bucht ineinander verkeilten Schiffe und darüber ein himmlisches Geschehen: Sankt Petrus, Rochus von Montpellier, die Hlg. Justina, an deren Gedenktag die Schlacht stattfand, und Markus, der Stadtpatron Venedigs (erkennbar an seinem Löwen), flehen die Jungfrau Maria an, der christlichen Flotte den Sieg zu schenken. Diese Bitte wird auch erhört, denn rechts beginnt bereits ein Engel, Feuerpfeile auf die osmanische Flotte zu schleudern.“
Anmerkung: Als „Bildnachweis“ findet sich die Angabe: „Seite 177: Gallerie dell’Accademia di Venezia, Italien“. Das Gemälde ist lediglich in schwarz-weiß abgedruckt.

Als Vergleichshilfe hier noch eine Synopse, bei der identische Zeichenketten ab drei Wörtern Länge eingefärbt sind:

Beck: "wie originell Formulierungen zu technischen Details sind"

Beck findet es fraglich, „wie originell Formulierungen zu technischen Details sind“.

Interessant ist die größte inhaltliche Differenz (im zweiten Fragment): Anders als die Vorlage aus der Wikipedia behauptet die Bildunterschrift von Rader, dass im Schlachtengemälde oben als zweite Person von links „der heilige Jakobus“ dargestellt sei. Gründe dieser Annahme dürften die Jakobsmuschel sein, die auf den Pilgerhut aufgestickt ist, der am Pilgerstab hängt: Attribute Jakobus des Älteren, Schutzpatron der Pilger.

In der Wikipedia wird dieselbe Figur als Rochus von Montpellier identifiziert, und zwar aus denselben Gründen: Rochus war ein Pilger und trug daher die Jakobus-Attribute, wie sich etwa hier gut erkennen lässt. Die Abwesenheit sonstiger Rochus-Attribute wie des brotbringenden Hundes oder der Oberschenkelwunde ließe sich auch mit der himmlischen Szenerie erklären. Für Rochus spricht zudem, dass seine Reliquien in der ihm geweihten Kirche San Rocco in Venedig verehrt werden.

Wie soll man nun entscheiden, wer Recht hat – Rader oder Wikipedia? Auf dieser Informationsbasis geht das nicht sachorientiert. Also – so lehrt die wissenschaftliche Propädeutik – gibt man seine Quelle an und riskiert, dass man sich (mit seiner Quelle) irrt. Rader gibt keine Quelle an. Das wissenschaftlichere Werk hingegen – der Wikipedia-Artikel – bezeichnet seine Quelle in Fußnote 2 genau. Und tatsächlich, an der angegebenen Stelle findet sich eine weitere Bildunterschrift zum selben Schlachtgemälde:

Schön ist erkennbar, dass Rader aus der Wikipedia abschrieb, der Wikipedia-Artikel hingegen die Inhalte der Bildunterschrift von Ben-Zaken nahm, diese jedoch eigenständig neu formulierte. Auch lässt sich der Autor genau dieser von Rader plagiierten Passage angeben: Es war Benutzer:Phi am 24. November 2010.[4] Wie Phi (was übrigens kein Pseudonym Raders ist, falls das noch jemand mutmaßen möchte) wissen auch viele andere Wikipedia-Autoren inzwischen, was geht und was nicht. Rader lernt es wohl gerade auf die harte Tour.

Ob der Beck-Verlag es noch lernt? Nicht, wenn er weiter Urheberrecht und wissenschaftliche Redlichkeit verwirrt. Immerhin erklärte der Verlag:

„Wissenschaftler und Verlage sollten ihren Umgang mit der Online-Enzyklopädie klären. C.H.Beck ist gerne bereit, sich an dieser Diskussion zu beteiligen.“[1]

Weitere neuere Blogartikel zu Seeschlachtplag verfassten die Historiker Klaus Graf, Moritz Hoffmann und Michael Schmalenstroer sowie Plagiatsgutachter Stefan Weber und Wikimedia-Mitarbeiter Jan Engelmann.

————————————————————

17 Antworten zu “#RaderGate: Verantwortlichkeiten und Synopsen

  1. Da bei K&R jetzt schon die Schiffe selbst „Bordwand an Bordwand“ kämpfen, muss ich mir ganz offensichtlich keine Sorgen um die restliche Qualität dieses Machwerks machen. Da hilft auch ein Lektor wenig, allenfalls die Löschtaste. Vielleicht mag ja die Chefetage der BILD-Zeitung den Erguss noch einmal neu als Volksedition auf den Markt bringen?

    Wenn, wie angedeutet, von den Autoren erwartet wird, ihre Publikation druckfertig zu liefern, was bleibt dann noch als Mehrwert eines Verlags wie C.H.Beck gegenüber der Direktvermarktung übrig? Richtig, der Markenname mit seinem Markenimage. Das ist durch den Janningschen Rammsporn nun arg ramponiert, deshalb die brutale Reaktion. C.H.Beck hat ganz offensichtlich keinen anderen Mehrwert als seine Marke und deshalb geht es um das nackte Überleben.

    Die Spiegelfechterei um die Originalität von technischen Zusammenhängen wäre eines Verlags nicht würdig, der auf wissenschaftliche Korrektheit achtete. Und auch sonst Mehrwert abseits der eigenen Marke zu bieten hat. Und warum gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen der Beschreibung technischer Zusammenhänge und der Beschreibung historischer Zusammenhänge? Romane gibt es in besserer Qualität bei anderen Verlagshäusern. Wozu noch C.H.Beck? Deshalb rudert man anscheinend auch dort derart hektisch und schlägt wie wild um sich. Vielleicht ist es die letzte Seeschlacht bei Beck. Was der Kairos dem einen, ist des anderen Skagerrak.

  2. Tja, so isses. Das hat sich der Beck-Verlag nun auch nicht selbst ausgesucht, sondern muss zusehen, wo er spart, weil das Publikum nicht 200 Euro für ein Buch zahlen will und kann (und man, anders als Elsevier und Co, nicht Zehntausende Euro für ein Zeitschriftenabonnement kassieren kann).

    Das Problem, in das der Verlag damit gerät, ist jedoch: Um den Markenwert zu erhalten, müsste man aufwändige Qualitätssicherung betreiben. Um preiswert zu produzieren, muss man daran sparen. Also bleibt nur der Ausweg, aufwändige Qualitätssicherung vorzutäuschen.

    Die Qualitätsprobleme, die Elsevier und Co mit MINT-Zeitschriften haben, treten im geisteswissenschaftlichen Bereich ebenfalls auf, nur eben in dieser Verkleidung.

  3. Nur kurz zur Sachaufklärung: Den Verweis „Archiv des Verfassers“ verwenden Verlage gerne dann, wenn die urheberrechtliche Situation eines Bildes nicht zu klären ist (z.B. wenn trotz mehrfacher Anfrage kein Kontakt zum Fotografen zustande kommt). Damit wird der Schwarze Peter elegant an die Autoren zurückgespielt. Natürlich könnte man alternativ einfach die URL der Bildherkunft oder die Quelle des Scans angeben. Das gilt offenbar als „unprofessionell“ und rechtlich heikler.
    Autoren sollten sich darauf tunlichst nicht einlassen. Der C.H. Beck Verlag verfügt eigentlich über eine hervorragende Bildredaktion und mir ist es schleierhaft, warum man sich so leicht aus der Verantwortung gezogen hat.

    Wer glaubt, ein Lektor würde Korrekturlesen, kennt das Geschäft nicht. Lektoren bei Beck haben eine Erfolgsquote zu erfüllen. Verkaufen sich die von ihnen zum Druck gebrachten Werke schlechter, gibt es Ärger mit dem Chef. Sie sind also in erster Linie Themen- und Autorenscouts. Die Korrekturen übernehmen schlecht bezahlte Außenlektoren, die nicht für Plagiatsprüfungen bezuschusst werden. Übrigens funktioniert das recht erfolgreich. Nicht jeder, der Schreiben kann, muss auch gelesen werden. Stilkritik, liebe Annette, ist Ansichtssache. Und eine Metapher kann man verstehen – muss es aber nicht.

    Zur Ikonographie: Es ist vermutlich doch Jakobus: Nicht nur fehlen sonst zentrale Attribute, in Venedig gibt es auch mehrere S.Giacomo-Patrozinien. Gewichtiger: Der Heilige Jakobus ist der Schutzpatron Spaniens und steht hier womöglich stellvertretend für einen Verbündeten. Diese Idee im Kopf habe ich nochmals die Suchmaschine angeworfen und bin fündig geworden: „Petrus (Kirchenstaat), Jakobus (Spanien) und Markus (Venedig), dazu Justina, nach dem Kalender die Heilige des 17. Oktobers, des Tages der Schlacht“ (Detlev Hadeln/Gunter Schweikhart: Paolo Veronese. Florenz 1978, p. 76).
    Nochmals: Die Idee kam mir selbst, sie wäre auch ohne Anmerkung kein Plagiat. Ja, auch so etwas soll es geben… Hätte ich die Formulierung Hadelns/Schweikharts nach dem Muster Raders fast wortgleich in meinen Text übernommen, wäre das aber dennoch völlig inakzeptabel.

  4. Zum Thema Lektorat:
    Klassisch (und z.B. in der NZZ-Darstellung gemeint) ist die Aufgabe von Lektoren, die Werke zu verbessern, die in einem Verlag entstehen. Davon abzugrenzen ist ihre Aufgabe als „Themen- und Autorenscouts“, die, wenn man sie maximal reduziert, gar nicht mehr das Lesen des Manuskripts umfasst. Wenn es letzteres ist, was Beck mit Qualitätssicherung meint, dann … ist das für die Wissenschaft völlig dysfunktional. (Aber dysfunktional ist ja auch der Zeitschriftenbetrieb in den namhaften MINT-Verlagen.)

    Zum Thema Ikonographie:
    Der in der Wikipedia referierte Avner Ben-Zaken war so freundlich, auf Twitter seine Quelle für die Deutung des Heiligen als Rochus anzugeben:

    https://twitter.com/benzaken/status/461733968464064512

    Demnach können wir vermuten, dass Rader keine Bildbeschreibung der Gallerie dell’Accademia benutzt hat.

    Solch einen Dissens finde ich nicht tragisch. Aber man sieht hier, dass es wichtig ist, seine Quellen anzugeben, auch für vermeintliche Trivialitäten.

  5. Tja, pfuschige Wissenschaft ist eben kein Plagiat. Die Übernahme von Bildbeschreibungen der Gallerie dell’Academia offenbar auch nicht (?), man kann ja per Twitter nachlegen…
    Zu den Lektoraten: Dysfunktional in der Tat. Natürlich wünscht man sich Zeiten zurück, in denen der Lektor mehr ist als ein Trendscout. Und in denen der freiberufliche Außenlektor einen anständigen Lohn erhält, der ihm Anreiz zur doppelten und dreifachen Prüfung ist.

  6. Mir sind die Aufgaben eines Lektors sehr gut bekannt. Und es gibt durchaus Fachbuchverlage, die über sehr gute Lektoren verfügen und diese sehr guten Lektoren wesentlicher Teil der Qualität der Verlagsmarke sind. Ich kenne da den einen oder anderen international tätigen Verlag. Deren Kundschaft ist bereit, dafür zu bezahlen, es ist sogar genau dieser Mehrwert, den die Kunden bewusst wollen und deshalb auch bezahlen. Allerdings handelt es sich dabei um Fachliteratur, die den Lesern einen Vorsprung durch das Verständnis komplexerer technischer Zusammenhänge bietet. Mithin also einen Gegenwert, für den der Kunde deshalb auch bezahlt.

    Ja, man kann die Metapher rein um ihrer selbst willen lieben. Muss man aber nicht. Denn unpassende Bilder sind um ihrer selbst willen nicht automatisch auch gute Metaphern. Ich habe keine Probleme mit einem lockeren Schreibstil. Wenn der Inhalt stimmt, dann ist es eine Wohltat. Wenn hier aber lockerer Stil auf, nunja, nennen wir es einmal lockere Arbeit und Inhalt trifft, ist es unpassend.

  7. @EJay: Ich stelle mir eine Beschriftung am Kunstwerk vor. Die würde sogar ich als nicht zitierfähig ansehen, und trotzdem erstmal glauben, dass es sich um eine privilegierte Quelle handelt, solange sachlich nichts dagegen spricht.

    @Annette: Mit Kundschaft meinst du Leser/Werkkäufer? In einigen Geisteswissenschaften wäre die Kundschaft eines Lektors ja eher der Autor (oder seine Forschungseinrichtung). Und wie teuer darf ich mir dann solche Druckwerke vorstellen? 200 Euro für ein Buch, oder doch mehr?

  8. Ein oberflächlicher Vergleich des Kapitels „9. Trafalgar 1805“ mit dem Aufsatz von Thomas Siebe: Mythos Trafalgar (2003) weckt übrigens starke Zweifel an der C.H.Beck-Behauptung, dass „hier der Schlachtablauf angelehnt an den 2003 von Thomas Siebe im Internet publizierten Artikel ‚Mythos Trafalgar‘ erzählt wird. Die Quote der sehr ähnlichen Formulierungen beläuft sich hier auf rund 10%.“

    Mit einem automatischen Textvergleich, der nur ab 7 identischen Wörtern in Folge anspringt, also nur ziemlich starke Übernahmen anzeigt und selbst von leichten Umformulierungen ausgetrickst wird, fand ich in 31 von 68 Textabsätzen dieses Kapitels solche Textidentitäten.

    Manche Stellen machen den Charakter der Übernahmen deutlich, der mit „angelehnt an … erzählt“ weniger zutreffend beschrieben wird als mit dem Rezept „1. Copy & Paste, 2. Kürzen, 3. Zahlen bis zwölf ausschreiben, 4. leicht umformulieren“. In dieser Synopse eines einzelnen von Raders Absätzen mit den entsprechenden drei Absätzen im Siebe-Aufsatz sind besonders die frappierenden Ähnlichkeiten der *nicht* farbig hervorgehobenen Stellen zu beachten. Auf dieser Grundlage kann man wohl mit Bestimmtheit sagen, dass die Quote der *identischen* Formulierungen bei hinreichend wohlwollender Messung um die 10% liegen mag, die „Quote der sehr ähnlichen Formulierungen“ aber deutlich darüber hinaus geht.

  9. @Erbloggtes: richtig, ich meine mit Kundschaft in diesem Zusammenhang den Leser und nicht den Autor. Preislich sind wir tatsächlich deutlich darunter, im Bereich 50 bis höchstens 100 Euro. Das ist aber sicherlich dem größeren Markt technischer Fachpublikationen geschuldet. Es zeigt aber, dass ein richtiges Lektoriat auch heute noch funktioniert, wenn man es denn richtig macht. Ich bezweifele zudem, dass die bei C.H.Beck zu beobachtenden strukturellen Probleme erst jüngerer Natur sind.

  10. Namenlos

    Vor etwa zwei Jahren durfte ich als Studenten-Hiwi die letzte Druckfahne eines C.H. Beck-Buches von etwa 400 Seiten noch einmal auf mögliche Fehler hin lesen. Da war das Buch schon durch zahllose Hände und das Verlagslektorat gegangen. Ich habe über 50 Fehler gefunden, teils simple Tippfehler, teils falsche Bildunterschriften, einige wenige faktische Fehler die offensichtlich waren. Meinen Respekt hat der Verlag damals schon verloren.

  11. Danke für die Einblicke!
    Um den Ursprung der Strukturprobleme aufzuspüren, würde ich so vorgehen: Typischen Buchpreis mit typischen Durchschnittseinkommen und den typischen Verkaufszahlen der entsprechenden Bücher vergleichen. Wenn der Ursprung nicht neueren Datums (Digitalisierung) ist, dann vielleicht 1960er/70er (Bildungsreformen), 1950er (Taschenbücher, Wirtschaftswunder) oder 1920er (Inflation, Weltwirtschaftskrise). Ich nehme an, die Buchhandelsgeschichte hat sich solche Fragen auch schon gestellt.

  12. Den Befund des Trafalgar-Kapitels kann ich nur bestätigen. Die Eigenleistung ist hier eher kosmetischer Natur. Bei Salamis hat man bisweilen das Gefühl, als würde selbständig formuliert. Das liegt daran, dass wikipedia sprachlich oft allzu hölzern daher kommt. Aber der Autor bildet die Argumentationsstrukur des Eintrags doch exakt nach und hier und da hat ihm dann ein Satz doch so gut gefallen, dass er unverändert stehen blieb.

    Man hat es mit einer klassischen Bearbeitung zu tun: Einen Text nehmen, daran herumfeilen, schwups: schon ist es nicht mehr der selbe, sondern der eigene. Gut: Wer sich mit Salamis durch die Suchmaschinen ackert, wird tatsächlich immer wieder in Werken seit dem 19. Jahrhundert auf ähnliche Formulierungen stoßen, die durch Herodot u.a.vorgegeben sind. Unredlich ist es aber, auch Reihenfolge und Bewertung ungeprüft zu übernehmen. Der Leser erwartet von einem Essayband sicher keine billante Grundlagenforschung, aber eine solide Synopse des Forschungsstandes.

    Herr Janning, ich bitte nochmals um Entschuldigung. Ich sehe immer mehr, was Sie so aufgebracht hat. Gravierend sind für mich nicht fünf ähnlich vorhandene Sätze über Waffenbestückung u.a. (Schlamperei, gutes Gedächtnis?), sondern die strukturellen Übernahmen. Wir haben an der Fakultät zuletzt mehrfach mit unbegründeten Verdachtsmeldungen zu tun gehabt, die sich als letztlich unbegründet herausgestellten. Deswegen reagiere ich sensibel, wenn jemand aufgrund weniger Sätze „Plagiat“ ruft und auf Nachfrage scheinbar nicht nachlegen kann (vielleicht auch ein anwaltlicher Rat?). Bei einem ernsten Thema ist maximale Ernsthaftigkeit geboten.

  13. Pingback: Breitseiten und Rohrkrepierer – zum Verhältnis von Feuilleton, Plagiat und historischem Sachbuch | Mittelalter

  14. Pingback: Umleitung: Bis auf Rügemer und die WAZ/WP alles olle Kamellen … | zoom

  15. Pingback: Öffentliche (See-)Schlachten? | HistoLog

  16. Pingback: Qualität wird überschätzt | Digitale Geschichtswissenschaft

  17. der Fall ist jetzt zwar schon seit zwei Jahren abgehakt und dürfte wohl bald völlig dem Vergessen anheim gefallen sein, aber falls dazu noch eine Aufstellung interessiert:
    http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Analyse:Gss
    http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Analyse:Gss/Befunde

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s