Der konservative Politiker und die deutsch-serbische Plagiatsfreundschaft

Erstaunt es, dass sich inzwischen Zeitgenossen so unterschiedlicher akademischer wie politischer Orientierungen als Plagiatoren erweisen? Vor Guttenberg bestand das irrige Vorurteil, deviante Gestalten, die es mit Regeln nicht so eng nähmen, Punks, Spinner und linke Anarchos, wären die prototypischen Plagiatoren: Der Infragestellung von Eigentum und gesellschaftlicher Ordnung korrespondiere eine Denk- und Schreibweise, die von anderen hemmungslos übernehme, was gerade passend erscheine, sich aneigne, das eigene Denken, wenn man da überhaupt von Denken sprechen könne, überall zusammenklau(b)e. In der Guttenberg-Affäre entfaltete sich Anfang 2011 in konservativen Kreisen unter Führung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Verdacht, der Freiherr sei eigentlich auch einer von denen, ein Hochstapler, der sich in den konservativen Geistesadel nur eingeschlichen habe.

Konservative Politiker als Plagiatoren

Als VroniPlag im nächsten halben Jahr einen „bürgerlichen“ Politiker nach der nächsten Politikerin als Plagiatoren enttarnte, wähnte die konservative Presse bald eine linke Verschwörung von Punks, Spinnern und Anarchos hinter dieser ganzen Plagiatssuche. „Oder glaubt irgendwer, dass die Sozen für ihre Doktortitel ordentlicher arbeiten als wir?“ Dazu trug zweifellos bei, dass „online“, „digital“, „kooperativ“ und „automatisch“ betriebene, gar „nichtkommerziell“ organisierte Plagiatssuche leicht in den Ruch des technischen Fortschritts (also moralischen Verfalls), der Wirtschaftsfeindlichkeit und des Kommunismus geraten konnte. Hätte Putin den konservativen Wirtschaftseliten damals schon als Bösewicht gegolten, und wäre Putin nicht selbst „Opfer“ von Plagiatsuntersuchungen, dann hätte man VroniPlag womöglich als „von Moskau gesteuert“ dargestellt.

Nichts könnte falscher sein. VroniPlag, der kleinbürgerlichen Aktionsgruppe für wissenschaftliche Redlichkeit, war seine Falschdarstellung als irgendwie links so zuwider, dass es schleunigst die Strategie änderte: Keine Politiker mehr, da wären ja doch nur noch mehr konservative Plagiatoren zu finden, sondern möglichst nichtprominente, unpolitische Doktoren, nach Möglichkeit Wissenschaftler, sollten beweisen, dass die plagiatorische Krankheit die Universitäten nicht von außen befallen hatte.

Doch auch international waren Fälle bürgerlicher Biedermänner eher die Regel als die Ausnahme unter den Plagiatsenthüllungen, exemplarisch und hochrangig wäre etwa Pál Schmitt zu nennen, Ungarns Staatspräsident von der rechtskonservativen Fidesz-Partei, dessen Plagiatsskandal im Frühjahr 2012 bis zu Demonstrationen und schließlich zu seinem Rücktritt führte. Einen Tag vorher musste bereits der Rektor der doktorentziehenden Budapester Universität seinen Hut nehmen, weil er nicht mehr das Vertrauen des zuständigen Fidesz-Ministers besaß.

Der Balkan als Sonderfall

In der Berichterstattung über eine Reihe serbischer Plagiatsaffären werden die Plagiatoren derweil nicht mehr entsprechend ihrer Position im politischen Spektrum identifiziert. Stattdessen erklärte eine Meldung im österreichischen Wirtschafts-Blatt, die sich auf Austria Presse Agentur und dpa berief, Mitte Juli 2014 Nationalität und Berufsstand zu den Hauptmerkmalen eines Plagiatorenstils:

„Eine Doktorarbeit nach serbischer Politiker-Manier: ganze Absätze von Wikipedia.“ Dies „sei ‚das schlimmste Plagiat‘, das er bisher gesehen habe, sagte der Finanzprofessor Rasa Karapandza“.[1]

Der Balkan ist für jede Barbarei gut, da muss auch die „Doktorarbeit nach serbischer Politiker-Manier“ schlimmer sein als die „Doktorarbeit nach deutscher Politiker-Manier“. Diese Einstellung kann man „Balkanismus“ nennen. Da „die balkanistischen Vorurteile in den Balkanstaaten selbst weitgehend verinnerlicht wurden“, wie Maria Todorova, die Schöpferin des Begriffs, zeigen konnte, fungiert wie in diesem Fall auch Serbien als Gegenbild westlicher Staaten, „auf das sich insbesondere die eigenen Fehler wohlfeil projizieren ließen“. Also freut man sich, wenn serbische Plagiatsjäger darstellen, dass „dort unten“ alles noch viel schlimmer ist als „hierzulande“, und schreiben:

„In Serbia, many have obtained degrees of higher education through bribery or other connections.“

Nun erweist sich das Kopieren aus Wikipedia nicht gerade als Spezifikum der Plagiate serbischer Politiker. Spezifisch ist eher die Unfähigkeit der serbischen Behörden, Plagiate angemessen zu sanktionieren. Der Balkan-Experte Thomas Brey brühte die serbischen Plagiatsgeschichten vor einigen Tagen nochmal auf und sah das Problem darin:

„Doch niemand im Wissenschaftsbetrieb traut sich, den selbst für Laien handfest erscheinenden Vorwürfen gegen die angeblich falschen Doktoren auf den Grund zu gehen. Denn dann kämen möglicherweise noch viele andere prominente Fälle ans Tageslicht und bedrohten das ganze System. […] Die Zeitung „Blic“ beschrieb die Hintergründe so: ‚Die Papiere mit den Stempeln zweifelhafter Fakultäten samt den Unterschriften noch zwielichtigerer Professoren dienen unseren Größen für ihre Anstellung in einem Staatsunternehmen oder Ministerium. […]'“[2]

In Deutschland hat vor wenigen Monaten ein Gericht unter mehrfach wiederholtem Verweis auf Art. 3 Abs. 1 des Grundgesetzes ausgeführt, dass die regelgerechte Sanktionierung von Plagiaten in Doktorarbeiten ein unabdingbares Erfordernis schierer Rechtsstaatlichkeit ist. Das Prüfungsrecht verlange, dass eine Prüfungsleistung persönlich zu erbringen ist, weil der Grundsatz der Chancengleichheit (Art. 3 Abs. 1 GG) das erfordere. Derselbe Absatz des Grundgesetzes gebiete außerdem die Gleichbehandlung aller Menschen, und bei der Entziehung akademischer Grade insbesondere die gleichmäßige Rechtsanwendung. Keine Plagiats-Privilegien für Bildungsministerinnen, hätte das Gericht auch als Leitsatz formulieren können.[3]

Serbien verfehlt diesen Maßstab für Rechtsstaatlichkeit, wenn man den Berichten glauben kann. Das ist aber noch kein Grund, sich hemmungslosem Balkanismus hinzugeben. Denn so viel anders ist es in Deutschland auch nicht, oder muss es jedenfalls nicht bleiben, wenn die Vorstellungen einiger Wissenschaftsmächtiger Wirklichkeit werden.

Mit ihren Ombudsgremien hat – unter Federführung der DFG – die Wissenschaft eine Paralleljustiz etabliert, mit deren Hilfe sich die Rechtsgleichheit aushebeln lässt, indem man vor Beginn eines geregelten Verfahrens nach Gutdünken und politischer Opportunität entscheidet, ob diesmal Ombudsleute oder die Fakultät zuständig sein sollen. Das Ombudssystem zielt nämlich, wie hier schon öfter ausgeführt, auf die einvernehmliche Konfliktlösung beziehungsweise -schlichtung – was bei Plagiatoren regelmäßig die Sektkorken knallen lässt. Davon, dass die Plagiatsvorwürfe gegen Norbert Lammert (CDU) und Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem rechtsstaatlichen Verfahren ausgeräumt worden seien, lässt sich vor diesem Hintergrund nicht sprechen. Das Beispiel Serbien führt also vor, wohin die Reise gehen könnte, die zahlreiche Wissenschaftsmächtige als wünschenswert ansehen.

Serbische Schlussstrichsatiren in der Rheinischen Post

Eine hübsche Illustration der drohenden „Balkanisierung“ (nach Belieben auch Untergang des Abendlands, Rückfall ins finstere Mittelalter usw.) der deutschen Wissenschaftslandschaft lieferte nun ein gewitzter Kommentator unter dem Serbien-Artikel von Thomas Brey:

Unter dem Motto „Gebt endlich Ruhe!“ ließ „MagnaCarta“ am 17. August eine Tirade vom Stapel, die sich ganz zu lesen lohnt. Daher hier nur die Einleitung:

„Ihre wundervolle Zeitung hat zu Recht die Beendigung überflüssiger Plagiatsdiskussionen gefordert und Fakultäten, die die Integrität von Promotionsabschlüssen höher werten als die Integrität politischer Honoratioren, ins infantile Abseits gestellt. Ich bin daher sehr enttäuscht, dass nun in Abweichung von der bisherigen Linie ein Artikel aufgenommen wurde, der in übler Weise serbische Politikerdissertationen verleumdet. Bevor man hier leichtfertig von Plagiaten spricht, sollte man doch den gänzlich anderen balkanischen Zitierkontext beachten.“

Und natürlich der Schluss:

„Dass hier serbische und deutsche Politik im Kampf um die Freiheit von der Wissenschaft zueinander finden, lässt für Europa hoffen.
H.H. Grossic Brokovic“

„Gebt endlich Ruhe“ – unter diese Überschrift hatte schon RP-Chefredakteur Michael Bröcker am 30. Juli die Reaktion der wundervollen Zeitung auf die Absage des Bundestagspräsidenten Lammert gestellt, der wegen des Umgangs mit dem Fall Schavan nicht mehr Festredner beim Düsseldorfer Uni-Jubiläum sein wollte. Ruhe hätte nach Meinung der RP natürlich die Universität geben sollen, die sich jedoch nach wie vor „in fast kindlicher Manier mit dem nicht nur juristisch längst erledigten Fall Annette Schavan“ herumschlage. Das Blatt bescheinigte der Universität nochmals „teils irritierendes (und unnötiges) Vorgehen in dem Fall“, wofür sie „Kritik auch von renommierter Stelle“ geerntet habe.

Der Abschlussbericht des Dekans enthüllte nach Auffassung der wundervollen Zeitung nicht etwa skandalöse Versuche der Beeinflussung des Verfahrens durch Schavan nahestehende Wissenschaftsmanager, sondern zeigte nur, dass die philosophische Fakultät „jedes kritische Wort als Angriff auf ihre Autonomie im Speziellen und den Rechtsstaat im Allgemeinen betrachtet.“ Die Absage Lammerts sei demnach die folgerichtige Antwort darauf, dass sich die Hochschulleitung „nicht zu schade“ war, den Dekan und seinen Prodekan für ihre in diesem Fall bewiesene Zivilcourage auszuzeichnen: „So als hätten die Wissenschaftler im Kriegsgebiet Leben gerettet.“ Diese völlig unangebrachte Auszeichnung habe nun zu einem „neuerlichen Imagedesaster“ für die Universität geführt: Wenn man „am Vorabend eines großen Festjahres nicht Ruhe gibt“, habe man sich die Folgen selbst zuzuschreiben.

Die wundervolle Zeitung, die im Fall Schavan selbst bekanntlich unablässig Ruhe gegeben hatte, setzte diesen Kurs auch nach der chefredaktionellen Ruheforderung konsequent fort und grub zu diesem Zweck gleich anderntags sogar den greisen Emeritus Wilhelm Gössmann wieder aus. Der Literaturwissenschaftler, der in längst vergangener Zeit einmal gemeinsam mit Schavan ein frommes Büchlein herausgegeben hatte und von der Rheinischen Post deshalb zugleich zum Theologen erklärt wurde, hätte nach eigener Meinung wie auch nach Auffassung der RP im Plagiatsverfahren unbedingt angehört werden müssen. Jetzt, volle vier Monate nachdem Schavans arglistige Täuschung auch gerichtlich in vollem Umfang bestätigt worden war, und einen Tag nachdem Chefredakteur Bröcker im „nicht nur juristisch längst erledigten Fall Annette Schavan“ von der kindischen Uni endlich Ruhe im Karton gefordert hatte, durfte Gössmann in der regional teilweise monopolistischen Zeitung darlegen, dass der Plagiatsvorwurf im längst erledigten Fall völlig unbegründet war:

„Nach seinen Worten hat Schavan in ihrer Dissertation keine Denkresultate anderer übernommen, was ein Plagiat erst ausmache. In ihrer Arbeit über ‚Person und Gewissen‘ aus dem Jahr 1980 gebe es eine solch skrupellose Fremdübernahme eben nicht. Allenfalls fänden sich ‚Übernahmen in der Qualität von Aufarbeitungen‘. Daher habe sich die Heine-Universität mit ihrer falschen Beurteilung ‚blamiert‘.“

In H.H. Grossic Brokovic scheint die RP nun offenbar einen ebenso eifrigen wie aufmerksamen Leser solcher wundervollen Zeitungsmeldungen gefunden zu haben. Dass es sich dabei um den ehemaligen Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff handelt, muss an dieser Stelle jedoch entschieden bestritten werden. Grosse-Brockhoff, der geneigte Erbloggtes-Leser wird sich erinnern, hatte sich in der Causa Schavan einen Namen gemacht, indem er als Ehrensenator der Universität Düsseldorf eine Reihe von Fragen zur gefälligeren Behandlung des delikaten Falles formuliert und damit die schavanistische Propagandaposition gekonnt zusammengefasst hatte.

Dass er nun in seinem Hausblatt, der Rheinischen Post, per Leserbrief die deutsch-serbische Plagiatsfreundschaft beschwört, ist doch ziemlich ausgeschlossen. Von Facebook werden hanebüchene Quatschmeldungen übrigens neuerdings als „Satire“ gekennzeichnet. Das nützt aber leider gar nichts, da Satirezeitungen wie Der Postillon (seit 1845) oder die Rheinische Post (seit 1946) bereits dazu übergegangen sind, absolut überprüfbare, aber unglaubliche Mitteilungen unter ihrem Namen zu verbreiten, um sie als „Satire“ in Zweifel ziehen zu lassen und der Wahrheit so die höhnische Maske der „Wirklichkeit“ vom Gesicht zu reißen.

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2 Antworten zu “Der konservative Politiker und die deutsch-serbische Plagiatsfreundschaft

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