Drei Vorlesungen, zwei Ehrendoktoren und ein Glühwürmchen

Erbloggtes von Causa Schavan:

Angekündigt war die Vorlesungsreihe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit dem Versprechen, “einen möglichst breiten Einblick in die Thematik” zu gewähren, die “am Beispiel unterschiedlicher Epochen und verschiedener Fächer” diskutiert werden sollte. Und in der Tat: Mit der Vergangenheit des Jahres 2013, der Zukunft des Jahres 2073 sowie schließlich der aktuellen Gegenwart bezogen sich die drei Vorträge über “Zitat und Paraphrase” auf ebenso viele Epochen, wobei sich die Zukunft als ganz besonders unterschiedlich erwies. Auch die Fächer waren sehr verschieden. Beteiligt waren unter anderem das Schubfach und das komische Fach.

Weiterlesen… noch 1699 Wörter.

Erträge selbstentlarvender Art hat die IAG Zitat und Paraphrase der BBAW ja früher schon geliefert. Die offiziellen „Akademievorlesungen“ des ausgehenden Sommersemesters werfen aber die Frage auf, ob es für eine „Akademie der Wissenschaften“, die sich gern „altehrwürdig“ nennen lässt, eigentlich angenehm ist, so blamiert zu werden.

Fragen der Kleiderordnung

Nach wie vor nicht blamiert sieht sich Annette Schavan, wie verschiedene bestellte Jubelartikel aus Anlass ihres 60. Geburtstags im vergangenen Monat deutlich machten. Für das Handelsblatt verbrach Barbara Gillmann die fällige Hymne:

„Sie trägt eine schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, darüber einen roten Blazer. Eigentlich würde sie gar nicht auffallen, mitten auf dem Petersplatz, zwischen all den Menschen.“ (B. Gillmann: Buongiorno, Santo Padre. In: Handelsblatt, 12./13./14.06.2015)

Im Premium-Beitrag der Online-Ausgabe wurde da noch mal ordentlich nachgehübscht:

„Sie trägt eine buntgeblümte Seidenbluse, helle lässige Hosen, spitze Pumps. Römischer Chic bei 28 Grad. Eigentlich würde sie gar nicht auffallen, mitten auf dem Petersplatz, zwischen all den Menschen.“ (B. Gillmann: Buongiorno, Santo Padre. In: Handelsblatt online, 14.06.2015)

Anders als das Handelsblatt beschränkte sich das Oberbayerische Volksblatt nicht auf seitenlange Lobhudelei. Hier erhielt ein privilegierter Star-Reporter seltene Einblicke, mit denen er den Lesern eine verbiestert-uneinsichtige Schavan mit Rachegelüsten präsentieren konnte:

„Hat sie den Wirbel um ihre angeblich plagiierte Doktorarbeit, die anschließende Titel-Aberkennung durch die Universität Düsseldorf und den Rücktritt als Bundesministerin überwunden? Man merkt Annette Schavan an, dass dieses Thema für sie noch nicht ad acta gelegt ist. ‚Die ganze Angelegenheit habe ich vorerst ins Depot verschoben, um den Kopf für meine neue Aufgabe frei zu haben. Aufgearbeitet ist sie noch lange nicht.‘ Die Heiterkeit weicht aus ihrem Gesicht, während sie fortfährt: ‚Es war eine Zeit des Fegefeuers, so etwas vergisst man nicht. Es wird noch ein paar Jahre brauchen, bis ich das verdaut habe.‘ Wenn ihre Zeit als Botschafterin vorbei sei, werde sie auf das Thema zurückkommen und ausführlich ihre Sicht der ‚Kampagne, die da gegen mich gelaufen ist‘, darlegen.“ (IM Feth: Das Fegefeuer vergisst man nicht. In: ovb-online.de, 09.06.2015)

Schavan, die sonst gern ihre völlige Abgeklärtheit betont und behauptet, ganz in ihrer neuen Lebensphase aufzugehen und nicht mit der Vergangenheit zu hadern, hat beim Oberbayerischen Volksblatt in dem Journalisten und Publizisten Ingo-Michael Feth wohl einen besonders einfühlsamen Gesprächspartner gefunden, dem sie sich offenbaren konnte. Kein Wunder, denn Feth ist nicht nur ehemaliger CSU-Sprecher, sondern wie Schavan auch Träger einer Ehrendoktorwürde. Bei genauer Betrachtung scheinen es sogar mehrere Ehrendoktorwürden zu sein. Wie niemand sonst in seiner Branche war Dr. h.c. mult. Feth vom Oberbayerischen Volksblatt also prädestiniert für ein Gespräch auf Augenhöhe mit Dr. h.c. mult. Schavan vom Vatikan.

Ehrendoktorwürden und wie man sie bekommt

Nach Auskunft der Internet-Seite, die Feths Hauptwerk gewidmet ist, wurde dieser zunächst „im Dezember 2011 mit der Ehrendoktorwürde des US-amerikanischen ‚Instituts für kirchliches Leben und religiöse Entwicklung‘ in Washington ausgezeichnet.“[1] Diese Auszeichnung erhielt Dr. h.c. Feth „für sein Werk ‚Confiteor – ich bekenne‘ und andere Publikationen mit gesellschaftlich-ethischem Bezug“.[1]

In Washington D.C. hatte schon der Student Ingo-Michael Feth ein Auslandssemester an der von Jesuiten geleiteten Georgetown University im „Intercultural Institute“ absolviert, wissen die „kressköpfe“, ein Personenverzeichnis der Medien- und Werbebranche. Hier erfährt man über die offenbar zweite Ehrendoktorwürde des Dr. h.c. Feth: „Seit 2012 Dr.h.c.(CDRI, Havard).“[2]

An der Georgetown University gibt es jedoch ebenso wenig ein „Intercultural Institute“, wie sich in Washington ein „Institut für kirchliches Leben und religiöse Entwicklung“ ausfindig machen lässt. Auch „CDRI, Havard“ ist ein Phantom. „Havard“ klingt aber sehr nach Harvard und der Ivy League, was ein Blick in die Auflistung der Zugehörigkeit zu Organisationen zu bestätigen scheint: Neben dem Völklinger Kreis und der Atlantikbrücke findet sich da die Angabe „CDR Institute, Harvard (US)“.[2] Eine weitere Internet-Seite des Dr. h.c. mult. Feth gibt präzisere Auskunft:

„2012 wurde er für sein publizistisches Wirken vom US-amerikanischen Institut für Christliche Forschung und Entwicklung in Harvard/Massachusetts, wo er regelmäßig Vorlesungen zur europäischen Politik hält, mit der Ehrendoktorwürde für politische Studien ausgezeichnet.“[3]

Allerdings gibt es in Massachusetts ebenso wenig einen Ort namens Harvard, wie wir an der Harvard University in Cambridge/Massachusetts, an der Dr. h.c. Feth regelmäßig Vorlesungen zur europäischen Politik halten will, ein Institut für Christliche Forschung und Entwicklung finden.

Hinter dem angeblichen „Harvard CDRI“ verbirgt sich ein angebliches Institut der angeblichen „Harvard Church of Development and Rescue“ mit angeblichem Sitz in Tallahassee/Florida und einer Briefkastenadresse am Harvard Square in Cambridge/Massachusetts. Dieses Unternehmen vertreibt den Dr. h.c. als „kirchlichen Würden-Ehrentitel“ zum regulären Preis von 149 Euro.

Von griechischer Liebe

Manchmal wird der Ehrendoktor der Harvard Church auch im Schnäppchenangebot bei eBay für wirklich günstige 30 oder 40 Euro angeboten. Der Vertrieb läuft in Deutschland über ein eigenes Büro in Ahlen/Westfalen, das man telefonisch kontaktieren kann. Die Telefonnummer ist zugleich auch noch für ein gewerbliches Unternehmen namens „topsexshop“ vergeben. Vielleicht wird dort auch „Confiteor“ verkauft, jenes Werk „von gesellschaftlich-ethischem Bezug“, für das Dr. h.c. Feth mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden sein wollte. Es handelt sich dabei um einen „katholischen Schlüsselroman“, eine homoerotische Liebes- und Intrigengeschichte um einen italienischen Adeligen und einen katholischen Priester, die teilweise in den Gängen des Vatikan spielt und deren literarische Qualitäten und gesellschaftlich-ethischer Bezug in Sätzen wie diesem zu voller Geltung kommen:

„Sie griffen nach ihrem Gemächte und gaben sich lustvoll all der Sinnlichkeit hin, welche die griechische Liebe zu bieten hat.“[4]

Der Artikel des Dr. h.c. Feth im Oberbayerischen Volksblatt fällt in ein anderes Genre, aber es ist erkennbar derselbe Schwulst. Die Grundidee (akademischer Hochstapler, der sich einen „Doktortitel“ kauft und behauptet, regelmäßig Vorlesungen in Harvard zu halten, schreibt Jubelarie auf Plagiatorin und Wissenschaftssimulantin, die behauptet, niemals getäuscht zu haben) ist pfiffig und wird in der folgenden Reaktion eines empörten Leserbriefschreibers zweifellos nicht hinreichend gewürdigt:

„Das ‚Beste‘ an diesem Artikel ist die Chuzpe des Autors, einen solchen Beitrag zu verfassen. Kein rühmendes Klischee ist ausgelassen: der ‚erfrischende, neugierige, humorvolle Stil‘ Annette Schavans in ihrem neuen Amt, ihre Bereitschaft für ‚menschliche Begegnungen‘, die Aufzählung der ihr die Ehre gebenden hochrangigen Gäste, ihre von früheren Ämtern herrührende Eignung für dieses Amt, ihr Einssein mit den Vorstellungen bedeutender deutschen Theologen, einschließlich des Papstes Benedikt. Schavan macht sich zur ungerecht Verfolgten, wenn sie die Proteste gegen ihre Verfehlung als Doktorarbeits-Plagiatorin und die Aberkennung des Titels als Kampagne gegen sie bezeichnet. Diesen Vorgang von damals habe sie angesichts ihrer neuen Aufgaben ‚ins Depot verschoben‘, um später einmal auf das Thema zurückzukommen. Wie viel Ehrlichkeit und Gewissen besitzt diese Frau?“ (Alfred Beck: Kein Gewissen. In: ovb-online.de, 20.06.2015)

Glühwürmchens Rückkehr

Vorlesungen über europäische Politik hat in den USA auch der Baron Karl-Theodor zu Guttenberg gehalten. Anders als bei der nicht blamierfähigen Schavan war seine Blamage durch den Verlust des akademischen Titels so ausgeprägt, dass auch seine Betitelung als „Glühwürmchen“ sie nicht weiter vergrößern konnte. Daher darf man getrost darauf vertrauen, dass der „Rückkehr des Glühwürmchens“ (SZ) keine verletzten Gefühle seinerseits entgegenstehen. Die Frage, auf welchem ausdrücklich Berliner Posten „KT“ denn künftig die beschworene „Strahlkraft“ für die CSU entwickeln soll, ist allerdings noch ungeklärt.

Zuständigkeit für Atomenergie böte sich an, den Ausstieg aus der Wehrpflicht hat er schließlich gemanaged wie kein Zweiter. Und wenn man die Ressorts schon neu zuschneidet, dann lässt sich für den Strahlemann vielleicht ein Ausstiegsministerium zusammenstellen, in dem er neben Kernkraftwerken auch Wissenschaft, Presse und Europa abwickeln darf!? Entsprechende Kompetenzen dürften ihm nicht abzusprechen sein, und als Bonus gibt es, wenn’s gut läuft, noch die Zuständigkeit für digitale Dissidenten und für Brain-Drain obendrauf. Und wenn Gutti ab 2017 den Ausstieg aus der Wissenschaft orchestriert, bleibt auf diesem Posten wenigstens kein Platz für Annette Schavan. Gut vorbereitet ist die Sache auch schon längst: Da dürfte kaum noch etwas schief gehen.

Dass Guttenbergs mehr oder weniger gelungener Rückzug aus der deutschen Öffentlichkeit ein Ablaufdatum haben würde, war seit seinem Beginn zu erwarten. Vielleicht hatte er die weitaus besseren Ausgangsbedingungen im Vergleich zu Schavan, da er es nicht nötig hatte, das Offensichtliche des Plagiats dauerhaft zu leugnen. Vielleicht darf man da auch nicht zu nachtragend sein: Um Windbeutelpolitik zu machen, dafür braucht man in Deutschland keinen erschlichenen Doktortitel. Leid tun müsste es einem nur für die Pyramide der Untergebenen, denen ein resozialisierter Dissertationsbetrüger übergeordnet wird, denn die hätten damit zu ringen, ihre eigene Tätigkeit hinreichend ernst zu nehmen, während sie den Chef nicht mehr ernst nehmen könnten. (Auch das spricht für ein Abwicklungsministerium für Guttenberg: Durch die aus Selbstachtung kündigenden Mitarbeiter, die sonst entlassen oder anders verwendet werden müssten, kann der Bund Millionen einsparen.)

Ganz andere Voraussetzungen hinsichtlich einer Wiederverwendung in der Berliner Politik gelten jedoch für unbelehrbare, rachsüchtige Leugnerinnen ohne die mindesten Skrupel, ihre beruflich Abhängigen und politischen Netzwerke für die Vertuschung persönlichen Versagens einzuspannen. Die stellen geradezu eine Gefahr für die Gesellschaft dar.

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2 Antworten zu “Drei Vorlesungen, zwei Ehrendoktoren und ein Glühwürmchen

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  2. Dr. Bernd Dammann

    Über Annette Schavans Hofstaat – ein zeitdiagnostisches Sittengemälde anlässlich ihres 60. Geburtstages

    An dem besonders aussagekräftigen Beispiel einer „Lobhudelei“ aus der Feder des Journalisten Dr. hc.mult. Feth, die im ‚Oberbayerischen Volksblatt‘ erschienen ist, schaut ‚erbloggtes‘ hinter die Kulissen auf das Treiben und Gebaren des ‚glamour girls‘ des ‚Politischen Katholizismus‘ und ihres Hofstaats in Deutschland. Anschaulich wird aufgezeigt und nachgezeichnet, was gemeint ist, wenn es im Volksmund heißt: „Gleich zu Gleich gesellt sich gern!“

    Entstanden ist das Kleinod eines zeitdiagnostischen Sittengemäldes über den Niedergang und Verfall religiös begründeter und über Jahrhunderte hinweg höchst einflussreicher und wirkungsmächtiger Moralvorstellungen im christlich geprägten Abendland. In der Vergangenheit waren sie dabei in Deutschland in der privilegierten Organisationsform von Amtskirchen einst einflussmächtig und zusehends erfolgreicher bei der Durchsetzung der von ihnen verbandlich organisierten Ziele, und zwar immer auch im angeblich höheren Interesse ihrer Glaubensschwestern und –brüder.

    Nun lehrt uns allerdings die Geschichtsschreibung ebenso wie die sozialwissenschaftliche Verbändeforschung, dass der Niedergang und Verfall verbandlich organisierter Interessen wie auch von Staatsgebilden zuerst und vor allem eine unausweichliche Folge ihrer inneren moralischen Auszehrung und des damit schleichend einhergehenden Glaubwürdig-keitsverlustes (siehe Griechenland) darstellen. Man denke zur Veranschaulichung dabei etwa als aktuelle Beispiele an den ADAC, die F.D.P. und die FIFA. Die galoppierende Schwindsucht dramatisch sinkender Wahlbeteiligungsquoten und die stetig steigenden Kirchenaustritte sind dabei zwei Seiten derselben Medaille, in denen sich der Verdruss des zusehends als kleinbürgerlich-spießig denunzierten und auch so behandelten Wahlvolks Bahn bricht. Es bringt auf diese Weise, und das ist kaum noch verwunderlich, seinen Unmut über die moralische Verkommenheit eines wesentlichen Teiles der herrschenden politischen Klasse zum Ausdruck. Unter solchen Voraussetzungen und Bedingungen wird die ständige Aufgabe des politischen Systems, immer wieder aufs Neue „Massenloyalität“ erfolgreich zu erzeugen (Claus Offe), allerdings mit Gewähr und dauerhaft nicht mehr gelingen können.

    Für die Amtskirchen wie für das politische System insgesamt entpuppt sich unter diesem Blickwinkel Frau Schavan und der ihr zugeeignete Botschafter-Posten im Vatikan, wie sich nun immer deutlicher herausstellt, als Danaer-Geschenk des Duos Merkel/Steinmeier. Es wäre sicherlich ein besonders listiger, wenn auch letztendlich doch ziemlich kontraproduktiver Akt der hohen Kunst diplomatischen Geschicks gewesen, wenn die Folgewirkungen dieses Kuckuckseis für das politische System der BRD wie auch für die katholische ‚Deutschen Bischofskonferenz‘ und den Vatikan eine von strategischem Kalkül angeleitete Absicht gewesen sein sollten.

    Fest steht jedenfalls: ‚erbloggtes‘ wird sich in nicht allzu ferner Zeit zurecht des Verdienstes rühmen dürfen, mit diesem niederschmetternden zeitdiagnostischen Sittengemälde zum Thema ‚Gleich zu Gleich gesellt sich gern‘ dem durchsichtigen Versuch von Frau Schavan, zur Präsidentin des ‚Zentralkomitees der deutschen Katholiken‘ (ZdK) gewählt zu werden, ein jähes und abruptes Ende bereitet zu haben. Denn die Hoffnung auf die Selbstreinigungskräfte in den Gemeinden und Bistümern der katholischen Kirche von unten habe ich noch nicht völlig aufgegeben.

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