Das alte Lied des Antisemitismus

Erlesene Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt es natürlich nicht dauerhaft in den Mediatheken, daher eine besonders schöne Szene unten zum Nachlesen. In der Dokumentarspiel-Reihe „Vom Reich zur Republik“ hat Bernd Fischerauer 2009-2012 Deutsche Geschichte 1862-1949 in bunten Farben nachgezeichnet, und zwar ohne auktorialen Off-Erzähler, ohne Zeitzeugen-Interviews, ohne deutende Experten und ohne einrahmende Knopp-Statements zur Moral von der Geschicht‘ – was seine Spielfilme wohltuend vom sonstigen deutschen Geschichtsfernsehen unterscheidet.

Die nachfolgend beschriebene Szene aus „Die nervöse Großmacht“ (2012) skizziert die Stimmung zwischen Gründerkrach und Berliner Antisemitismusstreit in den 1870er Jahren, und ist insofern etwas anachronistisch, als der Begriff „Antisemitismus“ sich erst am Ende dieser Entwicklung herausbildete, hier aber an ihren Anfang verlegt wird:

Otto von Bismarck lässt sich am 11. Mai 1873 einen Artikel aus der Kreuz-Zeitung vorlesen: „Wenn die Finanz- und Wirtschaftspolitik des neuen Deutschen Reiches auf unbefangene Beurteiler beständig den Eindruck reiner Bankierspolitik macht, so macht sie zugleich immer mehr den Eindruck von Judenpolitik. Der intellektuelle Urheber ist der Bankier Bleichröder, die Herren Lasker und Oppenheim die Führer der Nationalliberalen, und sie alle drei sind Juden. Wir werden zur Zeit von den Juden regiert.“
Bismarck darauf: „Sind wir froh, dass wir Männer wie Bleichröder haben. Und was diesen Lasker angeht…“
Szenenwechsel.
Kurz darauf ist Bismarck im Gespräch mit Eduard Lasker, Führer der Nationalliberalen im Reichstag: „Lasker, Sie und Ihre Partei haben mich doch immer gestützt.“
Lasker: „Das wird auch weiterhin der Fall sein, Durchlaucht.“
Bismarck: „Warum dann dieser Frontalangriff?“
Lasker: „Nun, ich bin ein ehrlicher Mensch, und Schweinereien mit dem Geld kleiner Leute…“
Bismarck fällt ihm ins Wort: „Ich musste meinen Handelsminister entlassen! Mein engster Berater hat vermutlich vor Gericht zu erscheinen!“
Lasker: „Beide Herren haben sich ungebührlich bereichert.“
Bismarck empört sich: „Es wird einen Untersuchungsausschuss geben! Ich werde die beteiligten Eisenbahnen verstaatlichen müssen, um das alles aufzufangen! Aktienkurse fallen, Banken kollabieren, und das hab ich alles Ihnen zu verdanken!“
Lasker: „Wenn ich Euer Durchlaucht erklären darf: Ich bin nicht die Ursache der Krise, sondern ich habe sie nur gebührend gekennzeichnet.“
Bismarck ruhig: „Und da wundern sie sich noch, Lasker, dass es antisemitische Angriffe gegen Sie gibt.“
Lasker: „Das alte Lied: Der Jude ist selber schuld am Antisemitismus.“
Bismarck: „Lasker, dann muss ich Sie in Zukunft als meinen politischen Gegner betrachten.“
Bismarck wendet sich ab, zu den Papieren auf seinem Schreibtisch. Lasker geht.

Nicht nur im Hinblick auf das „alte Lied“ ist das eine auch heute noch lehrreiche Szene, sondern auch hinsichtlich der Verhältnisse zwischen Regierung und Parlament sowie zwischen Presse und Politik.

Danke hardy!

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5 Antworten zu “Das alte Lied des Antisemitismus

  1. nicht zu danken, dir ist schon klar, daß ich dich dafür knutschen könnte, weil du reklame für ein kleines wunder machst.

    mein fischerauer special enthält _alle_ teile😉

  2. Ich kann das grad nicht überprüfen, was da auf YouTube genau zu sehen ist, aber _alle_ Teile der Fischerauer-Reihe „Vom Reich zur Republik“ sind hier am übersichtlichsten aufgelistet, sogar schön sortierbar nach behandeltem Zeitraum: https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Fischerauer Toll, wenn die auf YouTube auch Interessierten verfügbar sind!

  3. [..] was da auf YouTube genau zu sehen ist,

    als ich sie zusammengestellt habe, waren es die original sendungen aus br alpha. das paradies …

  4. ganz allgemein: die reihe ist unfassbar klug und kenntnisreich. ich habe ja fast den fernseher abgeleckt, als mir klar wurde, daß sich gewaltfrieden zb. um harry graf kessler gruppierte, dessen rolle uns ja im grunde eher unbekannt ist (wer weiss schon, was für ein konvolut an tagebüchern er hinterlassen hat, in denen sich alles tummelt, was „rang und namen“ hat.

    die ist bis in jedes detail hinein einfach nur zum niederknieen. und daß das jetzt unterrichtsmaterial werden soll, das läßt mich für die zukunft hoffen.

    was mich aber irritiert: wie kommst du auf „bis 1945“. bei mir endet das mit der machtergreifung

  5. Schau mal in die Wikipedia-Seite zu Fischerauer: Da ist „Der Staat ist für den Menschen da“ (1948/1949) verzeichnet. Dazu habe ich auf YouTube nur 3 Minuten gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=NbA30J7sU9s
    Aber hier gibt es das gerade in der Mediathek:
    http://www.ardmediathek.de/tv/Der-Staat-ist-f%C3%BCr-den-Menschen-da/Der-Verfassungskonvent-von-Herrenchiemse/ARD-alpha/Video?documentId=23220764&bcastId=23220740
    Ich bin mir nur nicht sicher, ob das das Richtige ist, denn auch wenn das in der Reihe „Vom Reich zur Republik“ geführt wird (wobei Republik BRD bedeuten dürfte), ist die Sendung in der Mediathek ja nur 58 Minuten lang, das Produktionsjahr nicht mit 2009 sondern 2014 angegeben, und statt Texttafeln gibt es einen Off-Sprecher. Evtl. ist es also nur ein Zusammenschnitt aus dem Original.

    Spannend klingt auch Fischerauers Film „Frei“ (2014) über Rattenlinien, wo ich aber annehme, dass er fiktive Figuren in den Vordergrund stellt.

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