Hitlers Freakshow

Erbloggtes bringt heute einen Gastbeitrag von Annika R. über das Nachleben des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.

Das Faszinosum Adolf Hitler ist in der deutschen Presselandschaft fest verankert. Daneben ist die Figur Adolf Hitler auch zu einem Produkt der Popkultur geworden. Zuletzt war dies im Film „Er ist wieder da“ zu bemerken, der im Hinblick auf seine Qualität zwar unterschiedlich bewertet wurde, aber als Kinokassenhit gelten kann. Immer wieder erscheinen Artikel über Hitler – er bringt es, Stand 2013, auf 58 Spiegelcover – und belegen die Obsession, mit der sich Journalisten auf die Figur Hitler stürzen. Hitler sells.

So dürfte sich auch der Online-Auftritt der Tageszeitung „Die Welt“ über ein erhöhtes Klickaufkommen gefreut haben, als der Artikel „Der wahre Grund für Hitlers gestörtes Sexleben“ erschien, geschrieben vom leitenden Redakteur Zeit- und Kulturgeschichte, Sven Felix Kellerhoff. Sex und Hitler scheint sich noch besser zu verkaufen als Hitler allein. Dabei findet Google auch zu diesem Thema bereits rund 29 Millionen Ergebnisse. Einen Wikipedia-Eintrag zur Sexualität Adolf Hitlers gibt es ebenfalls.

Kellerhoff jedenfalls will anhand einer neuen wissenschaftlichen Dokumentenedition beweisen, dass Hitler an einer „angeborenen Missbildung an seinen Genitalien“ litt. Das hätten Untersuchungen von Hitlers Körper ergeben, die 1923 an ihm vorgenommen worden waren. Die wiedergefundene Quelle stammt laut Kellerhoff von einem Arzt, der sich selbst als Nationalist verstand, woraus Kellerhoff schließt, dass dieser Hitlers politische Ziele geteilt habe. Kellerhoff macht die politische Gesinnung des Arztes so stark, dass er sich zur Behauptung versteigt, wäre der behandelnde Arzt dem linken Spektrum zuzuordnen gewesen, sei die Quelle eher mit Vorsicht zu genießen. Bei einem „politisch links eingestellte[n] Mediziner“, so Kellerhoff, „hätte man möglicherweise eine perfide Diffamierung vermuten können“. Warum man bei einem politisch links eingestellten Mediziner vermuten kann, dass er seine ärztlichen Befunde zu politischen Zwecken fälscht, noch dazu im Jahr 1923, als Hitler, wie Kellerhoff bemerkt, kaum bekannt ist, führt Kellerhoff nicht weiter aus.

Viel interessanter ist aber, was Kellerhoffs Text nicht sagt, aber impliziert. In einer Gesellschaft, in der sich Menschen über ein binäres Geschlecht identifizieren, fällt Adolf Hitler aus dem Rahmen. Zum ersten Mal ist mit einer Quelle belegbar, dass Hitler kein „echter Mann“ gewesen sei, weil ihm seine Sexualfunktion fehlte. Damit wäre er im Bereich außerhalb des binären Geschlechterverständnisses und somit eigentlich auch kein „echter Mensch“ mehr. Seine mögliche Erkrankung wird dabei genutzt, um ihn zum „Unnormalen“ zu stilisieren. Entsprechend gibt es auch zu anderen NS-Eliten Geschichten, die sie „unnormal“ erscheinen lassen sollen, kurz gefasst: Goebbels war gehbehindert und Göring drogensüchtig. Am besten zieht aber Hitler und sein „ohne Zweifel gestörtes Geschlechtsleben“ (Kellerhoff).

Solche Reduzierung der NS-Eliten auf eine „Freakshow“ verschleiert aber die „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt festgestellt hat. Artikel über Hitlers Sexualität stehen immer den Verbrechen des Nationalsozialismus gegenüber. Auch wenn die wenigsten Beschäftigungen mit dem Patienten Hitler aus dessen vermuteten Krankheitsbildern direkt Auswirkungen dieser auf seine Politik ableiten, müssen Krankheitsthematisierungen dennoch immer vor der Folie des Diktators und Massenmörders gelesen werden. So wird durch die Fokussierung auf Hitlers Krankheiten (auch darüber gibt es Wikipedia-Artikel) letztlich auch der Nationalsozialismus, als dessen Begründer Hitler dann gilt, zur „kranken“ Ideologie. Wer also Nationalsozialist ist, ist automatisch krank. Das ist, besonders vor dem Hintergrund der von den Nationalsozialisten propagierten Volksgesundheit, eine interessante Volte.

Während man also einerseits versucht, sich von den Nationalsozialisten zu distanzieren, übernimmt man gleichzeitig ihre Argumentation, dass nicht in die Gesellschaft („Volksgemeinschaft“) passe, wer krank ist. Speziell Geisteskrankheit müsse bekämpft werden. Wer hat noch nie geschimpft, gegen die „rechtsradikalen Spinner“ müsse mit allen Mitteln vorgegangen werden? Dass hingegen ganz normale Menschen, die zumindest nach den Gesundheitskriterien der Nationalsozialisten völlig gesund waren, Ausführer der „kranken“ Ideologie des „unmenschlichen“ Diktators waren, wird in der breiten Öffentlichkeit seltener erwähnt. Die Fokussierung auf die „kranke“ Elite ist die einfachere Erklärung und verkauft sich besser als ein gutbürgerlicher Familienvater aus der Nachbarschaft, der irgendwo im Osten an Massenerschießungen mitwirkte.

Womöglich will „Die Welt“ mit der Geschichte über Hitlers Hoden eine große Serie einläuten, die täglich neue Sensationen über Adolfs Abartigkeit präsentiert. Kurz nach dem ersten Hit erschien nämlich die Enthüllungsstory „Mit doppelter Bier-Ration schrieb Hitler ‚Mein Kampf’“, ebenfalls von Kellerhoff. Tenor: Hitler war auch noch Alkoholiker. Und die nächsten Aufklärungsstücke zur Genese des Nationalsozialismus aus dem Geiste der Essstörung werden dabei schon vorbereitet: „Verbrauch an Butter (34 Kilogramm), Zucker (45 Kilogramm), Eiern (515 Stück), Kartoffeln (50 Kilogramm) und Zitronen (88 Stück). […] Nudeln (schwarze und weiße Fadennudeln, Spaghetti, Makkaroni), Erbsen (ein Kilogramm), Zwiebeln (2,5 Kilogramm), Reis (3,5 Kilogramm), Salatöl, Essigessenz, Suppenwürfel, Bohnenkaffee (5 Pfund), Kondensmilch (eine Dose), Vanille und Zimt (50 Gramm).“

————————————————————

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s