Klarstellung: Wer hat die AfD wegen ihrer politischen Forderungen gewählt?

Erklärt es irgendetwas, wenn man behauptet, drei Viertel hätten die AfD nicht wegen ihrer Inhalte gewählt, sondern aus Protest? Wahrscheinlich nicht. Denn die Aussage ist falsch. Sie zählte aber offenbar zu den beeindruckendsten „Informationen“, die das ZDF am Wahlabend verbreitete, sonst postete man davon keine Screenshots auf Twitter:

Es widerspricht dem verbreiteten Politikverständnis, dass man einer Partei trotz ihrer Programmatik seine Stimme gibt. Daher ist es auch überraschend, dass eine deutliche Mehrheit das in einer Meinungsumfrage angegeben haben soll. Schließlich orientieren sich die Antworten in Meinungsumfragen üblicherweise an dem, was als normale Antwort gilt und erwartet wird. Das erklärt, warum diese Falschinformation Aufsehen erregte und sich weiter fortpflanzte.

Missverständnis in Serie

Aber nicht nur auf Twitter wurden die Umfrageergebnisse so (falsch) interpretiert: Im Morgenmagazin des ZDF behauptete der Moderator Jochen Breyer am Montag Morgen, kurz nach 6 Uhr:

„Sie haben’s angedeutet, drei von vier Wählern der AfD sagen, sie hätten die AfD nicht wegen der Inhalte sondern aus Protest gewählt.“

Auch der als Experte angesprochene Prof. K.-R. Korte, dem die falsche Aussage damit gewissermaßen in den Mund gelegt worden war, konnte oder wollte da nicht widersprechen, sondern bestätigte lieber:

„Ja, es sind situationsorientierte Wähler, die auch wählerischer geworden sind, weniger gebunden.“

Video zum Nachsehen:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2693206

In der Bundespressekonferenz vom Montag fragte Tilo Jung dann die AfD-Führer, ob ihnen egal sei, „dass drei von vier AfD-Wählern gestern die Partei nicht wegen ihrer Inhalte gewählt hat?“ AfD-Vorsitzender und Spitzenkandidat in Baden-Württemberg Jörg Meuthen konnte sich gar nicht erklären, warum man eine Partei sonst wählen sollte, und gab die oben als übliches Politikverständnis bezeichnete Vorstellung zur Antwort, die Wähler hätten die AfD offenbar wegen ihres Programms gewählt. AfD-Vorsitzende Frauke Petry konnte sich erinnern, am Wahlabend auch die Angabe gehört zu haben, „dass ungefähr die Hälfte uns gerade wegen unserer Inhalte gewählt hat“, verstand aber nur, dass diese Ergebnisse „konträr“ zueinander seien.

Video zum Nachsehen (ab 1:42):

Was stimmt denn nun?

Es stimmt, dass die schönen Daten und Fakten, die an Wahlabenden präsentiert werden, und auf die dann weitreichende Analysen aufgebaut werden, schon im Ansatz fragwürdig sind. Denn für die oben gezeigten Umfrageergebnisse wurde offenbar nicht gefragt: „Warum haben Sie die AfD gewählt?“, sondern „Was glauben Sie, warum Leute die AfD wählen?“ Dass auf eine solche Frage, wo in der Fragestellung ja bereits implizit enthalten ist, dass die AfD wohl eine Protestpartei sei, rund 75 Prozent die Antwort geben „Denkzettel für andere Parteien“, ist ja keineswegs überraschend – schon eher, dass es nur 75 Prozent sind.

Die eigentliche Frage, warum die AfD-Wähler die AfD wählten, wurde tatsächlich eher so beantwortet wie Frauke Petry sagte: Rund die Hälfte der AfD-Wähler meinte „Wähle die AfD … als Denkzettel für andere Parteien“. Das jedenfalls kann man diesen ZDF-Grafiken entnehmen, die wohl die Vorlage für den unsinnigen Zusammenschnitt gebildet haben, der oben (und am Wahlabend im TV) zu sehen war:

Nun ist es natürlich nicht einfach ein bedauerlicher Flüchtigkeitsfehler, der dieser Verwirrung zu Grunde liegt. Die Fragestellungen sind schon Quatsch. Die Nebeneinanerstellung von zwei solch verschiedenen Fragen ist Quatsch. Und die Präferenz für die „unglaubliche“ und entsprechend falsche Information, dass fast keiner zugegeben haben soll, die AfD wegen ihrer Inhalte zu wählen, ist erst recht Quatsch.

Meinungsumfragen nach diesem Muster bringen keinerlei Erkenntnisse. Größer als die aus ihnen zu gewinnenden Einsichten dürfte ihr sogar Effekt auf den politischen Diskurs und politische Entscheidungen, einschließlich Wahlentscheidungen, sein.

Interessantere Fragen

Viel interessanter wäre doch die Frage gewesen, was die AfD eigentlich fordert, und wo sie damit steht. Enno Park hat das Programm der AfD mit dem der NPD verglichen und festgestellt: Die AfD ist die rechtsextremere der beiden Parteien – und ungefähr genauso rassistisch.

Bei Klaus Jarchow wird derweil diskutiert, ob es nun schon steil bergab geht mit der AfD, und welchen Einfluss die hohen Stimmenzahlen der AfD denn auf die Politik in Deutschland haben könnten. Dass die Regierungskoalitionen sich zur Selbstbehauptung gegenüber der AfD nun wirklich einmal um die sozial Abgehängten der Republik kümmern und die soziale Spaltung wirksam bekämpfen könnten, erscheint allzu phantastisch. Das hätten die Parteien der neoliberalen Mitte ja auch in anderen Ländern schon lange versuchen können, in denen der rechte Rand schon länger eine große Rolle spielt.

Dass die Partei sich in naher Zukunft selbst zerlegt, das glaubt Maximilian Steinbeis zwar nicht, aber er findet, dass man sie nun entschlossen bekämpfen muss, und hat eine etwas andere Idee, wie das gehen könnte: „Europa wieder zum Funktionieren bringen“ – das würde die nationale Rhetorik der Rechtsextremen untergraben, weil die Bürger dann sähen, dass Nationalismus ihnen schadet. Ebenfalls ein phantastischer Vorschlag, der jedoch außer Acht lässt, dass die zuletzt mit Grausen zu beobachtende Zersetzung Europas ja nicht zufällig oder um ihrer Selbst willen betrieben wurde, sondern zur Erreichung von konkreten Zielen der politischen Akteure, die ja nicht plötzlich verschwunden sind – und wohl auch nicht plötzlich verschwinden werden.

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23 Antworten zu “Klarstellung: Wer hat die AfD wegen ihrer politischen Forderungen gewählt?

  1. Und natürlich wird sich die zu wählende Protestpartei nach den Inhalten ausgesucht. Fremdenfeinde wählen eben lieber AfD denn die Linke.

  2. @Spomke M.W. sind nicht wenige [Protest-] Wähler von der LINKEN zur AfD gewechselt; es soll auch den einen oder anderen Ex-Kommunisten/Sozialisten selbst unter den Abgeordneten der AfD geben.

    Ich hatte noch nie den Eindruck gewinnen können, linke seien von Fremdenfeindlichkeit frei oder Fremdenfeinde könnten nicht linke Ideen vertreten – im Gegenteil, das geht erstaunlich oft gut zusammen.

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  4. alles ist – wie immer – eine frage, wohin man guckt und was man sieht. ich habe am sonntag CDUler gesehen, die grün oder rot gewählt haben, weil sie sich besser von denen vertreten gesehen haben; wer hat da am sonntag abend eigentlich „gewonnen“

    wir sollten mal langsam aufhören, die themen der AFD zu diskutieren, deshalb ist der hinweis darauf, den fokus mehr auf europa zu legen, genau der richtige ansatz.

  5. Pingback: Markierungen 03/16/2016 - Snippets

  6. Ich finde das ja immer ein bisschen sonderbar, wenn jemand pauschal Parteien wie SPD oder CDU als neoliberal bezeichnet. Ich meine, man kann die natürlich nicht links genug finden, wenn man selbst links genug ist, und man kann ihre Politik auch ganz schlimm und doof finden und damit sogar recht haben, aber… Ich nenn sie doch auch nicht Kommunisten, egal wie weit sie von mir aus auch zu links sind, weil das einfach nicht stimmen würde. Aber neoliberal heißt andererseits glaub ich im neoliberalen Sinne auch nicht nur neoliberal, insofern ist die Kritik irgendwie unnütz.
    Jedenfalls danke für den ansonsten sehr nützlichen und feinen Beitrag!

  7. jj preston

    @Dierk
    Ich vermute eher „taktisches“ Kalkül. 1980, als es unter Schmidt mit der SPD bergab ging, entstanden die Grünen mitten in das Wertevakuum der SPD hinsichtlich Ökologie und Friedenspolitik hinein, als Sammelsurium der (Post-)68er-Linken. Das waren sie, bis die Realos Anfang der 2000er eine geradezu antilinke Politik machten. Damit öffneten sie sich zwar Wählerschichten, die von rechts von der CDU rüberwanderten, aber gleichzeitig verloren sie einen Teil der Linken. Wesentlich mehr Linke allerdings wechselten desillusioniert von der SeeheimerPD zur PDS (später: Linkspartei), in der Hoffnung, dass die SPD irgendwann ihren Fehler erkennen und zumindest mit der SPD und den Grünen in einer Dreierkoalition linke Positionen würde umsetzen müssen. 2005 hätte Rot-Rot-Grün schon klappen können, 2013 wieder, dazwischen lag die Causa Ypsilanti – drei starke Signale der SPD, dass man linker Politik nicht offen gegenübersteht und die Linkspartei nie auf Bundesebene was zu sagen haben wird (deshalb auch die gravierenden Verluste in Sachsen-Anhalt). Die Logik: Wenn man den Etablierten nicht mit der „Drohung“ von links klarmachen kann, dass sie was für den Kleinen Mann tun müssen, anstatt die Schere zwischen arm und reich immer weiter zu öffnen, dann hilft vielleicht die „Drohung“ von rechts. Darum auch die Wählerwanderung von den Linken zur AfD. Da geht es nicht um politische Überzeugungen, sondern um ein Vehikel, der Unterschicht und unteren Mittelschicht und denen, die dorthin abzurutschen befürchten, Geltung zu verschaffen. Der „Arbeiter“ im klassischen Sinne mag zwar seltener werden, aber das liegt daran, dass man diesbezüglich der Definition der 30er Jahre nachhängt und Pflegekräfte, Reinigungspersonal, Zeitarbeiter etc. nicht als „Arbeiter“ auffassen will, obwohl sie ihrem sozialen Status nach das klassische Arbeiterprofil aufweisen. Und diese Arbeiter suchen nach einer Arbeiterpartei, seit die SPD sich in den letzten 40 Jahren sukzessive davon verabschiedet hat, eine sein zu wollen.

  8. Das sind vollkommen berechtigte Kritikpunkte. Es ist bedauerlich, dass die Medien daraus wenig lernen werden und dass der AfD damit ein weiterer Baustein in der Lügenpresse-Konstruktion zugespielt wurde.

    Was ich allerdings ebenso einwenden muss: Wer das kritisiert, sollte nicht auf einen Vergleich der Parteiprogramme von AfD und NPD verweisen. Die AfD hat nämlich gar keins. Einen geleakten Programmentwurf mit einem von einem Parteitag beschlossenen Parteiprogramm gleichzusetzen, ist unredlich. Zumal jeder weiß, wie unberechenbar die dynamische und weithin unbekannte AfD-Mitgliedschaft ist, und deshalb damit gerechnet werden muss, dass ein Programmentwurf im Prozess bis zu seiner Verabschiedung vielfache und deutliche Änderungen erfahren wird.

  9. Pingback: Die AfD-Wähler und ich, ein Annäherungsversuch | Der Graslutscher

  10. Pingback: Triumph des Schrillen | kunotes

  11. Danke für die Kommentare! Ich musste auch nur einen, der viel von Volk und Merkel-Diktatur schwadronierte, löschen.

    @hinterwald: Aus der Interpretation von jj preston ergibt sich auch, dass CDUler ohne weiteres SPD (in RLP) oder Grüne (in BaWü) wählen können, weil deren Politik sich nicht wesentlich von der der CDU unterscheidet. Wenn der größte Unterschied ist, dass die CDUler was gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung haben, dann kann man das schonmal zum entscheidenden Kriterium machen.

    @jj preston: Ich denke, Dierk stimmt dir da weitestgehend zu. Es gehört ja auch zum Werbekonzept der AfD, sich als (einzige) „Alternative“ zur „alternativlosen“ Mitte-Regierung darzustellen. Was, so hoffe ich, lächerlich ist. Die größte Angst vor der AfD ergibt sich für mich daraus, dass ich befürchte, die Union könnte mit ihr eine Regierung bilden.

    @Muriel: Ich schrieb oben von „Parteien der neoliberalen Mitte … in anderen Ländern“ und meinte damit v.a. andere europäische Länder. Es betrifft natürlich auch SPD und CDU, deine Kritik am Begriff neoliberal (oder seiner Pauschalität?) teile ich aber nicht. Natürlich hat das wenig mit der älteren Bedeutung von liberal zu tun, aber die FDP, die sich früh und entschieden dem Neoliberalismus zuwandte, nannte sich ja auch weiter liberal, ohne dass von der früheren Wortbedeutung noch allzu viel übrig gewesen wäre. Eine alternative Bezeichnung könnte „reagansche Politik“ sein, aber das ist auch nicht klarer. Oder – du lachst vielleicht – marxistische Politik. Denn Neoliberalismus teilt ja die marxistische Zielsetzung vom Absterben des Staates, versucht dies eben nur auf anderem Wege zu erreichen als herkömmliche Kommunisten: Durch Steuersenkung und Reduktion von Staatsverschuldung. Die Ironie der Geschichte ist, dass die AfD in dieser Hinsicht ja kein bisschen „alternativ“ ist.

    @Klaus: Ich halte den geleakten Programmentwurf ja für das ehrlichere Parteiprogramm. Dass die Partei letztlich versuchen wird, sich zur bürgerlichen Mitte hin anzubiedern, ist klar, da sehe ich noch „vielfache und deutliche Änderungen“ des Programms nahen.

    Nachtrag zum Artikel: Andere Umfragen besagen, dass etwa in Baden-Württemberg 70% der AfD-Wähler enttäuscht von anderen Parteien sind.

    Auch in dem Fall macht die Art der Fragestellung und der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten die Musik des Ergebnisses aus. Interessanter als die Ergebnisse solcher Umfragen wäre auch die Frage, warum ihre Fragen konkret so gestellt werden. Welche Vorannahmen setzen sich dabei in welcher Weise durch, und welche Interessen spiegelt das wider?

    In „Die Welt“ ist derweil sowas zu lesen:

    „Nur etwas mehr als zehn Prozent der AfD-Wähler haben die Partei für das gewählt, was diese als ihr Programm ausgibt – fast 90 Prozent wollten mit ihrem Votum den ‚etablierten‘ Parteien einen Denkzettel verpassen.“[1]

    Das gibt die eingangs gezeigte Umfrage ja nichtmal her, wenn man sie falsch interpretiert. Da darf man schon von stark interessegeleiteter Deutung ausgehen. Das Interesse, in dem diese Umdeutung der missverständlichen Umfrage zu stehen scheint, sieht in dem Artikel so aus: Die AfD-Wähler sollen negativ dargestellt werden, als Modernisierungsverweigerer, „nicht die Verlierer“ (die ja in ihrer Verzweiflung wenigstens einen Grund hätten, dumm zu wählen) „sondern die Saturierten“. Demnach geht es den Leuten, die AfD wählen, einfach zu gut: „Hinter der AfD-Zustimmung steht auch der wohlstandsgenährte Mutwille von Bürgern, denen die Demokratie zu langweilig ist.“
    Diese Deutung soll offensichtlich der Analyse widersprechen, dass es in der BRD eine wachsende Schicht von Menschen gibt, die sozial abgehängt sind, sich politisch nicht vertreten und in ihrer Identität in Frage gestellt fühlen. Dagegen (und gegen die AfD) müsse man nichts unternehmen, meint der Autor, damit müsse man sich abfinden. Es ist mit anderen Worten, ein weiter so, weil ja alles gut ist, „wenn sich diese Demokratie in fast ganz Europa und schon gar in Deutschland rundum durchgesetzt hat und große Erfolge vorzuweisen hat“. Weiter so, mit der Einschränkung, dass man die Grenzen für Flüchtlinge dicht machen sollte. Also in etwa die CSU-Position, die man auch in „Die Welt“ zu lesen erwartet. Ist es eine derartige (wenn auch weniger deutliche) Interesseleitung, die im ZDF zu der Deutung führte, AfD-Wähler wollten mehrheitlich bloß Denkzettel verteilen?
    Die SPD-Position (ebenso Grüne) dürfte so ähnlich aussehen, mit dem Unterschied, dass auf das „Weiter so“ die Einschränkung folgt, dass man die AfD und ihre Wähler als die Nazis identifizieren muss, die sie sind, um sie von vornherein aus dem legitimen politischen Diskurs auszuschließen. Das gefällt mir besser, ich denke auch, dass so 5-10 Prozent der Bevölkerung rechtsradikal sind, im Osten vielleicht sogar bis zu 20 Prozent. Was mir daran gar nicht passt, und wo die SPD (ebenso Grüne) mal wieder auf ganzer Linie versagt, ist diese Einstellung, die auch in „Die Welt“ stehen könnte: „Die wollen es ja nicht anders, da sind sie selbst schuld, um solche Spinner müssen wir uns wirklich nicht kümmern.“
    Die Floskel, man müsse die Ängste besorgter Bürger ernst nehmen, geht, typisch Gabriel, völlig an dem vorbei, was in einer solchen Lage nötig wäre – das sind nur die „billigen Lippenbekenntnisse“, die nicht ausreichen, wie Klaus Jarchow schrieb. Die Frage ist doch, wie die Leute so geworden sind, dass sie entweder wegen geradezu nationalsozialistischem Gedankengut für eine Partei gewonnen werden können („Überzeugte“), oder trotz geradezu nationalsozialistischem Gedankengut für eine Partei stimmen („Enttäuschte“). Und dann müsste man sich fragen, wie man es verhindert, dass weiter Leute so werden, und wie man vielleicht sogar Leute für die parlamentarische Demokratie zurückgewinnt.

  12. @Erbloggtes: Naja, ich denke, einer der Fehler der Verwendung des Begriffs liegt schon darin, dass man damit impliziert, er würde noch irgendwas bedeuten, ein bisschen wie „rechts“ und „links“.
    Aber dennoch, findest du es nicht auch ein bisschen … putzig, zu behaupten, die derzeit etablierten mittigen Parteien teilten alle gemeinsam das eklige neoliberale Ziel, den Staat durch Senkung von Steuern und Verschuldung zum Absterben zu bringen? Weil … also… Dann sind sie schon wirklich sauschlecht, oder?

  13. Steuerminimierung und Schuldenreduktion halte ich für die Prämissen des politischen Diskurses in diesen Jahrzehnten. Wer gegenteilige politische Ziele propagiert, gehört zum lunatic fringe.
    Dass das Absterben des Staates nicht die bewusste Zielsetzung der „politischen Mitte“ ist, liegt nur daran, dass sie nicht in solchen geschichtsphilosophischen Fortschrittskategorien denkt. Wenn sie es täte, würde sie ja erkennen, wohin das führt, und es nicht mehr wollen.

  14. Das würde ich natürlich anzweifeln, aber ich glaube, das Fass mach ich lieber nicht auf, das würde hier zu weit führen…
    Der politische Diskurs in letzter Zeit dreht sich um eine Menge Dinge, darunter natürlich auch Steuern und Schulden. Aber in Anbetracht der tatsächlichen Entwicklung finde ich es schwer zu rechtfertigen, den herrschenden Parteien zu unterstellen, ihre wesentlichen Ziele wären diese beiden Dinge, denn die Steuern, sagen wir mal vorsichtig, zeigen ja keine so richtig klare Tendenz nach unten.

  15. @erbloggtes

    > weil deren Politik sich nicht wesentlich von der der CDU unterscheidet.

    das ist mir zu pauschal und oberflächlich. wir leben in einer ziemlich harmoniesüchtigen republik, der wähler mag es eigentlich überhaupt nicht, wenn „die da oben“ sich streiten und das ist imho die eigentliche ursache für den zustand der CDU und deren wahlergebnis: die CDUler haben sich richtung SPD oder grüne abgesetzt – auch um ein zeichen ihren eigenen leuten gegenüber zu setzen.

    was du (und lübbeding, soweit ich das noch nachvollziehen kann, wohin sein pendel schlägt) die große einheitspartei nennst ist im grunde das ergebnis dessen, daß ihr ein bißchen der logik der anderen seite folgt – dabei haben wir es eher mit einem (alten?) verständnis dessen, wie dieses land tickt, und einere „alternativen“ sicht zu tun, die sich gerade artikuliert, also leuten, die es nicht gut finden, wenn all die dinge, die … hüstel … „wir“ in den letzten 20 jahren so erreicht haben an liberalisierung, zu sichtbar werden, und die jetzt anfangen einen völkischen statt eines republikanischen diskurs zu führen. darauf kann man sich einlassen, diesen leuten zu viel gewicht zumessen und … am ende nur verlieren.

    was dabei übersehen wird: wir waren als land schon öfters in ähnlichen situationen, die republikaner, die schill partei und wie diese rohrkrepierer alle hiessen, sind in di parlamente eingezogen … und haben sich als faule säcke ohne plan entpuppt. kann mir mal jemand sagen, woher plötzlich all die kompetenten politiker herkommen sollen, die jetzt als 25% in SA ins parlament eingezogen sind??? erwartet hier ernsthaft jemand, daß die gute und überzeugende arbeit machen werden??? ich nicht.

    die gefahr ist nicht die AFD. _wir_ sind die gefahr, wenn wir ihre mythen übernehmen. ich jedenfalls kann immer noch zwischen dem, was die CDU und was die SPD und was die Grünen unterscheidet, unterscheiden.

  16. Detailforderungen von SPD, CDU und Grünen zu unterscheiden, das gelingt mir meist auch noch. Nur wesentlich sind diese Differenzen nicht mehr. Wenn das große Unterscheidungsmerkmal ist, ob man in den Kantinen einen Veggie-Day oder einen Schweineschnitzel-Tag steuerlich begünstigen will, dann müssen sie leider auf mich verzichten.

    Die Piraten haben schon versucht, sich als Alternative dazu darzustellen, indem sie sagten, sie ändern, wie entschieden wird, was auf den Tisch kommt. Das hat nicht geklappt. Und die AfD plakatiert nun die Forderung „Essen nur für Deutsche“, meint aber eigentlich, Kantinen seien linksgrünversifft, und jeder solle doch besser seine Frau kochen lassen.

    Was die AfD leider auch zeigt: Wo überall dieser völkische Diskurs gepflegt wird, und nicht der republikanische. CSU und SPD gehören da jedenfalls dazu.

  17. > Nur wesentlich sind diese Differenzen nicht mehr

    dann kommen wir da mal auf den punkt: das ist doch nun nichts, was irgendjemand von oben bestimmt hat, das liegt daran, daß frau merkel an einem gewissen punkt (vor ca 10 jahren …) verstanden hat, daß sie die CDU modernisieren muss und sich „in die mitte“ bewegen muss.

    diese mitte ist das, wie sich die leute in dem land begriffen haben, denen war eben nicht mehr mit traditionellem familienbild beizukommen, also hat sich die partei der moderne geöffnet und dinge von den sozen und den grünen übernommen. was ist **falsch** daran.

    was wir jetzt erleben, ist, daß dieser gesellschaftliche „common sense“ von leuten aufgelöst werden soll, die geistig irgendwie im 18, jahrhundert zu verorten sind. die kommen nicht damit zurecht, daß menschen so leben möchten, wie sie eben leben. die wollen ausgrenzen und deshalb schüren sie hass.

    > Was die AfD leider auch zeigt: Wo überall dieser völkische Diskurs
    > gepflegt wird, und nicht der republikanische. CSU und SPD gehören da
    > jedenfalls dazu.

    nennst du mir bitte mal namen – ich sehe das nämlich nicht. also nicht in einer art und menge, daß mich das irritieren würde … und du weisst: ich höre zu und gucke mir diesen kram jetzt bewusst seit 1972 an. ich sehe das nicht. ich sehe ein paar idioten wie den seehofer, der denkt, er müsse da mal auf die kacke hauen … und die spritzt ihm ins gesicht.

    was hier auch nach 2 jahren immer noch nicht diskutiert wird:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2695098/Das-zielt-auf-die-Fundamente-der-EU

    das erzählen klaus und ich seit2 jahren …, das wird von dir und anderen bloggern, mit denen ich über so was rede, immer weit von sich gewiesen als unsere paranoia; diese gesellschaft, die ganze EU wird in einem hybriden krieg angegriffen und destabilisiert.

    vieles von dem, was wir heute so erleben, ist haargenau das ergebnis dieses angriffs. da werden leute vor unserer nase (wie die russische gemeinde in berlin) finanziert und aufgehetzt.

    sorry, daß ich an der stelle nerve, aber … für mich ist das ein essentieller faktor, der nur zu gerne ausgeblendet wurde. heute ist er virulent, weil die diskussion, als sie geführt werden musste, verweigert oder als lächerlich abgetan worden ist. leider auch von dir.

    nimmst du es denn heute immer noch nicht ernst.

    ansonsten sehe ich, wie frau wangs verdikt „der kluge geht in die berge. der weise in die stadt“ zur handlungsanweisung für klaus, der sich bei twitter schlägt und mir mit meinem /u/harzach bei reddit, interessanterweise konsequenzen hatte: wir müssen mit den leuten, gerade jüngeren reden. wir waren viel zu lange in unserem elfenbeinturm.

  18. Ich stimme dir gern zu, dass Merkel die Union modernisiert hat, und dass zuvor „ostdeutsche protestantische Physikerin“ wohl als unwahrscheinlichste Beschreibung für die Herrscherin Europas gegolten hätte. Die alten CDUler sind teilweise zur AfD gegangen (woher die Teile ihres Profi-Personals hat), teilweise aber auch da geblieben, so dass man sie im vergangenen Wahlkampf staunend aus den Löchern kriechen sehen konnte.
    Falsch daran ist die Idee, die CDU habe sich einfach an den herrschenden gesellschaftlichen Konsens angepasst, und das sei auch gut so. An die herrschenden Wertvorstellungen, d.h. die Wertvorstellungen der Herrschenden, haben sich vielmehr SPD und Grüne angepasst, um 1998 Kohl zu beerben, und indem sie ab 1998 das herrschende Spiel gespielt haben – und darin besser geworden sind als es Union und FDP waren. Hat Merkel dann von Rot-Grün übernommen, was Rot-Grün von Schwarz-Gelb übernommen hatte?

    Leute, die im 18. Jahrhundert zu verorten sind, machen nicht mehr mit in der Konsensgesellschaft? Das musst du nochmal überdenken, denn das klingt eher nach Amish oder anderen Sekten, die sich von der modernen Gesellschaft möglichst fernhalten, nicht sie angreifen.

    Ein paar Idioten wie der Seehofer? In Bayern ist ernsthaft weiterhin die offizielle Sprachregelung, Denkgrundlage und der politische Verteilungsgrundsatz, dass der Freistaat aus „vier Stämmen“ besteht, und du meinst, völkisches Denken gebe es da nur zu Seehofers lunatischen Momenten? Und die SPD, geistige Heimat von Sarrazin, hat nach meiner Wahrnehmung genau den AfD-Diskurs bedient, Deutsche dürften nicht unter den „Zumutungen der Flüchtlingskrise“ leiden und müssten besser gestellt werden als Flüchtlinge. Wohlgemerkt: Die SPD bedient solche Diskurse, nachdem sie über zwei Jahrzehnte dafür gesorgt hat, dass ein Kriegsflüchtling, der mit zerrissener Kleidung am Leib und einem Smartphone in der Tasche hier ankommt, immer noch etwas hat, worum ihn der abgehängte Ansässige beneiden kann.

    Und da meinst du, es brauche noch einen Putin, der uns das geschickt einredet? Bei dem alle Fäden zusammenlaufen?
    Hast du gemerkt, dass deine Propaganda-Theorie ebensogut auf dich zutreffen könnte, dass „es ein bißchen peinlich gewesen wäre, sich einzugestehen, daß man zum teil einer geschickten propaganda aufgesessen wäre und sie sogar als nützlicher idiot multipliziert hätte“?

    Ich bestreite gar nicht, dass es Propaganda gibt. Aber für den desolaten Zustand von deutscher und europäischer Demokratie kann man nicht Putin verantwortlich machen. Der ist da nur ein billiger Sündenbock. In den vergangenen Monaten ließen sich die Dynamiken der Hysterie wunderbar beobachten. Da kann doch nun fast jeder schon Geschichten erzählen, wie einmal, auf Facebook, jemand gepostet hat, dass syrische Flüchtlinge deutsche Mädchen belästigt hätten, und dann sei dies und das passiert, und am Ende sei rausgekommen, dass das alles erfunden war (oder, wenn man unbelehrbar ist, dass Medien und Polizei das unterdrücken). Sogar die Polizei ist schon genervt: http://www.infranken.de/regional/nuernberg/Falsche-Geruechte-nerven-Polizei;art88523,1688224 Den Ursprung des Gerüchts in Moskau konnte sie in der Beispiel-Recherche aber nicht finden, sonst hätte sie es dazugesagt.

    Tatsächlich sehen „Nachrichten“ über Europa, die von der russischen Inlands(!)-Propaganda verbreitet werden, erschreckend ähnlich aus wie diese Art verselbständigter Facebook-Gerüchte. Also entweder, die Russen erfinden den gesamten Facebook-Content, oder sie greifen wie jeder Facebook-Nutzer eben das auf, was sie gerne glauben wollen, und verbreiten das mit ihrem eigenen Zungenschlag weiter. Also genau wie das ZDF, um nochmal auf den obigen Artikel zurückzukommen.

    Und das mit dem „hybriden Krieg“, da solltest du auch nochmal überlegen, ob das eine sinnvolle Bezeichnung ist. Wenn es nämlich so einen Krieg gibt, dann bist du Kombattant, und das willst du eigentlich gar nicht sein. Entschuldige, dass ich so aufbrausend werde. Eigentlich wollen wir doch nur am Fluss sitzen und abwarten, bis die Leichen der Feinde vorbeitreiben.

  19. Pingback: Umleitung: AfD und anderes Zeugs wie zum Beispiel die Elefantenszene des neuen Sacha-Baron-Cohen-Films | zoom

  20. > Entschuldige, dass ich so aufbrausend werde. Eigentlich wollen wir
    > doch nur am Fluss sitzen und abwarten, bis die Leichen der Feinde
    > vorbeitreiben.

    lieber erbloggtes, ich bin oldschool und für mich ist das energische vertreten einer eigenen meinung – auch wenn man das heftig tut – diesem „habt mich bitte alle lieb“ vozuziehen. heute habe ich aber unglücklicherweise tv3 „großkampftag“, ich muss bis morgen früh in die minen. eine ausführliche antwort kommt später.

    und, ahem, wir werden die schon an uns vorbeischwimmen sehen, die metzen schon die messer, die sie sich selbst in den bauch rammen werden.

  21. Diese beiden Reportagen über die Wahlergebnisse im Mannheimer Norden erlauben einen konkreten Blick auf Menschen und Milieus:
    http://www.fr-online.de/politik/afd-in-mannheim-wahlerfolg-im-spd-stammland,1472596,33957930.html
    http://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-spd—das-ende-einer-volkspartei-100.html
    Der Typus keifender, faschistoider Ossi, die Schreckgestalt linksgrüner Bildungs-Wessis, kommt da gar nicht vor. (Putin aber auch nicht.)

  22. Pingback: Gestreift #38 – Die Links der Woche — Zebrabutter

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