Manches hat sich schon verändert

Ermittelte Schnittstelle zwischen der von interessierter Seite oft beklagten „Plagiatshysterie“ der letzten fünf Jahre und der tatsächlichen Wissenschaftspraxis dürfte die Art und Weise sein, wie wissenschaftliche Werke im Hinblick auf Plagiate beurteilt werden. Neben der Tätigkeit oder Untätigkeit von Fakultäten und Hochschulen bei konkretem Plagiatsverdacht trägt auch der Umgang mit möglichen Plagiaten in Rezensionen zur Beantwortung der Frage bei, ob der Plagiatsdiskurs seit Guttenberg ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen, oder ob sich aus der heißen Diskussion der prominenten Fälle in breiter Öffentlichkeit eine Veränderung der Gepflogenheiten in der Wissenschaft, womöglich sogar der „guten wissenschaftlichen Praxis“ ergeben hat.

Wissenschaftliches Fehlverhalten wird in Rezensionen traditionell zumindest angedeutet, indem ein Rezensent vermerkt, der besprochene Autor nähme Anleihen aus anderen Werken, „ohne dies immer genau kenntlich zu machen“. Ein interessantes entsprechendes Fragment findet sich in einer Rezension, die bereits Ende 2013 erschienen ist. Dabei treten vier Historiker auf, die hier folgende Funktionen haben:

  • Peter Schöttler – Rezensent
  • Christoph Nonn – rezensierter Autor, angeblicher Plagiator
  • Ingo Haar – angeblicher Plagiierter
  • Theodor Schieder – Forschungsobjekt

Plagiatsvorwurf im Nachsetzen

Nun ist es im wissenschaftlichen Rezensionswesen ja manchmal so, dass es durchaus nicht nur um das gerade vorliegende Werk an sich und als solches geht. Mitunter sind wissenschaftliche Rezensenten und Rezensierte derart miteinander verbunden, oder auch ineinander verbissen, dass eine angemessene Einschätzung der Rezension ohne Zuhilfenahme beziehungsgeschichtlicher Fachgutachten gar nicht möglich ist. Peter Schöttler, Christoph Nonn und Ingo Haar kennen sich jedenfalls nicht erst seit gestern, und alle drei meinen sie ihren Theodor Schieder zu kennen.

Zur Beziehungs-Vorgeschichte der Nonn-Rezension durch Schöttler 2013 gehört unter anderem eine wenig zimperliche Haar-et-al.-Rezension durch Nonn 2011, an der sich wichtige Konfliktlinien recht gut ablesen lassen.[1] Schöttler und Haar zählen (wie etwa auch Götz Aly und Susanne Heim) zu jenen Historikern, die in Schieder einen prominenten Vertreter völkischer Wissenschaft, einen überzeugten Nationalsozialisten, ja einen „Vordenker der Vernichtung“ sehen. Nonn dagegen findet das „Schwarzweißmalerei“, denn zumindest vor 1933 und nach 1945 sei Schieder geradezu ein Nazigegner gewesen.[1] Die nicht nur akademisch wichtige und teilweise auch öffentlichkeitswirksame Kontroverse um führende Vertreter der deutschen Historikerzunft in Weimarer Republik, Drittem Reich und früher bis mittlerer Bundesrepublik ist zum Teil in scharfer Tonlage ausgetragen worden. Persönliche Attacken und wechselseitige Beleidigtheiten waren an der Tagesordnung.

Im Dezember 2013 musste sich Nonn von Schöttler allerdings sagen lassen, dass er „an der Kontroverse nicht teilgenommen hat“. Rezensent Schöttler bescheinigte dem Nichtkombattanten Nonn zudem „eine erstaunliche Selbstsicherheit“ und Besserwisserei, die sich darin ausdrücke, dass Nonn „alle anderen Kollegen belehren“ wolle:

„Betroffen sind davon vor allem jene Historiker, die schon vor dem Autor über Schieder geforscht haben, wie etwa Ingo Haar, dessen Arbeiten der Verfasser ständig kritisiert, obwohl er sich ganz offensichtlich auf dessen Recherchen stützt – ohne dies immer genau kenntlich zu machen.“

In der anschließenden Fußnote 11 verweist der Rezensent lediglich pauschal auf Haars Werke, aus denen sich der Beschuldigte bedient habe: „Vgl. Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der ‚Volkstumskampf‘ im Osten, Göttingen 2000 (2., revidierte Aufl. 2002), sowie zahlreiche Aufsätze desselben Autors.“

Gegendarstellung

Der rezensierte Autor wollte die Buchbesprechung nicht so stehen lassen, zumal es in der insgesamt negativen Rezension um ein für Historiker emotionales Thema ging, beklagte sich wohl bei der Onlinezeitschrift H-Soz-Kult, wo man ihm lediglich einen Kommentar unter der Rezension erlaubte. Aus Unzufriedenheit mit der Redaktion, die seine Entgegnung „in ihrem Archiv möglichst schwer auffindbar versteckt“[2] habe, stellte der rezensierte Autor seine Einwände auf die Homepage seines Lehrstuhls, gleich neben seine Publikationsliste.[3] Über sich selbst spricht der des Plagiats beschuldigte Christoph Nonn (Professor für Neueste Geschichte, Universität Düsseldorf) im betreffenden Abschnitt, der nachfolgend vollständig wiedergegeben wird, wechselnd in der dritten wie in der ersten Person, wohl um anzuzeigen, dass er sich nicht mit der vom Rezensenten geschilderten Figur seines Namens identifiziert:

„Dann folgt eine weitaus massivere Unterstellung Schöttlers. Denn ihm zufolge hat Christoph Nonn ständig Ingo Haar kritisiert, ‚obwohl er sich ganz offensichtlich auf dessen Recherchen stützt – ohne dies immer genau kenntlich zu machen‘. Es ist also ‚offensichtlich‘, dass Nonn von Haar abgekupfert habe. Wenn das so ‚offensichtlich‘ ist, warum versäumt Schöttler es dann, diesen rufschädigenden Vorwurf irgendwie zu belegen? Gerade das schnelllebige Medium Internet erlaubt es zum Glück, solche Vorwürfe sehr skrupulös und detailliert zu belegen. Und H-Soz-u-Kult bietet praktischerweise die Möglichkeit, in Buchbesprechungen Anmerkungen zu setzen. Warum nutzt Schöttler diese Möglichkeit also nicht, um seinen Vorwurf durch zumindest ein paar Belege zu untermauern? An meiner Universität hat man bekanntlich einige Erfahrung im Umgang mit ähnlichen Vorwürfen. Wenn die Philosophische Fakultät der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität allerdings so lässig mit diesen umgehen würde wie Schöttler das tut, hätte Annette Schavan in fünf Minuten eine einstweilige gerichtliche Verfügung gegen die Entziehung ihres Doktorgrads durch die Fakultät erwirken können und wäre immer noch Bundesbildungsministerin.“[2] (Zitate im Zitat aus oben genannter Rezension)

Neben den amüsanten Ausführungen über den Fall Schavan zeigt die Passage dreierlei:

  1. Plagiatsvorwürfe, auch verklausuliert oder nur angedeutet, werden als rufschädigend empfunden. Sie sind „weitaus massiver“ als andere Rezensionsthemen. Plagiat gilt also nicht als Kavaliersdelikt. Vorwürfe erfordern von Beschuldigten, die sich selbst als Wissenschaftler ernst nehmen, eine Reaktion, die möglicherweise nicht gut auf juristischem Wege erfolgen kann.
  2. Wissenschaftler wissen, wie Plagiatsvorwürfe nachvollziehbar belegt werden können. Und sie verlangen, dass solche Vorwürfe auch en Detail mit Belegen untermauert werden – wenn sie schon jemand äußert. Denn nur hinreichend konkrete Vorwürfe kann man entkräften. (Guttenbergs Fehleinschätzung: Die sehr konkreten und belegten Plagiatsvorwürfe gegen ihn ließen sich als „abstrus“ wegwischen.)
  3. Der Fall Schavan ist zu einer Standardsituation des Plagiatsdiskurses geronnen. Während er in der zunächst dominanten Redeweise als Hexenjagd gelten sollte, mit der eine übereifrige Fakultät, getrieben vom geifernden Jakobinermob im Internet, ihre eigenen vorsintflutlichen Mängel durch Verfolgung der frommen Unschuld vom Lande überkompensieren wollte, hat sich inzwischen eine andere Deutung etabliert, die auch hier verwendet wurde: Das Vorgehen der Düsseldorfer Philosophischen Fakultät (zugegebenermaßen: von einem Mitglied derselben) wird als so genau und sorgfältig angesehen, dass selbst mit aller Macht der Bildungsministerin nichts dagegen auszurichten war.

Angesichts dieser (noch schwankenden) Bedeutung des Falls Schavan für den Plagiatsdiskurs ist es außerordentlich bedauerlich, dass internationale Medien den einzigen gerichtlich abschließend geklärten bundesministeriellen Plagiatsfall vergessen zu haben scheinen. Möglicherweise ist man sich dort nicht über seine Bedeutung im Klaren, weil die Schavanisten ihre Deutung in der Zeitschrift „Nature“ unterbringen konnten.[4][5]

Englische Perspektive

Jedenfalls nennt der Guardian in einem aktuellen Artikel über den Präsidenten Mexikos, Enrique Peña Nieto, als Beispiele für „Recent charges of plagiarism“, die nicht auf Mexiko beschränkt seien, Russlands Präsidenten Putin, Ungarns zurückgetretenen Präsidenten Pal Schmitt und Ursula von der Leyen, zu der ihre Universität entschieden habe, sie könne „keep her doctorate after plagiarized passages were found in her dissertation“.[6]

Der BBC fallen als „Notorious plagiarism allegations“ hingegen Karl-Theodor zu Guttenberg und US-Vizepräsident Joe Biden ein,[7] der 1987(!) das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten aufgab, nachdem ihm drei plagiierte Sätze in einer Rede und fünf abgeschriebene Seiten in einem universitären Einführungskurs 1965 auf die Füße gefallen waren – und natürlich die Lügen zur Verschleierung solcher Verfehlungen. (Wikipedia fasst die Affäre zusammen, die auch im Präsidentschaftswahlkampf 2008 noch nicht vergessen war.[8])

Einig sind sich Guardian und BBC in zwei Fällen: Die plagiierte Rede der „potential first lady Melania Trump“[6] ist notorious und recent, und Annette Schavan ist weniger erwähnenswert als diese und als ihre Plagiator(inn)enkolleg(inn)en aus dem Bundeskabinett. Aber wichtiger als die Erinnerung der englischen Öffentlichkeit an die Affäre ist zweifellos ihre Wirkung in der deutschen Wissenschaft.

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Eine Antwort zu “Manches hat sich schon verändert

  1. Pingback: Schluckimpfung ist süß, Plagiatsvorwürfe sind bitter | Erbloggtes

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