Geschichtslose Gefühle

Erzürnt es Wutbürger in Ost und West, wenn sie gesellschaftliche Verhältnisse beobachten, sie sie für unhaltbar, ungerecht, unerträglich halten, dann lässt sich ihr Zorn um so einfacher weiter anfeuern, indem man auf die Metaebene wechselt und ihre negativen Gefühle und die damit verbundene Kritik an der Gesellschaft leichthin abtut. Das ist ja auch verständlich und gehört zu den Regeln der gesellschaftlichen Skandalisierung: Werden Vorwürfe ernst genommen und untersucht, verraucht die öffentliche Wut und die Kritik wird handhabbar.

Man kann dann auf die Kritik durch Änderungen reagieren, oder die Angelegenheit aussitzen. Was man unbedingt vermeiden sollte, weil es die jeweiligen Wutbürger erzürnt, ist das leichtfertige Abtun von als schwerwiegend empfundenen Vorwürfen. „Absurd“ ist das Wort, das Politiker in diesem Zusammenhang nicht benutzen sollten. „Abstrus“ vermittelt seit Guttenberg denselben Gestus des Lächerlichmachens der Tadelnden durch den Getadelten.

Bei den Debatten um Stuttgart21 wurden 2010 gutbürgerliche Protestierer durch Ignoranz gegenüber Großdemonstrationen und eskalierende Polizeigewalt zu Wutbürgern, Wort des Jahres 2010. In Plagiatsaffären provozierten „abstrus“-Dementis ebenso wie Leumundskampagnen Internet-Aktivisten zum Engagement, um dem verleugneten Offensichtlichen zur Geltung zu verhelfen. „Besorgte Bürger“ wollten 2014 nicht mehr so emotional „wütend“ erscheinen, aber „Lügenpresse“ rufen wollten sie schon. Daran drückt sich eine Polarisierung aus: Die massenmediale Mainstream-Öffentlichkeit hatte mit dem Wutbürger eine Figur erschaffen, in der genau das, was die Wut des Wutbürgers schürte, arrogante Ignoranz gegenüber seinen Kritikpunkten, verdoppelt wurde. Mit den „Lügenpresse“-Rufen kommunizierten Rechtsextreme den Massenmedien, dass sie von ihnen nicht ernst genommen zu werden wünschten. Denn ihre Kommunikationsstrategie setzte darauf, jeden Wahrheitsanspruch in der Öffentlichkeit negieren zu können, wenn er von der oder durch die „Lügenpresse“ erhoben wurde, und zugleich alles, was die Massenmedien behaupteten als Propaganda abweisen zu können.

Damit ist ein perpetuum mobile der Polarisierung geschaffen, denn das Vertrauen in Wahrheitsansprüche „der anderen“ sinkt immer weiter, während die Wut wächst, dass die Vertreter der Gegenseite so verlogene Ignoranten sind. Schließlich konnten Rechtsextremisten auf diese Weise sogar leichtgläubige und nützliche Funktionsträger für ihre Seite gewinnen, etwa LKA-Mitarbeiter, Verfassungsschutzchefs und Innenminister, die Hetzjagden für Fake News hielten, die vom linksradikalen Flügel der SPD lanciert wurden. Wie leicht zu sehen ist, wurden anderswo Leute mit derselben Methode der Polarisierung der Öffentlichkeit und der Denunzierung von Wahrheitsansprüchen Präsident, Ministerpräsident und ähnliches.

Neulich beschrieb die Historikerin Ute Frevert dann im Deutschlandfunk, „Wie Gefühle Politik machen“:

Nach langen historischen Vorreden kam Frevert auf die Gegenwart zu sprechen. Etwas verwirrt klang es schon, als Frevert über Demütigung gestern und heute sprach:

„Also ich glaube, keiner von uns, nicht mal Kinder heutzutage mehr möchten gerne gedemütigt werden. Vor 200 Jahren war das noch etwas anders“.

Doch dann fiel sie in die eingangs geschilderte Falle, leichthin Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft abzutun und die damit verbundenen negativen Gefühle als unecht, aufgebläht oder fake wegzuwischen. Der Wutbürger noch wütender machende Aspekt daran ist doch gerade, dass sie sich, wenn sie auch sonst wenig sicher wissen, bei ihren Gefühlen ganz sicher sein können, dass eine Professorin aus Berlin nicht besser weiss, was sie fühlen, als sie selbst:

„Also ich halte relativ wenig von der These, ja, der Osten ist so abgehängt und da gibt es keine Arbeitsplätze mehr. Das kann es nicht sein, gerade in einer Gesellschaft, in der Vollbeschäftigung und unglaublich viel Reichtum unter den Leuten ist. Sicherlich nicht unter allen, aber auch diejenigen, die nicht an ihm partizipieren, verhungern in diesem Land nicht.“

Die Haltung, Menschen, die sich abgehängt fühlten, sollten mal aufhören zu jammern, schließlich seien sie ja noch nicht verhungert (sonst könnten sie ja nicht mehr jammern), spiegelt sich im legendären Spruch über das Ancien Régime: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ Besser als Marie Antoinette hätte Frevert ihre Distanz zu solchem Pöbel nicht inszenieren können. Im Interview geht es dann um die Bereitschaft der Menschen zum Mitgefühl und die Frage, ob die gesamtgesellschaftlich gesunken ist, weil „Gutmenschen“ verächtlich gemacht werden. Frevert verneint, Empathie und Spendenbereitschaft seien so hoch wie noch nie. Jedoch:

„Ich sehe aber – und das gehört zur Polarisierung unserer Gesellschaft -, ich sehe, dass auf der Seite derjenigen, die sich früher nicht zu Wort gemeldet haben, die aber ein Ressentiment sicherlich gehabt haben als: Ich bin abgehängt, ich kann nicht so richtig mit, ich mache mir irgendwie Sorgen um die Zukunft meiner Kinder, wie auch immer, auch selbst, wenn es mir persönlich gut geht -, dass diese ressentimentbeladenen Menschen aus der Phase des heimlichen Grolls – nichts anderes heißt Ressentiment – übergetreten sind in eine Phase des offenen Grolls, indem sie ihre Vorbehalte, ihre Probleme offen und lautstark zum Ausdruck bringen, erwünscht, kanalisiert, zum Teil auch aufgeputscht durch eine Partei, die diese Gesellschaft von Grund auf verändern möchte.“

Die Polarisierung, die Frevert darin anspricht, zeigt sich wohl gerade daran, dass ihr „ich sehe“ sich eben nicht auf Menschen bezieht, die nachvollziehbare, womöglich berechtigte Sorgen haben und Dinge sagen wie

„Ich bin abgehängt, ich kann nicht so richtig mit, ich mache mir irgendwie Sorgen um die Zukunft meiner Kinder“

dass diese Menschen und ihre Sorgen offenbar nicht ernst genommen werden, sondern dass sie „der Seite“ zugeschlagen werden, auf der „diese ressentimentbeladenen Menschen“, also Wutbürger, stehen, im Gegensatz zu der Seite, auf der wir ressentimentfreien Vernunftbürger die Wahrheit (er)kennen. Und zum Schluss fällt sie auch noch darauf herein, dass angeblich genau eine Partei „diese Gesellschaft von Grund auf verändern möchte“, und betet damit unreflektiert die verlogene USP dieser Partei nach.

Eine Gesellschaft, die gegen Veränderung immunisiert wird, ist eine Gesellschaft, die alle Kritik nur noch leichthin wegwischen kann. Ende der Geschichte. Knall.

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Eine Antwort zu “Geschichtslose Gefühle

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