Archiv der Kategorie: Erspieltes

Spiele, Rollenspiele, Computerspiele, Sport

Gesellschaftsspiele für 2017: Kooperatives für Zwei

Erscheint es angesichts der allgemeinen Weltlage derzeit sinnvoll, sich nach analogen Unterhaltungsmedien umzusehen, stellen kooperative Gesellschaftsspiele für kleine und kleinste Gruppen ein spezielles, aber aufgrund seiner sozialen Eigenheiten nicht zu unterschätzendes Segment des unüberschaubar gewordenen Spieleangebotes dar. In diesem Sinne lautet die Empfehlung, einmal eines oder mehrere der im Folgenden aufgeführten Spiele auszuprobieren. Weiterlesen

Das Schwarze Auge in der Forschung: Herausforderungen durch ein Werk ohne Autor

Erlebte solch ein popkulturell weit verbreitetes Phänomen wie das Pen-&-Paper-Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge (DSA) bald seinen Ritterschlag als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen? Noch ist die im zugehörigen Wikipedia-Artikel genannte Sekundärliteratur zum Thema äußerst dürftig, wenn sie überhaupt existiert: Keine wissenschaftliche Bibliothek, auch nicht die Deutsche Nationalbibliothek, die ja auch graue Literatur sammelt, verzeichnet Aufsatz/Band/Heft, oder was immer es sein mag, was da angegeben wird als

„Christiane Mühlenhoff-Simon: Das Schwarze Auge. Geschichte und Interpretation eines Fantasy-Rollenspiels, EDFC, Passau 1995 (Reihe Fantasia, Bd. 95/96).“[1]

Doch an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gibt es offenbar ein Projekt, in dem ein wissenschaftlicher Sammelband zum Hintergrund der DSA-Spielwelt Aventurien geplant wird. Weiterlesen

20 Jahre World Wide Web

Skizze einer dringend notwendigen Historisierung

Erinnertes ist der Anfang des World Wide Web für die wenigsten Menschen, allerdings für viel mehr als die Anfänge des Internets insgesamt, die in mehr oder weniger geheimen Militärprojekten liegen. Letztere sind überwiegend in Form des Films WarGames – Kriegsspiele von 1983 in das kollektive Gedächtnis eingegangen (dessen Plot allzu realistisch war, wie der bis 1998 geheim gehaltene Fall des sowjetischen Offiziers Stanislaw Petrow zeigt). Weiterlesen

Sind Sport-Funktionäre bestechlich?

Erhaltenes Geld – selbst für den Bau von Fußballplätzen oder Fußballschulen – als Anregung zur Abstimmung über WM-Austragungsorte ist Bestechungsgeld.[1] Von anderen direkt oder indirekt geldwerten Vorteilen der Funktionäre gar nicht zu reden. Man könnte auch fragen: Ist der Ball rund?

Er musste in diesem Zusammenhang erwähnen, dass das IOC (ja, die andere globale Sport-Milliarden-Gesellschaft) insgesamt geldwerte Vorteile „einwirbt“ und dies zur Bedingung für eine Olympia-Vergabe macht:

„Wir, die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern, die Landeshauptstadt München, der Markt Garmisch-Partenkirchen, der Landkreis Berchtesgadener Land und der Deutsche Olympische Sport Bund (DOSB) sowie die Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH geben gemeinsam folgende Garantien ab:“[2]

Wir übernehmen alle Kosten (Reise-/Bau-/Sicherheits-/Medizinkosten und viele andere), verzichten auf alle möglichen Einnahmen (Einkommenssteuererlass, Gewerbe- und Umsatzsteuern usw.), räumen dem IOC alle gewünschten Privilegien ein und beugen die Rechtsordnung gemäß seiner Vorstellungen (grobe Zusammenfassung der 47 hier teilweise wiedergegebenen Garantien).

Nur müde zu belächeln sind angesichts der systematischen Vorteilsnahme von Sportfunktionären die Ankündigungen der FIFA, die Bestechungsvorwürfe aufzuklären, meint auch Sportjournalist Thomas Kistner: „Die FIFA ist die ungeeignetste Institution um Aufklärung zu betreiben“. In: Deutschlandfunk, 17. Oktober 2010.

Sport ist die erfolgreichste Ideologie des 20. Jahrhunderts.

Faschismus und Kommunismus haben sich vor dem Sport gebeugt, und der Sport hat sie überdauert. Mit dem Marktliberalismus ist der Sport verbündet, genießt aber höheres Ansehen und unterwirft sich nicht dessen Regeln. Symbolfigur all dessen ist Juan Antonio Samaranch, seinerzeit Welt-Sport-Chef als IOC-Präsident, Faschist als Franco-Funktionär, Kommunist als KGB-Agent, Marktliberalist als Bankier und Olympia-Kommerzialisierer. Seine Funktionäre profitieren vom Sport wie einst die Funktionäre von Faschismus und Kommunismus, auch heute noch die Funktionäre des Marktliberalismus.

Wie lange wird das 21. Jahrhundert diese Sport-Ideologie ertragen? Immerhin scheint Sport weiter gesellschaftliche Bedürfnisse zu erfüllen, auch nachdem Volksgesundheit und Wehrertüchtigung nicht mehr auf der Tagesordnung stehen. Heute bringt der Spitzensport immer noch nationale Helden hervor – vielleicht die letzten ihrer Art -, obwohl das systematische Doping ihren Status (und ihr Leben) bedroht. Breitensport gilt als Gesundbrunnen in einer bewegungsarmen Informationsgesellschaft – das ist womöglich der Fahrschein des Sports als eines notwendig falschen Bewusstseins durch das gesamte 21. Jahrhundert hindurch.

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Abenteuerliche Punktevergabe, aber gerecht

Erspieltes Vermögen eines Pen-&-Paper-Rollenspielers sind vor allem die mannigfaltigen Erfahrungen aus den erlebten Rollenspielabenteuern, erinnerte sich der Spieler kurz an vergangene Tage der Jugend. Die Währung dieses Vermögens sind Erfahrungspunkte (EP), Abenteuerpunkte (AP) oder Experience Points (XP) – unklar ist allerdings noch, wann Microsoft das Betriebssystem Windows AP auf den Markt bringen wird.

Da diese Währung nicht frei handelbar ist, und sie dennoch den Motor der Abenteuerindustrie antreibt, kann ihre Verteilung – und damit das Wohl und Wehe dieses Wirtschaftskreislaufes – nicht dem Markt überlassen bleiben. Vielmehr sind Weise dazu aufgerufen, die beste Verteilung vorzunehmen, Weise, deren Augen alles sehen, was von EP, AP oder XP angetrieben wird. Die Adepten nennen diese Weisen ehrfurchtsvoll „Meister“. Denn sie sind Meister des Schicksals und des ewigen Spiels von Gut und Böse…

Es stellte sich häufig die Frage, welche Grundkräfte des Universums ihn bei dieser Aufgabe leiten sollten, welche Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit, der iustitia distributiva, anzuwenden seien, um Schicksal und Spiel gedeihlich zu befördern.

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Zurbarans Äpfel

Er dachte sehr gern zurück an dieses Rollenspielabenteuer, das aus einer anderen Zeit stammte. Das Pen-&-Paper-Rollenspiel steckte in Deutschland noch in den Kinderschuhen, und man konnte sich allerlei Scherze erlauben. Ort der Handlung war das Eis:

„Die Wände sind mit Sandsteinen ausgemauert. Im Kamin brennt ein kräftiges Feuer. Neben dem Kamin bewahrt der Magier Nahrungsmittel und Kochgeräte auf. Auf einem Schrank stehen Gläser mit Kräutern, Gewürzen, Tee und ähnlichen Dingen, daneben ein großer Honigkrug. Ein eiserner Topf hängt an einem Schwenkhaken über dem Feuer. Ein würziger Duft erfüllt den Raum. Als die Tür geöffnet wird, sitzt der Magier auf einem Hocker vor einer Staffelei. Im Licht der vielen Kerzen, die auf hohen Leuchtern stehen, arbeitet Zurbaran an einem Bild, einem Stillleben. Überall an den Wänden sind Zurbarans Gemälde zu sehen, denn wenn der Magier einmal nicht seinen finsteren Beschäftigungen folgt, widmet er sich voller Leidenschaft der Ölmalerei.“

Und das sah dann so aus:

Zurbaran malt das Stillleben mit Zitronen, Orangen und Rosen, 1633

Er kannte solche Gemälde, nur dieses spezielle sagte ihm ebensowenig wie der Name des Magiers, des gemeinen Chimärologen Zurbaran von Frigorn. Bis er zufällig vom spanischen Maler Francisco de Zurbarán (1598–1664) erfuhr. Dieser hatte 1633 ein interessantes Stillleben geschaffen, das 351 Jahre später als kaschiertes Zitat in einem Rollenspielheftchen wieder auftauchte:

1633, Öl auf der Leinwand, 60 x 107 cm, Norton Simon Museum, Pasadena

Es kam wie es kommen musste, gemäß der Abenteuerhandlung retteten die Helden die gefangene Jungfrau – und damit die Welt – vor dem bösen Schwarzmagier.

„Außerdem geschieht in dem Augenblick, wo der Magier stirbt, etwas höchst Merkwürdiges: Die Früchte auf dem Gemälde, an dem Zurbaran gerade arbeitete, werden plötzlich rund und prall und fallen auf den Boden. Es handelt sich um Äpfel und Zitronen.“

Äpfel? Moment. Wo waren da Äpfel? Zitronen, Orangen und Rosen. Ein toller magischer Effekt, nur warum? Und warum Äpfel.

Allerlei Scherze erlebte solch ein Rollenspieler in dieser anderen Zeit. Aber Erklärtes blieb Mangelware. Und Äpfel? Brecht meinte:

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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