„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“

Erkleckliches über die deutsche Wissenschaft, Angela Merkel und Annette Schavan stand kurz vor der Bundestagswahl – und begründet mit der anstehenden Bundestagswahl – in der Zeitschrift „Nature“. Die nach eigenen Angaben meistzitierte interdisziplinäre naturwissenschaftliche Zeitschrift hat einen guten Namen unter Schavanistinnen und Schavanisten.

Klassiker des Schavanismus

Alison Abbott, „with Nature in Germany since 1992, covering European science policy“,[1] bloggte am 15. Oktober 2012, als die Schavan-Affäre hochkochte:

„[Guttenbergs] thesis was considered to be more than 90% cut-and-paste […].
But the claims against Schavan, first aired in May, have been met with concern by some, who note the relatively minor offences of the research minister — a patchwork of sloppy citation on around 60 of 350 or so pages, including instances in which unreferenced paraphrasing might seem justified to some. […]
UPDATE 16 October: Schavan has denied the intention to deceive.“[2]

Nachdem das universitäre Verfahren abgeschlossen war und Schavan als überführt gelten musste, stellte „Nature“ die Schavan-Affäre im Juli 2013 so dar:

„Anyone with a computer can now run plagiarism software. Some have wielded it for great good, such as the website Integru.org, which has exposed deep academic and political corruption in Romania. But in some cases, the software seems to have been used for smearing, or at least for the thrill of the chase. Many, for example, were unconvinced by accusations of plagiarism against Germany’s education and research minister, Annette Schavan. But enough publicly thrown mud managed to stick, and she was forced to resign in February.
With the rise in digital scrutiny and increasing legions of self-styled fraud-busting bloggers, the DFG is rightly concerned about the need for due process. Is it right, for example, that the accused is named while their accuser hides behind Internet anonymity?“[3]

Das Editorial war „In the dark“ überschrieben und anonym publiziert. Stefan Heßbrüggen hat damals seinen Entstehungszusammenhang erklärt.[4]

Wie die Zeit vergeht

Vier Jahre später. Schavan letztinstanzlich der arglistigen Täuschung überführt. Alison Abbott, „Nature’s senior European correspondent“, schreibt einen langen Artikel über die Segnungen des deutschen Wissenschaftssystems:

Die Jubelarien über Humboldt, der den Deutschen in den Genen stecke, kann sich ja jeder selbst denken. Interessant wird es, wenn Abbott zur Kritik am deutschen Wissenschaftssystem kommt:

„The improvements that researchers now enjoy are sometimes challenged by the German cultural desire for administrative and moral order. [… Problemfelder Tierversuche, Stammzellenforschung] Germans’ moral outrage can also be brutally swift. Merkel made a rare blunder in 2011, when she supported defence minister Karl-Theodor zu Guttenberg after he was proved to have plagiarized his PhD thesis. Merkel immediately argued that such accusations shouldn’t matter to his current job; he was not acting as a scientific assistant. But within two weeks, he was forced to resign. Many prominent politicians in Germany have PhDs, and the affair unleashed a crusade to check each of them. Schavan herself faced accusations over her 1980 thesis. Although many scientists did not consider what she did to be plagiarism, she nevertheless had to resign in 2013.“

Die Botschaft ist klar, und sie muss in die ganze Welt hinaus getragen werden. Eine deutsche Übersetzung des Artikels erschien am 21. September 2017, gerade noch rechtzeitig zur Bundestagswahl, mit der sprechenden URL „deutsche-forschungspolitik-gilt-als-vorbildlich“ auf Spektrum.de und zog die zusätzliche Zwischenüberschrift „Ein einziges großes Experiment mit Hoffnung“ ein:

„Jene Verbesserungen, die die Wissenschaftler derzeit genießen, werden jedoch zuweilen auf Grund des kulturellen Verlangens der Deutschen nach administrativer und moralischer Ordnung in Frage gestellt. […] Manchmal fordert die moralische Entrüstung der Deutschen auch ziemlich heftige und rasche Konsequenzen. 2011 beging Merkel einen außergewöhnlich groben Fehler, als sie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, nachdem dieser des Plagiats an seiner Doktorarbeit überführt worden war, weiterhin ihre Unterstützung zusagte. Die Kanzlerin stellte sich hinter ihren Minister und erklärte, jene Vorwürfe seien für seine derzeitige Tätigkeit nicht von Relevanz, denn er sei ja nicht als wissenschaftlicher Referent beschäftigt. Doch innerhalb von zwei Wochen wurde zu Guttenberg zum Rücktritt gezwungen. Viele prominente deutsche Politiker sind im Besitz eines Doktortitels, und die Affäre löste seinerzeit einen wahren Kreuzzug aus, jede dieser Promotionsarbeiten auf einen potenziellen Plagiatsversuch zu überprüfen. Auch Schavan sah sich Anschuldigungen hinsichtlich ihrer 1980 verfassten Dissertation ausgesetzt. Zwar betrachteten viele Wissenschaftler Schavans Vorgehen nicht als Diebstahl geistigen Eigentums, dennoch musste auch sie im Jahr 2013 von ihrem Ministerposten zurücktreten.“[5]

Damit nicht nur Deutsche von der vorbildlichen Exzellenzpolitik profitieren können, die leider zuweilen von moralischen Skrupeln und gemeinen Anschuldigungen behindert wird, verbreitet man den Artikel in der Folge auch weltweit, beispielsweise in Vietnam unter dem wohlklingenden Titel „Đằng sau thành công của nền khoa học Đức“. Das bedeutet laut Google etwa „Hinter dem Erfolg der deutschen Wissenschaft“, und wer steht da hinter dem Erfolg?

Das Titelbild zeigt jedenfalls nicht – wie in der amerikanischen und der deutschen Version – die Visionärin Angela Merkel mit Windrad oder Mikroskop (in der italienischen mit einem Roboter[6]), sondern die Visionärin Annette Schavan mit Angela Merkel, deren Unterstützung Schavan laut Bildunterschrift immer hatte. Die Google-Übersetzung obiger Passage aus dem Vietnamesischen lautet:

„Die Verbesserungen, die Wissenschaftler erleben, werden manchmal von der deutschen Kultur in Frage gestellt, die administrative und moralische Ordnung verlangt. […] Ethische Verstöße gegen Deutsch werden sehr schnell und ernsthaft gehandhabt. Merkel machte 2011 einen seltenen Fehler, als sie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verteidigte, nachdem er beschuldigt wurde, seine Doktorarbeit plagiiert zu haben. Merkel erklärte sofort, dass die Anschuldigungen nichts mit seiner derzeitigen Arbeit zu tun hätten – nicht als wissenschaftliche Hilfskraft. Dennoch musste er nach zwei Wochen zurücktreten. Viele prominente deutsche Politiker haben promoviert und dies hat zu einer Graduierungskampagne geführt. Auch Schavans Erziehungs- und Forschungsminister wird wegen ihrer Dissertation von 1980 angeklagt. Obwohl viele Wissenschaftler es nicht als Plagiat betrachten, muss Schavan 2013 noch zurücktreten.“

Also, liebe Vietnamesinnen und Vietnamesen, sehen Sie sich vor, wenn Sie der deutschen Exzellenz nacheifern! „administrative und moralische Ordnung“ ist die große Gefahr, der Sie sich nicht hingeben dürfen, wenn Sie nicht so enden wollen.

Schavan könnte doch auch Entwicklungshilfe-Ministerin werden. Dann kann sie persönlich die Vorzüge und Probleme des deutschen Wesens für die Wissenschaft in der Welt verkünden und muss dafür nicht mehr auf Alison Abbott zurückgreifen. Obwohl, das geht sicher auch als Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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Eine Antwort zu “„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“

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