VroniPlag-Institut für Plagiatsforschung – Reloaded

Erhellte Schnee mit den Reflektionen von Lichterketten die winterliche Düsternis, wurde es in den Herzen warm, und Besinnlichkeit erfasste die Gemüter. In dieser Zeit der Jahresrückblicke bietet es sich an, nochmal einen Blick auf die Idee eines bundesweiten Plagiatsforschungsinstituts mit angeschlossener Plagiatsprüfungsstelle zu werfen.

Rückblick

Im November 2011 war Debora Weber-Wulff mit ihrer Forderung bis in den Bildungsausschuss des Bundestages vorgedrungen.[1] Im Monat darauf gab es erste Plagiatsfunde in der Dissertation von Annette Schavan, die als Bundesbildungsminsterin zuständig für ein solches Institut wäre. Weber-Wulff empfand Schavans Plagiate stets als „Grenzfall“, beteiligte sich aber auch nicht an der Suche nach weiteren Plagiaten, um ihre „Grenzfall“-Zweifel zu beseitigen. Denn sie sah „einen möglichen Interessenkonflikt zu ihrem Vorstoß für eine Plagiatseinrichtung“.[1]

Auf VroniPlag waren Anfang Mai 2012 allerlei Begründungen zu hören, warum man sich dort so desinteressiert an dem Fall gezeigt hatte. Nicht nur bei der Presse, sondern auch in der Plagiatssucher-Szene kam jedenfalls die Nachricht an: „Vroniplag verteidigt Schavan“.[2] Eine Abstimmung der VroniPlagger war Ende April so ausgefallen, den Fall Schavan nicht auf VroniPlag zu veröffentlichen. Knapp, hieß es. Und das bedeute nicht, dass man den Fall nicht später noch veröffentliche, hieß es. Doch dazu, ob und wie Weber-Wulff mit ihrem „möglichen Interessenkonflikt“ an der Abstimmung teilgenommen habe, dazu hieß es nichts. Detailliert nachzulesen ist das alles in:

Die anschließende Diskussion brachte einige interessante Phänomene ans Licht und führte auch zum ersten Auftreten des geheimnisvollen Kommentators MalcomY mit seiner Interpretation einer „AntiPlagiarism mafiracy (mafiracy = Mafia + conspiracy: a term I coined in the context of the CIA Roswell cover-up)“.[3] Das Erstaunlichste an dieser Debatte war, dass niemand aus der VroniPlag-Führungsklicke auftauchte, zum Sachverhalt Stellung nahm, das Vorgehen von VroniPlag verteidigte oder die Kritiker anpöbelte, und sei es nur unter kreativen Tarnnamen.

Reloaded

Über die Gedankenspiele zu einem VroniPlag-Institut, die man ein Jahr später bei VroniPlag spielt, informiert ein Diskussionsausschnitt von gestern:[4]

Gedankenspiele zu einem VroniPlag-Institut

Aktuelle Gedankenspiele zu einem VroniPlag-Institut

Im Kontext einer Diskussion über die von der Plattform Wikia, auf der das VroniPlag Wiki betrieben wird, geschaltete Werbung, werden dort Überlegungen laut, zu Wikimedia, zur Deutschen Forschungsgemeinschaft oder auf eigene Server nach Island zu wechseln. Zentral ist aber das Spiel mit dem Vorschlag einer Institutsgründung, das rasch verschiedene Reaktionen provoziert: Zustimmung mit Konkretisierung, Zurückweisung und Widerspruch gegen die Zurückweisung.

Michael Schmalenstroer als außenstehender Beobachter schätzt solche Gedankenspiele als Knabenmorgenblütenträume ein:

„Alle Ideen, diese freiwillige Arbeit irgendwie in staatlich finanzierte feste Strukturen zu gießen, halte ich für utopisch. Dafür wird keiner auch nur einen Euro springen lassen – die Plagiatsjäger agieren ja als nervige Heckenschützen außerhalb des Systems.“[5]

Nervige Heckenschützen außerhalb des Systems, das ist es, was die VroniPlagger nie sein wollten, als was sie sich nicht sehen wollen, womit sie sich nicht zufrieden geben wollen. Wenn sie heute in der Wahrnehmung des wohlwollenden Teils der interessierten Öffentlichkeit so erscheinen, muss das an dem Selbstbild kratzen, das sie bis in den Bildungsausschuss getragen haben, das sie immer wieder den Gedanken der Institutionalisierung denken lässt, das sie ihre Aktivitäten als von der DFG gedeckt ansehen lässt.

Das klingt wie ein Stoff, aus dem Märchen gemacht sind. Doch das ist eine andere Geschichte.

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9 Antworten zu “VroniPlag-Institut für Plagiatsforschung – Reloaded

  1. Keine Ahnung, wie die sich das im Detail vorstellen (ich halte es für unmöglich und auch nicht erstrebenswert), bei dem Fachgespräch im Bildungsausschuss traf die Idee ja auch nicht auf viel Zustimmung:

    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a18/anhoerungen/Qualit__t_wissenschaftlicher_Arbeiten/index.html

  2. Och, das einzige im Bildungsausschuss (danke für den Link!) vorgetragene Gegenargument lautet ja ausschließlich Föderalismus, würde ich meinen. Weber-Wulff sagte: „Deutschland braucht eine nationale Beratungsstelle für Plagiate und wissenschaftliches faires Verhalten.“ Die direkte Antwort aus der Regierungskoalition lautete: „Ich habe da Zweifel an so einer nationalen Beratung, Frau Weber-Wulff, weil das in diesem vielfältigen System und in der föderalen Gliederung schwierig ist.“ (Monika Grütters, CDU)

    Und der Staatssekretär aus dem BMBF, Helge Braun, sagte explizit, man wolle 1. eine „bessere Statistik“ (die gibt’s ja inzwischen, die lautet: Noteninflation, wie neulich durch die Presse ging); man wolle 2. „natürlich ein stärker formalisiertes System“ der Promotion, soweit das föderalistisch machbar ist; und mal habe 3. „die Möglichkeit der Förderung von Forschungsvorhaben, die sich auch mit der Evaluation wissenschaftlicher Verfahren auseinandersetzt“, und diese Möglichkeit wolle man im BMBF auch nutzen. Das könnte man als dezente Ankündigung von Forschungsgeldern für ein Plagiatsforschungsprojekt interpretieren. (Wortprotokoll vom 9.11.2011)

  3. So wie ich das verstanden habe, ging es dem BMBF (und anderen) vor allem um bessere Betreuung von Doktoranden, besseres und frühes Vermitteln von korrektem wissenschaftlichen Arbeiten. Es soll um das Vermeiden von Plagiaten gehen, nicht um das spätere Aufspüren und Anprangern.

    Das Argument Föderalismus ist ein sehr gewichtiges. Ich glaube, die von Schavan geplante Änderung des § 91b GG hängt immer noch im Bundesrat fest und wird dort auch noch lange festhängen. Wobei Schavan dabei wohl ausschließlich die Spitzenförderung im Blick hat.

    Hintergrund dieses Fachgesprächs damals waren zwei Anträge der Opposition, die später sang- und klanglos im Bundestag abgelehnt wurden. Seitdem ist aus der Politik eigentlich auch nichts zum Thema Plagiate zu hören, oder habe ich etwas überhört?

  4. Nein, da würde ich widersprechen: Bessere Betreuung von Doktoranden sowie besseres und frühes Vermitteln von korrektem wissenschaftlichen Arbeiten sind zwar die richtigen Lösungsansätze, aber darum ging es dem BMBF nicht. Da wäre es (Föderalismus) ja auch gar nicht zuständig, und sein Geld steckt das BMBF ohnehin lieber in Spitzenforschung als in die Sicherung von Mindeststandards. Das Statement von Helge Braun (BMBF) auf S. 48 enthält nichts dergleichen.

    Wichtig dazu ist auch die Fragestellung an das BMBF durch die Vorsitzende Burchardt auf S. 41f. Burchardt möchte überhaupt mal irgendwen für irgendwas verantwortlich machen können, und formuliert – gerichtet an das BMBF – einen „Bedarf nach mehr Transparenz. Der Bund ist qua Verfassung für Bildungsforschung zuständig, also alles, was mit dem Sammeln von Daten zusammenhängt. Das könnte bundesseitig finanziert werden, und der Bund macht an unterschiedlichen Stellen im Bildungsbereich, bis in die Schulen hinein, Modellprojekte. Insofern könnte man ein Modellhandbuch für beste wissenschaftliche Praxis mit Anleitung und Beratung machen.“

    Burchhardt, und das hat M. Bewarder ja schon im Mai so angedeutet, hat also vom BMBF verlangt, Bildungsforschung zu guter wissenschaftlicher Praxis zu machen und daraus Beratungsangebote und ein Modellhandbuch zu entwickeln. Das BMBF hat diese Forderung der Opposition nicht brüsk zurückgewiesen, sondern geantwortet, man sammle ja schon Daten, und sei auch bereit, „Forschungsvorhaben, die sich auch mit der Evaluation wissenschaftlicher Verfahren“ befassen, zu fördern (S. 48).

    Mit Plagiaten befassen sich zuletzt ja eher Vorfeldorganisationen der Politik, der Wissenschaftsrat oder die DFG zum Beispiel. Aber die waren in den letzten Monaten ja vor allem damit beschäftigt, ihre derzeitigen und ehemaligen Spitzenfunktionäre als Unterstützer Schavans in den Ring zu werfen, die beteuerten, dass Schavan unmöglich plagiiert haben könne, dass das eigentlich Skandalöse ein Düsseldorfer Whistleblower sei, sowie die Hetzjagd im Internet, und dass nach 32 Jahren auch mal Schluss sein müsse mit der Qualitätssicherung. Schavan ist doch seit Mai ohnehin weitgehend handlungsunfähig. Das ist natürlich fatal, wenn man möchte, dass sie solche Forschungs- und Beratungsprojekte inauguriert.

  5. Was sollte das BMBF denn in der Situation auch sonst antworten? „Ätsch, das interessiert uns alles nicht“? Die Anträge der Opposition, die dort ja eigentlich zur Diskussion standen, waren infolge vor allem der Guttenberg-Affäre entstanden, später ereilte sie ein ähnliches Schicksal wie das Meldegesetz (nur dass sich auch hinterher niemand dafür interessierte). Dieses Fachgespräch im Ausschuss war reine Schaufensterpolitik in der Nach-Guttenberg-Ära. Konsequenzen daraus? Ich sehe keine.

    An den Hochschulen tut sich ein bisschen, das ist auch gut und sie sind zuständig, aber die Politik wird sich erst einmal nicht weiter damit befassen. Warum auch? Gibt es in dem Bereich etwa Probleme in der Bildungsrepublik Deutschland?

    Ganz ehrlich gesagt, ich wüsste nicht, was man an Plagiaten erforschen soll.

    Ui, der Schnee hier bleibt bei mir schon liegen. Kein gutes Zeichen.

  6. Ja, Schaufensterpolitik. Ja, Etaterhöhungen für Organisationen der „Spitzenforschung“ sind natürlich noch schönere Schaufensterpolitik als die Auseinandersetzung mit Missständen.

  7. Pingback: Von einem, der auszog, akademisch zu werden | Erbloggtes

  8. Tyrannosaurus Rex

    Heidis VP-Institut

    „Obwohl er es schon schön fände, wenn Annette Schavan sagen würde: „Ihr macht das gut, macht mal weiter. Ich stelle euch einen Etat zu Verfügung.“ (Heidingfelder in TAZ online, 21.5.11).

    „Das Erfolgsmodell VroniPlag müsste beispielsweise internationalisiert werden. Eine Anbindung an Universitäten müsste erfolgen. Konkrete Anfrage zu beidem liegen vor.“ (Heidingsfelder in: Erbloggtes, Deutschland und Österreich im Plagiatsvergleich, 4.4.12 12:57 Uhr)

    „Nach dem Plagiatsverdacht gegen Bildungsministerin Schavan hat sich nun der Gründer von VroniPlag zu Wort gemeldet. Er und andere Plagiatsjäger hätten schon vor Wochen Schavans Doktorarbeit untersucht – aber den Fall als zu unerheblich betrachtet.“ (Focus online, 3.5.12) „Martin Heidingsfelder, Gründer der Internetplattform „VroniPlag“, räumt nämlich ein, dass Schavans Doktorarbeit seit Monaten Gegenstand interner Recherchen ist. Es seien jedoch nicht ausreichend Beanstandungen gefunden worden, um die Veröffentlichung zu rechtfertigen“ (Südwest Presse online, 3. 5.12) „VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „VroniPlag hat bereits seit einigen Wochen an dem Fall Schavan gearbeitet“ (Stern, 3.5.12) „Martin Heidingsfelder: „Die genauen Hintergründe diesbezüglich kenne ich nicht.““ (dradio, 3.5.12) „Einige Stellen in Frau Schavans Arbeit sind aus meiner Sicht ganz klar Plagiate, aber insgesamt handelt es sich um keinen zweiten Fall Guttenberg“(n-tv online, 3.5.12) „Bei Schavans Arbeit handele es sich um einen Grenzfall, der gleichwohl öffentlich diskutiert werden müsse“( TAZ online, 3.5.12) „Heidingsfelder: „Man hat sich selbst hohe Hürden bei VroniPlag gesetzt, um niemanden falsch zu verdächtigen – und das ist gut so.“ … (Bild Online 3.5.2012).

  9. Das hierhin zu posten macht eigentlich nur Sinn, wenn Sie denken würden, dass ich die Kampagne von Martin Heidingsfelder zu seiner Wiedereinsetzung als König von VroniPlagien unterstützen würde, die sich etwa so ausdrückt:

    Das ist aber so offensichtlich Unsinn, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Also sage ich einfach Danke, dass Sie sich aller persönlichen Invektiven enthalten haben. Geht doch!

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