Der Tag, als ein Einser-Abiturient in den Abgrund der deutschen Facebook-Kommentarkultur blickte

Ereignete sich als lose Fortsetzung zum Tag, als ein ZDF-Redakteur in den Abgrund der deutschen Facebook-Kommentarkultur blickte, jüngst ein ähnlich schreckliches Ereignis in diesem schönen Land, so kommt man letztlich doch nicht umhin, dies der Nachwelt zu erhalten. Zum wiederholten Mal hat eine bekannte Zeitung zu einem besonderen Datum eine Ausgabe „an alle Haushalte“ verteilen lassen.[1] Das wäre nicht weiter erwähnenswert, ebensowenig, dass sie damit einen arglosen Jugendlichen, nach Angaben der Zeitung immerhin volljährig, zum Opfer macht. Mehr zur Opferrolle weiter unten, zunächst aber die Aufklärung darüber, warum die Angelegenheit erwähnenswert ist:

Für den guten Zweck

Einser-Abiturient

Einser-Abiturient A. K.: Kann ein Zeugnis lesen!

Durch einen Blogartikel gewährt das Opfer der Zeitung, der „Einser-Abiturient A[…] K[…] (18)“ aus München, Einblick in die Praktiken, mit denen die besagte Zeitung „recherchiert“, wenn es ihr um Wahlpropaganda geht. Die Zeitung suchte offenbar dringend noch einen Erstwähler, der sich dazu bekennen würde, seine Stimme bei der Bundestagswahl an die CSU zu geben. Denn unter den 32 Erstwählern (die auch im Internet vorgestellt werden) hatte keiner eine solch abwegige politische Orientierung eingeräumt. Nicht dass die Statements oder ihre Begründungen auch ohne einen CSU-wählenden Münchner mit Berufsangabe „Einser-Abiturient“ absurd genug gewesen wären.

Für die Grünen hat man etwa einen Knacki (mit Foto in der JVA!) und zwei Homosexuelle ausgesucht (um nicht zu sagen: erfunden), außerdem eine Frau, die ihre Stimme für die Grünen damit begründet, dass „der Parteichef türkische Wurzeln hat“. Der Linken hingegen will bloß ein vor dem Hauptbahnhof bettelnder Punk seine Zweitstimme geben. Und die FDP wählen zwei 39 Jahre alte angebliche Erstwähler. Für die CDU hat man, um einen angemessenen Abstand zur SPD herzustellen, unter anderem die „Tochter des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach“ befragt, ob sie denn Papi wählt (Antwort: ja). Insgesamt konstruiert die Zeitung dieses Verhältnis:

Erstwaehler

Angebliche Parteienpräferenzen von Erstwählern

Dass dabei eine Stimme für die CSU nicht fehlen durfte, versteht sich ja von selbst. Und wenn man Grüne am besten im Knast und Linke auf dem Bahnhofsplatz findet, dann ist der Ort, wo man CSU-Wähler naturgemäß finden kann, selbstverständlich …

„Die Hanns Seidel Stiftung, deren Stipendiat ich mit Beginn des Wintersemesters sein werde, hat mich vor zwei Monaten gefragt, ob ich der Bildzeitung ein Interview geben wolle. Es ginge um eine Sonderausgabe zur Bundestagswahl und sie wollten einen Abiturienten als Erstwähler interviewen. Ich habe das Angebot angenommen und in der Folge etwa zwanzig Minuten mit einem Redakteur telefoniert. Was von dem Gespräch geblieben ist, kann man in der Ausgabe nachlesen.“

Genau: Die Parteistiftung der CSU, die als „Vorfeldorganisation“ ihren Stipendiaten monatlich den Lebensunterhalt überweist. Selbstverständlich ist die Förderung, die aus dem Haushalt des BMBF stammt, wie treue Leser wissen, nicht an Mitgliedschaft oder Engagement in der Partei gebunden. *zwinker* Und wenn man ab Oktober Stipendiat sein soll, dann ist natürlich Juli der beste Zeitpunkt, um mal nachzufragen, ob man im Gegenzug für die materielle (und vor allem die ideelle) Förderung nicht auch zu einem öffentlichen Bekenntnis bereit wäre.

Gut, wenn man so nützliche Kontakte in die Parteien hat. Da fällt das mit dem „Journalismus“ dann auch gar nicht mehr so schwer. Das war’s hier eigentlich auch schon an Bemerkenswertem. Sonst war da nur noch was über Opfer von Diskriminierung:

Das Opferlamm und die Stimme aus dem Dornbusch

Das Opfer der Zeitung musste nämlich, nachdem das oben abgebildete „Interview“ abgedruckt worden war und sodann seinen Weg zu Facebook fand, Cyber-Mobbing übelster Art erdulden. Wenn die Facebook-Meute über Claudia Roth herfällt und ihre Ressentiments (namentlich Hass, Nationalismus und Glaube an Medienmanipulation) versprüht, lässt sich immerhin noch sagen, dass Roth das als gestandene Berufspolitikerin verarbeiten kann. Ein Abiturient kann das eher nicht. Ja gut, bajuwarischen Nationalismus und Medienmanipulation bringt er ja wie gesehen selbst mit. Aber der Hass, der macht ihm zu schaffen.

Leider ist eine Anonymisierung wie oben versucht wenig erfolgversprechend, wenn heute die Verarbeitungsbemühungen solcher narzisstischer Kränkungen zunehmend öffentlich und gleichsam als Personality-PR unternommen werden. Da schildert A. K. dann in seinem Blog, wie er von Freunden auf den Abgrund der Facebook-Kommentarkultur gestoßen wurde, als er gerade „von einem Wiesnbesuch bei strahlendem Sonnenschein zurückkam“. Anschließend zitiert und kommentiert er einige negative Kommentare, die Eindruck auf ihn gemacht haben, und versucht zu verstehen, inwiefern er für die negativen Einstellungen, die ihm gegenüber ausgedrückt werden, selbst verantwortlich ist, und inwiefern die Facebook-Kommentatoren schuld an der Situation sind, mit der er, A. K., nun so zu kämpfen hat.

Er fühlt sich als Opfer dieser Kommentatoren, als Objekt ihres Hasses, und damit auch als Opfer einer zivilen Wohlverhaltenskultur, die als „political correctness“ zu geißeln er noch nicht in der Lage ist. Das kommt aber noch, denn die zentrale Denkfigur, „die anderen“ wollten ihm den Mund verbieten und seine „Meinungsfreiheit“ beschneiden, benutzt er bereits. Und jemandem mit so vielen Privilegien den Mund zu verbieten, das geht nun wirklich nicht, das ist doch Diskriminierung von der schlimmsten Sorte, nämlich Diskriminierung von Leuten, die sie nun wirklich nicht verdient haben. Auch die nötige Verachtung für die Ziele der als irgendwie links imaginierten „anderen“ scheint zwischen seinem sarkastischen Schutzschild bereits durch, wenn er die Forderung nach Toleranz als „Toleranzaza“ verhöhnt und anschließend jammert:

„In unserer quietschfidelen, bunten, emanzipierten und gleichgestellten Gesellschaft läuft alles wunderbar, zeigt sich wiedermal.“

Im Sinne des Bekenntnisses „und das ist auch gut so“, das übrigens von einem Repräsentanten dieser „quietschfidelen, bunten, emanzipierten und gleichgestellten Gesellschaft“ stammt, schließt A. K. damit, sich zu den ihm nachgesagten Charakterschwächen (etwa Borniertheit, Spießigkeit und Ahnungslosigkeit) zu bekennen und seinen Stolz darauf trotzig mit den Worten „Und ich bin es gerne.“ zu bekunden. Denn ein Bekenntnis, das war es doch, worum die CSU-Stiftung ihn gebeten hatte. Was er mit seinem an- und abschließenden Zitat sagen möchte, ist daher leicht zu interpretieren:

“Ego sum, qui sum.” – Exodus 3,14

Wie es um die Reflexionsfähigkeiten des stolzen Social-Media-Jungstars steht, demonstriert die Verwendung dieser Bibelstelle freilich fast ebenso deutlich. Für die nicht bibelfesten Leser sei erläutert, dass diese Worte, wörtlich übersetzt als „Ich bin, der ich bin“, Teil der Antwort sind, die Gott auf die Frage nach seinem Namen gibt, als er aus einem brennenden Dornbusch zu Moses spricht und ihn beauftragt, die Israeliten aus Ägypten zu führen.[2]

Shitstorm-Opfer A. K., gerade dem Dornbusch entsprungen, will damit natürlich nicht sagen, dass er Gott sei, sondern dass er ein Ebenbild Gottes sei. Das versteht sich auch von selbst für einen zünftigen Burschen, der aus der selbsterklärten „Pforte zum Paradies“ kommt. Da ist auch jegliche narzisstische Kränkung nur allzu verständlich, sobald man merkt, dass man nicht der Mittelpunkt des Universums ist, vom Affen abstammt und das eigene Ich auch nicht so recht die die Zügel in der Hand hält. Wie sich ein solches Selbst- und Weltverhältnis aus Traumata der frühen Kindheit begreifen lässt, erklärt Sigmund Freud in seinem Spätwerk Der Mann Moses und die monotheistische Religion (PDF), besonders auf S. 133ff.

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27 Antworten zu “Der Tag, als ein Einser-Abiturient in den Abgrund der deutschen Facebook-Kommentarkultur blickte

  1. „Es hat sich für unsere Forschung herausgestellt, dass das, was wir die Phänomene (Symptome) einer Neurose heissen, die Folgen von gewissen Erlebnissen und Eindrücken sind, die wir eben darum als ätiologische Traumen erkennen.“ S. 133 (Zitat getroffen?)

  2. Ich habe ein gewisses Verständnis für den jungen Mann. Es scheint unter Menschen ein Hackreflex zu sein auf Bessergestellte in jedweder Form loszugehen. Seien es Leute, die einen besseren Schulabschluß gemacht haben, einen besserbezahlten Job haben etc. Dass er sich vermutlich den Arsch abgearbeitet hat um ein Einserabitur zu machen interessiert keinen. Ich formuliere es jetzt bewußt überspitzt: Stattdessen fühlen sich diejenigen benachteiligt und hacken auf ihm herum, die früher in den Pausen hinter der Schule geraucht haben statt sich auf den Unterricht vorzubereiten.

    Es ist schon nicht selbstverständlich, dass jemand in einer solchen Situation Altruismus bewahren kann. Aber wenn er noch einen Shitstorm abbekommt braucht sich niemand zu wundern, dass er (Gegen-)Haß auf diese von ihm als Gruppe wahrgenommenen Menschen aufbaut. Gewalt erzeugt meist Gegengewalt…

  3. A. K.s Reflexionsfähigkeiten sind wirklich bemerkenswert. Ich meine das nicht positiv.

  4. Was soll der Driss? Ich bin zwar kein Fan der Zeitung und habe auch diese Ausgabe ungelesen entsorgt, aber deine statistische Auswertung zeigt doch vor allem eins: Die Verteilung ist sehr nahe am (vor der Wahl erwarteten) Ergebnis. Und der Kommentar „[..] hatte keiner eine solch abwegige politische Orientierung eingeräumt [..]“ ist mehr als offensichtlich faktisch falsch und von dir konstruiert. CDU/CSU hat -das kannst du überall schwarz auf weiß nachlesen- mit Abstand die meisten Wähler in Deutschland. Es wäre ein Skandal gewesen, nicht einen CSU-Wähler in der Ausgabe zu haben!

    Der ECHTE Skandal ist wie in deiner Überschrift zu lesen, dass auch Menschen aus der politischen Mitte mittlerweile vom Internetmob als vogelfrei erklärt werden und viele es als legitimen Grund sehen, diesen in seiner Meinungsfreiheit zu bedrohen und sein (online-) Auftreten terrorisieren. Der Hintergrund der „Stiftungsgebundenheit“ ist ein polemischer pseudo-Grund an der Souveränität der Aussage des Interviewten zu zweifeln.

  5. Also von Pseudogrund kann da in meinen Augen keine Rede sein, immerhin kaufen sich die Leute diese Ausgabe nicht selbst. Hier wurde massiv mit der wirtschaftlichen Macht des Springer-Konzern Einfluss auf die Wahl genommen und das so gut wie möglich getarnt. Ich empfehle dazu den konkreten Artikel http://www.bildblog.de/51922/bild-zur-wahl/

  6. Mathias Leenders

    Meiner Meinung nach erntet jeder, der sich öffentlich wahrnehmbar äußert, in irgendwelchen Online-Winkeln shit-storm-ähnliche Reaktionen, egal ob er nun prominent ist oder nicht oder welcher politischen Couleur derjenige angehört.
    Ich habe mal vor 10 Jahren eine trashige Website veröffentlicht, die eher für Freunde und Bekannte gedacht war, deren Existenz sich aber auch entsprechend verbreitete und auch damals noch ohne Facebook und Co. zu an verschiedensten Stellen auftauchenden Beschimpfungen, Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen führte. Ich war damals erschrocken, weil ich mit sowas nicht gerechnet hatte, heute weiß ich, dass wenn ich irgendwas online kommentiere irgendwo weiter unten eine derartige Reaktion normal ist, jedenfalls für die, die sich in Internet unangreifbar wähnen.

  7. Alexander Kammerer

    Wenn schon, dann den kompletten Blogartikel durchlesen. http://a-k.bplaced.net/blog/?p=412

    [Anmerkung Erbloggtes: Wie angedeutet sind alle Bemühungen um Anonymisierung zum Scheitern verurteilt, wenn das Internet in der Hauptsache als Werkzeug der Personality-PR angesehen wird. Da unter diesen Umständen wohl jede Publicity als gute Publicity aufzufassen ist, verlangt der oben anonymisierte Social-Media-Jungstar vehement nach Deanonymisierung. Der Wunsch sei hiermit erfüllt.]

  8. Danke, „Frei“.

    Es ist ja völlig unübersehbar, dass der Artikel seine polemische Energie vor allem daraus zieht, dass hier jemand aus Sicht des Bloggers die falsche parteipolitische Präferenz hat. Das verlangt natürlich nach Häme, bezeichnenderweise anonym.

  9. @Jonas: Eine einfache Antwort auf die Frage, wer den zuletzt schuld ist. Des einen Hass ist entschuldigt, des anderen nicht?

    @Frei: Die CSU ist die kleinste im Bundestag vertretene Partei. „Menschen aus der politischen Mitte“ findet man selbstverständlich nur in den Elitefördereinrichtungen der Parteien. Und wenn der Internetmob sich gegen diese wendet, dann ist das echt skandalös, schließlich soll der Internetmob zuerst mal die anderen terrorisieren, die es verdient haben, nicht wahr?

    @Mathias Leenders: So ist es. (Siehe auch unten, meine Antwort an Alex.)

    @Storb: Wieso? Es ist doch genau die richtige parteipolitische Präferenz für einen Seidel-Stipendiaten, dem niemand vorschreiben darf, wie er leben soll, der verständlicherweise nicht auf eine Gesamtschule will bei dem ganzen Abschaum da, dem es gut geht aufgrund der aktuellen Regierung. Die polemische Energie (vielen Dank) würde ich eher auf den Narzissmus zurückführen, mit dem jemand, der von polit-medialen Manipulatoren zu deren Zwecken missbraucht wurde, sich das auch noch schönredet. Dass ich so jemanden nicht nochmal viktimisieren will und ihn daher bestmöglich zu anonymisieren versucht habe, können Sie mir kaum vorwerfen.

    @Alex: Da ist noch mehr. Mir ging es eher um den Abschnitt „Ad I“, in dem im Zusammenhang mit den narzisstischen Kränkungen die Verknüpfung von Aggression (Angst, Hass) und Lust angesprochen ist. Dass sich diese Verknüpfung im Internet so ungehemmt Ausdruck zu verschaffen vermag, ist meines Wissens in der Sozialpsychologie noch nicht gewürdigt worden.

  10. Alexander Kammerer

    Ihr letzter Absatz des Artikels ist nur darauf ausgerichtet, mich bloß zu stellen – wenn auch „anonymisiert“. (Jeder hat die Zeitung verteilt bekommen. Jeder kann die Ausgabe digital lesen. Der einzige wirklich anonymisierende Griff wäre es gewesen, gar keinen Artikel zu schreiben. Warum eigentlich auch nicht?)

    Ich akzeptiere viel, aber Sie haben ein ganz anderes Problem: Sie spielen sich hier als Moralinstanz auf, vor der jeder (HSS, ich, die Bildzeitung, etc.) sich zu verantworten hat für ihr Handeln.
    Was ein gewisses Milieu (Bildzeitung) und all das mit ihr Zusammenhängende tut, ist prinzipiell schlecht.

    Dass ich eine gewisse parteipolitische Präferenz habe, ist bekannt. Aber das ist beileibe kein Kriterium für ein Stipendium der Hanns-Seidel-Stiftung. Ferner: Die klare Minderheit, dich ich auf der Auswahltagung traf, war parteipolitisch aktiv. Sie sollten hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln, schon insbesondere deswegen, da Sie keinen Beleg bringen für Ihre Vermutung.

    Erklären Sie mir weiterhin, wo ich „Hass“ hege. Und vor allem gegen wen.

    Nur nebenbei: Das Zitat zur Gesamtschule ist überzeichnet. (Und nur deshalb erregt es Aufmerksamkeit.) Dass ich nicht auf eine Gesamtschule gehen wolle, ist wiederum eine Vermutung von Ihnen. Die Aussage ist wieder am eigentlichen Punkt vorbei: Nämlich der Debatte um eine Gesamtschule an sich. Das führe ich jetzt aber nicht aus.

    Was Sie letztlich versuchen, ist, den Sachverhalt zu verklären. – Ich habe (einer Ihnen verhassten Zeitung) ein Interview gegeben, das kurz und prägnant zusammengefasst wurde. Daraufhin wurde ich bloßgestellt und beleidigt. Dagegen habe ich keinesfalls verbittert und mit Ironie geantwortet.

    Ich weiß auch, dass ich hierauf keine vernünftige, von „Polemik“ (oder dem, was Sie darunter verstehen) freie Antwort Ihrerseits bekommen werde. Für Sie bin ich hoffnungslos – womöglich macht es bald *Klick* und ich verstehe die Grundzüge der Welt, die Sie längst durchblickt haben. Auf diesen Tag freue ich mich. Und vielleicht verstehe ich bis dahin, warum Sie diesen Artikel geschrieben haben.

    Bis dahin.

  11. Wir teilen offenbar einige grundlegende Annahmen nicht, einschließlich der über die Ausrichtung des letzten Absatzes, oder wie man jemanden anonymisiert bloßstellen kann, oder wer welche Probleme hat.

    Die Moralinstanz, vor der jeder sich zu verantworten hat, nennt man übrigens Öffentlichkeit. Das ist eine Errungenschaft der Aufklärung und Grundvoraussetzung für die so hochgeschätzte Meinungsfreiheit.

    Die Beweggründe für den Artikel lassen sich in ihm selbst wiederfinden, sie werden dort durch markierende Formulierungen sogar besonders hervorgehoben. Was vielleicht den Blick darauf verstellen mag, worum es hier geht, ist die Annahme, es ginge um eine Person. Niemandem, dessen öffentliche Äußerung ich wahrgenommen habe, geht es um A. K. aus M. Nicht der Zeitung, nicht den Facebook-Kommentatoren, nicht den Twitterern, nicht mir und nicht dem Bildblog, und auch den Kommentatoren oben nicht. Für sie alle ist die Person, um die es angeblich geht, völlig irrelevant.

    Allen geht es um andere Dinge, und die werden nur auf dem Wege der Thematisierung einer Person verfolgt.

  12. Was willste machen? So ist halt der Lauf der Welt…

  13. Pingback: Umleitung: Herbstdiät, Informatik, Medienkultur … und morgen Heinrich Lübke. | zoom

  14. Jemand, der nicht „prominent“ ist, aber der „Bild“ freiwillig ein Interview gibt, darf sich nicht wundern, wenn er lächerlich gemacht wird (auch sogenannte Personen des öffentlichen Lebens sollten das nicht tun, die verfolgen dadurch aber andere Ziele).
    Dass diese Person dann auch noch mit „Einser-Abiturient“ untertitelt wird, macht die Sache noch lustiger (es sei ihm selbstverständlich gegönnt, aber mit der allgemeinen HochschulREIFE sollte man wie gesagt der Bild kein Interview geben).
    Die Tatsache, dass diese Person dann auch noch Wahlwerbung für eine Partei macht, die ihn zukünftig indirekt finanziell unterstützt, ist dann noch ein besonderes Schmankerl.

    Das verdient natürlich keinen Hass oder gar Drohungen, was, wie in jedem Fall, zu verurteilen ist, aber in Ruhe belächeln kann man die ganze Sache schon.

    Das einzige, was man als „Einser-Abiturient“ anscheinend nicht weiß, ist: Die Bild-ZEITUNG ist ebendies nicht, sondern billigste Meinungsmache. Selbst wenn man auch diese Meinung hat, sollte man sich nicht für dieses manipulative Blatt hergeben.

  15. @erblogger

    ah, wir nehmen zur kenntnis: es gibt nicht nur einen vandalierenden „rechten“ bodensatz, der sich ins internet erbricht, es gibt auch einen, der sich als „links“ versteht … und doch nur unge/uner-zogener pöbel ist, der ungeniert seinen niederen instinkten luft macht.

    mobbing ist es ja in beiden fällen und ich möchte weder in der haut von claudia noch in der von alexander stecken, auch wenn ich seine einlassung „ich wollte ja nur mal mit der handgranate spielen, wie kann ich ahnen, daß das ding explodiert“ schon ein bißchen naiv und larmoyant finde.

    da er diesen blog nicht kennt, also im grunde nicht einschätzen kann, auf welchem niveaulevel er gerade versucht zu tanzen, sehe ich ihm die beleidigte leberwurst persönlich nach und finde du hast da gerade den jungen mann auf sein grundmißverständnis hingewiesen: es geht wirklich nicht um ihn – es geht um ein phänomen. das der zunehmenden verwahrlosung im öffentlichen umgang miteinander.

    danke also für das delikate fallbeispiel 😉

    @alexander

    sei so lieb und erschiess nicht den postboten, es ist ja nicht der erblogger, der deine f#ckbookpostwand mit unsäglichem vollgekritzelt hat. du antwortest hier auf eine geradezu erschreckend naive art, die nur verdeutlicht, aß du nicht verstanden hast, was geradezu zwangsläufig dabei herauskommt, wenn man mit dieser handgranate spielt.

    liest man in bayern im unterricht nicht „die verlorene ehre der katarina blum“? tcha, zu viele csu bildungsminister, wie es scheint, denn das wusste man ja schon alles in den 70ern …

    du hast auf „5 minutes of fame“ (warhol) spekuliert und herausgekommen sind „5 seconds of shame“ (marilyn manson).

    du wolltest, wie ich deinem blogeintrag entnehme, eine „erfahrung“ machen. nun gut, jetzt solltest du auch daraus lernen.

    im moment jammerst du noch, das ist okay soweit, du warst naiv, das waren wir alle in dem alter (ich war FDP mitglied mit 19 als das land noch „sozialliberal“ war) und der beste rat, den man dir in dieser situation geben kann: versuch zu verstehen, daß es der erblogger hier „gut“ mit dir meinte.

    andere werden deine naivität mit sehr viel mehr hohn quittieren.

  16. @“hinterwald“: Du wirst es nicht glauben, aber hier versuchen Leute, die sich ansonsten in Beleidigungen, Vulgaritäten und „Krebsgeschwür“-Metaphorik ergehen, wie folgt zu kommentieren: „Als Beobacher fällt mir allerdings auf, dass sich die Radikalität des vornehmlich Linken Mobs (ob online oder offline) im Laufe der letzten Jahre stark ausgeweitet hat. Ich gehe seit dem 22. September sogar soweit eine Nazi-Parallele zu ziehen.“

    Danke, dass du sanft auf mein eigentliches Thema zurückleitest! Die Frage der Organisations- und Funktionsweisen von Onlinediskursen wird uns weiter beschäftigen. Heute ein paar Überlegungen zu diesen Punkten: (a) Inwiefern gibt es zentrale Steuerungseinheiten? (b) Inwiefern wird bloß ein burschikoses Stück zur Unterhaltung aufgeführt? (c) Und wie entsteht eine mediale Eigendynamik aus dem Zusammenspiel von Millionen unabhängigen Akteuren?
    Zu Frage (a) ließ sich hier eine zentrale Diskurssteuerung aus polit-medialen Zirkeln vorführen. Inputs in den Diskurs werden von interessierter Seite geplant und mit großem Mitteleinsatz organisiert, auch ohne dass alle Beteiligten sich dessen bewusst sind. Es ergibt sich daraus – erstmal: irgendwie – eine mediale Eigendynamik (c), in der nicht die eigentlichen Fragen zur Sprache kommen, sondern überwiegend emotionalisierende Strohmannthemen für aufreibende Scheingefechte herhalten müssen.
    Zur Frage (b) hast Du vielleicht den Fall „kleines scheusal“ mitbekommen, der Anfang September die Runde machte. Darin wurden, angeblich aus letztlich vorwiegend kommerziellen Motiven, kontroverse politische Positionen vorgetäuscht und dabei authentische Akteure auf verschiedenen Wegen manipuliert. Auch wenn ideologische Positionen der fiktiven Figur „kleines scheusal“ sicherlich ihrem Betreiber, dem Inhaber einer PR-Firma, zuzurechnen sind, war die dahinterstehende Handlungslogik doch eine im Kern ökonomische: Ein diskursives Bauerntheater sollte Bekanntheit und Polarisierung als Ressource für anschließende (verschleierte) Produktwerbung generieren. Auch eine solche Vorgehensweise hat natürlich den Effekt, dass die eigentlich relevanten Fragen nicht zur Sprache kommen (c).

  17. @erblogger

    wir hatten das gespräch im kern ja schon mal bei im mai klaus, wie du dich erinnerst, und da da war das ja noch ein obskurer gedanke aus einem nicht minder obskuren buch („kill decision“ von daniel suarez), mit dem klaus da noch ein bißchen probleme hatte … naja, wenn damals jemand gesagt hätte, daß die NSA …

    woraus wir lernen, daß man sich besser mal „obskure“ sachen vorstellen sollte, sie werden nachher von der wirklichkeit meilenweit getoppt.

    der grundgedanke ist übrigens schon von orson scott card im zweiten band seiner ender trilogie (OOT: der erste kommt im herbst nach dreißig jahren endlich ins kino, ender’s game) „sprecher für die toten“ komplett durchdekliniert als strategie seiner machtübernahme: er übernimmt einfach alle konträren positionen und fügt sie peu a peu zu einer, sich selbst zusammen, wobei er seine „fans“ mitnimmt ….

    so brandaktuell kann science fiction sein.

    die geschichte mit dem „kleinen scheusal“ (#om13) habe ich gestern abend (koinzidenz, ick hör dir trappsen) noch mal beim abendessen mt meinem stiefsohn als paradebeispiel für das, was gerade so passiert und was man nicht übersehen sollte, durchdiskutiert. das wird es uns in zukunft sehr viel schwerer machen, unser gegenüber im netz „ernst“ zu nehmen, oder besser gesagt, ihm unser vertrauen zu schenken.

    ben hat uns ins stammbuch geschrieben, daß gemacht wird, was eben geht, wir werden also damit leben müssen, daß uns noch ein haufen finsterer erfahrungen bevorstehen.

    wobei ich für dein (a) keine zentrale (unipolare) steuerung sehe, eher das, was ich letztens mal „scripted realities“ genannt habe: ein vielzahl von interessenten trifft auf die pavlowsche reflexhaftigkeit eines emotionalisierbaren netzes und dann brettern alle über die „gedankenautobahn“ – sozusagen ein festival meiner leib & magenthemen 😉

    bei (b) plädiere ich im moment noch für „herumspielen“, es wird halt mal ausgetestet, was so geht … und es geht ja eine menge, weil alle sich auf ihre jeweiligen spezialitäten kaprizieren und so eine emanzipative bewegung schön gegeneinander ausspielen läßt, zumal ja gerade auch noch die parole ausgegeben wird, jeder solle sich lieber mal in seiner bubble verstecken (mein vorletzter, uncharmanter tweet).

    für mich macht das also „perfect sense“ (es sei denn, es ist auch wiederum nur _meine_ bubble …).

    zu (c): das problem – was sind die „wesentlichen“ fragen? da hat ja jeder seine eigenen präferenzen und zum teil auch seine eigene snobistische attitüde, wer was wann und wo sagen darf ohne daß sofort eine hilfreiche nanny den spielraum auf ihr eigenes verständnis von dem, was wichtig ist und wie oft es gesagt werden darf, einengt (okay, das war jetzt auch boshaft). aber das ist das problem wir verlernen das zuhören und scheuen das andere, das sich mit dem eigenen nicht deckt.

    ich habe – offen gestanden – keine idee, wie dem zu begegnen ist. wir sehen den zug auf uns zufahren und sind untereinander ja jetzt schon zum teil von großem unverständnis und unduldsamkeit, je nachdem wie ernst/wichtig wir uns selbst nehmen.

    wir sollten lieber mal unsere unterschiedlichkeit zelebrieren lernen und uns freuen, daß der „andere“ so schrecklich „anders“ ist.

    in dem sinne ist alexander (back to topic) ja auch nur „anders“ und das einzige, was uns irritiert ist seine „naivität“. aber selbst das sind wir selbst ja auch zu jedem zeitpunkt – vom nächsten aus gesehen – und das eigentliche problem ist eher die abgrenzung. du da, wir hier …

    wenn wir ihn hier schlecht behandeln (was du definitiv nicht getan hast, mal gucken, ob er die größe besitzt, dazuzulernen statt zu verstocken), wird er vielleicht morgen auch ein claudia roth basher 😉

  18. Aha, habe gelernt:

    „seufz, wie ich mich auch anstrenge: ich schaff‘ einfach keine 1500 seiten für mein manifest.“

    Wird schon 😉 Wird nur kein Manifest, weil du solches Zwangsdenken ablehnst.

    Dein Präferenz für Erziehung/Unerzogenheit/Verzogenheit als zentrales Erklärungsmuster und zugleich Lösungsansatz ist nachvollziehbar, ich sehe sie aber kritisch. Vielleicht ist es genau das, was ein paar Einzelne mit ihren glücklichen Kindern tun können, um etwas zu verändern. (Gratulation, ganz ernsthaft!) Die Gesellschaft als Ganze wird es nicht tun. Der Effekt ist, dass es dann ein paar Wohlerzogene gibt und einen Haufen Unerzogene. Die Unerzogenen beschimpfen die Wohlerzogenen in diesem Internet (ekelhaft!), und die Wohlerzogenen begeben sich daher lieber in exklusive Clubs.

    Das wäre eine folgerichtige Entwicklung und klingt für mich nach London im 17./18. Jahrhundert. Die Gossenjungen spielen da, wo die braune Brühe fließt, und wenn ein junger Gentleman sich in ein solches Viertel verirrt, beschmutzt er seine Stiefel und fällt umgehend in Ohnmacht. Die Lords und Ladies erfinden daraufhin die Gesamtschule, um die Verderbnis der Jugend zu bekämpfen. Man müsse sie fit machen, damit sie sich aus dem Schmutz, dem sie entstammen, herausarbeiten können, empor zu respektabler Bürgerlichkeit. Zumindest aber zu einem Mindestmaß an Respekt und weniger desavouierender Ausdrucksweise. (Wo eine Lady nicht nachts allein den Bürgersteig – den Holzweg über dem Gossendreck – benutzen kann, ohne an allen Sinnen beleidigt und an Leib, Leben und Eigentum bedroht zu werden, da sind Maßnahmen gefragt!)

    Das entspringt der Differenzierung zwischen einer erzogenen und einer unerzogenen Gruppe. Die Frage, die vor der langfristigen Problemlösung durch Erziehung beantwortet werden müsste, ist also: Wie kommt es zu dieser Differenzierung? Und warum gehen die dann eigentlich nicht alle auf die Gesamtschule? Genau: Es handelt sich um Ausdrücke der Gesellschaftsformation.

  19. @erblogger

    hast du urlaub?

    ich war ja ganz erschrocken, heute nacht so spät/so früh von dir zu lesen 😉

    auch wenn ich das mit dem gut/schlecht erzogen jetzt nicht wirklich als einzige erklärung für unser dilemma sehe, es ist tatsächlich eine immer wieder kehrende „figur“ in dem, was ich so schreibe, da hast du recht.

    ich tue das als papa von drei erwachsenen sonnenscheinmädels, die selbst die trennung ihrer eltern halbwegs verkraftet haben, und führe das – bei uns – darauf zurück, daß wir _zusammen_ schräge sachen im tv geguckt und drüber geredet haben.

    bei vielen kiddies, die sich wie rowdies benehmen, spüre (naja weiss) ich, daß sie von ihren alleinerziehenden mamas vor der glotze entsorgt wurden und sich nun in einem vom privat-tv geprägten kosmos bewegen. ich sehe auch den „kleinen prinzen“, der seiner mama an der theke immer den marsriegel abgerungen hat und nun narzistisch verletzt auf eine welt reagiert, die ihm die sofortige erfüllung seiner wünsche verweigert.

    heute muss ich aus gegebenem anlass (ich bin bus gefahren, schlimmer termin bei einer behörde mit überraschend erfreulichem ende, ich werde wohl eine jubelpost schreiben) einen anderen aspekt hinzufügen: GROSS-STADT vs. LAND.

    ich habe nämlich nicht nur eine überraschende freundlichkeit bei einem zahnziehtermin erlebt und werde in zukunft beamte per se in schutz nehmen müssen … zu allem überfluss habe ich im bus eine für mich geradezu überwältigende freundlichkeit gegenüber andersfarbigen menschen, jung und alt und umgekehrt, gesehen, die mich zur frage führte, ob vieles nicht einfach dieses zusammengedrängt sein in großen städten ist: alle igeln sich ein und starren den anderen mißtrauisch an.

    mich selbst habe ich dabei erwischt, daß ich auf einen von einem pakistanischen jugendlichen abgestellten paket an der bushaltestelle aufpasste, der lief nämlich die strasse hoch und liess seine sachen stehen, guckte ab und an mal zurück, blieb stehen und wartete … auf seine schwester und deren baby, während ich mir ausmalte, fest beschuht einem möglichen rowdy, der sich an dem paket vergreifen könnte, eins ins gemächte zu verpassen. aber die ganzen kiddies, die an seinen sachen vorbeiliefen, warfen nicht mal ein begehrliches auge drauf. ist jetzt beim thema sehr oot, aber … das alles hat sicher auch damit zu tun, wo die menschen leben, wie weit sie noch aufeinander angewiesen und damit zur höfflichkeit „verurteilt“ sind.

    und letzte abschweifung: ist es okay, wenn man an in der sonne grasenden glücklichen limousin rindern immer nur „lecker“ zu denken und sich zu fragen, ob großstadtveganer eigentlich wissen, daß das fleisch, das auf den tisch kommt, einem glücklichen rind entstammen könnte ???

    du merkst, der tag hat mich verwirrt und sehr fröhlich gemacht.

    [..] Die Frage, die vor der langfristigen Problemlösung
    [..] durch Erziehung beantwortet werden müsste

    ich denke halt, daß eltern sich in erster linie zeit für ihre kiddies nehmen (können) müssen und daß eine gesellschaft, die den konsum und nicht das miteinander in den mittelpunkt stellt, nur vor die hunde gehen kann.

    in die schule kommt ja schon ein kind mit einer vorgeschichte – und wenn beide eltern geld beschaffen müssen, um die materielle basis zu sichern bzw. die erwartungen zu befriedigen, die ihren kiddies via privttv eingeimpft werden, ist die schulform am ende egal: sie sind schon ruiniert.

    aber danke für deine „steampunk“ vision. du ahnst, daß ich selbst in kategorieen guter bürgerlichkeit ein totalausfall bin und mir die leicht durchschimmernde blasiertheit gegen „die da unten“ komplett abgeht: bei uns sitzt am weihnachtstisch fast jedes jahr eines dieser von mir angeführten kinder, mmaw ist zwar aus der erzieherei raus und baut jetzt möbel mit den hardcore kids (positive prägung bringt mehr als tadel, ganz _meine_ linie), aber am ende bleibt dann doch eins übrig, das dann bei uns landet.

    ich weiss also durchaus, wovon ich rede, wenn ich mangelnde erziehung beklage …

  20. Pingback: Warum das Aufhebens? | Alexander Kammerer

  21. Was, ein Pakistani lässt ein Paket an einem Verkehrsknotenpunkt zurück, und Du rufst nicht sofort das Bombenräumkommando an? Und auch niemand anderes tut das? Du lebst in (also auf) einem glücklichen Land!

    Man kann nichts besseres machen als seine Kinder gut zu erziehen. Das lässt sich als persönliche Lebensleistung gar nicht überschätzen. Und Buffy ist da zweifellos ein zentraler Programmpunkt. 😉 Bei denen, die so ein Glück nicht haben, sagst Du das so, als ob es das Versagen von jemandem wäre, dass „sie von ihren alleinerziehenden mamas vor der glotze entsorgt wurden“. Das Versagen der Mamas, der (abwesenden) Papas, des Privat-TVs oder gar der Kinder selbst.
    Ganz ähnlich liegt die Stadt/Land-Differenz ja auch nicht im Verantwortungs- oder auch nur Einflussbereich eines individuellen Akteurs. Es ist auch nicht die conditio humana, die den Stadtmenschen „unmenschlich“ macht. Es passen sich alle nur so gut sie können an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an, denen sie unterworfen sind.
    Dabei die eine Anpassungsleistung (z.B. Großstadtveganertum) als unnatürlich zu verwerfen, dafür eine andere Anpassungsleistung (z.B. ländliche Vater-Mutter-und-zwei-Kinder-Idylle) zu idealisieren, das verbaut Chancen zum Verständnis der Situation. Und gesamtgesellschaftliche Lösungen bietet es auch nicht an, dass Ihr Euch um benachteiligte Kinder kümmert. Das ist super für die Kinder und für Euch, aber es löst die gesellschaftliche Konfliktlage nicht auf.

    Sowas wie Respekt – auch in Onlinekommunikation – ergibt sich nicht aus guter Erziehung, sondern daraus, dass man das Gegenüber als auf gleicher Ebene (Augenhöhe) anerkennt. (Oder man baut hierarchisierte Kommunikationssysteme mit ganz viel oben und unten, das ist ja in Forensoftware meist schon implementiert. Dann verlangt der Admin „Respekt“, aber eigentlich bloß Unterwürfigkeit, sonst drückt er eben den Sperrknopf.) Was sind denn die Elemente, die uns daran hindern, das Gegenüber als auf Augenhöhe anzuerkennen? Ich sehe da an erster Stelle die Konkurrenz um Güter oder Positionen. Wo wir uns in dieser Konkurrenz bewegen, muss jede Anerkennung als Gleiche erstmal erkämpft werden; glücklich sind die, bei denen dieser Kampf Regeln unterliegt. Aber eigentlich setzt die Anerkennung der Regeln die Anerkennung als Gleiche (für die die selben Regeln gelten) bereits voraus.

    Nur dort, wo wir nicht konkurrieren, ist Verständigung möglich und Kooperation, die zugleich die Positionen oder Güter aller Kooperierenden verbessert. Leute „nieder“zumachen lohnt sich in der Konkurrenz, weil die eigene Position sich dadurch weiter oben einordnet. In der Kooperation lohnt es sich nicht, weil die gemeinsame Position der Kooperierenden dadurch sinkt. (Wenn die Piraten es nicht schaffen, diese beiden Elemente Kooperation und Konkurrenz innerparteilich auszutarieren, dann wird ihre Position so weiter sinken, dass sie am Ende noch negative Wahlergebnisse erreichen. Das wäre dann immerhin eine historische Leistung.)

  22. wie hast du rausgekriegt, wann ich aufstehe?

    ansonsten: wir sind sehr OOT bei sehr grundsätzlichen fragen angekommen.

    [..] es das Versagen von jemandem wäre,

    halt! nein, niemand kann individuell was dafür, wo er geboren wird, wer seine eltern und was die umstände sind (naja, auf einer „spirituellen“ ebene ist das ein weites feld, aber da will ich nicht hin).

    natürlich ist jeder das produkt seiner „programmierung“ und der umstände. da ich (wie du wahrscheinlich auch) daran glaube, daß wir ein gewisses maß an freiem willen (nicht so viel, wie wir denken) haben, kann natürlich jeder einfluss nehmen auf diese umstände, aber wir leben ja alle in einer (wahrnehmungs-) hermetischen garage und haben keinen „aussenpunkt“, von dem wir die „umstände“ wirklich abschätzen könnten und die „relation“ erkennen.

    wir sind zb. deutsch und ohne das zu bemerken, übernehmen wir stillschweigend einen „denkrahmen“, der uns zu überschätzungen führt und uns davon abhält, zu bemerken, daß wir immer weiter in ein verklemmtes und zunehmen a-soziales neobiedermeier rutschen. ja, daß wir uns gerade in eine zunehmende renationalisierung bewegen.

    [..] als unnatürlich zu verwerfen

    auch halt! ich sehe durchaus, daß das im grunde genau die leistungen sind, zu denen wir befähigt wurden und die unsere individuelle „größe“ ausmachen – wenn jemand aus empathie und der erkenntnis, wie falsch unsere massentierhaltung ist, vegan oder vegetarisch lebt, ist das einerseits eine leistung und für mich sehr respektabel. es ist aber auch nur eine teilerkenntnis und kann durchaus auch eine selbstgefällige nische sein, um sich selbst für „gut“ und den anderen für „schlecht“ zu halten.

    also das, was dummbratze „gutmenschentum“ nennen – ich finde es gut, daß jemand „gut“ sein will. nur einrichten und den anderen verurteilen fände ich nicht so toll. weil wir nur den denkrahmen des gegeneinander, der konkurrenz affirmieren, statt uns als menschen in ein kooperatives miteinander weiter zu entwickeln, die offensichtlich nächste stufe der evolution.

    [..] es löst die gesellschaftliche Konfliktlage nicht auf

    deshalb habe ich den zwang zum geldverdienen beider elternteile angesprochen oder eben die situation, daß nur noch eines da ist, das dann alleine auch damit zurechtkommen muss, daß es ein virulentes schlechtes gewissen hat und hilflos agiert. agieren muss, weil es eben allein ist und allein gelassen von dem „system“, in dem es lebt.

    uns ist bewusst, daß nur 10% von dem, was für „die familie“ getan werden müsste, auch wirklich getan wird, weil dieses „system“ auf die produzenten von waren/dienstleistungen guckt und nicht auf die, die die teilnehmer der gesellschaft ins leben begleitet. der grund ist einfach: die produzenten bezahlen die „gartenparty“, die eltern kosten nur geld und haben keine lobby …

    [..] Und gesamtgesellschaftliche Lösungen bietet es
    [..] auch nicht an, dass Ihr Euch um benachteiligte
    [..] Kinder kümmert.

    das ist nur die reparaturwerkstatt und es ist der hilflose versuch, wenigstens den einen oder anderen zu „retten“. es ist sicher keine „lösung“. die sehe ich darin, eltern zu befähigen, kinder gut zu erziehen, in einem rahmen, der den blick auf das „wesentliche“ lenkt: den wert jedes einzelnen, das fördern seiner individuellen talente.

    ich habe das mit mmaw erwähnt, weil hier sozusagen ein paradigmenwechsel stattgefunden hat: vorher wurden ausser kontrolle geratene kids „gemaßregelt“. ihnen wurde verdeutlicht, was sie „falsch“ machen (eine anmaßung, weil wir nicht wissen, was „falsch“ ist) und sie wurden in ein korsett an regeln zurückgetrieben. der paradigmen-wechsel ist der, daß man ihnen jetzt die gelegenheit gibt, zu verstehen, zu was sie in der lage sind und stolz zu sein auf ihre eigene leistung.

    statt der negativen prägung eine positive erfahrung. der wildeste rabauke verwandelt sich in einen schnurrenden kater, wenn man ihn lobt und er (selbst) versteht, daß dieses lob kein „getue“ war sondern verdient. wenn das klappt, ist einer „gerettet“.

    [..] Nur dort, wo wir nicht konkurrieren, ist Verständigung möglich

    eben.

    [..] Augenhöhe

    deshalb meine kleine „lanze“ für alexander. es macht ihn ja nicht zu einer „bad person“, daß er CSU wählt. er ist das produkt seiner umstände und das ergebnis dessen, was er gelernt hat und auch er hat theoretisch die fähigkeit, dazuzulernen und das beste daraus zu machen.

    [..] Nur dort, wo wir nicht konkurrieren, ist Verständigung möglich

    sanfter widerspruch und ein rückgriff auf meine „glücklichen kühe“: es ist okay, wenn die _ideen_ konkurrieren, wenn wir alle nur noch kooperieren und die selben überzeugungen unisono teilen, sind wir nur noch ein ameisenhaufen, in dem alle nur noch funktionieren ohne zu verstehen, warum.

    wir messen, wir „wetzen“ natürlich weiter unsere vorstellungen aneinander und das erzeugt die energie, die reibung, die uns „weiter“ bringt. wir müssen nur „permissiver“ werden für die gedanken des anderen und ihn als „bereicherung“ empfinden.

    die ausgrenzung und das gegeneinander, das gerangel um das „oben“ und „unten“ in der hackordnung, das ist das herrschaftsinstrument, das uns „führbar“ macht. wir werden gegeninander ausgespielt.

    im moment sind wir in einem stadium, wo sich die „emanzipatorischen“ kräfte zunehmend in ihre jeweilige „bubble“ verkriechen und die anderen nur noch „doof“ finden. uns wird ans herz gelegt, die anderen doch einfach auszublenden (ich verlinke hier nichts auch wenn es mich juckt, du weisst, worauf ich anspiele).

    zwietracht. von „uns“ selbst propagiert. hähme, hohn und spott.

    deshalb fand ich deinen post eher wohluend, weil ich spürte, daß es dich kurz in den fingern juckte, alexander wie einen schmetterling aufzuspießen … und du dann doch darauf verzichtet hast.

    so habe ich das jedenfalls verstanden.

    [..] piraten

    es gibt bei den piraten einen gutteil kluger leute, die sehr wohl verstehen, was schief geht. es gibt aber auch jenen teil, der nur am kindischen „dissens“ der anderen interessiert ist und da ist der scherbenhaufen um #om13 ein kleines lehrstück in „unerzogenheit“ eben jenes teils, der sich am schlechten gewissen der alleinerziehenden mama zwanghaft abarbeiten muss (den sog. maskulisten).

    er ist aber auch ein lehrstück darin, daß der andere teil darin versagt, wenigstens ein bißchen zu deren „erziehung“ beizutragen und lieber die flucht in die rechthaberei anzutreten und … dabei den weg in sexuelle verklemmtheit beschreitet (der tenor meiner königin rautenschrecke):

    sie sind darin die besten enkelinnen adenauers.

    lange post, sorry, und sehr OOT, aber wir kehren ja gerade die scherben einer verloren wahl zusammen und lernen hoffentlich, daß es nichts bringt, immer in einen gemeinsamen taumel zu verfallen, wer recht hat und warum die andern doof sind und wir nichts mit ihnen zu tun haben wollen.

  23. ps: das paket

    zu blöd, ich hatte vorgestern das da auf meiner playlist

  24. Du Hippie! 🙂
    Ja, ich weiß, was Du meinst. Ich verdamme Konkurrenz auch nicht. Wahrheit z.B. erwächst aus konkurrierenden Wahrheitsansprüchen. Es liegt aber 1. in der Gesellschaftsstruktur und 2. in der Ideologie (besonders der „Postideologischen“) begründet, dass die Fixierung auf Konkurrenz die Erfordernisse der Kooperation unsichtbar macht.
    Das ist im Internet schlimmer als im dörflichen Kontext, in dem klar ist, dass man es auch weiter miteinander aushalten muss. Das Internet ist insofern wie die Großstadt, wo man sich aus dem Weg gehen kann – noch leichter, indem man exklusive Herrenclubs gründet, und exklusive Damenclubs, der Gleichberechtigung wegen 😉
    Zu dumm nur, wenn man glaubt, das mit dem Aus-dem-Weg-Gehen wäre eine sinnvolle Option, während man in der selben Partei ist! Da führt es dann nämlich dazu, dass man nicht selbst aus dem Weg geht, sondern den anderen aus dem Weg räumen muss. Das gibt’s auch in anderen Parteien, dass die Konkurrenz als so bedrohlich empfunden wird, dass bei erster Gelegenheit der ultimative Gegenschlag erfolgt. Weil sie Dissens nicht aushalten können, kannibalisieren sie sich (wer hat die FDP gegessen?).

  25. [..] konkurrierende Wahrheitsansprüchen

    alexander hat das ja auch, diesen anspruch auf „seine“ wahrheit und in seinem kontext funktioniert sie gut, auch und weil die bayern noch nicht in der postideologie angekommen sind: „mir san mir“. wenn man zu diesem „mir“ gehören will, ist man halt in der CSU.

    [..] Das Internet ist insofern wie die Großstadt

    genau das. vorher war es ein dorf und das miteinander bzw. das voneinander lernen war einfacher, mittlerweile – im pubertären zustand des netzes – geht es eher um das abgrenzen und die flucht in den affirmationsclub. ich habe das ja mit den „mods“ in quadrophenia verglichen, die die „rocker“ als wetzstein benutzen.

    am ende müssen wir aber alle erwachsen werden und einen eigenen style jenseits von den vorlagen einer carry bradshaw entwickeln.

    [..] den anderen aus dem Weg räumen

    kluge wie steinbrück gehen von alleine …

    [..] wer hat die FDP gegessen?

    so gesehen, hat die auf einer insel gesessen und dann mangels nahrung angefangen, nach und nach die arme und beine des anderen zu futtern.

    am schluss waren nicht mehr genug gliedmaßen übrig, um dämme gegen die wachsende flut zu errichten und sie wurde weggespült 😉

  26. Aber meine Damen und Herren, warum so viel Aufregung? Jedes Land hat die Presse verdienst die ihre Bürger lesen. Ein Volk, das meisten unpolitisch und gleichgültig ihr Dasein verbringt, hat nichts Besseres verdient. Leider, viele zu viele junge Menschen verbringen ihre Zeit, statt sich mit ein bisschen Politik zu beschäftigen, mit Werbung, Geschichte über Sportler, Film- und Popstar. Die breite des Strings von Sternchen X wichtiger zu wissen ist, was z.B. in Syrien vorgeht. Ignoranz ist erste Bürgerpflicht und wird entsprechen belohnt.
    Dem jungen Mann beweis, er ist in die Falle gegangen, weil er apolitisch und nicht informiert war.

  27. Pingback: Die Meinungsfreiheit ist die message, nicht die Meinung | Erbloggtes

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