Dieses Jahr schon ein Mitarbeitergespräch geführt?

Erscheint es als notwendig falsches Bewusstsein, wenn im Mitarbeitergespräch gar keine Mitarbeiter ein Gespräch führen, sondern Vorgesetzte ihre Führungsverantwortung gegenüber Untergebenen ausüben? Oben und unten ist konstitutiv für das Mitarbeitergespräch, das die Führungskraft mit ihrem Personal zu führen hat, und zwar mindestens jährlich. Bei solchen Themen liegen die Schattenseiten der Wikipedia offen zu Tage: Der betreffende Artikel liest sich wie das Exzerpt des Ratgebers „Personalführung für Dummies“. Möglicherweise gibt es über Mitarbeitergespräche aber auch einfach nicht mehr zu wissen, weil die Wissenschaft sich für dieses Thema nur soweit interessiert, dass sie den Ratgeber „Personalführung für Dummies“ schreiben konnte und ihn nun regelmäßig in neuer Auflage herausbringen kann.

Wikipedia: „Mitarbeitergespräche haben zahlreiche Vorteile für alle Beteiligten, nämlich das Unternehmen, die Führungskraft und den Mitarbeiter selbst. […]
– Förderung der Kommunikation über Aufgaben und Ziele
– Vertrauensförderung zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter
– Förderung einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit und Pflege des Arbeitsklimas
– Stärkung des Arbeitsklimas und der Mitarbeitermotivation
– Förderung des Leistungsbewusstseins, vor allem in Zielvereinbarungen
– Mitarbeiterbindung und Mitarbeiter-Führungskraft-Beziehung
– Information über Karriere und Entwicklungsmöglichkeiten
– Eröffnung und Umsetzen von Perspektiven für Mitarbeiter
– Aktive Mitwirkung und Mitgestaltung am Unternehmensgeschehen
– Frühwarnsystem und Pulsnehmer für Probleme, Negativtrends und Konflikte“.

Warum nicht gleich die Formulierungen aus der Broschüre „Das Mitarbeitergespräch. Handlungsempfehlung“ der Brandenburgischen Staatskanzlei übernehmen? „Lassen Sie uns mit der Etablierung des Mitarbeitergesprächs als einem zentralen Baustein des Personalmanagements einen weiteren gemeinsamen Schritt gehen, Personalentwicklung zu gestalten.“ Vielleicht ist das Problem mit der empirischen Mitarbeitergesprächsforschung aber auch nur, dass diese Treffen höchst vertraulich sind. Schriftliche Zeugnisse über sie entstehen regelmäßig nur aufgrund der Wikipedia-Anweisung, dass sie „im Regelfall von der Führungskraft bzw. vom Arbeitgebervertreter protokolliert“ werden sollen.

Arne R. ist es zu verdanken, dass nun ein Protokoll eines Mitarbeitergesprächs das Licht der Öffentlichkeit erblickt, das nicht vom Standpunkt eines „Arbeitgebervertreters“ erstellt wurde:

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2 Antworten zu “Dieses Jahr schon ein Mitarbeitergespräch geführt?

  1. Dr. Ferdinand M.

    Das von Arne R. bereitgestellte Protokoll bietet interessante Einblicke, zumindest für denjenigen, der mangels Position selber keine reguläre Einsicht in Mitarbeiterprotokolle nehmen darf.

    Erfreulich wäre, wenn Arne Rs Beitrag Ausgangspunkt einer Sammlung von Protokollen aus verschiedenen Branchen werden könnte. Diese erweiterten dem Leser das Wissen um die Üblichkeiten in der gegenwärtigen Berufswelt und könnten so von nachhaltigem Nutzen sein.

    Ich möchte die Erlebnisse von Arne R. ergänzen um den Bericht über einige Begebenheiten aus dem Berufsleben des aufstrebenden Arztes Dr. Ferdinand M.

    Sein Chef, Prof. Harry, führte prinzipiell keine Mitarbeitergespräche, denn er war durch Wissenschaft, die Tätigkeit in nationalen und internationalen Fachgesellschaften und durch die Behandlung zahlreicher Privatpatienten in Anspruch genommen. Im übrigen gab es aus seiner Sicht nichts zu besprechen, denn für das Gehalt hatte M. aus Sicht seines Chefs eine entsprechende Arbeitsleistung zu erbringen, „Sie haben hier einen Vertrag.“ Weiterbildung hielt der Chef für Privatsache, auch wenn im Weiterbildungsvertrag durchaus etwas anderes vermerkt war.

    Das einzige Mitarbeitergespräch, das M. während seiner Berufstätigkeit führte, wurde vom Oberarzt Dr. K. mit den Worten eingeleitet: „Weißt du, die Oberarztposition an dieser Klinik ist eigentlich auch nur Verarsche. Außerdem wird die nächste Stelle erst frei, wenn einer der anderen tot umfällt. Ich bin hier weg, sobald sich eine Gelegenheit bietet.“
    Im weiteren Gesprächsverlauf wurde das wohl übliche vereinbart, dass M. der Klinik wie bisher nach deren Erfordernissen mit Begeisterung und stetig wachsender fachlicher Expertise auf jeder geforderten Position zur Verfügung stehen werde und sich zu deren Vorteil nicht nur fachlich, sondern auch persönlich beständig weiter entwickeln möchte.

    Ein knappes Jahr später wechselte Oberarzt Dr. K. auf die Chefarztposition an einer anderen Klinik. Zu einem erneuten Jahresgespräch kam es nicht. Auf dem Flur fragte ein anderer Oberarzt M.: „Du, was willst du an der Klinik eigentlich?“

    M. verließ seinen Arbeitgeber kurz darauf, um eine erneute berufliche Herausforderung anzunehmen. Als er von diesen Absichten hörte, kam Oberarzt S. zu M. und beklagte, dass er jetzt den „ganzen Dienstplan“ neu schreiben müsse, bedingt durch Ms kurzfristigen Abgang.

    Die am letzten Arbeitstag von Kollegen geschenkten Blumen stellte M. in einem kühlen Raum vor der Station ab, während er den wie üblich über die vertraglich vereinbarte Dienstzeit stark verlängerten Arbeitstag auf der Station und im auf 28 °C aufgeheizten Arztzimmer verbrachte. Als er am Abend das Geschenk mit nach Hause nehmen wollte, waren die Blumen weg.

    Einige letzte Unterlagen und den Transponder für die elektronischen Schlösser gab er an einem der folgenden Tage im Chefsekretariat zurück. Die dortige, stellvertretende Sekretärin fragte den M.: „Wer sind Sie denn?“
    Dr. M. fühlte sich gereizt und antwortete: „Ich bin Arzt an dieser Klinik, seit 6 Jahren. Sie müssen sich mein Gesicht aber nicht merken, ich komme nicht zurück.“ Die Dame zog eine Schnute, nuschelte etwas von verwechselt, sie dachte.. und nahm den Transponder entgegen.
    M. verzichtete auf eine Quittung.

    Ein halbes Jahr später erreichte ihn ein Brief der Personalabteilung mit der Aufforderung, eine Entschädigung für den nicht abgegebenen Transponder zu zahlen. Weiters wurde er zur Vermittlung neuer Kollegen für seinen ehemaligen Arbeitgeber aufgefordert.

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