Am Ende investieren wir Freude

Erforschtes ist abhängig von seinen Forschungs- und Kommunikationsbedingungen, von Leidenschaft – und von Geld. Darauf weist Lucas Garske (@PaintItScience) im folgenden Gastartikel hin, den er im Kontext der Blogparade #wbhyp verfasst hat. Lucas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut Braunschweig, promoviert zu Narrationsräumen und Begrenzung als Gegenstand der historischen Bildung und fand, dass seine Überlegungen zum wissenschaftlichen Arbeitsethos und zu neuen Formen wissenschaftlicher Forschung und Kommunikation besser hierher als in seine Blogs geschichteist.de und paintitscience.com passen:

An meinem ersten Arbeitstag als wissenschaftlicher Mitarbeiter fand ich bei der Erkundung meines künftigen Arbeitsumfeldes einen kleinen Zeitungsausschnitt, den jemand im Flur an die Wand gepinnt hatte. Er zeigte ein Photo von Porsche-Manager Ferdinand Piëch mit dem Zitat “Wenn Beruf, Hobby und Leidenschaft zusammen passen, haben Sie null Belastung.” Der Eindruck hat mich nachhaltig verstört, so dass ich mich einerseits genötigt fühlte, ein Photo von dem Schnipsel zu machen, und andererseits beschloss, mich künftig wissenschaftspolitisch zu engagieren. In diesem Artikel schreibe ich darüber, wie die Identifikation mit der Arbeit zu einem strukturellen Problem werden kann, inwiefern dies auch Wissenschaft in der Freizeit betrifft und was wir tun können, damit uns der Spaß an der Arbeit nicht vergeht.
Piech über Leidenschaft und Beruf

Leidenschaft als Beruf

Um gleich etwas klar zu stellen: Piëch hat natürlich Recht, denn wenn ich etwas mache, woran ich Spaß habe, bin ich sehr viel belastbarer. Und Spaß hatte ich von Anfang an, sowohl an Forschung wie später auch an Lehre. Was mich damals irritierte war die Botschaft, die mit dem Akt verbunden ist, eine solche Binsenweisheit demonstrativ in den Flur zu hängen. Diese Botschaft ist mir ähnlich unerträglich wie manches Gerede über nicht genommenen Urlaub oder Bürozeiten bis tief in die Nacht. Denn im Umkehrschluss impliziert die Befeierung der Freude an der Arbeit auch, dass diejenigen, die sich (irgendwann einmal) überfordert fühlen, sei es aus familiären Gründen oder weil die Dinge gerade nicht so rund laufen wie sie sollten, offenbar nicht genügend Leidenschaft in den Ring werfen und vielleicht besser einer anderen Tätigkeit nachgehen sollten, die sie mehr erfüllt. Sehr schön auch beschrieben in Max Webers “Wissenschaft als Beruf”:

Und wer also nicht die Fähigkeit besitzt, sich einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, dass das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissenschaft nur ja fern. Niemals wird er in sich das durchmachen, was man das »Erlebnis« der Wissenschaft nennen kann. Ohne diesen seltsamen, von jedem Draußenstehenden belächelten Rausch, diese Leidenschaft, dieses: »Jahrtausende mussten vergehen, ehe du ins Leben tratest, und andere Jahrtausende warten schweigend«: – darauf, ob dir diese Konjektur gelingt, hat einer den Beruf zur Wissenschaft nicht und tue etwas anderes. (482)

Immerhin, Weber, der allein jenen Wissenschaftlern Persönlichkeit zuspricht, die der Sache “und nur dieser” dienen und Wissenschaftler mit freien Künstlern vergleicht, räumt ein: “unbezahlt ist es auch bei jemand wie ihm, der alle Jahrtausende einmal erscheint [Weber bezieht sich hier auf Goethe], nicht geblieben” (485). Dennoch steht die Persönlichkeit und nicht deren Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Wie auch, wenn das “Erlebnis der Wissenschaft” im Wesentlichen das eines Rauschs ist?

Erlebnis:Wissenschaft - von Lucas Garske

Grafik: Lucas Garske

Ob das alleine auf den konkreten Zweck des Traktats zurückzuführen ist oder nicht vielleicht auch Ausdruck einer Geisteshaltung, die in der Wissenschaft eine individuelle Verantwortung, eben eine “Berufung”, sieht, wird schwerlich zu klären sein, ist aber letztlich auch unbedeutend. Entscheidend ist, inwiefern eine solche Perspektive in Diskursen der Gegenwart eine Rolle spielt – und daran kann meines Erachtens kein Zweifel bestehen. Das Aufgehen der Person in ihrer Tätigkeit drückt sich nicht zuletzt in der positiven Bewertung von Menschen aus, die Wissenschaft leben[1]. Die negative Konnotation der wissenschaftlichen Leidenschaft – oder Passion (Ursprung: dulden, leiden) – wird hier gänzlich profanisiert. Für eine gelebte Wissenschaft, also eine Wissenschaft die man idealerweise quasi im Affekt macht, ist Leistung kein Produkt von Anstrengung, sondern vielmehr ein logisch konsequenter Ausdruck der Persönlichkeit. Die Arbeit muss raus. Damals schrieb ich scherzhaft unter Piëch “…und deswegen bezahlen wir Ihnen auch nicht mehr”.

Mehr machen macht Spaß und hilft mir. Oh! Nein! Doch!

So schön und richtig, wie es bei Weber klingt, so unschön sind die attestierbaren Nebenwirkungen einer “Wissenschaft als Leben & Leiden(schaft)”. Das Selbstverständnis, mit dem übervertragliche Belastungen in Forschung und Lehre als Normalität hingenommen werden, ist enorm. Selbst in Gesprächen mit Betroffenen ist es mir in nur wenigen Jahren beruflicher Tätigkeit in der Wissenschaft häufig passiert, dass Abgeltung von Mehrarbeit oder Entfristung einer Tätigkeit als Ideen aus dem “Schlaraffenland” belächelt oder abgetan wurden. Der Status quo ist damit im Umkehrschluss die schnöde, aber eben zufriedenstellende Realität, denn Träume sind natürlich immer schön, aber kaum jemand erwartet, dass sie irgendwann wahr werden.

Nun ist es immer schwer, Forderungen zur Änderung der Umstände zu formulieren, insbesondere dann, wenn selbst Betroffene lächelnd abwinken. Gründe für Zweifel an der realen Verbreitung einer solchen, abgeklärt anmutenden Gefühlslage unter Wissenschaftler*innen gibt es jedoch genug: Je informeller der Austausch, desto deutlicher der Ausdruck von Unzufriedenheit und Existenzängsten. Das ist in gewisser Weise nichts Ungewöhnliches, da demonstrative Unzufriedenheit hier wie in allen anderen Lebenslagen auch eine integrative bis kompensierende Wirkung hat. Dennoch konterkariert es die zuweilen offen zur Schau getragene Gelassenheit, Koketterie mit Überbelastung und die dadurch bekundete Zufriedenheit im Wissenschaftsbetrieb.

Abseits der subjektiven Eindrücke zeigen Statistiken, die oftmals Berufseinsteiger*innen eher in den Blick nehmen als langjährige Mitarbeiter*innen im Berufsfeld Forschung und Lehre[2], dass zwar die Inhalte und die Gestaltungsfähigkeit der Arbeit stimmen, jedoch Arbeitszeitorganisation und Bezahlung von breiten Teilen als sehr kritisch gesehen werden (so etwa im BwN, S. 286 oder Wissenschaftliche Karrieren, S. 16). Das muss kein Widerspruch sein, sondern kann sich sogar gegenseitig bedingen: Wer sich mit den Inhalten seiner Arbeit identifiziert, nimmt zwar gegebenenfalls auch missliebige Mehrbelastungen in Kauf, rechnet diese aber (zurecht?) auf die eigentliche Tätigkeit und fühlt sich gegebenenfalls unterbezahlt. Unter Mehrbelastungen fällt aber nicht bloß ein Mehr an Arbeitszeit, sondern auch wesentlich gravierendere Belastungen wie Befristungsquoten oberhalb von 74 %, die im internationalen Vergleich ihresgleichen suchen.

Möglicherweise hat die kultivierte Bereitschaft, zusätzliche professionelle Tätigkeiten selbstverständlich als Privatvergnügen zu verbuchen, auch etwas mit der Allgegenwart von Qualifikationstätigkeiten, also der ständigen, formalisierten Entwicklungsphase  im deutschen Wissenschaftssystem zu tun. “Sehen Sie es mal so”, sagte mir einmal eine Unternehmensberaterin, mit der ich mich vor mehreren Jahren über die Um- und Zustände in der Wissenschaft unterhielt, “da ist jemand, der bezahlt Sie dafür, dass Sie eine Ausbildung machen können”. Auch das stimmt. Die Qualifikation, die ich im Zuge meiner wissenschaftlichen Tätigkeit erwerbe, lässt sich nicht ohne weiteres auf eine andere Person übertragen. Sie ist an mich gebunden und meiner Karriere zuträglich. Und wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir ja gerade in der Forschung (hoffentlich) nie ausgelernt.

Diese Logik, wonach es wohl nahe läge, einen Großteil der wissenschaftlichen Anstellungsverhältnisse, inklusive Lehrstühle, in Stipendien umzuwandeln und den allgemeinen Titel “inaugural student” einzuführen,[3] verschweigt allerdings, dass auch die Gesellschaft ein sehr egoistisches Eigeninteresse an Forschung (idealerweise billig) und natürlich auch an begeisterten Forscher*innen hat. Zudem ließe sich wohl einwenden, dass Menschen in eigentlich jedem Beruf von ihrer Tätigkeit dahingehend profitieren, dass sie Expertise gewinnen, die sie für andere, neue Herausforderungen qualifiziert. Es ist also nicht ganz so einfach mit der Sonderstellung der Wissenschaft und immerhin plausibel, dass der Unterschied zu anderen Arbeitsfeldern durchaus auch überschätzt werden kann.

Alles Hobby, alles Freizeit, alles Experiment

Ganz grundsätzlich ist das natürlich mit der spielerisch gelebten Wissenschaft so eine Sache, denn der Übergang von Arbeitsdruck in Arbeitsmotivation und umgekehrt ist fließend. 50 % bezahlt und trotzdem 110 % arbeiten? Alles kein Problem, wenn man ab 51% die Zeiterfassung auf Hobby umstellt,[4] und das ist einfach, wenn man ein eigenes Interesse an der Arbeit hat – sei es Spaß oder die Notwendigkeit, die nächste akademische Qualifikationsstufe zu erklimmen, oder beides.

Individuell betrachtet ist es – ähnlich wie andernorts bei Praktika – schwer, dem Ausverkauf der eigenen Arbeit die Sinnhaftigkeit abzusprechen: Einer Universität eine Lehrveranstaltung gratis anzubieten ist pragmatisch gesehen sinnvoll, denn Lehrerfahrung ist nahezu überall im Wissenschaftsbetrieb eine zentrale Qualifikation oder zumindest ein wichtiger Pluspunkt – Stellen hierfür gibt es hingegen nur sehr wenige. Es fällt daher leicht, kostenloses Arbeiten als “wichtige Lebenserfahrung” zu verbuchen und absurd niedrige Regelvergütungen (Lehraufträge), die manchen zuteil werden, als “Glücksfall” zu betrachten. Gerade für Privatdozierende basiert die Entscheidung, notfalls kostenlos zu arbeiten, in vielen Bundesländern abseits der gelebten Wissenschaft auf einer bloßen Kosten-Nutzen-Rechnung, da nach Hochschulrecht andernfalls die Habilitation verloren geht. Dann doch lieber die Passion ertragen.

Neben der eigentlichen Tätigkeit eine Tagung zu organisieren, ein Buch zu rezensieren, einen Blog zu führen oder eine Lehrveranstaltung zu geben ergibt Sinn: all das qualifiziert, all das kann spannend sein, auch wenn es außerhalb der Arbeitszeit und daher unbezahlt stattfindet. So stellt sich die Frage “Pflicht oder nicht” häufig gar nicht, sondern vielmehr die der Selbstverwirklichung: Entspricht mir die Tätigkeit? Macht sie Sinn? Womit wir wieder bei der Null-Belastungs-Binsenweisheit von Piëch sind. Wenn es mir Spaß macht, weswegen sollte ich es nicht machen? Wenn es mir keinen Spaß macht, warum lasse ich es nicht einfach bleiben?

Kulturkreative Wissenschaft – Triebkraft und Falle

Ulrich Bröckling hat vor einigen Jahren ein schönes Interview über die Szene der Cultural Creatives gegeben, in dem er die problematische “Versöhnung” von Freizeit und Beruf diskutiert. Besonders skeptisch ist Bröckling dort, wo “digitale “Bohemiens” ihre Lebensweise zu einem Vorbild stilisieren, das nicht nur hip, sondern auch frei ist. Der “zwanglose Zwang zur Selbstvermarktung”, wie es bei Bröckling an anderer Stelle heißt.

Das Konzept des Kulturkreativen lässt sich dabei auch auf jene Bereiche der Wissenschaft übertragen, in der Wissenschaffende eigeninitiativ (sei es aufgrund einer Erwartungshaltung sei es aus Experimentierlaune) in ihrem Berufsfeld abseits regulärer Beschäftigungen aktiv werden und nicht ökonomisches, sondern soziales und kulturelles Kapital im Blick haben: Erfahrung, Aufmerksamkeit, Identifikation. Die Form des Kapitals ist daher auch die einzig greifbare Unterscheidungsebene, während die Grenze zwischen Arbeit und Hobby verschwimmt. Die  Arbeit erfolgt mit Ausnahme von den wenigen Personen, die für ihre Tätigkeit regulär bezahlt werden, on-top zur Erwerbsarbeit. Man ist eben ganz man selbst – und das ständig.

Das Bekenntnis zum Privatvergnügen hat dabei Methode – durchaus im positiven Sinne: Die “Verselbstständigung” wissenschaftlicher Tätigkeit erlaubt es nicht nur, Wissenschaft abseits konventioneller und zuweilen verspannter Normen zu betreiben, Gedanken auszutauschen und Netzwerke zu stricken, von denen wir weniger ökonomisch, denn kulturell und sozial profitieren. Entwicklungen, die in den vergangenen Jahren massiv an Popularität gewonnen haben, wie soziale Netzwerke, Massive Open Online Courses (MOOC) oder Crowdfunding dezentralisieren Forschungs-, Bildungs-, Versammlungs-, und (zumindest in Ansätzen) Förderstrukturen und stellen Raum für subversive Diskurse über das Verständnis von Wissenschaft zur Verfügung.

In Erinnerung geblieben sind mir mehrere Tagungen, bei denen der traditionelle Zuschnitt und die dort stattfindende, zu 99 % sehr ernsthaft geführte Offline-Konversation von kritischen bis zynischen, aber auch lustigen Online-Kommentaren begleitet wurde. Die unterschiedlichen Medien überschneiden sich zwar immer wieder, stellen aber Kommunikationsräume für sich da. Bestimmte Dinge werden nur offline oder nur online gesagt. Das zeugt davon, dass mit neuen Kommunikationsformen auch neue Communities entstehen, die das Potenzial haben, die Art, wie Wissenschaft betrieben wird, zu verändern.

Es steht ganz außer Zweifel, dass in diesem Gegenentwurf zum traditionellen Wissen-Schaffen Musik steckt – und ich mag den Sound. Dennoch erscheint es mir voreilig, mich der Begeisterung gänzlich hinzugeben, denn wo passionierte Nerds einen Marsch durch die Institutionen planen, sind Hipster mit Che-Guevara-Shirts oft nicht weit entfernt. Ganz grundsätzlich stellt sich mir die Frage, ob die neuen Formen wissenschaftlicher Kommunikation mit ihren Momenten der “Selbstvermarktung” die oben beschriebenen Schattenseiten einer Verschmelzung von Leidenschaft und Beruf nicht schlussendlich verstärken – und was wir tun können, damit das Private nicht bedingungslos im Beruflichen aufgeht.

Wohin des Wegs? Wissenschaft umdenken

Die Lösung des Konflikts von Beruf und Leidenschaft ist einfach und doch in der Umsetzung so anspruchsvoll: Sind wir davon überzeugt, dass unsere Arbeit für die Wissenschaft von Wert ist, obliegt es uns auch, wissenschaftspolitische Rahmenbedingungen einzufordern und mitzugestalten, die es erlauben, diese Tätigkeit entsprechend zu vergüten. Dies berührt alle wissenschaftliche Arbeit, die bislang nicht oder nur vermeintlich vergütet wird. Gerade für neue Formen der Kommunikation wie Bloggen ist Aufmerksamkeit zu einer plausiblen Form der “Bezahlung” geworden. Das gilt insbesondere für den Journalismus, der seit jeher von der regelmäßigen Bezahlung journalistischer Einzelarbeiten lebt. Beispiele wie dieses oder dieses zeigen, mit welchen strukturellen Herausforderungen wir in einem von Aufmerksamkeitsökonomie geprägten Kontext konfrontiert werden.

Für die Wissenschaft stellt sich diese Frage in einer anderen Weise, da die meisten Wissenschaftler*innen (in Deutschland) es traditionell nicht gewohnt sind, ihr Einkommen aus Publikationserlösen zu generieren, mehr noch: sogar bereit sind, Geld für die Publikation ihrer Arbeit zu zahlen. Aufmerksamkeit, beziehungsweise Impact ist hier die wichtigere Währung. Neue Kommunikations- und Publikationsformen profitieren davon: Auf der Internetseite von Open-Access.net ist eines der Hauptargumente (wenn nicht sogar das Hauptargument) für den offenen Zugang die “Erhöhte Sichtbarkeit und Zitierhäufigkeit von Dokumenten”. Und es zieht: In einer Wissenschaft, die zunehmend online stattfindet, gewinnen Suchmaschinen-indizierte Ressourcen massiv an Gewicht, während (reine) Printmedien die großen Verlierer sind. Setzt sich Open Access durch, hängt die Sichtbarkeit allerdings – wie auch zuvor – nicht von der Zugänglichkeit ab, sondern von Knotenpunkten, die Aufmerksamkeit lenken. In diesem Fall gilt dann “publish open access or perish”. Für Befürworter von Open Access, zu denen ich mich selbst zähle, klingt das verheißungsvoll, allerdings darf es uns, wie ich finde, auch nachdenklich stimmen, wenn sich ein idealistisches Grundanliegen (frei zugängliches Wissen) schlussendlich in einen systemischen Zwang verwandelt.

Anders mag sich eine Zunahme wissenschaftlichen Bloggens auswirken, da sich beim Bloggen nicht bloß die Verwertung und Zugänglichkeit von Print- oder Paywallpublikationen unterscheidet, sondern auch die Inhalte: Wissenschaftliches Bloggen generiert eine andere “Form” von Wissen und wirft somit die Frage nach ihrer Bedeutung für die Wissenschaft auf. Florian Freistetter hat das Thema schon vor mehreren Jahren aufgegriffen und ist entgegen der geringen Wertschätzung der “konventionellen” Wissenschaft schlussendlich zu einem positiven Ergebnis für das Bloggen gekommen:

“Die Vorteile des Bloggens sind […] zahlreich: Man kommuniziert direkt mit der Öffentlichkeit. Man erhält als Blogger mehr Aufmerksamkeit. Man kann direkten Lobbyismus für sein Arbeitsgebiet betreiben. Und es ist noch dazu ein nettes Hobby.”

Ich teile die Einschätzung über all die positiven Seiten, würde die Bewertung aber weniger vom Status quo ausgehend vornehmen, denn von einer langfristigen, systemischen Perspektive. Viele heute erfolgreiche Wissenschaftsjournalisten, die als Freizeitblogger angefangen haben, betraten damals absolutes Neuland und mussten mehr als heutige wissenschaftliche Blogger eine Bresche für die Anerkennung ihrer Arbeit schlagen, von der alle heutigen Wissenschaftsblogger profitieren. Das Feld der Akteure war leer, und die Möglichkeit, sich zu einem Knotenpunkt zu entwickeln, groß, ganz einfach weil es relativ wenige Fäden gab, die sich verknoten konnten (und wollten). Bloggen wird auch in Zukunft für viele ein nettes Hobby bleiben. Aber die Rahmenbedingungen für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, die Generierung von Aufmerksamkeit und den “Lobbyismus” in eigener Sache, sind im Begriff sich radikal zu verändern. Mit der Zunahme der Popularität wissenschaftlichen Bloggens geht auch ein gesteigerter Wettbewerb um Aufmerksamkeit einher, der Wissenschaftler*innen vor neue, zusätzliche Herausforderungen stellt – und ihnen – sollten sie es nicht bloß als Hobby, sondern auch als Teil ihrer professionellen Tätigkeit betreiben wollen – zusätzliche, unbezahlte Arbeit abverlangt.

Notwendig erscheint es mir daher, Rahmenbedingungen zu diskutieren, die wissenschaftliche Arbeit in sozialen Netzwerken nicht nur mit Aufmerksamkeit, sondern auch finanziell vergüten. Der Wissenschaftsjournalismus war bislang der einzig sinnvolle Ausweg. Wenn wir neue Formen wissenschaftlicher Kommunikation jedoch weniger als Innovation und Zusatz, denn (fallbezogen) als effektiverer Ausdruck von genuin wissenschaftlichen Aufträgen wie der Erörterung, dem Austausch und der Verknüpfung von Wissen ansehen, so müssen Modelle geschaffen werden, die die wissenschaftliche Leistung abseits von konventionellen Impact-Faktoren honorieren. Denkbar ist viel: von Arbeitszeitbestandteilen, die dezidiert der Kommunikation von Wissenschaft in sozialen Netzwerken gewidmet werden können zur Arbeit an Wikipedia-Artikeln als wissenschaftlicher Transferleistung, von der Anerkennung von Networking als wissenschaftlicher Arbeit zum Einreichen von Blogs als Dissertation.[5]

Wir tun es für Geld

Nun habe ich Tätigkeiten, denen viele mit Leidenschaft nachgehen, ziemlich einseitig aus der Perspektive berechnender Ökonomen betrachtet. Das wird der Sache natürlich nicht in jeglicher Hinsicht gerecht. Auf der anderen Seite scheint es mir gelegentlich notwendig zu sein, eine dem Pathos widersprechende Perspektive einzunehmen, um die Rückbindung zu den strukturellen Voraussetzungen unserer Arbeit nicht zu verlieren.

So selbstverständlich es klingt: Wir machen unsere Arbeit nicht aus reiner Leidenschaft und nicht nur zur Förderung unseres wissenschaftlichen Werdegangs. Wir tun es für Geld – und keiner von uns würde es ohne schnöden Mammon in dieser Form machen können.[6] Diese Banalität ist meines Erachtens nicht nur für uns wichtig, sondern auch für die Wissenschaft: Sie ermöglicht uns, sich über wissenschaftliche Fragestellungen hinaus auch mit den Bedingungen, unter denen Ergebnisse zustande kommen, kritisch zu beschäftigen, sie zu bewerten und gegebenenfalls auch tatsächlich zu ändern. In diesem Sinne ist dieser Beitrag auch ein Appell, unter Wissenschaft nicht nur die Produktion von Inhalten zu verstehen, sondern auch die Reflektion und Gestaltung ihrer (Re)Produktionsbedingungen.

tl;dr: Das Private ist (wissenschafts)politisch.

Anmerkungen:

[1] Diese Formulierung bei der das aktive Verb (beispielsweise arbeiten) durch ein passives (leben) ausgetauscht wird ist mir insbesondere im vergangenen Jahr wiederholt in unterschiedlichen akustischen Kontexten begegnet, ein präsentables schriftliches Beispiel dafür konnte ich leider nicht finden. Häufiger findet man hingegen die (positive) Rede von Wissenschaftler*innen, die “für die Wissenschaft leben”. Das geht fraglos in die gleiche Richtung. Dennoch finde ich, dass die Formulierung “Wissenschaft leben” eine noch stärkere Distanzierung von der anderen Seite der Medaille einer Wissenschaft als Beruf, dem “von der Wissenschaft leben” darstellt und bin gespannt, ob sie mir künftig noch häufiger unterkommt.
[2] Drei nennenswerte Studien der letzten Jahre sind der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs, sowie die Studien “Wissenschaftliche Karrieren” und “Berufswunsch Wissenschaft?” von Jaksztat, Briedis et al. (2010 bzw. 2014).
[3] Die weitgreifende Bereitschaft, Promotionen und Post-Doc-Tätigkeiten als unterstützenswertes Privatvergnügen zu klassifizieren, zeigt sich unter anderem in der Personalstruktur der Max-Planck-Gesellschaft, in der 5.516 angestellten Wissenschaftler*innen mit 4.642 Personen eine nahezu gleiche Zahl von Stipendiat*innen gegenüber steht. Zahlen für die anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen liegen mir nicht vor.
[4] Das ist im Übrigen tatsächlich ein Problem in Institutionen, die automatisierte Zeiterfassungen verwenden, denn ab der 21. bzw. 41. Stunde lassen solche Systeme keine weiteren Einträge zu. Da dies in Forschung und Lehre im Regelfall nicht der Arbeitsrealität entspricht, wird in den mir bekannten Fällen nach dem Schema “Was nicht passt, wird passend gemacht” verfahren, wobei beim “Zurechtrechnen” zusätzliche Arbeitszeit verloren geht. Funfact: Wer für 50 % TV-L E13 bezahlt wird, aber 40 Stunden arbeitet, arbeitet effektiv knapp über dem Mindestlohnniveau.
[5] Es ist anzumerken, dass Wissenschaftskommunikation und Networking bereits jetzt – wenn auch in anderer Weise – als Teil der wissenschaftlichen Arbeit betrachtet werden. Zum einen geht es hier im Speziellen darum, “neue” Kommunikationsformen neben “konventionellen” wie der Teilnahme an Workshops, Tagungen oder das Rezensieren von Werken zu etablieren, es geht aber auch im allgemeinen darum, all diese Tätigkeiten in vollem Umfang als Werte für die Wissenschaft anzuerkennen.
[6] Dies widerspricht nicht der zuvor erwähnten Tatsache, dass viele wissenschaftliche Tätigkeiten kostenlos ausgeübt werden – eher im Gegenteil: Kapital spielt hier stets eine Rolle, vielleicht noch viel erheblicher, denn in vielen Fällen steht die Hoffnung im Vordergrund, irgendwann einmal von der Tätigkeit leben zu können oder zumindest die Tätigkeit weiterführen zu können (was ja in so ziemlich allen Fällen einer finanziellen Absicherung bedarf).

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Eine Antwort zu “Am Ende investieren wir Freude

  1. Pingback: Perspektiven auf das wissenschaftliche Bloggen – Zusammenfassung zur Blogparade #wbhyp | Redaktionsblog

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