Dies ist kein Sozialkonstruktivismus

Erschüttert es wohl das Weltbild, wenn man Fakten erfährt, die diesem widersprechen? In der Regel nicht. In der Regel erschüttert es die „Fakten“. Blogger Fefe meint, das könnten dann ja wohl gar keine Fakten gewesen sein. Fefes Sätze der Art „Fakten sind wirklich und bestehen und können weder wahr noch falsch sein“ lassen annehmen, dass er mit Fakten sowas wie eine objektive Realität meint.

Fefe ist Sozialkonstruktivismus fremd. Damit ist er nicht allein. Speziell MINT-Leute können damit häufiger nichts anfangen, aber auch der common sense hat damit so seine Schwierigkeiten. Aber Fefe denkt weiter drüber nach. Das ist auch gut. Denn im Blog Palmström (von Joscha Bach) wurden Fefes Konflikte mit Leuten im Internet damit zu erklären versucht, dass jene Leute einem Sozialkonstruktivismus anhingen.

Am selben Tag erklärte dasselbe Blog auf diesem Wege schon (in Englisch) einen anderen Konflikt zwischen Leuten im Internet unter dem Titel „Feminism and Social Constructionism“. Palmströms These, dass die sozialkonstruktivistischen Überzeugungen einiger Konfliktbeteiligter zentral für die Konfliktausformungen und -ergebnisse seien, habe einen Vorteil gegenüber einer auf sozialer Positionierung und Inszenierung basierenden Konflikterklärung (die hier und hier von Scott Alexander ausformuliert wurde), nämlich dass sie erklären könne, warum es „the asymmetry of the social media wars“ gebe.[1] Wie diese Asymmetrie aussehe, erläutert Palmström in dem deutschen Artikel so, seine These könne erklären, „warum der durchschnittliche Fefeleser (und vor allem der durchschnittliche Fefe) sich nicht ebenfalls radikalisiert“,[2] während sich Anhänger und vor allem Anhängerinnen des Sozialkonstruktivismus doch anscheinend automatisch radikalisierten.

Radikaler als radikal

Palmströms These klingt zunächst attraktiv, denn unterschiedliche Weltbilder verschiedener Akteure wären grundsätzlich geeignet, unterschiedliche Verhaltenstendenzen zu erklären. Woher die Verschiedenheit der Weltbilder kommt? Palmströms Verdacht:

„We are witnessing a transition of leftist activism from a foundation in economical theories (mostly Marxism) to social constructionism.“[1]

Andere Aspekte deuten darauf hin, dass Palmströms These auf einer Gegenüberstellung von modernen und postmodernen Ideen beruht. Altlinke Aktivisten und Fefe (und im englischen Beispiel Comic-Strip-Bloggerin Erzaehlmirnix) repräsentieren dabei die Moderne, ihre Kritiker – und insbesondere Kritikerinnen – die Postmoderne. Letzteren wird von Palmström zugebilligt, dass sie weder „stupid“ noch „evil“ seien.[1] Doch diese Hypothese verschwindet mit der Zeit wieder, und zwar en passant:

„Its [i.e. 3rd wave feminisms] discursive strategies and judgments are entirely logical and meaningful–if one accepts the radical idea that reality is a social construct.“[1]

Es folgen die Vorbehalte, die der Autor gegenüber Sozialkonstruktivismus hegt, und die klar machen, dass die nach „if“ benannte Bedingung kaum als erfüllt angesehen werden kann. Daraus ergibt sich, dass Urteile dieser Gegnerschaft der Modernen nicht als „entirely logical and meaningful“ angesehen werden sollten. Irgendwie sind sie also doch wieder „stupid“ oder „evil“.

Dieser Argumentationsgang zeigt sich schön in der Behauptung, die Idee, „that reality is a social construct“, sei „radical“. Bei Radikalen sollte man ja vorsichtig sein. Am Ende erweisen die sich nämlich so oft als „stupid“ oder „evil“.

Wie erlangt nun diese Behauptung von der Radikalität des Sozialkonstruktivismus Glaubwürdigkeit im Rahmen der Blogartikel? Indem das Verhalten von „radikalen“ Gruppen, die als aggressiv gegen Fefe und Erzählmirnix geschildert werden, mit ihrer Überzeugtheit vom Sozialkonstruktivismus begründet wird. Sozialkonstruktivismus erscheint also deshalb als radikal, weil er das Verhalten von Leuten erklären soll, die radikal sein sollen, weil sie dem Sozialkonstruktivismus anhängen. Zirkelschluss sichtbar geworden?

Tatsächlich wird mit diesen Blogartikeln[1][2] eher eine Falschdarstellung von Sozialkonstruktivismus transportiert und durch Verknüpfung mit fragwürdigen Repräsentanten („stupid“ oder „evil“? Aber zumindest „radical“!) zu desavouieren versucht. Da Sozialkonstruktivismus (Wikipedia) eine soziologische Theorie mit breiter Anerkennung ist, schlägt deren Desavouierung auf Sozialwissenschaften in der Postmoderne insgesamt durch, die als radikale Ideen erscheinen, und nicht als selbstverständliche Ausgangspunkte für wissenschaftlich fundierte Erklärungsversuche sozialer Phänomene im Internet. Für MINT-Leute mag das eine attraktive Einstellung sein, denn wenn sie Sozialwissenschaften für Hokuspokus halten, können sie sich selbst als Experten für alles einschätzen.

Für alle anderen empfiehlt sich zur Erklärung von Konfliktdynamiken (nicht nur) im Internet eher der Artikel The Toxoplasma Of Rage, dessen Beobachtungen und Erklärungshypothesen leicht in sozialwissenschaftlichen Begriffen reformuliert werden könnten. Und beispielsweise mit Pierre Bourdieus Feldtheorie (nein, nicht Quantenfeldtheorie) käme man dann auch zu ganz einfachen Erklärungen, warum Radikale sich radikalisieren und Gemäßigte sich mäßigen.

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Eine Antwort zu “Dies ist kein Sozialkonstruktivismus

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