Plagiatsnotizen: Verjährung, Leiden des jungen Barz, PlagitPop

Erwirkte Schavan bei Google leicht eine Löschung (d.h. Nichterwähnung bei Suche nach ihrem Namen) unangenehmer Berichte über ihre Plagiatspraxis (Erbloggtes berichtete), findet sich in der Bergedorfer Zeitung jüngst auch ein Bericht über einen Plagiator, dem das zunächst schwerer fallen dürfte: Unter der Überschrift „Perfide Masche. Betrüger mit Ringtrick in Bergedorf unterwegs“ berichtet das Blatt von Ringen, deren 585er-Goldgehalt nur vorgetäuscht ist. Das fällt wohl unter solche Betrugsmaschen, die Google zu einem Kriterium für das ausnahmsweise Ablehnen von Deindexierungsanträgen erkoren hat. Warum schavanplag.wordpress.com noch nicht aus den Google-Treffern zu Schavan verschwunden ist, bleibt dagegen vorerst unklar. Weitere Meldungen:

Plagiatsverjährung in der Praxis

Dr. Xuan Gao, 2009 an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) promoviert mit einer Arbeit über „Interkulturelles Verstehen durch Kunst im Zeitalter der Globalisierung“, hat sich den richtigen Ort ausgesucht, um ihre Dissertation weitgehend wörtlich abzutippen. Ihre drei Hauptquellen sind: 1. Der Wikipedia-Artikel „Kunst“, der die Seiten 64-71 der Dissertation fast vollständig füllt. 2. Eine Diplomarbeit über „Interkulturelle Erziehung durch Kunst“, die die Seiten 113-157 fast durchgängig beigesteuert hat. 3. Eine Dissertation über die Malerei Lin Fengmians, deren Kapitel 1-3 nun als Seiten 75-93 von Xuan Gaos Dissertation eine neue Aufgabe fanden. [Anm.: In einer früheren Version wurde fälschlich von „seiner“ Dissertation gesprochen. Danke für die Hinweise!]

BarcodeXg

VroniPlag-Barcode zu Xuan Gaos LMU-Dissertation

Volker Rieble hat im vorigen Jahr darauf hingewiesen (Erbloggtes berichtete): In der “Promotionsordnung der Ludwig-Maximilians-Universität München für die Grade des Dr. phil. und Dr. rer. pol.” findet sich seit 2005 der Satz:

“Eine Entscheidung nach Abs. 1 und 2 [Aberkennung der Doktorprüfung] ist nur innerhalb einer Frist von fünf Jahren nach Erteilung des Bescheids gemäß § 12 Abs. 3 möglich.”[1]

„Exzellent!“, kann man nun im Münchner Promotionsausschuss jubeln, denn die plagiierte Doktorarbeit von Xuan Gao muss dort sechs Jahre später weder zusätzliche Arbeit noch Kopfzerbrechen bereiten. So werden auch Kapazitäten frei gehalten, um weitere exzellente Doktorarbeiten durchzuwinken. Gratulation!

Professorale Passionsspiele

Eine schlimme Leidensgeschichte hielt das Schicksal hingegen für Heiner Barz bereit, der einige Bekanntheit erlangte als aufrechter Schavanist an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU). Er schreibt gern Zeitungskolumnen, um seinen Argumenten Gehör zu verschaffen, und Gewicht natürlich, das ihnen in interner Diskussion nicht zuzukommen scheint:

„Es gibt, möglicherweise als Kollateralschaden des Ranking- und Profilierungsimperativs, offenbar auch eine neue Konformismuserwartung vonseiten der Hochschulleitungen. Jedenfalls legen das interne Berichte nahe, die davon handeln, dass Rektoren ihre Professoren zum Rapport einbestellen, wenn sie sich öffentlich nicht ganz im Sinne der Hochschulleitung geäußert haben.
Sie sagen: ‚Ich will hier nicht die dienstrechtliche Karte ziehen‘ – um dann aber umso deutlicher nahezulegen, dass sich ein Professor doch in der Öffentlichkeit bitte nicht zu Hochschulangelegenheiten zu äußern hätte. Das sei allein Sache des Rektorats.“[2]

Nach ein bisschen Drumherumgerede kommt er auch zu seinem eigenen Erfahrungshintergrund, in dem Barz offenbar verallgemeinernd aus seinem persönlichen Nähkästchen plaudert:

„An meiner eigenen Universität erlebte ich derartige Ordnungsrufe im Zusammenhang mit dem Plagiatsverfahren Schavan. In der Affäre hatte sich für viele Monate eine Glocke des Beschweigens und Beschwichtigens über die Uni Düsseldorf gelegt. In einer Art Wagenburgmentalität wurde jede Wortmeldung von außerhalb, die Fragen zur Triftigkeit der Düsseldorfer Abläufe und Entscheidungen aufwarf, als unverschämte Einmischung abqualifiziert.
Dass dann auch noch aus den eigenen Reihen abweichende Einschätzungen formuliert wurden, sollte mit aller Macht unterbunden werden. Eine akademische Streitkultur wird durch derartige Interventionen nicht unbedingt befördert und der einzelne Wissenschaftler oder die einzelne Wissenschaftlerin nicht ermutigt, individuelle Standpunkte zu entwickeln und öffentlich zu vertreten. Der vorsichtig gewordene Autor betont, dass das neue Düsseldorfer Rektorat nicht gemeint ist.“[2]

Gemeint ist also der ehemalige Düsseldorfer Rektor Hans Michael Piper, seit einem Monat Präsident der Uni Oldenburg.[3] Der ist ja nun nicht mehr Barz‘ Chef, da kann sich der mutige Professor ja aus dem Fenster lehnen und beklagen, dass Piper „mit aller Macht“ verhindern wollte, dass das Schavan-Verfahren von HHU-Angehörigen in der Öffentlichkeit diskutiert würde. (Nachdem er beklagt hatte, dass HHU-externe Schavanisten sich nicht in das Verfahren, für das sie weder rechtlich noch sachlich zuständig oder auch nur kompetent waren, einmischen durften.)

Zwar hatte Schavan dieses Stillschweigen der HHU juristisch verlangen lassen („Maulkorb“), hatte auch einen verwaltungsrechtlichen Anspruch darauf, und berief sich im Prozess gegen die Uni auch auf aus der Uni stammende öffentliche Äußerungen, die sie als Verfahrensfehler anprangerte. Aber Barz wäre eine breite öffentliche Diskussion über den Fall Schavan offenbar sehr recht gewesen, weil ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktorgrades dann – völlig unabhängig von der sachlichen Bewertung – keinen rechtlichen Bestand hätte haben können, Schavan heute also als Dr. Schavan reüssierte.

Der Barz, das scheint so ein richtiger Rebell zu sein, der hat bestimmt Bilder der Göttinger Sieben überm Bett hängen, oder gar ein Münklerwatch-Fan-Poster? Nun musste er aber in Folge der gemeinen Gängelung durch verwaltungsrechtlich gebundene Vorgesetzte feststellen,

„dass ich anfange, meine öffentlichen Äußerungen unter strategischen Gesichtspunkten zu reflektieren. Und von der Reflexion ist dann möglicherweise der Weg zur Selbstzensur nicht mehr allzu weit.“[2]

Das klingt ja schon sehr nach Münklerwatch und den Studierenden, die sich ihre künftigen Karrierechancen nicht durch eigene Meinungen schmälern lassen wollen. Vielleicht sollte mal jemand Barz erklären, er könne, wenn er größeren Mitteilungsdrang verspüre, ja ein anonymes Blog aufmachen, in dem er dann den gewünschten „Ekstasen des riskanten Denkens“[2] frönen dürfe. Das würde seinen Argumenten aber auch nicht mehr Gewicht verschaffen.

Plags of Grey

Als literarisches Schwergewicht sind die Shades-of-Grey-Romane von E.L. James wohl nicht zu bezeichnen, doch sie lassen die Herzen des Buchhandels höher schlagen. Derwesten.de kommentiert nun eine Neuerscheinung derselben Autorin, die in den ersten Tagen nach Veröffentlichung bereits in einer Million Exemplaren verkauft worden sein soll[5] und auch in Deutschland die Bestsellerlisten stürme:

„Wie die Studentin erstmals in sein Büro stolperte, wie er bei ihr im Baumarkt Seile kaufte… kommt Ihnen bekannt vor? Genau. Zwar erfahren wir weltexklusiv auch von Christians tiefen Kindheitstraumata, letztlich aber schrieb die Autorin einfach bei sich selbst ab. (Ist das auch ein Plagiat?)“[4]

Über den Abschlussband der vorigen Romantrilogie wusste schon Wikipedia:

„Das Buch endet mit einigen Szenen aus der Perspektive von Christian: Das erste Weihnachtsfest als Adoptivkind bei den Greys und als Reprise die Interviewszene, der Baumarktbesuch aus dem 1. Buch.“[6]

Schon AgitProp arbeitete mit Kopierverfahren für leichtere Verständlichkeit.

Also wird nun das bereits Bekannte nochmal „weltexklusiv“ in neuem Umschlag präsentiert – das traditionelle Rezept für erfolgreiche Kulturindustrie. Da weiß das Publikum einfach, was es bekommt – auch wenn das keine Ekstasen riskanten Denkens sind, sondern eher PlagitPop. Auch im kulturindustriellen Politbetrieb taugt das doch längst zur Erfolgsformel. Das Publikum wartet schon lange auf ein Wiedersehen mit den heißgeliebten Stars aus GuttenPlag, VroniPlag und SchavanPlag. Das wäre doch mal ein Thema für die IAG Zitat und Paraphrase, oder?

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10 Antworten zu “Plagiatsnotizen: Verjährung, Leiden des jungen Barz, PlagitPop

  1. Am Rande sei angemerkt, dass es sich bei Xuan Gao um eine Frau handelt, wie es dem Lebenslauf aus der Dissertation zu entnehmen ist.
    Interessant mag vielleicht auch sein, dass das chinesische Wort für Lernen „xue“ in seinem Begriffsfeld vor allem aber „wiederholen“ bedeutet.

    Das ist verständlich, denn nicht zuletzt die chinesische Sprache muss selbst bei Muttersprachlern durch eine langwierige Ausbildung mit eben diesem ständigen Wiederholen erlernt werden. So müssen chinesische Studenten selbst noch in der Universität weiterhin Chinesischkurse verpflichtend belegen.

    Die Lernmethodik des steten Wiederholens zieht sich nun durch die gesamten Ausbildungsbereiche. Das sieht man beispielsweise auch daran, wie Lehrmaterial eingesetzt wird. Ich selbst habe konkret erlebt, dass in einer der vielen Beijinger Universitäten in Informatik die Studenten offizielle Nachdrucke amerikanischer Fachbücher verwenden. Dabei lernen sie mehr oder weniger die Dinge auswendig, ein tieferes Verständnis für Technologiefelder entsteht dabei nicht. Die Studenten haben mich nach obskuren Details und mathematischen Formeln zur Flusssteuerung des TCP gelöchert … das ist das Protokoll, auf dem das Web fußt. Wie das Protokoll aber korrekt benutzt wird, das wußten sie nicht. Der Teil fehlte im amerikanischen Lehrbuch.

    Das Wiederholen und Reproduzieren ist nach meinem Eindruck ein zentraler, prägender Aspekt der chinesischen Kultur. Er zeigt sich sehr prägnant in der Sprache. Die Universität heißt wörtlich „das große Lernen“. Der Schritt zum Plagiat ist klein, weil einfach das Konzept praktisch in einer Kultur nicht existiert, in der das Nachmachen die gelernte Methodik des Lernens ist. Das alles entschuldigt aber die Leistung Xg nicht, auch wenn selbst Guttenberg hier neidisch werden darf.

  2. Bayerisches Hochschulzentrum für China (BayCHINA)
    Leitung: **Frau** Dr. GAO Xuan
    100004 Beijing, VR China

    http://www.daad.org.cn/home/deutsche-hochschulen-in-china

  3. „Dr. Xuan Gao, 2009 an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) promoviert mit einer Arbeit über ‚Interkulturelles Verstehen durch Kunst im Zeitalter der Globalisierung‘,” sollte, falls seine Doktorarbeit keine ist, den frohlockenden Herren in etwa erklären: „Ich gebe den Titel zurück, denn Nichtkönnerschaft verjährt nicht.“

    von Eichenbach

  4. Korrigiere nun: „ihre“ statt „seine“. Man kann nicht alles kontrollieren, sondern muss auch vertrauen können.

  5. Tagebucheintrag vom 7. Sept. 2015

    Bei Montaigne gelesen: „Der Philosoph Chrysippus mischte in seine Bücher nicht nur bloß einzelne Stellen, sondern ganze Werke anderer Autoren und in eines die ganze Medea vom Euripides, und Apollodor sagt darüber: wenn jemand herausnähme, was Fremden gehörte, so würden nur leere Blätter übrigbleiben.“ Obwohl sich bekanntlich Kritik an den Meistern verbietet: Im Vorstehenden wird schlicht übergangen, dass sich keine Schreibarbeit von allein macht. Es muss nicht immer ein „summa cum laude“ sein; irgendeine Würdigung wird man aber doch noch erwarten dürfen.

  6. Was passiert, wenn spätere Studenten im Vertrauen darauf, aus einer anerkannten Doktorarbeit zu zitieren, darauf hingewiesen werden (müssen), dass sie nicht korrekt zitiert haben, denn die Originalquelle ist ja nicht diese Dissertation? Wäre das nicht ein Grund, die Münchner Praxis zu überdenken? Oder alles (weiß-)wurscht?

  7. Ja und nein. Wenn ein Doktortitel aberkannt wird, ist das ja nicht gleich öffentlich und allgemein bekannt. Zu diesem Problem siehe https://erbloggtes.wordpress.com/2015/04/15/vom-doktor-weis-ganz-allein-der-wind/
    Aber wenn eine Arbeit aus Verjährungsgründen gar nicht offiziell auf Täuschungen untersucht wird, ist ihr wissenschaftlicher Wert ja weiterhin durch den „großen Namen“ der Hochschule, die sie promotionswürdig fand, legitimiert. Dann gerät ein Student, der eine Arbeit *nicht* zitieren will, weil er sie für ein Plagiat hält, in Begründungsnot, wenn sein Prüfer bemängelt, dass jene thematisch einschlägige Arbeit nicht berücksichtigt ist.

  8. Pingback: Alma Mater #LMU: Bitte erkennt den Doktor-Titel ab. Aber schnell #Plagiat | Sandra Schön

  9. Verjährt ist verjährt. So sind nun mal die Bestimmungen. Vorschlag zur Güte: Der Betroffene muss die Oberaufsicht über die Aufklärung der behaupteten Unregelmäßigkeiten und die vollste Verantwortung übernehmen, aber behält den Titel.

  10. Pingback: Lernresistenz in der Bildungsforschung | Erbloggtes

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