Öffentlichkeit und Informationskontrolle im Post-Papier-Zeitalter

Erstaunt es, dass selbst Wikileaks nicht vor dem ungewollten Durchsickern (leak) von Informationen gefeit ist, wie heute Markus Kompa meldet? Die Prinzipien der Öffentlichkeit überholen heute sogar das Internet:

In VroniPlag ist man uneinig darüber, ob das, was online öffentlich sichtbar ist, auch veröffentlicht ist, oder ob dafür ein offizieller Veröffentlichungsakt notwendig sei. Auch ob es moralisch verantwortbar ist, öffentlich statt heimlich einem Anfangsverdacht nachzugehen und dabei Namen zu nennen, ist unklar. Die Öffentlichkeit gilt in Zeiten der Medien-Maschinerie nicht als völlig gerechte Richterin, was zur Frage führt, wie weit sich Kants Prinzip der Publizität genau erstreckt:

„Alle auf das Recht anderer Menschen bezogene Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publicität verträgt, sind Unrecht.“[1]

Öffentlichkeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Müsste nicht (außer dem Recht) auch alles, was den Namen Wissenschaft tragen soll, vollständiger Publizität offen stehen? Rezension, Überprüfung auf Plagiatsverdacht, Kritik: Das alles gehört zur Wissenschaft. Projektanträge, Ausschreibungen, Fördermittel: Ebenfalls Wissenschaft, muss auch dies öffentlich sein?

Hier zeigt sich jedoch der Übergang von der Wissenschaft zur Wirtschaft: Wie auch Götz Aly im fünften Teil seiner laufenden Highlight-Kolumne „Meine kleinen Guttenbergs“ bemerkt, sind Forschungsförderungsanträge den wirtschaftlichen Interessen der Beteiligten ausgeliefert. Auch künstlich verlängerte Publikationslisten, die für Aly das Vorfeld des Plagiarismus ausmachen, sind zutiefst wirtschaftlich bedingt in der Konkurrenz um Stellen, weitere Forschungsgelder und akademische Macht. Die wissenschaftlichen Konkurrenten „türmen flüchtigen Ruhm auf“, schreibt Aly, verschweigt aber, dass sie zugleich und vor allem Kapital anhäufen, monetär und wissenschaftlich.

Zurück zu VroniPlag: Bei der öffentlichen Äußerung eines Plagiatsverdachts stammen die Skrupel nicht vor allem aus wissenschaftlichen Erwägungen, sondern aus wirtschaftlichen: Der Verkaufswert eines Wissenschaftlers/Politikers/Plagiators sinkt (glücklicherweise), wenn sich erhärtet, dass er seine Qualifikationen zusammenkopiert hat. Er sinkt jedoch möglicherweise auch allein dadurch, dass der Verdacht aufkommt, der sich ja möglicherweise noch widerlegen ließe. Im jüngsten VroniPlag-Fall „Ub“ beispielsweise wäre es (theoretisch, nur theoretisch) möglich, dass die Textgleichheiten mit Wikipedia anders zustande gekommen sind als durch Kopieren des Doktoranden aus der Wikipedia.

Rücksichtnahme von Information auf Interessen?

Und WikiLeaks? Wenn WikiLeaks Dokumente zurückhält, dann um 1. deren systematische Veröffentlichung (im Medienkonzert) zu koordinieren und 2. zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Stellung. Kann man hier jemanden verpflichten, die Wahrheit (vorerst) zu verschweigen, um den Interessen von WikiLeaks entgegenzukommen? Kann man jemanden verpflichten, auf VroniPlag öffentliche Informationen nicht mit dem dort Verfügbaren zu verknüpfen und die Namen von Plagiatsverdächtigen zu verschweigen, um den Interessen von VroniPlag entgegenzukommen? Oder um den Interessen des Verdächtigen zu entsprechen? Woraus sollten solche Ansprüche erwachsen?

Die Nichtunterdrückbarkeit von Informationen im Internet – ein anderer Aspekt ist als Streisand-Effekt bekannt geworden – ist selbst im Bewusstsein so progressiver Online-Institutionen wie WikiLeaks oder VroniPlag noch nicht fest verankert. Sie denken zuweilen in Kategorien des Papier-Zeitalters. Dem Papier-Zeitalter waren auch die Plagiatoren noch verhaftet, die sich nie träumen ließen, wie ihre (selbst online gestellten) Dissertationen durch (nur) online machbare Analysen auseinanderfallen würden. Und ins Papier-Zeitalter gehören auch sowohl die rechtlichen, als auch die moralischen Maßstäbe, die vielfach noch anachronistisch an Post-Papier-Phänomene angelegt werden.

Der gesellschaftliche und Werte-Wandel hat noch nicht einmal richtig begonnen. Und die Papier-Parteien bieten keine Perspektiven. Post-Papier ist immerhin der heute wiederauferstandene Blog-Aggregator Rivva. Aber auch dort gab es schon back-to-paper-Tendenzen.[2]

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Eine Antwort zu “Öffentlichkeit und Informationskontrolle im Post-Papier-Zeitalter

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