Meditationen über die große Hure Duden

Ereiferte sich der Verein Deutsche Sprache (VDS) alljährlich über einen „Sprachpanscher des Jahres“, indem er aufgrund „abstrus konstruierter sprachlicher Sünden“[1] ein Voting veranstaltete, so sprangen Zeitungen gern auf Derartiges an: Qualitätsjournalisten berichten selbstverständlich stets schön neutral und mit Verständnis für solche Nichtereignisse, weil sie sich ja oft mit Selbstzweifeln herumplagen, wie etwas am besten zu formulieren und nach allen Regeln der Kunst niederzuschreiben sei. Auf diesem Wege kann sich der VDS immer wieder als einzig wahrer „Wahrer der deutschen Sprache“ darstellen.

Zu diesem Zwecke ist es natürlich von Vorteil, andere bekannte „Wahrer der deutschen Sprache“ zu desavouieren. „Der Duden“ wurde diesmal auch vom VDS als „Sprachpanscher des Jahres“ nominiert:

„‚Die große Hure Duden‘ (so die Hamburger ‚Zeit‘) ist leider zum billigen Handlanger von Modefuzzis und Amitümlern aller Art verkommen und hat durch das gedankenlose Aufnehmen dummer Anglizismen diesen erst den offiziellen Gütestempel aufgedrückt.“[2]

Daran ist mehreres zu bemerken. Anatol Stefanowitsch weist darauf hin, dass die „Gräueltat“ der Duden-Redaktion offenbar darin bestehe, „dass sie den tatsächlichen Sprachgebrauch abbildet“.[1] Detlef Gürtler bemerkt die Wortneuschöpfung „Amitümler“ und allerlei weiteren sprachlichen Unsinn,[3] darunter auch die „Hure“.

Was ist das Beleidigende am Wort Hure?

Nun ist Hure als Beleidigung nicht mehr so recht zeitgemäß, spätestens seit sich die Hurenbewegung den Begriff als Selbstbezeichnung angeeignet hat. Der 2. Juni ist übrigens alljährlich der Internationale Hurentag. Der Beispielsatz „Gabi ist eine Hure“ muss daher keine Verächtlichmachung Gabis sein, es kann sich auch um die neutrale Angabe von Gabis Beruf handeln. Wenn man jedoch Dinge oder Menschen als Huren bezeichnet, bei denen es nicht als Berufsangabe gemeint sein kann, erzielt man meist einen verqueren Beleidungscharakter:

Die Unterstellung bei Verwendung des Wortes Hure in diesem übertragenen Sinne könnte lauten, dass jemand etwas Heiliges entweiht, indem er oder sie es für Geld anbietet. Es natürlich eine einigermaßen lächerliche Beleidigung, ein Wirtschaftsunternehmen oder eine berufstätige Person als Hure zu bezeichnen, weil es nunmal das Wesen von Wirtschaftsunternehmen und Berufstätigkeit ist, eine Ware gegen Geld zu tauschen. Damit eine Beleidigung als Hure auch nur einigermaßen plausibel wird, muss man die jeweilige Ware für heilig erklären und behaupten, diese dürfe nicht gegen Geld getauscht werden. Dem VDS dürfte „die deutsche Sprache“ ein solches Heiligtum sein, und der Verkauf von herkömmlichen Wörterbüchern demnach eine Entweihung.

Illustration der Lutherbibel von Lucas Cranach d.Ä.

In der Kandidatenliste des VDS ist aber nicht bloß von einer Hure die Rede. „Die große Hure Duden“ bezieht sich ja wahrscheinlich nicht auf jemanden, dem körperliche Größe bescheinigt wird, und wohl auch nicht auf jemanden, der im großen Maßstab Heiliges gegen Geld tauscht. Vielmehr dürfte es sich um die Übernahme eines biblischen Bildes handeln: „Die große Hure Babylon“ ist eine Wendung aus der Lutherbibel, die Überschrift von Kapitel 17 der Johannesoffenbarung. Dort sagt ein Engel:

Komm, ich will dir zeigen das Gericht über die große Hure, die an vielen Wassern sitzt, mit der die Könige auf Erden Hurerei getrieben haben; und die auf Erden wohnen, sind betrunken geworden von dem Wein ihrer Hurerei.

Sodann zeigt der Engel die Vision einer Frau, deren Name auf ihrer Stirn stehe:

„Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden.“

Der Duden würde durch die Bezeichnung als „Die große Hure Duden“ dementsprechend mit Babylon identifiziert.

Sprachliche, ethnische und moralische „Reinheit“

Aus der Sicht des Sprachpurismus mag die Einführung neuer Wörter einer göttlichen Strafe (für die Todsünde des Hochmuts übrigens) gleichkommen, die zu „babylonischer Sprachverwirrung“ führt. Wieder die Lutherbibel, 1. Mose 11, Vers 6-9:

„Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

Sprachverwirrung nach Gustave Doré

Ein ethnisch und sprachlich einheitliches Weltreich ist gemäß dieser alttestamentarischen (strenggenommen leider nachsintflutlichen) Vorstellung zu allem fähig. Das gehört ja auch zu den ideologischen Grundlagen von Imperialismus und „ethnischen Säuberungen“. Und natürlich von Sprachpurismus, denn „einerlei Volk und einerlei Sprache“ wird „nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ Doch das ist nur ein Aspekt der Babylon-Rezeption. Wichtiger für „Die große Hure Babylon“ ist wohl die in der Offenbarung enthaltene Untergangsvision, die auf alle möglichen Weltreiche übertragen wurde:

Untergang des Sündenbabel aus Mannheim

Nachdem das altbabylonische und das neubabylonische Reich untergegangen waren, sahen die frühen Christen das Römische Reich als neues Babylon an. Wegen seiner moralischen Verdorbenheit und Blasphemie sei es dem Untergang geweiht, so die ursprüngliche Deutung der Hure-Babylon-Passage aus der Offenbarung des Johannes. Anschließend wurden ungefähr alle Großreiche im Einflussbereich des Christentums von ihren Gegnern mit der „Hure Babylon“ identifiziert, unter anderem die katholische Kirche (von den Protestanten), die Sowjetunion (von christlichen Antikommunisten) und die USA (von evangelikalen Reaktionären). Lustigerweise bezeichnet die englische Wikipedia letzteres als „common belief“ und führt eine Liste mit derzeit 28 Punkten auf, die dies aus der Bibel beweisen sollen, unter anderem, dass Babylon wie die USA für seine Popmusik berühmt war.[4] Wenn der VDS vor der großen Hure Duden warnt, dann warnt er womöglich immer auch vor schrecklichen Anglizismen, die von dort durch Popmusik herüberschwappen.

Zurück zum Duden: Das mächtige Imperium aus Mannheim ist den wahrhaft Gläubigen im VDS anscheinend ein Sündenpfuhl. Wie gut, dass der großen Hure Babylon der Untergang bereits prophezeit ist. Wird der einzig wahre Glauben dann vom „Wahrig“ vertreten? Nun ja. Wahrscheinlich weiß der VDS selbst gar nicht so recht, was er mit der Bezeichnung „Die große Hure Duden“ aussagen möchte. Die Anführungszeichen und die angebliche Quellenangabe deuten auch darauf hin. Dass „Die große Hure Duden“ von der Wochenzeitung „Die Zeit“ eingeführt wurde, kann man jedoch getrost bezweifeln. Eine Suche im zugehörigen Archiv ergibt: Nichts – aber immerhin 16 Treffer für „die große Hure“ zwischen 1960 und 2011, davon sieben mit Babylon im Kontext, einige weitere mit anderen Städten.

Wer hat’s erfunden?

Tatsächlich stammt die Wendung „Die große Hure Duden“ wohl von Wolf Schneider. Der VDS bezeichnet Schneider gern als „‚Sprachpapst‘ und VDS-Mitglied“,[5] da liegen religiöse Anspielungen ja nahe. Schneider überschrieb ein ganzes Kapitel seines Buches „Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist“ (Reinbek 2008) mit „Wie ‚die große Hure Duden‘ sie steuert“ (S. 39) und meinte mit „sie“ wohl die Sprache, speziell die deutsche.

Inmitten allgemeiner Klage über Sprachwandel, der von Kulturpessimisten als schleichender Sprachverfall (nicht etwa plötzlich, wie beim Turmbau) angesehen wird, schimpft Schneider dort auf den Duden, der der Grammatik „jede Normierung verweigert“ und daher für den Untergang von Sprache, Turmbau und Weltreich verantwortlich sei. Auch beruft er sich dort auf „Die Zeit“, und zwar auf einen Satz, den der an einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ (Napola) ausgebildete Architekturkritiker Manfred Sack 1985 in einen Artikel über den Untergang des Dativ (ja, der Genitiv war damals noch des Dativs Tod) und des Genitiv-s geschrieben hatte:

„Wie stets, wenn etwas nur lange genug unkorrekt gebraucht wird, ist unsere große Hure Duden zur Stelle und kassiert es als korrekt.“

Unsere große Hure Duden? Das dürfte etwas ganz anderes bedeuten als „Die große Hure Duden“, auch wenn es nicht minder wirr erscheint. Wer ist das „Wir“, dem die Hure Duden zugeordnet ist? Eine Sprach- oder Volksgemeinschaft? Das Bildungsbürgertum oder die schreibende Zunft? Vermutlich letztere, da sie regelmäßig zum Duden zu greifen pflegte, um sich vor dem Lesepublikum nicht zu blamieren. (Heute stützt man sich in Zweifelsfällen besser auf Online-Portale wie das bewährte korrekturen.de.) Dann bedeutet „unsere Hure Duden“ auch kaum eine Beleidigung aufgrund der Entweihung von etwas Heiligem, sondern bezieht sich vielmehr auf die ständige Verfügbarkeit des Dudens am Arbeitsplatz von Journalisten.

Den Beleidigungscharakter gewinnt das Wort Hure in dieser Hinsicht auch nicht aus dem Anbieten von Heiligem für Geld, sondern aus der ständigen Verfügbarkeit. Diese gehört zwar auch zur Warenförmigkeit, ist aber auch losgelöst davon denkbar: Wo die Beschimpfung einer Frau als Hure (zeitgemäßer wäre da wohl das Wort Schlampe) angebliche Promiskuität anprangern soll, behauptet sie gerade diese (allgemeine) Verfügbarkeit zur Befriedigung männlicher Lust. Dass derartiges gemeint sei, darauf deutet auch das Possessivpronomen „unsere“ hin, das freilich die schreibende Zunft zum Männerbund erklärt. Die Hure kennzeichnet demnach, dass sie sich dem männlichen (sexuellen) Besitzanspruch nicht widersetzt – vorzüglich durch Verweis auf ihre Keuschheit und jungfräuliche Ehre.

Unterwerfung der Hure unter VDS-Normvorstellungen

Zugleich mit dieser Beschimpfung wird jedoch der Anspruch erhoben, die als Hure Bezeichnete dürfe sich dem männlichen Besitzanspruch nicht widersetzen. Da ist dann auch die untergründige Bedeutung der Bezeichnung des Duden (hier ohne Genitiv-s, um den alten Sack zu ärgern) wieder da: Der Duden, „unsere große Hure“, solle sich mal nicht so zieren und gefälligst jederzeit zur Verfügung stehen, wenn die schreibende Männerzunft irgendwelche Sprachnormen durchzusetzen gedenke. Dafür sei er schließlich da – so die schmutzige Phantasie der Deutschschreibmännlein. Eine weitere Fundstelle zeigt, dass das die Richtung ist, in die der VDS am liebsten phantasiert. In der Art eines Pressespiegels schrieb man dort auch 2010:

„Über ‚unsere große Hure Duden‘ beschwerte sich Hermann Schreiber im Hamburger Abendblatt. Er kritisierte, dass vom Duden alles, was im Sprachgebrauch auftauche, nach gewisser Zeit übernommen werde. Dabei schloss er in seine Kritik auch die meisten Sprachwissenschaftler mit ein, die behaupteten, dass Sprache nur beobachtet werden müsse und es keine Normen geben dürfe. Positiv erwähnt er den Einsatz der ‚unerschrockenen Deutschsprecher‘ des Vereins Deutsche Sprache. (‚Unsere große Hure Duden‘, Hamburger Abendblatt vom 27.03.2010)“[6]

Solche Lesarten – der Duden sei aufgrund angeblicher Zügel- und Normenlosigkeit eine Hure – stützen auch die anfangs zitierten Vorwürfe des VDS gegen den Duden: Dieser sei „leider zum billigen Handlanger von Modefuzzis und Amitümlern aller Art verkommen“. „Die große Hure Duden“ könne demnach jeder haben, und aufgenommen würden auch Wörter ohne Ansehen ihrer Dignität, einfach weil dahergelaufene Taugenichtse sie benutzten. Der Duden – obwohl männlichen Geschlechts – soll auf diesem Wege dazu gebracht werden, sich den Normvorstellungen des VDS zu unterwerfen. Das Adjektiv „große“ bleibt in dieser Lesart freilich schwach beleuchtet. Wahrscheinlich ergänzt man am besten die Bibelanspielung von Sprachverwirrung, Sündhaftigkeit und Untergangsvision zu den Unterwerfungsphantasien des VDS.

Wird der Duden andernfalls aufgrund seiner Sündhaftigkeit untergehen? Wer weiß. Aber solange die wahren Sprachwahrer Wörter wie „Fuzzi“ benutzen, die laut Duden.de einer „amerikanischen Wildwestfilmserie“ entsprungen sind, wird er den Shitstorms der Sprachfuzzis wohl noch standhalten.

tl;dr: Der VDS weiß wahrscheinlich selbst nicht, was er mit seinem fast 30 Jahre alten Lieblingsmem über „die große Hure Duden“ alles aussagt. Es enthält eine üble Mischung aus christlich-eschatologischen, völkisch-nationalistischen und maskulistisch-patriarchalen Elementen.

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8 Antworten zu “Meditationen über die große Hure Duden

  1. Danke für diesen großartigen Artikel!Ein „Hoch!“ auf den Duden und seine Idealismus-Definition!
    https://erbloggtes.wordpress.com/2013/04/18/kristina-schroder-und-das-gott-der-germanen/
    Hier noch ein Zitat aus dem Lokalteil der SZ vom 13. April 2012, im Netz nicht verfügbar:
    „Gutes Deutsch…D. L. aus…kämpft gegen unnötige Anglizismen. Zum ersten Treffen einer Ortsgruppe des Vereins Deutsche Sprache hat D. L. nach G. eingeladen. ……Wieviele Leute….Mit mir waren es vier, davon eine Frau und ein Berufstätiger. Das ist unser Problem, wir brauchen Nachwuchs…..“
    Dazu muß man wissen, D. L. dürfte 76 sein, Einser-Abiturient mit „Maximilianeum“ und in den 60ern linker Pazifist. Tja, einmal „spinnert“, immer „spinnert“.

  2. Pingback: Umleitung: 1984, Antisemitismus, Solidarität mit Hamed, die große Hure Duden, Leipzigs Juristen, Marc Jan Eumanns “teuflischer Masterplan”, Körperwelten, Männerwelten und mehr … | zoom

  3. Siehe http://michaeleriksson.wordpress.com/2011/02/24/on-language-change-prescriptive-and-descriptive-grammar-and-related-issues/ für eine Diskussion warum eine einseitig deskriptive Grammatik/Einstellung zu Sprachfragen eine schlechte Idee ist—selbst für Pragmatiker.

  4. Meinetwegen kann jeder sagen „diese Wortverwendung ist nicht sinnvoll“, und dafür Argumente vortragen. Für verbindliche Vorschriften hat allerdings niemand ein Mandat – nicht die Bundesregierung, nicht die Duden-Redaktion, und schon gar nicht der VDS.

  5. ’The question is,’ said Alice, ’whether you CAN make words mean so many different things.’

    ’The question is,’ said Humpty Dumpty, ’which is to be master– that’s all.’

    [Ach schön, kann ich das direkt noch mal benutzen.]

  6. Pingback: Lasst die Leute reden | gnaddrig ad libitum

  7. Antonius R.

    „Lieblingsmem“. – Muss man wisssen, was eine/ein „Lieblingsmem“i st. – Ja, raten kann ich’s auch. Kann jemand der Erlauchten eine Erklärung für so viel Memmiges schreiben?

  8. Ja, muss man wissen. Oder in der Wikipedia nachschlagen. http://de.wikipedia.org/wiki/Mem

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