Sexualpädagogik der Vielfalt – kostenloser Volltext

[Update, 19. Mai 2015: Der Volltext-Download ist nicht mehr verfügbar. Siehe unten.]

Ermöglichte Sexualkunde es reaktionären Misanthropen, mit ihren Ideen einer „organischen Ordnung“ unter Ausnutzung von Ängsten und Unsicherheiten breiter Schichten bis in die Mitte der Gesellschaft vorzustoßen, so macht ebendies die öffentliche Befassung mit Sexualität – und der Vielfalt ihrer tatsächlichen Praxis – dringend erforderlich. Der konservative Backlash produziert insofern notwendig seine progressive Gegenbewegung.

Einen Beitrag zu dieser Gegenbewegung wird die gesteigerte Rezeption des Buches „Sexualpädagogik der Vielfalt“ leisten, für das es kaum bessere Werbung hätte geben können als den Aufstand der angeblich Anständigen. Nachdem hier zuletzt in drei Teilen (Teil I, Teil II, Teil III) die Inhalte dieses Buches mit dem konfrontiert wurden, was die deutsche Presselandschaft – auf Anregung baden-württembergischer Bildungsplangegner – daraus gemacht hat, kann nun jede und jeder ausgiebig selbst lesen, an wen sich das Buch richtet, was seine Ziele sind und wie die darin vorgeschlagenen Praxismethoden genau aussehen:

Daraus zwei Leseanregungen, bei denen man sich fragen mag, warum die eigentlich nicht zur Illustration dieser „skandalösen“ Sexualpädagogik herangezogen wurden:

Anleitung zum richtigen Mann-Sein

Die Übung „Anleitung zum richtigen Mann-Sein“ (S. 110-112) lädt zur Diskussion von Zeitungsüberschriften ein, in denen Gegensätzliches über Männer behauptet wird, z.B.:

  • 1.1 „Neue PISA-Ergebnisse belegen: Jungen sind die großen Loser.“
  • 1.2 „Die neuen Bildungsgewinner: Jungs“

Über die Fragen, die in Kleingruppen diskutiert werden sollen, könnten sich nicht nur Jugendliche ab 14 mal Gedanken machen, sondern auch so einige ganz abgebrühte Erwachsene und professionelle Medienmacher – denn offenbar haben sie da häufig noch Defizite:

  • „Welche der Überschriften stimmen? Welche Belege finden sich für die eine oder andere Aussage?
  • Lassen sich aus den Überschriften so etwas wie ‚Anleitungen zum richtigen Mann-Sein‘ ablesen? Wenn ja, wie ist also ein richtiger Mann? […]
  • Wie können sich Jungen und junge Männer bei diesen Doppelbotschaften eigentlich richtig verhalten?
  • Wer stellt welche Erwartungen an Jungs und junge Männer? Werden an alle Jungen und junge Männer die gleichen Erwartungen gestellt (Jungen mit einer Behinderung, Jungen mit einem Migrationshintergrund, schwule Jungen)?“

Voll Porno – mit praktischer Übung

Bei der Praxismethode „Voll Porno“ (S. 122-125) sollen die Teilnehmenden eine medienkritische Haltung entwickeln können, indem sie in kleinen Teams über die richtige Antwort auf Quizfragen diskutieren. Die Übung ist ab 14 Jahren vorgesehen, „bei Bedarf auch früher“, denn sie hat folgende Prämisse:

„Die Tatsache, dass einige Jugendliche trotz offiziellen Verbots Pornografie konsumieren, muss in Zeiten des Internets wahrscheinlich als gegeben hingenommen werden.“

Die Jugendlichen sollen dabei ein unzudringliches Gesprächsangebot – zunächst in Kleingruppen – über Erfahrungen mit Pornographie erhalten. Zudem soll sie den Teilnehmenden den Sinn der Jugendschutz-Regelungen über Pornografie verständlich machen und eine selbstbestimmte Sicht auf ihre eigene Sexualität fördern. „Bei älteren Jugendlichen können die Antwortvorgaben weggelassen werden.“ Die Leitung wählt für die Zielgruppe passende Fragen aus.

Im Namen der heiligen Interaktivität hier also einige ausgewählte Fragen für die Erbloggtes-Zielgruppe – ernstgemeinte Antworten wie immer in die Kommentare, Diskussionen bitte so, wie auch 14-Jährige diskutieren sollten:

  1. Warum stöhnen die Frauen in Pornos ständig und besonders laut?
  2. Du bekommst von deinem besten Freund neben den neuesten Bildern von Gina Wild auch ein paar eindeutige Kinderpornobilder. Wie reagierst du?
  3. Warum haben die Männer in Pornofilmen immer so einen langen bzw. großen Penis?
  4. Dein kleiner Bruder (9 Jahre alt) hat im DVD-Player eine Porno-DVD eures Vaters gefunden und schaut sie sich an. Wer hat sich jetzt strafbar gemacht?
  5. Pornodarsteller ist ein Traumjob, weil man da den ganzen Tag Sex haben kann und sogar noch Geld dafür bekommt. Oder?
  6. Warum benutzen die Darsteller in den meisten Pornofilmen keine Kondome?
  7. Warum finden manche Männer es toll, sich von einer Domina auspeitschen zu lassen?
  8. Was ist gang-bang? [Tipp: Realistische Informationen dazu erhalten auch abgebrühte Medienmenschen im FemSexBlog.]
  9. Es gibt große Kritik an Pornos, weil …
  10. Machen alle Erwachsenen Sex so, wie es in Pornos zu sehen ist?
[Update, 19. Mai 2015:

Der Beltz-Verlag war der Ansicht, hier würde einer ihrer Titel komplett zum Download angeboten und schickte am 13. Mai eine Aufforderung, das abzustellen. Die Erläuterung auf Twitter, wer den Download tatsächlich anbietet, führte den Verlag auf die richtige Spur, so dass er das Volltext-Angebot dort abschalten lassen konnte. Zur Begründung seines Vorgehens flüchtete der Verlag sich auf Rückfrage in eine fragwürdige – aber typische – Floskel:

Form und Inhalt des Buches mit fünf auf dem Titel genannten Autorinnen und Autoren sowie zahlreichen weiteren Autorinnen und Ideengebern für die einzelnen Übungen lassen den Schluss zu, dass niemand nennenswert honoriert wird, wenn das E-Book nicht kostenlos weitergegeben wird, und dass Tantiemen aus dem Buch-Verkauf auch nicht das Ziel der Beteiligten waren – abgesehen natürlich vom Verlag. An dem Beispiel wird im Kleinen recht deutlich, wie in modernen Urheberrechtsdebatten regelmäßig die Urheber von den Vertriebsunternehmen als Geiseln genommen werden.]

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8 Antworten zu “Sexualpädagogik der Vielfalt – kostenloser Volltext

  1. Danke für die vielen Anregungen. [Eine Biolehrerin]

  2. Lob von einer Biolehrerin zähle ich bei dem Thema doppelt.🙂

  3. Sehr geehrte Spreewaldperle, kennen Sie die Radduscher Kahnfahrt? In deren Nähe hing an einem Baumstamm ein Schild, das vor Reifentötern warnte. Hängt es immer noch dort? Es existiert ein Foto, das mich als Jüngling unterhalb dieses Schildes zeigt. Zur Belohnung für Ihre Mühe könnte ich Ihnen die obenstehenden Fragen beantworten.

    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  4. Pingback: Umleitung: Schleudertrauma, Sexualität und reaktionäre Misanthropen, Unrechtsstaat, NSU-Skandal, Streikrecht in Gefahr und ein Abend mit Udo Jürgens. | zoom

  5. Sehr geehrte Spreewaldperle,

    bei der Durchsicht unbeantworteter Schreiben des vergangenen Jahres stieß ich auf meine letzte Nachricht an Sie und möchte daran anknüpfen. Für mich sind immer noch einige brennende Fragen offen. In der Zeit meiner allerstrengsten Askese, während ich unerbittlich mein Dissertationsprojekt vorantrieb, schrieb mir meine Gattin: „Was für eine Meinung soll eine aparte Frau von sich haben, die fast nackt im Bett liegt und ihren Ehemann mit Hängeregistraturen beschäftigt weiß?“ Wie ist Ihre Meinung als Biologielehrerin und zuallererst Frau: Hätte ich mich öfter, sagen wir: fünf Mal wöchentlich, zu meiner Frau legen und weniger promovieren sollen, gerade auch vor dem Hintergrund der späteren Titelaberkennung? Es würde mich freuen, von Ihnen zu hören.

    Unverändert
    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  6. Ein Religionslehrer

    Sehr geehrter Herr von Eichenbach,
    zwar sprachen Sie die Kollegin an und es ist gemeinhin nicht meine Art, mich in fremde Konversation einzumischen, trotzdem möchte ich den Versuch einer Antwort auf Ihre Frage wagen. Denn das Thema ist – wie man gegenwärtig sagen würde – ‚interdisziplinär‘ und vor allem liegt es mir als Religionslehrer aufrichtig am Herzen.

    Sie fragen: „Hätte ich mich öfter, sagen wir: fünf Mal wöchentlich, zu meiner Frau legen und weniger promovieren sollen, gerade auch vor dem Hintergrund der späteren Titelaberkennung?“

    Ich möchte Ihnen eine Gegenfrage stellen: Hätte Luther sagen sollen, wenn morgen die Welt unterginge, dann würde ich noch heute den Lüsten frönen?

    Wenn ich auch selber im Glauben fest verwurzelter Katholik bin, so lebe ich doch aus der Überzeugung, dass katholische Tradition in ihrer bisherigen Auslegung nicht schon das letzte Wort ist, von ganzem Herzen die Ökumene. Deshalb darf ich Ihnen die Zweifel, die Sie bezüglich der Nachhaltigkeit ihrer frühen Arbeit vor dem Hintergrund des Titelverlusts plagen, mit einem ganz und gar protestantischen Gedanken nehmen: „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

    Ich denke, in der Sache sind wir uns einig und Sie wollten die Kollegin, die das Fach Biologie vertritt, nur mit einer kleinen Neckerei aus der Reserve locken. Auch kann ich die Frage – soweit sie an die Kollegin als Frau gestellt wurde – naturgemäß nicht beantworten. Auch ich würde mich also freuen, in dieser wichtigen Sache von der Kollegin zu hören.

    Ich möchte noch feststellen, dass die Titelaberkennung den eigentlichen Lohn der Dissertation – Erfahrung, Wissen, Erkenntnis, Reife – nicht nehmen kann, und sei die Schaar der anonymen Plagiatsjäger noch so groß. Es sind Reife und Abgeklärtheit, an die ich – Titel hin oder her – denke, wenn ich den Satz lese: „Meine Arbeit wurde 30 Jahre lang als ein gutes Buch gesehen.“

    Ich hoffe aufrichtig, Ihnen mit meinen Worten, die ja auch gar nicht meine eigenen sind, dienlich gewesen zu sein.

    Mit herzlichen Grüßen

    Ein Religionslehrer

  7. Sehr geehrter, lieber Herr Religionslehrer,

    in einer der umfangreicheren Arbeiten eines ebenfalls – allerdings bis zu seinem Ableben – promovierten Juristen meine ich gelesen zu haben, dass einem dörflichen Feuerwehrvereinsmitglied gegenüber ähnlich argumentiert worden ist. Dass man dem Mann die Urkunde wegnahm, konnte die Kompetenz des Entdiplomierten nicht schmälern. Damit habe ich am Stammtisch auch den Bäckermeister und den Tischler beruhigt. Darf ich Sie herzlich einladen, zu Ostern im Gemeinschaftsraum meines Dissertationsinvaliden-Etablissements einen Vortrag zu halten?

    In Erwartung Ihrer positiven Rückantwort verbleibt
    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  8. Pingback: Bilderverbot: Säuberung von Kinderpopos | Erbloggtes

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