Sexualkunde für Hassprediger III

Erreichte Sexualpädagogik nicht häufig das Interesse einer breiten Öffentlichkeit, so ist 2014 zum Jahr der öffentlichen Debatte über die Sexualaufklärung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland geworden. Anhand der Debatte lässt sich konkret zeigen, wie von interessierten Kreisen verbreitete Falschinformationen in Massenmedien und zu breiten Rezipientenkreisen gelangen. Da es sich nicht um Falschinformationen von staatlichen Stellen, von großen Wirtschaftsvertretern, und auch nicht von allgemein anerkannten gesellschaftlichen Kräften wie Gewerkschaftsverbänden oder Amtskirchen handelt, lässt sich dieser Vorgang als Propaganda von unten bezeichnen. Sie baut auf Angst, Phantasie und die fehlende Bereitschaft, nachprüfbare Behauptungen nachzuprüfen.

Angefangen hat das Ganze, als im November 2013 eine Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ forderte und damit die Kontroverse um den Bildungsplan 2015 (Baden-Württemberg) lostrat. Die Petition behauptete, der Bildungsplan ziele wegen der vorgesehenen Förderung der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ auf „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“. Dagegen mobilisierte sie fast 200.000 Unterschriften.

Hauptunterstützer waren die Deutsche Evangelische Allianz und die baden-württembergische AfD, die meisten Online-Unterzeichner gelangten über die Homepage der Initiatoren, das Blog Politically Incorrect und Spiegel Online zu der Petition. Damit kann man vier Ideologien ausmachen, die die Gegnerschaft zum Bildungsplans und zur „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ tragen: Religiösen Fundamentalismus, Rechtspopulismus, Antiislamismus und allgemeinen Populismus. Man möchte es kaum glauben, aber die „Welt am Sonntag“ hat im Januar 2014 mal die Debatte um Sexualkunde recherchiert, echte Experten dazu befragt und das alles abgewogen und verständnisvoll dargestellt:

Aus unerfindlichen Gründen hat der informative und sachliche Artikel bis heute 0 (in Worten: Null) Kommentare erhalten. Vielleicht interessierte sich einfach niemand dafür, oder er passte nicht in das emotionalisierende, skandalisierende, populistische Klima, in dem die Bildungsplan-Gegner die Debatte führen wollten. Im Februar durfte „Die Welt“ erfahren, dass aufgewühlte Kontroverse mehr Klicks bringt und weniger Arbeit macht als wohlrecherchierte Information:

In der Pose der Mitgliedschaft in der verfolgten Minderheit der Homophoben (Wir haben nichts gegen Homophobe. Einige unserer besten Freunde sind homophob.) gefiel sich Matussek, den die Rheinische Post freundlich mit dem Etikett „leidenschaftlicher Traditions-Katholik“ versehen hat, so gut, dass er sich in eine beleidigende Kontroverse stürzte, um nicht zu sagen, sie vom Zaun brach, um seinen „Stolz als Publizist“ zu präsentieren.[1] Matussek munitionierte sich am 24. Februar 2014 auch bereits mit dem Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“:

Multimediale Selbstbefruchtung der Kritiker

„In wirren Zeiten, in denen in der als Standardwerk empfohlenen ‚Sexualpädagogik der Vielfalt‘ Übungen wie ‚der neue Puff für alle‘ angeraten werden, wo sich dann 15-Jährige, wie es heißt, mit den ‚vielfältigen Lebens- und Liebesweisen‘ bzw. ‚Sexualitäten‘ auseinandersetzen. In dem Puff-Spiel geht es um Fragen wie ‚Welche sexuellen Vorlieben müssen in den Räumen bedient und angesprochen werden?'“[2]

Hinweise, wo er auf das Buch gestoßen sein könnte, oder wer ihm von dem „Puff-Spiel“ erzählt haben mag, bitte in die Kommentare. Bald darauf erreichte die Kunde von dem skandalösen Standardwerk (das damit offenbar eine Gemeinsamkeit mit Kopernikus‘ „De revolutionibus orbium coelestium“ hat) auch die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ):

Das üblicherweise als liberal-demokratisch geltende Blatt mag den Artikel aber nicht oder nicht mehr in seinem Webauftritt präsentieren. Dennoch findet er sich mindestens viermal vollständig online, denn bekanntlich vermehrt sich Unsinn auch versehentlich, wahrscheinlich deshalb, weil seine Verbreiter Verhütungsmittel ablehnen – oder nie gelernt haben, damit umzugehen. Die baden-württembergischen Bildungsplangegner demonstrierten jedenfalls seit dem 1. Februar 2014 fünfmal in Stuttgart, was Medien gern aufgreifen, etwa Sandra Maischberger in ihrer TV-Talkshow vom 11. Februar, was Medien gern aufgreifen, etwa Matthias Matussek in seiner Homophobie-Kolumne vom 12. Februar, und dann wieder die Demonstranten, und so weiter, und so fort.

Schließlich handelt es sich um ein Aufreger-Thema, das ist gut für die Einschaltquoten und für die Klicks, und die Demo-Organisatoren wollen ja möglichst mehr als 700 Teilnehmer mobilisieren, damit das Thema für die Landtagswahl 2016 so heiß wird, dass die Regierung ihnen Konzessionen macht. Also verbreiten die Bildungsplangegner Webers SZ-Artikel in ihrem eigenen Blog, und so dreht sich das Rad der Anti-Aufklärungs-Öffentlichkeit weiter und weiter.

Eine neue Runde: Geburt der Hassprediger

Bis Ende Juni hatten die Bildungsplangegner viermal demonstriert, dann wurde es ruhiger um sie. Am 12. Oktober brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) dann einen neuen Demo-Aufruf, verkleidet als informativ-mahnende Reportage aus dem Sexualkundeunterricht unter dem Motto „Kinderschützer schlagen Alarm“:

Denn für den folgenden Sonntag war die fünfte Demonstration dieses fundamentalchristlich-rechtspopulistischen Bündnisses in Stuttgart angesetzt. Da braucht es entsprechende Vorberichterstattung. Einheizen. Daran beteiligte sich auch Roland Tichy am Vorabend der Demonstration und rief zur reaktionären Revolte auf (Erbloggtes berichtete):

Er wollte „eine Runde weiter denken“ und schaffte zumindest im Medien-Demo-Überbietungswettbewerb eine ganze zusätzliche Umdrehung: Wo „der rot-grüne Pornografisierungs-Unterricht auf [muslimische] Familien trifft, die Mädchen noch als wertvoll und damit schutzwürdig begreifen und sie nicht den Sexspielen der Gender-Aktivisten aussetzen wollen“ und die „nicht zusehen wollen, dass ihre Kinder wie geplant in Rollenspielen auf Gruppensex und das Betreiben eines Puffs vorbereitet werden“, da hat Tichy den Ort gefunden, an dem ISIS gezeugt wird – ohne Kondom, versteht sich:

„Genau an dieser Stelle steht das Eingangstor für einen neuen, radikalisierten Islam. Hier finden die Haßprediger offene Ohren, wenn sie von der Dekadenz der westlichen Gesellschaft sprechen, von den Gefahren, die für Familien, Frauen und Kinder von dieser vermeintlich zivilen Gesellschaft ausgehen. Hier wird die Moschee zum Rückzugsort aus einer Welt, in der die Ausbildung zum Kinderfick an den Schulen zum amtlich geförderten Normalfall werden soll. Die fanatisierten Muslime sind die Bastarde, die die [sic] das Gender-Mainstreaming mit den radikalen Imamen zeugt.“

Dieselbe Idee tauchte am nächsten Tag auf dem Plakat eines Stuttgarter Demo-Teilnehmers auf. Entweder, er hat diese Idee von irgendwoher eingeflüstert bekommen (von oben gar?), oder Baden-Württembergs Homophobe lesen ihren Tichy regelmäßig zur Einstimmung auf den Tag des Herrn. Und dann malen sie ihre Plakate danach. Aber als solche Radikalen wie Tichy (oder: als solche Islamversteher?) wollten sich die Demo-Organisatoren dann doch nicht gebärden:

„Ein Demonstrant mit dem islamfeindlichen Aufdruck ‚Kinder-Sex-Politik stimuliert Moslems z.T. für den Dschihad‘ wurde im Laufe der Demonstration von den Veranstaltern des Platzes verwiesen.“[3]

Dabei hatte er doch nur qualitätsjournalistische Informationen weiterverbreitet. Mit den diesmal schon 1.200 Demonstranten (Polizeiangabe) war die fünfte Anti-Perversen-Demo natürlich ein Muss für die SpOn-Kolumnen: Sibylle Berg fand, dass man eine Demo „mit mehr als 3000 Teilnehmern“ zwar „unglaublich abstoßend finden kann“, dass man aber erstens mit den Leuten reden müsse, und zweitens durchaus „nachvollziehbar“ sei, wenn man seine Kinder nicht einer Regierung überlassen wolle, die sich nicht „dem Respekt und der Toleranz aller Menschen, gleich welcher sexueller oder religiöser Orientierung, gleich welchen Geschlechtes, verpflichtet“.[4] Oder so. Jan Fleischhauer dagegen erhielt Eingebungen von seiner Peer-Group, um in der Kontroverse so eine Art Gegenpol zu vertreten (Erbloggtes berichtete).

Quellenschutz ist Informationsschutz

Wer Fleischhauers Peer-Group ist, das lässt sich inzwischen recht gut rekonstruieren: Er bediente sich nämlich großzügig aus … nein, nicht aus dem Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“, sondern aus einem Dokument, dass die Demo-Organisatoren auf ihrem Blog bereithalten: Aus dem erwähnten SZ-Artikel von Christian Weber.

Woran man das sieht? Nun, Fleischhauer zitierte die Inhalte der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ grob falsch (Erbloggtes berichtete). Dafür muss es ja einen Grund geben. Eine in der Plagiatsforschung gängige Erklärungshypothese für solche Falschzitate ist, dass der Betreffende das Buch gar nicht in der Hand hatte, sondern eine verfälschte Quelle. Wie stellt man das fest? Die theologisch Geschulten unter den Bildungsplangegnern werden das kennen: Mit einer Synopse.

Synopse
Weber, SZ, 24.4.2014 Fleischhauer, SpOn, 28.10.2014
Achtung, keine Satire. Sondern: eine völlig ernst gemeinte praktische Übung für den Sexualkundeunterricht, wie sie ein erfahrenes Autorenteam aus Professoren und Pädagogen für 15-jährige Schüler vorschlägt Zu den Autoren gehören namhafte Professoren. […] „Achtung, keine Satire“ hat die „Süddeutsche“ neulich für Leser wie mich einen Artikel begonnen
In einer weiteren Übung sollen die Jugendlichen sich entscheiden, ob Vibrator, Reizwäsche, Herren-Tanga, „Taschenmuschi“ oder Lederpeitsche unbedingt zu ihrer Sexualität gehören. Für das Autorenteam sollte man als Heranwachsender spätestens mit zwölf wissen, wo der „Penis sonst noch stecken“ könnte. Ab der Altersstufe 14 empfehlen die Fachleute die Beschäftigung mit Vibrator, „Taschenmuschi“ und Lederpeitsche.
Und bestimmt möchten 13-Jährige, so wie auf Seite 151 des Werks vorgeschlagen, im Plenum in frei gewählter Form – „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, Sketch“ – ihr „erstes Mal“ in verschiedenen Bereichen vortragen. Dazu sollen sie Kärtchen ziehen: „Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal ein Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“ Eine Übung geht so, wie ich gelesen habe: Im Unterricht zieht jeder ein Kärtchen mit einem „ersten Mal“, über das er dann in Form eines Gedichts, eines Bildes oder eines Sketches Auskunft gibt. Die Themen auf den Kärtchen sind: „Das erste Mal ein Kondom überziehen“, „das erste Mal ein Tampon einführen“, „das erste Mal Analverkehr“. Worüber Jugendliche in der siebten Klasse in großer Runde eben gerne reden.
Muss man ein verklemmter, pietistischer und homophober Spießer sein, wenn man sein Kind nicht mit allergrößter Begeisterung in diese Art von Unterricht schicken möchte? Wer bei dem Gedanken an die Taschenmuschi im Klassenzimmer einen roten Kopf bekommt, zeigt nur, wie sehr er der Entwicklung hinterherhinkt. „Fundamentalisten“ hat die von mir ansonsten hochgeschätzte Kollegin Berg Eltern genannt, die partout nicht einsehen wollen, warum die Sexualpädagogik der Vielfalt auch in ihrer Schule Einzug halten soll.
Vielleicht sollte man einen Aufsatz lesen, den der Sozialpädagoge Uwe Sielert von der Universität Kiel bereits vor Jahren […] zum Thema Gender Mainstreaming veröffentlicht hat. Sielert gehört zu den meinungsbildenden Figuren in seinem Feld, ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Sexualpädagogik, die sogar ein Qualitätssiegel für Ausbilder vergibt. Auch Sielert plädiert für den pädagogischen „Dekonstruktivismus“, der bedeute: „Heterosexualität, Generativität und Kernfamilie zu ‚entnaturalisieren'“. Oder wie es einer der führenden Köpfe der Bewegung, der Sozialpädagoge Uwe Sielert von der Uni Kiel, ausgedrückt hat: Das Ziel sei es, Heterosexualität und Kernfamilie zu „entnaturalisieren“.
In der Übung „3 – 2 – 1 – deins!“ sollen 14-Jährige in einer virtuellen Auktion Gegenstände für alle sieben Parteien eines Mietshauses ersteigern, darunter eine alleinerziehende Mutter, ein schwules Paar, ein lesbisches Paar mit zwei kleinen Kindern, eine betreute Wohngemeinschaft für drei Menschen mit Behinderungen (zwei Frauen mit Downsyndrom und ein Mann im Rollstuhl), eine Spätaussiedlerin aus Kasachstan. Nur eine Kleinfamilie mit Mutter, Vater, Kindern ist nicht vorgesehen. Die moderne Sexualpädagogik kennt alle möglichen Konstellationen: das schwule Paar, das lesbische Paar mit zwei kleinen Kindern, die betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderungen, die Spätaussiedlerin aus Kasachstan. Nur eine Kleinfamilie mit Mutter, Vater und Kind sucht man bei ihr vergeblich.
Im dekonstruktiven Denken genüge es nicht, allein für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Hetero- und Homosexuellen, Familien und Singles einzutreten, sondern „alle existierenden Existenz- und Lebeweisen“, egal wie selten, müssten wertgeschätzt werden. Den neuen Aufklärern reicht es nicht, dass jedermann seine Sexualität so leben kann, wie er sich das wünscht, sie müssen ständig hören, dass dies auch völlig in Ordnung so ist.
Überschrift: „Der neue Puff für alle“. Aufgabe: Ein Bordell in der Großstadt soll modernisiert werden, das als „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ alle Bedürfnisse bedienen soll. Allerlei sei zu bedenken, heißt es in der Aufgabenstellung, „verschiedene Lebensweisen und verschiedene sexuelle Praktiken und Präferenzen“. Eine andere Unterrichtseinheit heißt „der neue Puff für alle“, dabei geht es darum, dass ein Bordell so modernisiert werden soll, dass es „verschiedenen Lebensweisen und sexuellen Praktiken“ genügt.
In vier Kleingruppen sind die verschiedenen Aspekte zu bearbeiten: (1) inhaltliches Angebot, (2) Innenraumgestaltung, (3) Personal, (4) Werbung und Preisgestaltung. Der Grundriss ist vorgegeben, „Kopiervorlage, siehe unten“. Und noch ein Tipp an die Lehrer: „Jugendliche brauchen bei dieser Übung die Ermunterung, Sexualität sehr vielseitig zu denken.“ Die Schüler diskutieren dabei in Kleingruppen: (1) inhaltliches Angebot, (2) Innenraumgestaltung, (3) Personal, (4) Werbung und Preisgestaltung. „Jugendliche brauchen bei dieser Übung die Ermunterung, Sexualität sehr vielseitig zu denken“, lautet die Empfehlung an die Lehrer.

Nach der letzten Gegenüberstellung – und eingedenk der gemeinsamen, unbestreitbaren Falschdarstellungen – dürfte klar sein, dass sich Fleischhauer ausgiebig bei der SZ-Darstellung der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ bedient hat, die er ja auch nennt – oder besser: dass er sich wahrscheinlich bei Materialien von Bildungsplangegnern bedient hat, denn die SZ hält den Artikel ja gar nicht online vor. Das ist kein Einzelfall:

Eine ähnliche Synopse ließe sich auch für Matussek erstellen, von dem Christian Weber seinerseits großzügige Anregungen erhalten hat. (Ironischerweise druckte die SZ unmittelbar neben Webers Artikel die Meldung „Vollständig abgeschrieben?“ über SeeschlachtPlag: Abbildung.) Nicht nur auf die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ verwies schon Matussek im Februar, sondern sehr inhaltsähnlich auch auf den „heterosexuellen Fragebogen“,[2] über den Matussek sich aber von Stefan Niggemeier noch aufklären lassen musste,[5] was dann Weber immerhin dazu verhalf, dass er schon „ahnt“, worum es bei solch „paradoxer Intervention“ gehe. „Doch wahrscheinlich geht es um mehr“, raunte er. Denn wenn sich die Horrorszenarien der Bildungsplangegner als hanebüchener Unsinn herausstellen, dann bleibt immerhin noch, das einfach zu ignorieren (dazu später mehr) und zu mutmaßen, dass die moderne Sexualpädagogik sich nur verstelle, Menschenfreundlichkeit vortäusche, es eigentlich aber auf „moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ abgesehen habe, wie die Anti-Bildungsplan-Petition es formuliert hatte.

Wie Horror und reaktionäre Botschaft in die Presse kommen

Matussek war damals auch schon so freundlich, zu erläutern, wie das abläuft, wenn er für ein neues Meinungsstück recherchiert:

„Der Vorgang: Mir wird der Fragenkatalog [d.i. der „heterosexuelle Fragebogen“] der GEW (ohne den Kontext) zugeschickt von einer empörten Mutter, die einige Passagen unterstrichen hat, es sind die von Ihnen genannten.
Selbstverständlich habe ich gestutzt.
Als erste Frage: „Ab wann wissen Sie, dass sie heterosexuell sind?“
„Unfassbar“, mailte ich zurück.
Und wissen Sie was – ich hielt für möglich, dass die Oberlehrer der Gleichstellung 13-Jährige mittlerweile so fragen […]“[2]

Recherchen für publizistische Brandreden, die den Untergang des Abendlandes ankündigen, laufen vermutlich grundsätzlich so ab, dass eine empörte Mutter dem geneigten, als ideologisch zuverlässig bekannten Qualitätsjournalisten ein kontextloses Papier zumailt, auf das dieser prompt „unfassbar“ antwortet, bevor er mit der Abfassung einer passenden Tirade beginnt.

Und die entsprechende Tirade inspiriert dann wiederum zahlreiche leicht erregbare Internetnutzerinnen und -nutzer, den bevorstehenden Untergang des Abendlands zu teilen (es soll ihn ja niemand verpassen), zuzuspitzen (damit es auch die letzten verstehen) und zu kommentieren (Angst! Wo sind die Schuldigen? Kreuzigt sie!). Geil! Das sollte unbedingt von der modernen Sexualpädagogik thematisiert werden: Die Lust an enthemmtem Online-Gruppensex in Foren, auf Facebook und in Blogs. Massenhafte ASAPiosexualität, manche schreiben auch A-Sapiosexualität – wer ist heute noch unbefleckt von derlei Perversion?

Online-Sexualpraktiken abseits jeder Konsenskultur

Der ehemalige Katzenkriminalschriftsteller Akif Pirinçci hat jedenfalls die Kunst gemeistert, sein Publikum so richtig heiß zu machen. Dazu nutzt er „Dirty-Talk“-Praktiken wie in diesem Beispiel aus dem Juli 2014, als er über die „Sexualität-der-Vielfalt“-Autorin Elisabeth Tuider herfiel:

„Noch vor dreißig Jahren hätte man so eine Alte in den Knast gesteckt und sie solange dort behalten, bis sie verrottet wäre. Heute werden die Eltern der Kinder, welche diese Arschfick-Affine ganz offiziell verderben darf, von unserer ebenfalls arschgefickten Regierung gezwungen, mit ihren Steuergeldern ihr monatlich einen Gehalt (sic!) in Höhe eines Chefarztes zu zahlen – sonst kommen sie ins Gefängnis.“[6]

Die analsexbezogene Tirade verband er auf Rückfrage der taz mit der Aufforderung: „alle können mich mal“. Damit inspirierte er sein Publikum zu weiteren erregenden Phantasien: Ein mit Klarname registrierter Anwalt aus Offenburg (soviel zu angeblicher Enthemmung durch Anonymität im Internet) stellte sich vor, „dieses Päderastenweib … im Gangbang-Style anal zu penetrieren“.[6] Da es sich bei ASAPiosexualität um eine bevorzugt in größeren Gruppen praktizierte Form des Lustgewinns handelt, bleibt auch Konkurrenzverhalten nicht aus. In Pirinçcis Kommentarspalte gilt es als gegenseitiges Übertreffen, brutalere Gewaltphantasien zu äußern. Gewonnen hat nach taz-Angaben ein Eduard S. [Name abgekürzt am 18. Mai 2015, siehe diesen moderierten Kommentar], der nichts dagegen habe, „diesen Genderlesben 8 x 9 mm in das dumme Gehirn zu jagen“.[6]

Die taz bezeichnet das als Mordaufruf. Das ist allerdings eher zweifelhaft, da keine Patronen „8 x 9 mm“ existieren, die wären ja fast genauso lang wie breit. Es handelt sich vielmehr um Standardmaße für Doppelmaulschlüssel, was deutlich auf Maulheldentum verweist. Dass es sich bei „8 x 9 mm“ um eine neuentwickelte Kondomgröße handelt, ist dagegen ins Reich der Legende zu verweisen. Die Drohungen gegen Tuider und andere werden dennoch ernstgenommen, berichtete die Jungle World in einem lesenswerten Hintergrundstück.

Selbstbestätigende Sorgen

Doch aus der perversen Subkultur der extremen A-Sapiosexualität wieder zurück in die Gefilde des besorgten „Normalbürgers“: Es folgt ein Zitat aus einem Forum, in dem auch über Fleischhauer, Sexualpädagogik und die armen Kinder diskutiert wird. Es zeigt sehr schön die Angstphantasie, die der Forist bei der Lektüre der im vorigen Artikel besprochenen Übung „Sex-Mosaik“ hat, wenn er sich ausmalt, wie so eine Übung – in der Schule natürlich, wo sie wahrscheinlich niemals irgendwer machen würde – ablaufen könnte, ja, müsste:

„vor Malte liegt ein Dildo. Jürgen äußert sich dazu: ‚Also für den Malte ist der Dildo unbedingt zum Sex gehörend. Der sieht doch schon voll schwul aus. Der hats bestimmt gern im Popo.‘ Hilft dem Malte in seiner sexuellen Entwicklung sicher ungemein.“

Darin offenbart der Forist die sichere Erwartung von Mobbing mit Sexualität als Waffe. Zugeschriebene oder tatsächliche sexuelle Präferenz kann jederzeit zur Beschämung oder Beleidigung eingesetzt werden. Diese Erfahrung hat der Forist offenbar in seinem Leben gemacht. Das ist schade, wenn auch keine Seltenheit. Das sollte anders werden. Genau auf diese Veränderung zielt die „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Und dagegen treten nun die ein, die Sexualität weiter als Waffe zur Diskriminierung und Beschämung einsetzen wollen. Erzählmirnix hat dieses Paradox als Comic umgesetzt.

Dass an der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ orientierte Veranstaltungen so nicht ablaufen, wenn die Leitung nur ihre Hausaufgaben gemacht und ein bisschen Erfahrung hat, ist an den Ausführungen über „Methodeneinsatz & Leitungspersönlichkeit“ auf S. 24 des Buches leicht ersichtlich:

„Eine grundlegende Aufgabe der pädagogischen Leitung ist es, Rahmenbedingungen bzw. eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen, Offenheit und Austausch unter den Teilnehmenden ermöglicht. Erst dann wird ein Austausch über Sexualität und Gefühle möglich, gegenseitigen Verletzungen, Demütigungen und übergriffigem Verhalten kann vorgebeugt und der bereichernde, liebevolle, sinnliche oder erotische Aspekt von Sexualität erfahren werden. In einem klar abgesteckten und geschützten Rahmen lässt sich einfacher über intime und persönliche Themen reden als wenn unklar ist, worauf sich die Teilnehmenden einlassen und wie mit Informationen über das Intimleben umgegangen wird. Hier sind das Aufstellen oder gemeinsame Erarbeiten von Regeln und die Kontrolle ihrer Einhaltung sinnvoll. Folgende Regeln haben sich in der Praxis – und in dieser Formulierung auch für jüngere Jugendliche – bewährt:
– Jede und jeder darf ausreden.
– Niemand muss etwas sagen.
– Jede und jeder spricht für sich selbst, nicht für andere.
– Lachen ist erlaubt, aber niemand wird ausgelacht.
– Die Teilnahme an Übungen ist freiwillig.“

Die letzte Regel lässt auch die gesamte Skandalisierung ins Leere laufen, die – von Bildungsplangegnern – darauf angelegt wurde, der staatlichen Zwangsveranstaltung Schule das Recht abzusprechen, Schüler zur Teilnahme an solchen sexualpädagogischen Übungen zu verpflichen, wenn diese das nicht selbst wollen.

Freiwilligkeit und Ignoranz

Was muss man tun, um auf diese Skandalisierung – und dabei handelt es sich offenbar um den Knackpunkt der Debatte – dennoch hereinzufallen? Diese Frage hat SZ-Redakteur Christian Weber im Interview mit dem „Christlichen Medienmagazin pro“ unmittelbar nach Erscheinen seines oben besprochenen Artikels unfreiwillig so beantwortet, dass er einfach keine Ahnung hat, was moderne Sexualpädagogik ist, und auch nicht bereit oder in der Lage war, sich in dem Buch, das ihn so „irritiert“ zurückgelassen hat, zu informieren, etwa über die Bedeutung von Freiwilligkeit für moderne Sexualpädagogik.

„Weber, Redakteur in der Wissens-Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ), sagt gegenüber pro: ‚Ich befürchte, diese Pädagogik tut den Kindern nicht gut. Ich habe den Eindruck, dass das eine Ideologie ist, die vielleicht sogar mit guten Absichten alle Menschen befreien möchte, sich dabei aber nicht genau überlegt hat, ob das den Menschen gut tut.‘ Und weiter: ‚Kinder werden übersexualisiert, in einem Alter, in dem sie das wahrscheinlich gar nicht wollen. Ich befürchte, dass das einfach nur verstörend wirkt.‘
Kinder sollten selbstverständlich aufgeklärt werden und sie sollten wissen, was Sex ist, vertritt Weber seinen Standpunkt. ‚Ich würde aber sagen, dass es ein guter Grundsatz ist, dass die Pädagogik von den Fragen der Kinder ausgeht. Darauf sollen sie Antworten bekommen. Aber man sollte ihnen nicht etwas überstülpen. Ich habe den Eindruck, das geschieht dort. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 12-jährige Kinder über Oralsex reden wollen oder dass 15-Jährige kaum Spaß haben, ein Bordell zu konzipieren. Das wird ihnen aufgedrückt.'“

Weber sorgt sich, als evangelikal missverstanden zu werden:

„Wenn jemand moderne Sexualpädagogik kritisiert, kommt er leicht in eine Ecke, ein frommer Christ oder prüde zu sein. Ich glaube, dass das nicht nötig ist. Von der evangelikalen Idee bin ich relativ weit entfernt, bin aber dennoch irritiert über diese Sexualpädagogik.“

Worüber er sich als Redakteur in der Wissens-Redaktion der Süddeutschen Zeitung mehr Sorgen machen sollte, ist jedoch seine Lesefähigkeit. Wenn man sich nicht über das informieren will oder kann, was da für alle offen geschrieben steht, sondern sich (in der Wissens-Redaktion!) auf seine Angstphantasien verlassen muss, dann entlarvt man sich doch selbst als kenntnisfreien Dampfplauderer, der findet, dass Informationen der Meinungsbildung nur abträglich sein können. Weber:

„Leute werden relativ schnell in eine prüde Ecke gestellt, die sagen, diese Art von Sexualpädagogik finde ich nicht gut, aber die Menschen wissen größtenteils gar nicht, was deren Inhalt oder Theorie ist.“

Dem ist dann auch nichts mehr hinzuzufügen.

tl;dr: Wenn eine Behauptung den Angstphantasien breiter Bevölkerungsschichten entgegenkommt, und rund um Sexualität gibt es das häufig, eignet sie sich zu gut für Propaganda, als dass man sie unbesehen glauben dürfte.

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9 Antworten zu “Sexualkunde für Hassprediger III

  1. Sascha Pommrenke

    Wie immer ausgezeichnet.
    Ich bin allerdings jetzt auch tatsächlich verblüfft, was in Deutschland alles unter die Meinungsfreiheit fällt. Ich hätte nie gedacht, dass man von „arschgefickter Regierung“ schreiben darf.

  2. Danke, wieder mal eine tolle Artikelserie.

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  4. in der tat eine großartige artikel-serie. vielen dank für die ausführliche und fundierte analyse. ich hoffe sehr, dass auch weber und matussek und all die anderen reaktionäre angsthasen in den genuss dieser lektüre kommen. es könnte ihnen helfen, ihren journalistischen irr- und unsinn als solchen zu erkennen.

  5. Danke an alle für die positiven Rückmeldungen! Stefan Niggemeier hat ja gerade etwas über Journalistenversagen in Sachen Ukraine geschrieben. Die Tendenz von Journalisten, unkritisch das zu glauben, was man ihnen vorsetzt, wenn es nur in ihr Weltbild passt, sehe ich in beiden Fällen. Und wahrscheinlich gibt es das auch in der Gegenrichtung. Die Aufforderung, seine Geschichte kritisch zu prüfen, ob sie nicht zu gut klingt, um wahr zu sein, darf sich also jeder zu Herzen nehmen.

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  7. Pingback: legal.hardcore.germoney ~ sunday.special | monstropolis

  8. [Anmerkung der Redaktion, 18. Mai 2015:
    Hier befand sich ein unter dem oben angegebenen Pseudonym abgegebener Kommentar, der eine ehrverletzende Tatsachenbehauptung über einen Eduard S. machte, die über das oben Zitierte hinaus ging, und der dessen vollen Namen dabei nochmal eigens erwähnte. Jemand dieses Namens macht nun über seinen Anwalt geltend, es gebe nur eine Person dieses Namens, und die habe niemals geschrieben, was ihr in der taz und anderswo zugeschrieben wurde. Vielmehr basiere dies auf Identitätsdiebstahl zum Schaden von Eduard S.
    Dabei handelt es sich um ein durchaus realistisches Szenario, zumal Eduard S. von anderen Medien wie jungle-world.de oder dtj-online.de als konkrete Person mit Beruf und Wohnort behandelt wurde, die (wohl auf Facebook) unter ihrem echten Namen Äußerungen poste, von denen man nicht glauben würde, dass irgendjemand so etwas veröffentlichen würde. Die Sensation, dass ein solches Posting unter Klarnamen auch von der Person gepostet worden wäre, zu der der Klarname gehört, haben diese Medien aber vermutlich nicht gegengecheckt. Jedenfalls regt sich ein Eduard S. hier sehr über „Verleumdung und Mobbing im Netz, […] ihre Macht missbrauchenden Medien und Suchmaschinen“ auf (Kurzfassung), und deutet an, dass ein Ex-Geschäftspartner ihm in dieser Weise übel mitgespielt habe. Die Aufregung wäre, wenn das alles so zutrifft wie geschildert, nur zu verständlich. Andererseits sind Medien und Suchmaschinen nicht die Verantwortlichen für das Fehlverhalten Dritter.
    Merke: Wenn es unglaublich ist, dass jemand so etwas tut, dann ist es womöglich gar nicht wahr.
    Die obigen eigenen Ausführungen dieses Blogs beziehen sich aber jedenfalls auf jene Person, die unter dem Namen Eduard S. die berichteten Äußerungen getätigt hat, und nicht auf jemanden, der tatsächlich Eduard S. heißt, außer dabei besteht eine Identität.]

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