Hat jeder zweite Professor seine Doktorarbeit plagiiert?

Erschienenes war kürzlich die neueste Ausgabe des Jahrbuchs der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft (IBG), „Kodex“, herausgegeben von Christine Haug und Vincent Kaufmann, betitelt „Das Plagiat“. Das Jahrbuch, mit dem sich Simone G. bereits sehr lesenswert befasst hat, basiert ausweislich des Vorworts (S. VIIf.) auf zwei Veranstaltungen: Bei der 14. Jahrestagung der IBG, die im November 2013 in St. Gallen stattfand, ging es um „Autorschaft und Literatur“, um „Plagiat und geistiges Eigentum“, sowie um „Konfliktlinien zwischen Autorschaft, Recht und Wirtschaftsinteressen“. Ein Arbeitsgespräch im Studiengang Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) im Januar 2014 trug den Titel „Echt oder falsch/legal oder illegal – zwischen Reproduktion, Fälschung und Plagiat“.

Rasante Themenwechsel

Wer genauer über diese Themenstellungen nachdenkt, wird sich fragen müssen, was das mit Annette Schavan zu tun haben mag. Denn in der Causa Schavan bedeutete der Begriff „Plagiat“ kaum etwas im Hinblick auf literarischen, um nicht zu sagen belletristischen Wert, im Hinblick auf „Autorschaft“ oder auf „geistiges Eigentum“. „Wirtschaftsinteressen“ waren nicht betroffen, außer natürlich die der Wissenschaftsmanagementwirtschaft. Und aus dem juristischen Bereich konnte das Urheberrecht fast vollständig außer Acht gelassen werden (es verhinderte vor allem, dass Schavans plagiierte Dissertation im Volltext einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde). Juristisch ging es bis ins Jahr 2014 vielmehr um die Frage, ob das Verwaltungsverfahrensrecht beim Entzug von Schavans Doktortitel eingehalten wurde. (Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschied am 20. März 2014, die Älteren werden sich erinnern: Ja, vollumfänglich. Und entgegen anderslautender Gerüchte haben die Richter auch die arglistige Täuschung durch Schavan in der Sache überprüft.[1])

Darüber hinaus waren die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens das Hauptthema der Causa Schavan; ergänzungsweise ging es auch um Wissenschaftsethik allgemein, also die Frage, wie sich Menschen verhalten sollten, um für ihr Tun die Bezeichnung als Wissenschaft und für sich selbst den Ehrentitel Wissenschaftler zu rechtfertigen. Dabei handelte es sich aber offensichtlich um Themen, die der IBG fern liegen: Es sind auch keine eigentlichen Gegenstände der Buchwissenschaft, sondern eben der Wissenschaftsforschung.

Um sich dennoch dem eigentlichen Zweck des IBG-Jahrbuches zuwenden zu können, mussten die Herausgeber in ihrem Vorwort schleunigst die Kurve kriegen. Von der Buchwissenschaft zur Wissenschaftsethik in unter zwei Sekunden, das geht so:

„Gerade vor dem Hintergrund der innerhalb der LMU geführten Debatte über die Berufung von Annette Schavan in den Hochschulrat zeigten sich die Studierenden – mit Blick auf das eigene wissenschaftliche Arbeiten im Studium – stark verunsichert, was denn als wissenschaftliches Plagiat gelte.“ (S. VII)

Das ausdrücklich wissenschaftliche Plagiat lag also im Interessenschwerpunkt von Studierenden, und zwar nicht nur der Buchwissenschaft. Das ist kaum überraschend, schließlich erwartet man von Studierenden, nicht nur der Buchwissenschaft, vor allem, dass sie die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens in der Praxis einhalten. Ihr Interesse am wissenschaftlichen Plagiat gilt also dem wissenschaftlichen Handwerkszeug, das sie bis zum Studienabschluss beherrschen müssen. In dieser Hinsicht ist es freilich „eine besondere Herausforderung“, einerseits Buchwissenschaften treiben zu wollen, und es andererseits mit Studierenden zu tun zu haben, denen es um allgemeine wissenschaftliche Basics geht.

Solche Basics sind für gestandene Vertreter der Buchwissenschaft, nicht etwa der Wissenschaftsforschung, natürlich eine Art Selbstverständlichkeit, und damit völlig uninteressant. Lieber sprechen die „Kodex“-Herausgeber daher über ihre persönlichen Aufregerthemen aus Tagespresse und persönlichem Umfeld:

„Im Laufe der Diskussionen entfalteten sich vielschichtige und differente Diskurse und Machtfelder, die eine unselige Allianz eingehen. Gerade im Kontext der internetbasierten Plagiatsjagd der letzten Jahre, die in der Aberkennung des Doktortitels von Annette Schavan gipfelte, drängte sich Frage nach der Verantwortung der Philologien auf, den eigentlichen Vertretern von Textwissenschaft, die das Feld des wissenschaftlichen Plagiats den Medien, Juristen und Technokraten überlassen haben, und dies mit absehbaren Folgen: Das Aufspüren von Plagiaten über spezielle Softwareprogramme, das nach rein quantitativen Kriterien erfolgt, führt zu nicht belastbaren Ergebnissen. Die bloße Ermittlung von Wort- und Formulierungsähnlichkeiten in Texten suggeriert zwar, dass Plagiate objektivierbar seien; ein derartiges Vorgehen stellt aber schwerlich ein philologisch seriöses Instrumentarium für die Identifikation von Plagiaten dar, und dies schon gar nicht, wenn diese Verfahren auf Texte aus den 1970er oder 1980er Jahren Anwendung finden.“ (S. VIII)

Diese Ausführungen darf man sich durchaus auf der Zunge zergehen lassen. Simone G. hat das hier unternommen, es ist ihr aber offenbar etwas schwindelig geworden dabei. Denn wo eine „unselige Allianz“ beschworen wird, „Machtfelder“ und „differente Diskurse“ auftreten, wahllos-unbestimmter „Kontext“ zählt, da befindet man sich selbstverständlich im Reich der Beliebigkeit, und nicht etwa im Reich der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen. Der Höhepunkt der „internetbasierten Plagiatsjagd“ war demnach, das bleibt festzuhalten, die „Aberkennung des Doktortitels von Annette Schavan“ – um nicht zu sagen: Es ist ja die Höhe, dass Schavans Doktortitel aufgrund internetbasierter Plagiatsjagd entzogen wurde.

Höhepunkte für Buchwissenschaftler

Für die Causa Schavan interessieren sich die Herausgeber aber immer noch nicht so recht, sonst würden sie nicht über „spezielle Softwareprogramme“ schwadronieren, „nach rein quantitativen Kriterien“ erlangten „nicht belastbaren Ergebnissen“. Vom Verwaltungsgericht Düsseldorf bestätigt und für jede und jeden, auch Buchwissenschaftler, im Urteil nachlesbar, liegt derartiges im Fall Schavan nämlich nicht vor. Lächerlich, wie da unterstellt wird, Schavans Doktor, oder irgendein anderer, sei von „Medien, Juristen und Technokraten“ entzogen worden, und man müsse „den eigentlichen Vertretern von Textwissenschaft“ die Vorherrschaft zurückerobern. Worauf das hinausläuft, ist klar: Spezialisierten Textwissenschaftlern (aber keinesfalls Judaisten) soll eine Rolle als Obergutachter für Plagiatsfälle zugeschrieben werden. Und zur Qualifikation müssen sie lediglich diese Grundthesen der aftermodernen Textwissenschaft wiederkäuen:

  • Plagiate sind nicht objektivierbar, sondern rein subjektiv.
  • Plagiatssuche ist unseriös.
  • Texte aus dem Jahr 1980 enthalten keine Plagiate.
  • Die Vermischung von wissenschaftlichen, medialen, politischen, ökonomischen und technokratischen Diskursen ist unzulässig.
  • Daher ist auch die Frage unzulässig, ob das Plagiat ein Symptom für die Krise in unserer gegenwärtigen Wissenschaftskultur sei.

Zum Beweis dieser Thesen haben die Herausgeber eine echte Expertin für die Frage gewinnen können, warum es eigentlich gar kein Plagiat gibt:

„Diese Frage wollten die Herausgeber von Kodex. Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft (IBG) mit einer Fachkollegin diskutieren, die einerseits als ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung das Hochschulsystem und den Wissenschaftsbetrieb in Deutschland kennt, andererseits selbst Opfer dieser unzulässigen Vermischung von Diskursen und Machtfeldern, die eine scheinbare Sicherheit vermittelt, was denn ein Plagiat sei, geworden ist.“ (S. VIII)

Diese „Fachkollegin“ ist die renommierte Buchwissenschaftlerin Annette Schavan – oder das Fach, in dem Kollegenschaft besteht, ist ein ganz anderes… Politik? Diplomatie? Theologie gar? Oder Plagiatsleugnung? Vielleicht gar Wissenschaftsethik?

Die Fragen der Studierenden scheint man dann nicht mehr weiter interessant oder erwähnenswert gefunden zu haben, denn es ging gleich in medias res:

„Das Gespräch mit Annette Schavan fand im Juni 2014 statt und wird hier als Eröffnungsbeitrag abgedruckt. Es möchte ein Baustein sein für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Plagiats, es möchte eine Debatte anregen, in der es um grundsätzliche Fragen geht: Was bedeutet die Art und Weise, wie die Debatte über das Plagiat geführt wird, für die Geisteswissenschaften? Warum lassen sich die Geisteswissenschaften zur Geisel nehmen und provozieren damit die Gefahr, dass das Vorurteil, so gehe es in den Geisteswissenschaften zu, manifest wird? Warum kam es zu keinem Aufschrei der Geisteswissenschaftler und zu einer öffentlichen Einforderung der Kompetenz im Umgang mit Texten? Und sicherlich noch wichtiger: Welche Wege lassen sich aufzeigen, um die Geistes- und Sozialwissenschaften aus dieser Situation wieder herauszuführen?“ (S. VIII)

Man muss kein Textwissenschaftler sein, um bis hierhin gemerkt zu haben, dass die Prämisse lautet: Annette Schavans von ihr verfasste Dissertation ist kein Plagiat und den Vorwurf weisen wir mit allem Nachdruck von ihr. Es ist, als stünde man im Bildungsministerium, und eine adrett herausgeputzte Ministerin träte vor die versammelten Pressevertreter, um dies in die Mikronfone zu sprechen. Könnma nochmal? Ist das live gewesen jetz grade? Nein, ok, tschulligung… Und so geht es dann auch weiter:

Gesprächskultur in „unserer Wissenschaftskultur“

  • Das Plagiat als Symptom einer vermeintlichen Sicherheit. Oder: was ist mit unserer Wissenschaftskultur los? Christine Haug und Vincent Kaufmann im Gespräch mit Annette Schavan. In: Kodex 4 (2014), S. 1-10.

Die erste Frage dieses Interviews lautet sinnigerweise:

„Wählen wir doch eingangs eine kurze Frage, die zugleich ins Zentrum führt: Was ist ein Plagiat?“ (S. 1)

Gestellt wird sie von der Gesprächsleitung mit dem Kürzel A.S., während die Gesprächsteilnehmer C.H. und V.K. hier und im Folgenden lediglich als Stichwortgeber fungieren, die stets ausdrucksstark nicken, wenn die Fragestellerin ihre Zustimmung erheischt. Daher sollen ihre Bestätigungsfloskeln, Scheindifferenzierungen und sophistischen Relativierungen, die darauf hinauslaufen, dass Plagiate nicht existieren, im Folgenden die geringe Beachtung finden, die ihnen gebührt (und nicht die Sinnprüfung, die Simone G. ihnen angedeihen ließ). Recht aufschlussreich sind hingegen die Ausführungen von A.S., die ihren Horizont in bunten Farben ausmalen:

„Der gegenwärtig geführte Diskurs über das Plagiat wird nicht von den Philologien oder der Buchwissenschaft dominiert, sondern von Juristen. Die juristischen Verfahren suggerieren erstens, es sei völlig eindeutig, was ein Plagiat sei, und zweitens – mit dieser Aussage unmittelbar verbunden – wird damit gesagt, dass der wissenschaftliche Wert einer Arbeit (analog zum literarischen Wert im belletristischen Bereich) keine Rolle mehr spielt. Eine Rolle spielt nur mehr, was auf der Grundlage und aus der Perspektive eines nicht diskutierten Konsenses festgestellt und rein quantitativ festgemacht wurde. Des Plagiats ist man überführt, wenn eine spezielle Software eine nicht näher bestimmte Anzahl von ähnlichen oder identischen Wörtern in der fraglichen Untersuchung aufweist. [… Einschub von Stichwortgeber V.K. …] Wie aber entsteht eine Situation, in der offenbar der Eindruck erweckt wird, eine Sache sei völlig klar, ein Plagiat lasse sich quantitativ festlegen, und zugleich stammt diese vermeintliche Klarheit und Sicherheit eben nicht aus dem Kreis von Philologen, die sich mit Textwissenschaft beschäftigen?“ (S. 2)

Deutlich wird hier, dass die Position von A.S. Patin stand für die oben zitierten Ausführungen im Vorwort der Herausgeber. Wofür sich V.K. und C.H. noch interessieren, das sind „anonyme Plagiatsjäger“, die von der Wissenschaft ohnehin zu ignorieren seien, Juristen und Softwareprogramme, die nicht etwa bloß ihre Macht demonstrieren, sondern die Vernichtung einer unschuldigen Bildungsministerin zur Machtdemonstration missbrauchen. Auch ein Verwaltungsgericht, das angeblich gar nicht überprüft habe, ob in der Dissertation der Klägerin Plagiate vorlägen, rührt sie fast zu Tränen. Das lässt auch A.S. nicht kalt:

„Wenn ich Ihnen zuhöre, verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass die Wissenschaft mit der Vorspiegelung eines Konsenses [über die Existenz und Erkennbarkeit von Plagiaten] das Instrument der Differenzierung aus der Hand gegeben hat, die doch eigentlich zur Kernaufgabe der Wissenschaft gehört. Wenn ein Wissenschaftler eine Bewertung abgibt und andere Wissenschaftler diametral entgegengesetzte Bewertungen, muss darüber ein Diskurs geführt werden. Zur Wissenschaft gehört doch zutiefst der Diskurs – klassisch die Disputation – wo unterschiedliche Bewertungen eines Textes diskutiert werden. Was hat in der Geisteswissenschaft dazu geführt, etwas aufzugeben, was zu ihrer Faszination gehört, und letztendlich die Zerstörung von Texten zuzulassen?“ (S. 4)

„Man verbrennt Bücher und Menschen ein wenig auf die gleiche Weise oder aus den gleichen Gründen. Ergo sind Bücher menschlich, beseelt.“
– Vincent Kaufmann

Dass es sich bei Beschlüssen über das Vorliegen von Verstößen gegen die Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens um „die Zerstörung von Texten“ handelt, die doch – rechtgläubigen Textwissenschaftlern zumindest – als heilig gelten müssten, ist eine interessante These. Die zugehörige Assoziationskette geht so: Textzerstörung? Haben die Nazis nicht auch Bücher verbrannt? Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen! Und entzieht Doktortitel. Und zwar technokratisch, gnadenlos, massenhaft, industriell, unmenschlich. Denn eigentlich geht es im Text von A.S. um den Doktortitelholocaust:

„Die Kreativität der europäischen Wissenschaftskultur darf eben nicht in Technokratie abgleiten.
Nochmals zu meiner eigenen Erfahrung: Ich habe anfangs immer gesagt, was hier geschieht, trifft nicht nur mich, sondern auch die Wissenschaft. Das haben mir manche als Arroganz ausgelegt. Die zu Beginn unseres Gesprächs hervorgehobene Vermischung von Diskursen lässt sich an dieser Stelle sehr schön entfalten. Welche Art von Diskursen hat hier eine Rolle gespielt, zugespitzter formuliert: Wenn ich Ihnen zuhöre, dann ist das, was im Namen der Qualitätssicherung an Eindeutigkeit vorgespiegelt wird, doch das exakte Gegenteil. Es wird gesagt, es gelte eine plagiatsfreie Wissenschaft in Deutschland zu schaffen, und die Universitäten seien dieser Herausforderung nicht gewachsen. Also wird eine vermeintliche Objektivität und Sicherheit über ein Verfahren hergestellt, das in Wirklichkeit – so mein Eindruck – dazu führt, dass eine Dissertation nach 35 Jahren so zerrupft wird, bis diese auf die einzige Aussage reduziert werden kann, nämlich: bei diesem Text handele es sich um eine arglistige Täuschung. Einer jungen Studentin – und es wurde ja immer wieder betont wie jung ich damals war -, die ihren ersten größeren Text verfasst, wird unterstellt, sie habe dies mit einer Intention getan, die schlicht charakterlos und unsittlich sei. Und dies geschieht interessanterweise bei einer Dissertation, die in den Kern der Frage nach Sittlichkeit stößt und sich mit dem Gewissen beschäftigt. Das Herzstück der Arbeit ist die Fähigkeit des Menschen zur Sittlichkeit, die Gewissenserziehung und die Frage nach der Gewissenhaftigkeit. Ich frage mich, wie kommt die Behauptung einer Täuschung zustande?“ (S. 6)

Ja, warum sind sie so unmenschlich und gewissenlos, diese Plagiatsnazis? Das kann man doch klar sehen, wie so eine Behauptung einer Täuschung zustandekommt: Die haben einfach die Unschuld, Charakterfestigkeit und Gewissensreinheit einer jungen Studentin – im Gegensatz zu diesen ganzen alten Studentinnen – ignoriert, fahrlässig und böswillig.

Buchwissenschaftliche Relewanzen

Doch die Stichwortgeber driften wiederholt vom Thema ab, sehen schließlich sogar „zweifelsohne auch buchwissenschaftlich relevante Aspekte“, nämlich künstlerische Originalität und ökonomische Copyright-Interessen (S. 7). Damit haben sie – nach zwei Stunden – „eine weitere Dimension des Plagiatsdiskurses erreicht, in der die Buchwissenschaft naturgemäß einen wichtigen Stellenwert einnimmt.“ (S. 7f.) Dass das ganz und gar nichts mit dem Thema des Plagiats in Doktorarbeiten zu tun hat, scheint C.H. nichtmal aufzugehen, wenn sie sagt:

„Innovation und Originalität sind längst zu entscheidenden Parametern im wissenschaftlichen Wettbewerb avanciert, sei es bei Bewerbungen um wissenschaftliche Stellen, um Forschungsprojekte oder Stipendien.“ (S. 8)

Denn dass weder die Dissertation von Annette Schavan noch die irgendeines anderen Plagiators bei der Überprüfung auf Innovation, also Originalität, oder auf die Konkurrenz um Finanzierungen beurteilt wurde, sondern allein auf die Einhaltung der regelmäßig eidesstattlich erklärten wissenschaftlichen Grundregel über die Ausweisung aller Quellen hin, das kann man nicht einfach vergessen. Nur wenn man es doch einfach vergessen kann, dann kann man auch zu solchen Thesen kommen, bei denen sich nun jeder in den 1950er Jahren geborene deutsche Professor fragen muss, ob er oder der Kollege im Nachbarbüro eigentlich seinen Doktor zu Unrecht führt:

„Ein kritischer Blick auf die Doktorarbeiten von Kolleginnen und Kollegen Ihrer Generation würde eine Unmenge an Arbeiten dieses Formats ans Tageslicht bringen und – würden dieselben Überprüfungskriterien angelegt -, hätten wir womöglich 50 Prozent an Professorinnen und Professoren ohne Doktortitel an deutschen Hochschulen.“ (S. 8)

Dass Vincent Kaufmann (promoviert 1984) und Christine Haug (promoviert 1995) zur selben Generation gehören wie Schavan, kann man mit etwas gutem Willen annehmen. Welcher der beiden Professoren ist dann derjenige, dessen Doktortitel entzogen gehört? Oder gilt das nicht für Schweizer Hochschulen? Welche Betrügerquote darf man dann dort annehmen? Vielleicht sollte man mal eine Umfrage unter den Professorenkollegen von Christine Haug an der LMU machen, wen sie am ehesten für die plagiierende Fakultätshälfte halten.

Rettung der Wissenschaft selbst vor sich selbst

Doch zurück zu den Anliegen von A.S.:

„Es stellt sich hier die Frage, wie sich die Wissenschaft von dieser schädlichen Mischung von Diskursen befreien kann. Wie kann der Weg zurück zur Differenzierung und Hermeneutik aussehen? Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats hatte in einem Interview in der Wochenzeitung Die Zeit geäußert, dass es ein Verfahren wie das in meinem Fall sicherlich nie wieder geben wird in Deutschland. Aber das ist ja gar nicht der Punkt! Sicherlich, das Vorgehen in meinem Fall zeigt, wie massiv in das Leben eines Einzelnen unter dem Label Qualitätssicherung eingegriffen wird; aber es belastet auch die Wissenschaft selbst.

[*] = Was ein „closed job“ ist, erläuterte „Die Zeit“ 1954 nachlesenswert. Gemeint war wohl eher ein „inside job“.

Es wird Aufgabe der Wissenschaftsorganisationen sein, vergleichbare Verfahren zu entwickeln. Die bisherigen Verfahren waren als ein ‚Closed-Job‘ [*] inszeniert worden; in meinem Fall wurden Meinungsäußerungen und Kommentare der Wissenschaftsorganisationen als unzulässige Einmischung verworfen. Nur ein Vergleichsbeispiel: Würde ein Ministerium mit Vorwürfen zu seiner praktizierten Förderpolitik konfrontiert werden, wäre es doch ein Unding, wenn das Ministerium mit eigenen Beamten diesen Vorwürfen, auf der Grundlage der eigenen Bewertungsmaßstäbe, nachgeht. Das würde nicht akzeptiert.“ (S. 8)

In der Zwischenzeit nutzen die Gesprächspartner die Gelegenheit, Annette Schavan als Universalgelehrte einer vergangenen Epoche darzustellen, so dass sogar A.S. abwinkt:

„Jedes System ist in der Gefahr, Verengungsgeschichten zu schreiben, aus der Weite, die sich bietet, sich auf bestimmte Wertigkeiten zu konzentrieren. Man kann sagen, es gibt bestimmte Wertigkeiten, die das befördern, es gibt Wertigkeiten, die die Vermischung von Diskursen fördert, dies muss aber die Wissenschaft selbst lösen.“ (S. 9)

Auch wenn es grammatisch schwerfällt, sobald V.K. und C.H. das Wissenschaftssystem und seine allgemeinen Bewertungsmaßstäbe kritisieren wollen, muss A.S. widersprechen, um das Gespräch wieder auf sein Thema zurückzuleiten:

„Der Blick in die globale Wissenschaft bleibt aber wichtig, um nicht Verengungsgeschichten zu schreiben! […] Nun, man muss nicht gleich das ganze System ändern. Für Systempolitik reicht ein Leben nicht aus! Aber es ist evident, dass die Geisteswissenschaften eine Debatte darüber führen müssen, wie unter dem Anspruch der Qualitätssicherung wissenschaftsadäquate, transparente und vergleichbare Verfahren zur Plagiatsprüfung entwickelt werden. Die zentrale Frage ist dabei: Wie kommt eine Bewertung von handwerklichen Fehlern als Täuschung zustande?“ (S. 10)

Der regelmäßige Leser wird es bemerkt haben: Unter der Voraussetzung, dass es sich bei Plagiaten (insbesondere denen von Schavan) um handwerkliche Fehler handelt, stellt sich natürlich die Frage, wie es zu einer so falschen Beurteilung wie in Düsseldorf durch Berichterstatter, Promotionsausschuss, Fakultätsrat und Verwaltungsgericht kommen konnte. Glücklicherweise hat V.K. da die ultimative Antwort parat: Weil die alle narzisstisch mediengeil sind und deshalb die Wissenschaft selbst verraten haben:

„Sucht nach Sichtbarkeit […], die es ermöglicht, einen Politiker anzugreifen oder gar zum Rücktritt zu zwingen, ist wichtiger geworden als die Wissenschaft selbst.“ (S. 11)

Zum Abschluss darf C.H. die Zukunftsaussichten in den düstersten Farben zeichnen:

„Es wäre sicherlich reizvoll, in zwei Jahren – als Fortsetzung des ersten im Januar 2014 in München stattgefundenen Arbeitsgesprächs zum Thema Plagiat – ein zweites folgen zu lassen. Es gilt den Wertungs- und Bewertungswandel dieses Phänomens weiter zu verfolgen. Unverzichtbar scheint uns in diesem Zusammenhang eine vollständige wissenschaftlich seriöse Aufarbeitung des ‚Falls Schavan‘.“ (S. 10)

Da ist noch mit einiger Aufarbeitung zu rechnen. Zum Glück gibt es dieses Internet, das auch nach viel Aufarbeitung noch nicht vergessen haben wird, was da ursprünglich mal stand.

tl;dr: Das Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft steht ganz im Zeichen der von Annette Schavan erwarteten „Rehabilitierung durch die Wissenschaft“[2]. Dieses Fach hat seiner neuen Kollegin also nun schon unbezahlbare Dienste erwiesen. Wie werden andere Fächer im Gunstwettlauf nachziehen, bevor es zu spät ist?

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21 Antworten zu “Hat jeder zweite Professor seine Doktorarbeit plagiiert?

  1. „Closed job“? Da hat man sich wohl verhört. Es heißt „closed shop“ [
    [http://www.merriam-webster.com/dictionary/closed%20shop].

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  3. Pingback: Wisschenschaft des tages | Schwerdtfegr (beta)

  4. Manfred K.

    Es ist ein Unding, dass 35 Jahre Später ein XY daher kommen, eine Doktorarbeit auf ein paar falsch oder nicht korrekt zitierte Stellen prüfen und so die in Jahrzehnten angesammelte Reputation einer Person zerstören kann! Ja, mittlerweile ist das sogar ein Geschäftsmodell!

    Schavan hat recht mit dem Einwand, dass eine Arbei – wenn schon – dann auch daraufhin angesehen werden sollte, ob denn die inkriminierten Stellen überhaupt fürs Gesamtwerk (=die Originalität des eigenen Beitrags zum Thema) irgendwie wichtig waren.

    Ich habe auch in „jener Zeit“ die „Technik wissenschaftlichen Arbeitens“ gelernt – aber eben auch mitbekommen, dass eigentlich niemand diesen akriebischen Standard wirklich einhielt. Es war ja z.B, gar nicht möglich, alle Bücher, die man fürs eigene Thema zitieren müsste, überhaupt auf den Schreibtisch zu bekommen. Also hat man eben die Zitate aus Sekundärliteratur übernommen, jedoch die Originalstellen in die Fußnoten geschrieben – das haben ALLE so gemacht, es war gar nicht anders möglich. Da kollidieren die ach so wichtigen „wissenschaftlichen Basics“ schlicht mit der ungenügenden Ausstattung der Uni- und Fachbereichs-Bibliotheken, sowie mit den mangelnden Ressourcen der Studierenden an Geld und Zeit.

    Etwas „umschreiben und in eigenen Worte wiedergeben“ war ebenfalls zu jeder Zeit eine Fähigkeit, die die einen mehr, die anderen weniger beherrschten. In Zukunft wird man eben selber eine Textvergleichs-Software drüber laufen lassen und erst abgeben, wenn die nicht mehr meckert!

    Kurzum: Man sollte sich darüber klar sein, dass Vieles an der „Wissenschaftlichkeit der Wissenschaften“ nicht mehr als eine Konvention ist, die man zwar immer wieder verbal hochhält, die aber in der Praxis nicht die Relevanz hat, die ihr zugeschrieben wird.

    Jeder Zweite? Das wird nicht reichen….

    M.E. sollten derlei Vergehen nach 5 Jahren verjähren, punktum. Das muss reichen, um Arbeiten zu überprüfen – und es verhindert, dass solche Untersuchungen lediglich als politisches Kampfinstrument oder als Geschäftsmodell genutzt werden.

  5. Und stellen Sie sich erstmal vor, wenn jeder beliebige Manfred K. lediglich als politisches Kampfinstrument oder als Geschäftsmodell daherkommen kann und behaupten kann, mehr als die Hälfte der deutschen Professoren hätte vorsätzlich betrogen bei seinem wichtigsten Karriereschritt – und das würden auch alle wissen und decken!

    Gilt diese Betrugsmentalität auch in der Fleischer-Innung? Dann würde ich nicht empfehlen, noch eine gute deutsche Wurst zu essen. Oder im Baugewerbe? Dann empfehle ich Ihnen, sofort das Haus zu verlassen und künftig die Nähe von Gebäuden zu meiden. Oder ist das nur auf Wissenschaft beschränkt, dass die Betrügerquote über 50 % liegt? Woran mag das liegen, dass Sie sowas behaupten? Weil Wissenschaft für Sie einfach irrelevant ist? Was für Sie zählt, scheint ja Reputation zu sein. Lustigerweise nutzt nun gerade die Wissenschaft ein ausgefeiltes Reputationssystem, das darauf basiert, dass der Arbeit eines Wissenschaftlers ein gewisses Grundvertrauen entgegengebracht wird – bis zu dem Punkt, an dem ihm Wissenschaftsbetrug nachgewiesen wird, dann sind sie plötzlich futsch, Vertrauen und Reputation.

    Ach, wenn’s Ihnen hier nicht passt, dann geh’n Sie doch nach drüben! Dahin, wo akademisches Diebesgut nach 5 Jahren zu „rechtmäßigem“ Eigentum erklärt wird! Wie Sie dahin kommen, lesen Sie hier. Oder ich habe Sie belogen und betrogen, da können Sie sich ja nicht sicher sein. Über 50 %, Ihre Chancen stehen schlecht.

  6. Mir erscheint „alle Bücher, die man fürs eigene Thema zitieren müsste“ als eine steile, arg pauschalisierende These. Das klingt so, als ob es eine unüberschaubare und unmenschliche Anzahl von Werken wäre. Also die Strategie der Schavan-Versteher, die normalen Anforderungen derart zu überhöhen, dass sie als unsinnig erscheinen und damit nicht mehr masgeblich sein sollen. Das ist aber, mit Verlaub, Unfug.

    Es ist deshalb Unfug, weil es nicht um die vollstandige Zitation aller Werke geht, sondern um das korrekte Kennzeichnen fremder Gedanken. Wie die Verwaltungsrichterin in Düsseldorf klar herausgearbeitet hat, hat Frau Schavan hier von ihrer Täuschungsabsicht geleitet, darüber getäuscht, dass sie sich im großen Maße fremde Gedanken sich zu eigen gemacht und als Teil der notwendigen Eigenleistung zum Erlangen der Doktorwürde ausgegeben hat.

    Die Aberkennung ist deshalb korrekt, denn sie erfolgte nicht deshalb, weil nicht alle vielleicht erforderlichen Stellen zitiert wurden, sondern weil fremde Gedanken als eigene Gedanken ausgegeben wurden.

    Gut, für manche Menschen ist fas Ausgeben fremder Gedanken als eigene sogar ein Berufsstand … oder zwei. Aber hier geht es nicht um diese Berufsstände, sondern um eine Promotion mit definierten Anforderungen. Warum enthalten wohl derart viele PromOs die Klausel der eidesstattlichen Versicherung, alle fremden Gedanken korrekt anzugeben?

    Klar, wenn man fremde Gedanken zufällig selbst denkt, dann werden sie zu eigenen Gedanken, gell? Schavanistisches Schönreden.

    Nur als Beispiel: wer bei der Meisterprüfung schummelt und ein fremdes Stück als sein Meisterstück verkauft, fällt durch. Ihm fehlen offensichtlich die notwendigen Fähigkeiten … zum korrekten Arbeiten oder zum richtigen Bescheißen. Frau Schavan hat in beiden Disziplinen gepatzt.

  7. @Manfred K.
    Annette Schavan hat arglistig getäuscht. Das darf man bei einer Prüfungsarbeit nun mal nicht. Wer täuscht und erwischt wird, dessen Prüfungsleistung ist nicht gültig. Teilweise werden heute von den Universitäten ohne weiteres auch saftige Bußgelder kassiert.

    Die vorsätzliche Täuschungshandlung zielt natürlich gerade darauf ab, dass die Täuschung NICHT entdeckt wird. Eine „Verjährungsfrist“ wäre nicht nur deshalb verfehlt, weil es hier nicht um Strafrecht geht und das in solchem Fall anzuwendende Verwaltungsrecht eine Verjährung überhaupt nicht kennt, sondern auch deshalb, weil durch eine Verjährung nur die geschickt gemachte Täuschung belohnt würde: Sie wäre nach fünf Jahren nicht mehr angreifbar.

    Die Forderung, die Universitäten müssten innerhalb einer bestimmten Frist alle Arbeiten auf Plagiate geprüft haben und dann müsse Ruhe sein, ist nicht nur realitätsfremd. Sie scheint auch auf der merkwürdigen Vorstellung zu basieren, dass Plagiatoren vor einer Verfolgung zu schützen sind. Tatsächlich ist die Wissenschaft vor Plagiatoren zu schützen. Es wäre auch erst noch zu klären, ob den Universitäten eine nachträgliche Überprüfung von Prüfungsarbeiten ohne konkrete Veranlassung überhaupt gestattet ist.

    Übrigens geht es bei der gerichtlich bestätigten arglistigen Täuschung der Annette Schavan nicht nur darum, dass sie Zitate aus der Primärliteratur von anderen übernommen und damit eigene Lektüre nur vorgespiegelt hat: Sie hat auch gleich das noch übernommen, was diesen anderen zu diesen Zitaten eingefallen ist, und es als Ergebnis ihrer eigenen Rezeption der Primärliteratur ausgegeben. Und das an vielen Stellen.

  8. Manfred K.

    Schade, dass Sie nur einfach polemisch werden. Leider ist das heute wohl überall im Netz so, auch an Stellen so, wo man es eigentlich nicht erwartet. Ich habe immerhin argumentiert und Beispiele gebracht, warum es gar nicht so einfach ist bzw. vor über 30 Jahren war, sämtliche Anforderungen der „Basics“ (insbesondere die Zitierregeln) alle punktgenau einzuhalten. Und ja, ich vermute, wenn man umfassend sucht, findet man fast bei jedem und jeder (der damals Studierenden) irgendwas – sei es in Diplom- , Haus- oder Doktorarbeiten.

    Ein Doktortitel ist übrigens für viele Lebensläufe keineswegs der wichtigste Karriereschritt, sondern ein Nice to Have – nur bei den Medizinern ist er fast Zwang, weshalb es dort auch besonders einfach ist, den Dr. zu bekommen.

    Vor einer „guten deutschen Wurst“ sollten Sie tatsächlich Abstand nehmen, denn Sie wissen ja nie, was alles in der Wurst gelandet ist (Pferdefleisch? Gammelfleisch? Resitente Keime?). Und wer schon mal eine Baumaßnahme näher mitbekommen hat, glaubt auch nicht mehr dran, dass dort alle Vorschriften und Normen 100%ig umgesetzt werden. Vieles hält genau bis zum Ende der Gewährleistung – schauen Sie mal, wie nach 2 Jahren überall die frische Fassadenfarbe abbröckelt! Mrs und Mr.Perfekt sind NICHT die Norm, weder in der Wissenschaft noch auf dem Bau.

  9. Aber lieber Herr K.,
    meine Polemik werden Sie gewiss mehr zu schätzen wissen, wenn Sie die unpolemischen Ausführungen von Annette und RA Bongartz oben, für die ich mich herzlich bedanke, ernsthaft zur Kenntnis nehmen wollen.
    Ihre Argumente sind mir einfach nicht gut genug, substanzlos, längst widerlegt. Zum Beispiel: Es reicht nicht, bei fast jedem „irgendwas“ zu finden. Denn Fehler konstituieren keine arglistige Täuschung: Nicht auf dem Bau, nicht in der Wurst, und auch nicht bei der Doktorarbeit. Es tut mir ein bisschen leid, wenn Sie wirklich nicht wissen, wie man ein Buch zitiert, das nicht zu bekommen war, deshalb erkläre ich es Ihnen: Man schreibt „zitiert nach“ und gibt dann an, woher man das Zitat hat. Ich zeige Ihnen ein Beispiel aus der Dissertation von Annette Schavan, S. 46:
    Bild
    So geht sie öfter vor. Sie zitiert Durkheim nach dem Funkkolleg, Kant nach Schwartländer, Hegel nach Habermas usw. Wenn sie auch noch Freud nach Laplanche/Pontalis zitiert hätte, dann hätte sich der Doktorvater fragen müssen, ob sich die Doktorandin überhaupt mit irgendeiner Gewissenstheorie selbst auseinandergesetzt hat. Also verschwieg sie etwa Laplanche/Pontalis, z.B. hier, und tat so, als hätte sie sich anhand von Freud die Gedanken selbst gemacht, die sie Laplanche/Pontalis entnommen hatte und die bei Freud nicht stehen.
    Im Urteil des Verwaltungsgerichts finden Sie eine ausführliche Argumentation, warum sich aus dem Text der Dissertation zwingend die arglistige Täuschung ergibt.
    Im VG-Urteil könnten Sie auch nachlesen, dass die ganzen Nebelkerzen, die Schavan & Co. als „Einwände“ oder „Kritik“ an ihrem Doktorentzug vortragen, in diesem Zusammenhang diskutiert und verworfen wurden. Manche sind auch einfach frei erfunden, etwa der, dass man in irgendeinem Teil einer wissenschaftlichen Arbeit über die Quellen, aus denen man schöpft, lügen dürfe. Da Sie mehr als zwei Sätze geradeaus schreiben können, gehe ich davon aus, dass sowas eigentlich unter Ihrem Niveau ist.

  10. Ich rege das Erstellen einer Schavan-FAQ an. Kern: die Standard-Argumente der Schavan-Verteidiger mit jeweils einer kurzen Widerlegung. Ab dann ließe sich herrlich zitieren, beispielsweise SchFaq-25. Naja, die Schavan-Getreuen dürften sich aber auch ohnehin schon leer laufen, denn es kommen immer nur die alten, längst sachlich widerlegten schwach glimmenden Nebelkerzen. (Gähn) Man sollte für diese Nebelkerzen endlich die Zitierpflicht einführen … ach nee, Perlen und so.

  11. Manfred K.

    Herzlichen Dank allen für die sachlichen Argumente, die mich letztlich überzeugt haben! Ich hatte mich bisher nicht intensiver mit den Details befasst, sondern fand es etwas verdächtig, dass jemand, der eben NICHT als Prof an Unis lehrt und forscht, sondern als Politikerin Gelder zuteilt und eben auch verweigert, nun über eine uralte Doktorarbeit „gestürzt“ wird. Mag sein, dass ich da zu misstrauisch bin, wenn ich gleich irgendwelche „Ränkespiele“ vermute…
    Das Urteil werde ich nun noch nachlesen – scheint ja echt interessant zu sein!
    Das „zitiert nach“ war mir tatsächlich nicht präsent. Ich vermute mal, dass es zu meiner Uni- (und sogar schon Oberstufen-) Zeit zumindest als „wenn möglich zu vermeiden“ galt, nicht aus Originaltexten zu zitieren. Aber ok, ich wollte auch nie einen Doktor machen…
    Allen ein gutes 2015!

  12. Leute mit Argumenten überzeugen, das erlebt man ja bei diesem Thema kaum noch! Daher danke, das gibt doch Hoffnung für das Jahr!
    In der Tat gilt „zitiert nach“ als möglichst zu vermeiden. Dafür gibt es auch gute Gründe. Aber wenn man dies besonders betont, dann kann der völlig falsche Eindruck entstehen, dass das auf einer Stufe stünde mit Betrug – und solche Eindrücke sollte man bei Studierenden unbedingt vermeiden.

  13. Einer der guten Gründe, das „zitiert nach“ zu vermeiden, ist die Gefahr, falschen oder fehlerhaften Zitationen aufzusitzen. Ich habe da selbst schon einige Überraschungen erlebt, als ich interessante Quellenangaben aus Sekundärquellen recherchiert habe … da waren die Aussagen in der nicht ganz einfach zu beschaffenden Primärquellen konträr zu der mit der Primärquelle sich unterfütternden Sekundärquelle. Und das, obwohl die Sekundärquelle eigentlich immer einen tadellosen Ruf hatte. So eine Überprüfung kostet natürlich sehr viel Zeit und Geduld. Teilweise ist sie auch einfach noch teuer dazu, das hängt vom jeweiligen Fachgebiet ab.

    Selbst im Zeitalter von Internet & Google habe ich über Tage hinweg nur eine Primärquelle pro Tag mühsam im Original elektronisch aufstöbern und auswerten können. Die Auswertung dauerte dabei vielleicht zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde, ansonsten geduldige Suche, ob es nicht diverse Versionen von Fachbeiträgen verschiedener Tagungen gibt. Spaß macht so etwas wahrlich nicht, weil man einfach nur mühsam voran kommt.

    Und da kommt nun die Sache mit Frau Schavan und (nicht nur) anderen Politikern rund. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es der Dame einfach zu umständlich und langsam ging. Schließlich war sie ja bereits in Eile über die fragwürdige Abkürzung zur Promotion ohne Diplom gehetzt. Und jetzt sollte sie sich so kurz vor ihrem Ziel noch mit diesem lächerlichen Kleinkram langwierig abmühen? Sie, die ganz offensichtlich für höhere Aufgaben berufen ist? So neu waren die Ideen zum Gewissen ihrem Gefühl nach ja auch nicht. Als Führungskraft weiß man schließlich, das Wichtige (den Dr. Titel) vom Umwichtigen (dem Fleiß und Schweiß) zu trennen und nur das Wichtige zu verfolgen.

    Es ist ein erschreckendes Bild, das der Charakter der Frau Schavan spätestens bei näherem Hinsehen wirft. Wenn schon eine Verwaltungsrichterin sich zu glasklaren Worten in einer wirklich lesenswerten Entscheidung genötigt fühlt, dann gibt es keine Entschuldigung für das Fehlverhalten von Frau Schavan. Sie ist ein wissenschaftlicher Scheinriese, groß in der Wirkung auf Entfernung. Aber wenn man näher heran kommt, wird es erbärmlich. Im Gegensatz dazu ist der Herr Turtur aus Michael Endes Geschichte aber ein netter Mensch, der für sein Scheinriesensein gar nichts kann…

  14. Ein Sekundärzitat ohne Kennzeichnung an sich dürfte ein formeller Fehler sein, solange man nicht die Gedanken des Sekundärautors dazu übernimmt, wenn das der Fall ist, wird es samt den übernommenen Gedanken zum Plagiat. Wenn Frau S. nur Sekundärzitate nicht korrekt gekennzeichnet hätte, sich aber stets eigene Gedanken zu den Zitaten gemacht hätte, hätte sie vermutlich den Doktor noch.

  15. Sehr geehrter Herr Manfred K.,

    post festum erreichen Sie meine hilfreichen Hinweise und freundschaftlichen Ratschläge. Herr RA Bongartz, der dort drüben im Sessel am Kamin sitzt, pflegt lange zu schweigen. Seine Feder ist tödlich spitz. Er ist mein Freund, obwohl das abwegig zu sein scheint. Lukrative wirtschaftsrechtliche Mandate sind das Erfolgsrezept. Niemand beißt nach der Hand, die ihn nährt. Und um die Begegnung mit den ebenso schönen wie scharfsinnigen Damen einigermaßen zu überstehen, hätte ich Ihnen, sehr geehrter Herr Manfred K., empfohlen, mehr Gefühl einzusetzen – und weniger den Verstand, der einen immer dann im Stich lässt, wenn man seiner am nötigsten bedarf.

    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  16. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass 50% der Professoren (inkl. der weiblichen Form) in ihren Dissertationen in Guttenberg-Manier „schlampig zitiert“ haben. Zumindest gilt das offenbar auch für die ungekrönte Königin der Plagiatsjäger, wie aus diesem thread hervorgeht: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Diskussionsfaden:46284

    Eine wahrhaft amüsante Lektüre: Da werden am Beginn der Debatte alle denkbaren Ausflüchte mit beinharter Juristerei zurückgewiesen. Dann wird plötzlich erklärt, dass 59 gleiche Wörter in Folge natürlich keinesfalls ein Plagiat darstellen können. Wurde auch noch niemals so gesehen, wer wird denn auch so technokratisch sein? Und überhaupt sind Plagiate voll subjektiv. Womöglich stehen Schavan und Weber-Wulff gerade am Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

    Übrigens: Danke für die „vollständige wissenschaftlich seriöse Aufarbeitung des ‘Falls Schavan’.“

  17. @Egghead Soll das jetzt ein Versuch sein, Erbloggtes mal wieder auf Weber-Wulff anzusetzen? Mit albernen Strohmann-Argumenten (mal ganz was neues)? Vielleicht klappt’s ja und wird noch richtig erbaulich. Er wählt es (oder auch nicht).

  18. @KayHeadegg: Soll das jetzt ein Versuch sein, mich mal wieder in VroniPlag-„Diskussions“-Spielchen hineinzuziehen? Für alle anderen war die „Diskussion“ bereits 2014 beendet, soweit ich sehe. Aber dir fehlt vielleicht eine dich verurteilende Autorität, damit du dich als von Feinden umringter Gerechter fühlen kannst? Dann wende dich doch vertrauensvoll an die Deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl! Als „Theologin“ nimmt sie dir sicher gern die Beichte ab und erlegt dir eine Buße auf.

    Das wird aber leider den Verfolgungswahn nicht lindern, wonach alte Dämonen nicht müde werden, dich „Paladin“ in immer neuer Gestalt zu piesacken. Wo hab ich das nur schonmal erlebt? Ach ja, der Gründer, der redete immer von Mobbing, als seine Relevanz unter das für ihn erträgliche Maß gesunken war. Nun musst du also Caesar und Brutus zugleich sein, welch tragisches Schicksal!

  19. Bin auf den Seiten der HHU auf eine recht interessante Rede gestoßen, die Michael Baurmann (Senatspräsident) zur Eröffnung des akademischen Jahres 2013/14 gehalten hat. Daraus einige Abschnitte:

    Eine Plagiatsaffäre ist, so sollte man meinen, kein weltbewegendes Ereignis, auch wenn eine bekannte Politikerin darin involviert ist. Umso erschreckender war es dann aber feststellen zu müssen, mit welcher Ungerührtheit grundlegende Prinzipien der Zurückhaltung, der Fairness, des Respekts und auch des Rechtsstaates durchbrochen wurden. Ohne jede Hemmung wurde versucht, durch medialen Druck, die Aktivierung von Seilschaften und politischen Verbindungen, durch direkte persönliche Beeinflussung und Nötigung die Unparteilichkeit und Objektivität des Verfahrens zu unterminieren. Ohne jede Kenntnis der Faktenlage und gegen besseres Wissen wurden aberwitzige Behauptungen in die Welt gesetzt, politische Verschwörungstheorien verbreitet und sich in exkulpierenden Ferndiagnosen überboten.
    Angesichts dessen fragt man sich, was wohl passieren wird und wie widerstandsfähig unsere zivilen Umgangsformen und die rechtsstaatlichen Regeln sind, wenn dann wirklich gravierende Interessen auf dem Spiel stehen. Die Interessen, die betroffen waren, waren allerdings nicht marginal. Das ist die Erklärung für ein sonst schwer erklärliches Maß an Feindseligkeit und Aggressivität, das uns entgegen schlug. Ohne es wirklich zu wissen, hatten wir nämlich in ein Wespennest gestochen. Wir bedrohten einen wichtigen Knotenpunkt in einem hochschulpolitischen Netzwerk, das sich über viele Jahre aufgebaut hatte und deren Mitglieder nun wohl um ihren Lohn fürchteten. Und damit komme ich jetzt zu der dritten und vielleicht für uns als Universität wichtigsten Lehre.

    Vor gar nicht langer Zeit wurde ja von vielen von uns beklagt, dass wir eine Ökonomisierung der Hochschulen erleben, dass die Universitäten nicht zuletzt durch die Exzellenzinitiative in einen gnadenlosen Wettbewerb getrieben werden, bei der vor allem die Forschungsstärke die allein entscheidende Währung sein würde. Das war wohl naiv.
    Von vornherein handelte es sich nämlich mehr um Planwirtschaft als um einen freien Markt. Etabliert wurde eine politisch kontrollierte Konkurrenz um finanzielle Ressourcen, bei denen administrative und zentralisierte Leistungsbeurteilungen dezentrale Bewertungen durch das Wissenschaftssystem selbst und deren Akteure gerade ersetzten.
    Was auf solchen politisierten Quasi-Märkten passiert, lernt jeder Ökonomiestudent im ersten Semester: Anstatt sich für den Wettbewerb auf dem Markt fit zu machen, schafft ein solcher politischer Interventionismus unwiderstehliche Anreize, Einfluss auf die Politik zu nehmen, um sich auf dem direkten Weg der politischen Zu- und Umverteilung Vorteile und Leistungen zu sichern. Wir haben also erlebt, was Ökonomen Rent-Seeking nennen. Nämlich ein Umgehen des Marktes und die Bildung von möglichst mächtigen Interessengruppen, die auf politische Strategien setzen, um ihre Ziele zu erreichen und Mitbewerber auszuschalten.

    Vom Cluster zum Klüngel könnte man das überschreiben, wie das sinngemäß der Rektor der Universität Duisburg-Essen, Prof. Ulrich Radtke, in einem sehr lesenswerten Beitrag zu Forschung & Lehre getan hat. Die Reaktion auf die Plagiatsaffäre von Frau Schavan war also deshalb so heftig, weil sie eben genau diese politischen Strategien zu gefährden schien. Wenn es dazu noch eines weiteren Nachweises bedurft hätte, so wurde er in den letzten Wochen durch die Münchener Universität geliefert, die in einer wirklich beachtlichen Kombination von politischer Unverfrorenheit und kollegialer Missachtung Frau Schavan in ihren Hochschulrat berufen hat.

    Offenkundig wurde die Politisierung der Wissenschaft in Deutschland aber bereits durch die Gründungen von TU9 und U15, der exklusiven Verbände für technische Hochschulen und Universitäten. Liest man die Webseiten der 2006 gegründeten TU9, dann findet man – nicht überraschend – jede Menge erfrischender Selbstbeschreibungen: Sie sind die neun führenden Technischen Hochschulen in Deutschland, sie haben Tradition, sind exzellent in der Forschung und führend in der Lehre. Vier von ihnen wurden zu Exzellenz-Universitäten gekürt, alle haben hervorragende Platzierungen bei verschiedenen Rankings. Sie haben entscheidenden Anteil an der Generierung des Forschernachwuchses und hatten schon immer eine hohe Anziehungskraft für internationale Studierende. Aber in den TU9-Städten lässt es sich auch gut leben, die Studierenden finden ein attraktives Umfeld mit zahlreichen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung.
    Nun gut. Überraschender und interessanter ist allerdings, dass sich auf den Webseiten von TU9 nicht ein einziger Hinweis findet auf die Ziele oder ein Programm des Verbandes. Wurde hier merkwürdigerweise ein Verband gegründet, bei dem man vergessen hatte, über seinen Sinn und Zweck nachzudenken? Die Wahrheit ist eher, dass Sinn und Zweck so offenkundig sind, dass man es wohl für klüger gehalten hat, sie nicht auch noch an die große Glocke zu hängen. Unsere Kollegen von den U15 sind da nicht so zurückhaltend und nehmen kein Blatt vor den Mund. Wer den Film das Boot gesehen hat, denkt bei U15 zunächst einmal an U-Boot Nr. 15. Na ja, glücklicherweise haben aber wenigstens die Gründer von TU9 darauf verzichtet, sich T9 zu nennen. Nach seinem Selbstverständnis vereint U15 jedenfalls „15 große und forschungsstarke Universitäten, die ein Profil als Forschungsuniversität mit internationaler Wahrnehmung und Ausstrahlung aufweisen und medizinführend sind.“

    Zu Sinn und Zweck des Vereins heißt es dann unmissverständlich: „Mit der Zielsetzung, die Bedingungen für Wissenschaft, Forschung und Lehre zu verbessern, vertreten die U15, als große forschungsorientierte und medizinführende Universitäten in Deutschland, ihre strategischen Interessen gemeinsam. Ihr Anliegen ist es, die Lehr- und Forschungsleistungen, das gesellschaftliche Wirken sowie die Wissen schaffenden und ökonomischen Potentiale der führenden deutschen Universitäten in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft stärker bewusst zu machen.“

    Der Vorsitzende der U15, der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Bernhard Eitel, erklärt dazu: „Hochschulen haben unterschiedliche Aufgaben, Potentiale und Kompetenzen in einer arbeitsteiligen deutschen Wissenschaftslandschaft. Die U15 fordern daher, in Gesetzgebungsverfahren, bei Aufgabenverteilungen und mit Blick auf Förderinstrumente diese Arbeitsteilung in den Blick zu nehmen.“
    Das sind klare Worte und klare Zielsetzungen und Adressat ist die Politik. Hier hat sich eine Interessengruppe mit politischen Absichten etabliert, die sich bei ihrem Lobbying die anderen Universitäten vom Halse halten will. Sie hat deshalb bewusst die Spaltung der Universitäten und ihrer Vertretung in der Hochschulrektorenkonferenz betrieben. U15 will nicht den Wettbewerb um die beste Forschung fördern, sondern sich als Kartell mit einem direkten Zugriff auf die politisch verwalteten Töpfe gegenüber dem wissenschaftlichen Wettbewerb gerade immunisieren. In Zukunft soll die Zugehörigkeit zu diesen Universitäten das Gütesiegel wissenschaftlicher Qualität verleihen – und damit Ressourcen sichern –, und nicht mehr der nachweisbare Forschungserfolg in bestimmten wissenschaftlichen Gebieten und Disziplinen. Wir müssen also offenbar damit leben, dass für viele Vertreter wissenschaftlicher Institutionen und Organisationen die Spekulation auf politischen Einfluss und politische Privilegierung wichtiger geworden ist als die Artikulation und Durchsetzung gemeinsamer Interessen und eine Verteidigung der Autonomie und Unabhängigkeit der Wissenschaft gegenüber der Politik insgesamt.

    http://www.uni-duesseldorf.de/home/fileadmin/redaktion/Senat/Rede_akadJahr2013.pdf
    [Habe das Zitat formatiert und die URL ergänzt. Erbloggtes]

  20. Danke sehr! Ich habe Schavans Netzwerke ja eher individuell gedeutet als Netzwerke zwischen Personen. Das mag in einigen Fällen auch zutreffender sein. Der Ansatz des Soziologen Baurmann, den Blick auf Institutionennetzwerke zu lenken, mit denen die Akteure zunächst die Interessen der durch sie repräsentierten Institutionen vertreten, ist aber eine wertvolle Ergänzung dazu. Dadurch werden die prägenden inhaltlichen Charakteristika der Hochschulpolitik Schavans mit ihrem netzwerkfokussierten Politikstil und den erstaunlichen Dynamiken der Causa Schavan zu einem sinnvollen Ganzen kombiniert. Die auffälligen Eigenheiten von Aufstieg, Wirken und Fall der Ministerin erhalten auf diesem Wege eine einheitliche Triebkraft in der Lobbydynamik eines dysfunktionalen Wissenschaftssystems. Das macht die Eleganz dieser Erklärung aus.

  21. @Erbloggtes Nicht böse sein und mich bitte nicht unter falschem Pseudonym ansprechen. Die Sache ist viel trivialer: Ich mag mein früheres Pseudonym nicht mehr besonders und verwende es nicht mehr in Blogs. Diesmal dachte ich, es wäre auch wirklich egal, wollte gar keine „Diskussionsspielchen“ anfangen und bin nun doch ärgerlicherweise genötigt, wieder zu antworten. „Tragisch“, in der Tat. Du kennst das ja: Es war schon spät, ich war nicht mehr nüchtern, andere machen das auch etc.. und überhaupt, bergen Dauerspeudonyme ja die Gefahr, in der immergleichen Rolle weiterhin inhaftiert zu bleiben (q.e.d. ?). Noch mehr Ausflüchte sind hoffentlich nicht nötig. Auf meiner nächsten Pilgerfahrt werde ich brav der Botschafterin beichten, versprochen. Deine Reaktion hat mich gleichwohl irritiert. Statt in die Doppelrolle des Cesars oder Brutus zu schlüpfen, versuchte ich mich als „Hermeneutiker“ und gelangte zu diesen Erkenntnissen über den „Verfolgungswahn“: Neben dem Wahn des Verfolgten gibt es auch den Wahn der Verfolger. Wahn- und Verfolgungstendenzen sind zwar auf allen Seiten seit langer Zeit beinahe besiegt, doch sind die letzten Mohikaner noch nicht verschwunden, und gelegentlich muckt noch mal was auf. Aber es ist eben nicht jeder zum „Hermeneutiker“ berufen. D’accord? Ich bitte vielmals um Verzeihung und verbleibe mit Respekt. Deinen Artikel mag ich übrigens auch.

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