Bildungserlebnisse in Stahlgewittern

Erledigte sich Guttenberg selbst, als er nun ankündigte, seinen Namensergänzungsdoktor dauerhaft “nicht führen” zu wollen? Vergesst nicht das Mitleid, das Ihr dem Menschen schuldet!

Visionen von Medien- und Mob-Macht

Dem gewieften und geschniegelten Medienstrategen und Ex-Medienliebling ist jede mediale Taktik entglitten.[1] Nur die Bildzeitung mag ihn noch, ihren Volkstribun, der die antiwissenschaftlichen Affekte derjenigen bedient, für die schulische Erfolgserlebnisse niemals Bildungserlebnisse waren, stets nur das Betrugserlebnis, den Lehrer beim Spicken übertölpelt zu haben, um anschließend im ersehnten Überlegenheitsgefühl gegenüber der fernen staatlichen Autorität im Lehrerzimmer zu baden.

Es ist die Masse der Abgehängten und Deklassierten, “the little people”, zu deren Anwälten sich die Popularen Populisten aufschwingen. Frau Freitag, wenn Sie Action wollen, diskutieren Sie doch mal in Ihrer Klasse über Guttenberg, den Sinn von Wissenschaft und den Unterschied zwischen Abschreiben und Plagiat! Es kann doch nicht wirklich stimmen, was manche sagen: Guttenberg habe die Medien gegen sich, aber die Massen hinter sich.

Guttenberg mutiert so zum Helden von Tannenberg. Den Abgehängten und Deklassierten verschafft er am Hindukusch ihr erstes und “einziges Bildungserlebnis”, wie Sebastian Haffner einst die Fronterfahrung des “böhmischen Gefreiten” nannte. Sie jubeln ihm zu, machen ihn zum Mythos, bis er bricht. Fürchten müssen wir jene, die nach ihm kommen. Er fürchtet es hingegen, das Schicksal jener, die vor ihm kamen:

Adlige und (ent)promovierte Vorbilder

Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, Spross des Hauses Hohenzollern, promovierte 1971 an der Universität Erlangen-Nürnberg über “Die Reichsgündung im Spiegel neutraler Pressestimmen”.[2] Sein Doktorvater Hans-Joachim Schoeps war ein glühender Preuße, ein besserer Hohenzoller und ein größerer Monarchist als Friedrich Wilhelm selbst, den sein Vater von der Erbfolge ausschloss. Schoeps, deutschnationaler Jude und bekennender Homosexueller, war empört, als der Marburger Bibliothekar Martin Winckler ihn informierte, dass sein prinzlicher Schüler ganze Kapitel “aus älteren und unbekannt gebliebenen Dissertationen” plagiiert hatte.[2] “Die Ehre Preußens werde ich auch gegen das Haus Hohenzollern verteidigen”, rief er aus, und zeigte den Urenkel des Kaisers eigenhändig bei der Rechtsabteilung der Universität an. Schoeps’ Gutachten warf Friedrich Wilhelm vor, “die Seiten 1-35, 55-61, 74-265, 276-297 und 302-373″ aus drei Quellen kompiliert zu haben.[2]

“Selbst die Mühe eines gewissen Umstellens der Sätze oder Zitate”, so spottete ein Erlanger Wissenschaftler, “erschien dero Majestät zu unkaiserlich.”[2]

Der Erlanger Historiker Walther Peter Fuchs, seinerseits Doktorvater eines gewissen Helmut Kohl, selbst keine unbeschriebene Promotionsurkunde, erklärte dem Spiegel: Die Universitätsverwaltung habe diese “äußerst peinliche Sache” 1973 “bewußt ganz still behandelt”. Denn Friedrich Wilhelm konnte freiwillig auf seinen “Dr. phil.” verzichten.[2] Das dürfte ihm eine zweite Chance eröffnet haben, die er nach zehn Jahren in München mit dem Thema “Untersuchung der Verhältnisse der Nationalsozialisten zu den Hohenzollern” nutzte.[3]

In einem jüngeren Fall endete eine Plagiats-Affäre nicht in friedlichem Einvernehmen und mit bedröppelten Mienen, sondern vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, der am 13.10.2008 urteilte, dass die nachträgliche Aberkennung eines per Plagiat erworbenen Doktorgrades richtig war: Der Doktorand hatte “komplette Passagen aus dem Werk anderer Autoren in seine Dissertation übernommen, ohne dies zu kennzeichnen oder offen zu legen. Er hat die Gutachter damit über die Tatsache getäuscht, dass die vorgelegte Dissertation insoweit nicht auf einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeit beruht. Dies stellt [...] aber das wesensbestimmende Grundsatzmerkmal einer Dissertation und damit die wissenschaftlichen Mindeststandards im Sinne [...] der Promotionsordnung dar [...]. Der Plagiatsvorwurf trifft den Kläger auch nicht nur vereinzelt oder im Sinne einer unsachgemäßen Handhabung der Zitierweise; vielmehr lassen die von der Beklagten im Wege der Stichprobenprüfung aufgefundenen Stellen den Schluss zu, dass der Kläger fremde Passagen wiederholt und planmäßig als eigenständige wissenschaftliche Arbeit ausgewiesen hat. Eine systematische und planmäßige Übernahme fremden Gedankenguts ergibt sich bereits daraus, dass sich die Plagiate an mehreren Stellen der Dissertation auffinden lassen und verschiedene Fremdautoren betreffen.”[4]

Den CDU-Funktionär Andreas Kasper traf es 2009 noch härter, als sein “Flickenteppich von Plagiaten” aufflog, die Uni Göttingen ihm den “Dr.” entzog und die Staatsanwaltschaft das “öffentliche Interesse an einer Strafverfolgung” aufgrund seines öffentlichen Amtes erkannte. Seine Verstöße gegen das Urheberrecht kosteten ihn 24.000 Euro an Geldstrafen und Schadensersatz, anschließend auch sein Amt, an das er sich bis zuletzt geklammert hatte.[5]

Zeit für einen neuen Beraterstab

Guttenberg wäre gut beraten, wenn er es nicht so weit kommen ließe und aus seinem Image des eingegelten Gewinnertyps das eines eingeigelten Dauerlosers machte. Sofortiger Rückzug aus der Öffentlichkeit würde ihm eine restriktive Informationspolitik erlauben, mit der er hinter dicken Mauern abwarten könnte, bis die Expurgico über ihn verhängt, die anhängigen Strafanzeigen und Zivilklagen abgehandelt wären. Das über ihm dräuende Füllhorn voller Unrat könnte sich dadurch in einen tiefen – aber begrenzten – Nachttopf verwandeln: Unappetitlich, aber durchzustehen, sofern man nicht täglich grinsend Hände schütteln muss. Im Lichte der Öffentlichkeit jedoch droht sich das Füllhorn täglich mit neuem Schmutz aufzuladen. Selbst dessen souveräne Handhabung (die Guttenberg zuletzt deutlich entglitten ist) würde mittelfristig nicht mehr als eine politische Witzfigur übrig lassen.

Weder er selbst, noch seine Berater haben die Öffentlichkeit mehr im Griff. Ihr systematisches informationelles Hinterherhinken verhindert jedes richtige Krisenmanagement. In Anspielung auf die buchzentrierte Medienwelt der Gutenberg-Galaxis ist Markus Spaths Standortbestimmung des Ministers exakt: Am Ende der Guttenberg Galaxis. Selbst Der Spiegel kommt – auch online – nicht mehr mit, wenn das GuttenPlag Wiki seine Vernetzungs-Dynamik entfaltet.[6] Das könnte sich als generelles Problem einer neuen Politikerkaste erweisen, die noch an alte Anforderungen angepasst ist: Die Generation Guttenberg.

Anders als es das “adlige” Ethos vorzuschreiben scheint – es ist ihm eine Verpflichtung, meint Guttenberg – können echte Menschen solcherlei Zerreißproben nicht dauerhaft ertragen. Insofern könnte Wolfgang Kubickis Rat einer Abberufung “zum eigenen Schutz” sich tatsächlich als allzu sinnvoll erweisen.[7] Die von Guttenbergs angeblichen Freunden bereits herbeibeschworenen “Stahlgewitter” wollten die Heroen des Ersten Weltkriegs auch überstehen. Es wurde eines Manchen erwähntes “einziges Bildungserlebnis”.

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11 Antworten zu “Bildungserlebnisse in Stahlgewittern

  1. feliksdzerzhinsky

    In Stahlgewittern und Verdünen
    bestehen nur die adlig-kühnen,
    die andern werden ernst und jünger
    die Haare steif vom Bildungsdünger.
    Das soll ein kleiner Hinweis sein auf die weltweit einmalige Unterstützungs-Welle für Herrn Dr. zu Guttenberg:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  2. Pingback: Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg! « bluthilde

  3. Herr Ueberbach, es finden sich zwar einige inhaltliche und wortwörtliche Parallelen zwischen obigen Bildungserlebnissen und Ihrem Kommentar zur Plagiatsaffäre: Hier wird Schwäche zu Charakterstärke umgedeutet, aber man sollte Ihnen deshalb nicht gleich bewusstes Abschreiben unterstellen. Dafür sind die Ergebnisse, zu denen Sie rund 8 Stunden nach Erbloggtes gekommen sind, einfach zu naheliegend und wahr.

  4. Pingback: Notizen aus dem Bundestag | Erbloggtes

  5. Pingback: Ring frei zur zweiten Runde der Plagiats-Affäre | Erbloggtes

  6. Steffen Moeller

    So arg waren die Plagiatsvorwürfe gegen den Lipper Verbandsvorsteher Andreas Kasper doch gar nicht. Verglichen mit den Fehlern von zu Guttenberg hat das doch eine ganz andere Qualität. Schade, dass seine Arbeit für den Landesverband Lippe nicht wirklich anerkannt wurde.

  7. 24.000 Euro nenne ich schon arg. Einschließlich Schadensersatz wären das in Tagessätze umgerechnet 240 Tagessätze für Kasper. Das hieße 8 Monate Knast als Ersatzfreiheitsstrafe. Ein Kavaliersdelikt ist etwas anderes.

    Anerkannt scheint seine Arbeit für den Landesverband in Form von über 3.000 Euro netto monatlich worden zu sein, wie sich aus den Tagessätzen zurückrechnen lässt. Reicht das nicht?

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